Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 45 (8.11.1901)
- Date
- 1901-11-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 742 Dr. Bloches Wochrnfchrifl. Nr. 54 Großgrundbesitzer entstanden, wodurch die wirthschaftlich Schwachen in große Bedrängniß geriethen. Hier wartete Tirschatas eine sehr verdienstvolle und heilige Aufgabe. Nach dem alten mosaischen Gesetze durfte es keine Anhäufung des Grundbesitzes geben. Denn nach der Besitznahme des Landes wurde der Boden gleichmäßig unter die Stämme vertheilt. Die zugewiesenen Parcellen konnten von keinem Eigenthümer veräußert werden. Wohl konnte und durfte man in der ökonomischen Noth Felder verkaufen, aber dieses war nur ein Vermiethen, welches jederzeit nach Erstattung des Kaufpreises rückgängig gemacht werden konnte. An einem jeden Jubeljahr, d. i. nach jedem fünfzigsten Jahr seit der Landesbesitznahme, mußten die verkauften Felder auch ohne Rückgabe des Kaufgeldes dem Besitzer ausgeliefert werden. Der göttliche Ausspruch lautet: „Die Scholle kann nicht für ewig verkauft werden, denn der Boden ist mein, Fremde und Beisassen seiet ihr bei mir." (Leviticus 25, 23.) Ebenso war der Erwerb jüdischer Sclaven verboten, da alle Israeliten Knechte Gottes sind und keiner der Leibeigene eines Anderen werden darf. Den Ausspruch „Ihr seid meine Sclaven" erklärt die Ueberlieferung dahin: „Ihr seiet meine Sclaven, aber Ihr dürfet nicht Sclaven der Sclaven werden." D'nayb o'nsu rnn i6i (Kidduschin 20). Nur von den benachbarten Völkern durfte man Sclaven erwerben. Auch aus der Mitte der landansässigen Fremden durfte sich ein Theil der Sclaven recrutiren. Nichtsdestoweniger entstanden im Verlaufe der Zeiten Großgrundbesitzer, Großbauern und Eigenthümer von jüdischen Sclaven. Denn obwohl der definitive Erwerb von Gründen untersagt war, durften doch solche innerhalb eines Stammes vererbt werden. Durch das zufällige Absterben von Familiengliedern, oder durch die großen Verluste an Menschenleben durch Kriege, cumulirten sich viele Landgüter in einer Hand. Die fast beständigen Kämpfe mit den benachbarten Völkerschaften, wobei sich körperliche Stärke und persönliche Tapferkeit hervorthun konnten, brachten einen Kriegerstand hervor. Glückliche Kriege und Siege verschafften Beute an Vieh, Edelmetall und Sclaven, die dann auf den Feldern der Großbauern verwendet wurden. Die Israeliten konnten nicht alle Völkerschaften Kanaans vollständig besiegen. Viele blieben mit ihren Einrichtungen im Lande bestehen und waren den Eroberern unterthan, die ihnen Steuern und Abgaben auferlegten. Die Steuer bestand in der Ablieferung eines Theiles ihres Feldertrages und in Dienstleistungen auf den Aeckern der Israeliten. (Buch der Richter 1. 20—36.) So gab es bodenständige Hörige, Kriegssclaven und Kaufsclaven. Die kriegstapfern Tribus thaten sich zu kleineren oder größeren Verbänden zusammen, um nach Außen wirksamer auftreten zu können, wodurch der nicht kriegsfähige Theil der israelitischen Bevölkerung in den Hintergrund geschoben wurde, und da die Vertheidigung und Vergrößerung des Vaterlandes von den kriegerischen Familien abhing, so sanken die Nichtkämpfenden zu Bürgern zweiter Claffe herab. Die Bewirthschaftung der ausgedehnten Felder durch Leibeigene, Krieger und Kaufsclaven mußte nach und nach einen Großbetrieb Hervorbringen und da die Arbeitskräfte geringe Kosten erheischten, so konnten ihnen die Kleinbauern mit ihren winzigen Anwesen und Zwergwirthschaften nicht Stand halten. Der Großbetrieb erdrückte den Kleinbetrieb. Obwohl die freien Bauern die große Mehrheit der jüdischen Landesbewohner bildeten, so mußten sie in ökonomische Abhängigkeit von den Reichen gerathen, welche die Letzteren ausnützten. In Jahren des Mißwachses waren die wirthschaftlich Schwachen auf die Unterstützung des Adels angewiesen. Sie borgten bei ihm Getreide für Nahrung und Anbau. Später verpfändeten sie ihre Aecker und ihre Weinberge. Auch ihre Kinder und sich selber verkauften sie, um die Zinsen aufzutreiben. Die alten Sitten und der Gerechtigkeitssinn kamen immer mehr abhanden und die mächtigen Adeligen wollten die Güter und die Hörigen nicht freigeben. Und so gab es zweierlei Insassen in Juda: mächtige rücksichtslose Krieger- und Herrenstämme und besitzlose dienende Tribus. Das alte israelitische Gleichheitsprincip ging vollständig verloren. Umsonst erhoben die Propheten im Namen Gottes ihre Stimmen gegen diese Corruption. umsonst verkündigten sie wegen Vergewaltigung der Schwachen die Strafgerichte der göttlichen Gerechtigkeit; der Eigennutz und die Besitzlüsternheit machten taub gegen alle Vorstellungen. Auch bei den jüdischen Königen fanden diese Ermahnungen kein Gehör, weil die letzten jüdischen Herrscher zu den Claffen der Großgrundbesitzer gehörten. Als bei Rückkehr der Herrenstämme dieselben ihre alten Aspirationen aufrechthielten, traten dieselben traurigen Folgen zu Tage. „Es wurde", so wird berichtet, „ein großes Geschrei des Volkes wegen ihrer jüdischen Brüder vernommen. Einige sagten, unsere Söhne und Töchter sind Biele wir müssen Korn erwerben, daß wir leben. Andere sagten, wir haben, unsere Felder und Weinberge verpfändet, um Korn für den Lebensunterhalt in der Hungersnoth und für Königsabgaben zu erhalten. Nun sind unsere Leiber soviel werth, wie die Leiber unserer Brüder, sie aber halten unsere Kinder mit Gewalt als Sclaven zurück, wir sind ohnmächtig und müssen unsere Gründe Andern überlassen sehen". (Nehemias 5, 1—6.) Diesem Unfug stellte sich Tirschata mit dem ganzen Aufwande seiner sittlichen Persönlichkeit entgegen. Er ließ die Großen und die Adeligen versammeln, richtete an sie nach Prophetenart eine geharnischte Rede und führte ihnen das Verwerfliche und Strafbare ihrer Handlungen vor die Augen, appellirte an ihr Ehrgefühl, an ihren Brüderlichkeitssinn, an ihre Gottesfurcht und veranlaßte sie, ihr Unrecht gut zu machen, auf ihre Faustpfänder und ihr Guthaben zu verzichten und die Gründe den Eigenthümern zmückzugeben. Er selber, seine Brüder und seine Leute gingen mit der Herausgabe der bei ihnen verpfändeten Güter mit dem Beispiel voran,, dem sich der ganze Adel anschloß. Ein feierlicher Schwur durch Priester vorgenommen, besiegelte diese Handlung, (ibidem 6—13.) Aber er begnügte sich für seine Person nicht mit der Verzichtleistung auf sein Guthaben bei den verarmten Volksgenossen, er suchte dieselben vielmehr mit seinem Vermögen zu unterstützen. Nicht nur die Vornehmen, sondern eine große Zahl aus dem Volke waren seine täglichen Tischgäste. Auch alle Juden, die unter den benachbarten Völkern versprengt waren und, von dem Rufe Nehemias' angelockt, schaarenweise ins Vaterland zurückkehrten, wurden von ihm gespeist. Dadurch stieg sein Ansehen von Tag zu Tag und sein Einfluß wurde immer größer. Die Gottesfurcht, die Gesetzesgetreue und die Mildthätigkeit, welche die hervorstechendsten Eigenschaften Tirschata's bildeten und ihm schon damals den geheimen Groll, Neid und Haß mancher Bösen zuzogen. erweckten die begeisternde Anerkennung eines zeitgenössischen und frommen Dichters, der seinen Gefühlen in dem folgenden Psalm Ausdruck gab: „Heil dem Manne, der Gott fürchtet, an seinen Gesetzen den großen Gefallen findet. Mächtig im Lande möge sein Same sein, das Geschlecht der Frommen möge gesegnet werden. Gut und Reichthum ist in seinem Hause und seine Wohlthätigkeit besteht ewig. Er leuchtet den Redlichen wie ein Licht im Finstern, er ist gnädig, erbarmungSvoll und gerecht. Wohl dem Manne, der wohlthätig ist Und Darlehen reicht, der sein Wort mit Recht mißt, denn er wird niemals wanken, zum ewigen Gedenken bleibt der Gerechte. Bor böser Kunde fürchtet er sich nicht, sein Herz ist fest, vertrauend auf Gott. Sein Herz ist sicher, er fürchtet nichts, denn er wird den Untergang seiner Widersacher schauen. Er spendet und beschenkt hochherzig die Armeii, seine Tugend besteht ewig, sein Horn wird erhoben in Ehren. Der Böse sieht und zürnt, er knirscht mit den Zähnen und vergeht. Der Wunsch der Ungerechten geht nicht in Erfüllung". (Psalm 112.) Der zähneknirschende Böse und die von niederer Gesinnung erfüllten Ungerechten sind keine anderen, als die Reichen und Machthaber, welchen Nehemias ein Dorn im Auge war. In einer Anwandlung von Hochherzigkeit ließen sie sich von ihm überreden, die Felder der Armen herauszugeben, was sie nun bereueten. Sie sahen die Seisachtheia als eine Ueberrumpelung von Seiten Tirschatas an, der ihre weiche Stimmung mißbrauchte und durch den Schwur ihre Entschließung besiegelte, wodurch dieselbe nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte. Ihrer Meinung nach unternahm er dieses, um sich bei den großen Massen beliebt zu machen und sie für seine Pläne, die sie für ehrgeizige hielten, zu gewinnen. Seine Verzichtleistung sahen sie als Scheinopfer an, die ihm viel größere Bortheile bringen sollten. Sie begannen ihn mit scheelen argwöhnischen Blicken zu betrachten und ihm entgegenzuwirken. Aber nur im Geheimen konnten sie dieses thun, denn die Autorität des gottesfürchtigen, gesetzestreuen königlichen Statthalters war zu groß, um es für räthlich erscheinen zu lassen, ihn öffentlich zu bekämpfen, und dieses war damals umsoweniger thunlich, als er sich anschickte, im Namen des zu großem Ansehen gelangten mosaischen Gesetzes eine tief einschneidende Reform durchzuführen, von der, wie er allgemein verkündigte, die Wohlfahrt des ganzen Volkes abhing, nämlich: die gewaltsame Trennung der Ehen, die zwischen Juden und nichtjüdischen Frauen geschlossen wurden. Dieses war eine Einrichtung, die noch aus den vorexilischen Zeiten herrührte, da das alte Verbot der Mischehe mit Nichtjuden, sowie die anderen Gesetze nicht streng beobachtet wurden. Nach der Exilirung der Herrenstämme haben die sich selbst über-