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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-11-08 · 45 (8.11.1901) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
45 (8.11.1901)
Date
1901-11-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 45 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 741 art, die sich in keiner seiner Arbeiten verleugnete, weß Geisteskinder sie waren. Die religiöse Rede gleicht dem Thau, er stört und belästigtH Keinen und erfrischt Feld und Flur. Die Predigt will bessern,Iß sie mahnt, sie warnt. Etwa, indem sie schilt und stürmt und poltert, oder indem sie mit ätzendem Spotte verfolgt, oder durch eine genaue Schilderung eines Fehls einen Menschen bloßstellt? „0 nein", meint der liebenswürdige Satyriker Rippner (S. 528), „nicht jede Arznei ist bitter, und oft gelingt die Heilung, auch ohne weh zu thun, ohne zu verwunden. Eine moralische Betrachtung schildert ein sittliches Nebel, erklärt seine Ursache, kennzeichnet seine Schäden, zeigt den Weg, es zu beseitigen, und diese allgemeine Betrachtung, die Niemand kränkt, Niemand beleidigt, die wie Thau das Herz erfrischt, hat unvermerkt auch auf den Einzelnen gewirkt und ihn gebessert. Im trauten Freundeskreise, der, frei von den beengenden Banden des Berufslebens, im frischwogenden, bunten Treiben eines Badeortes körperliche und im Gedankenaustausche mit Rippner geistige Erfrischung fand, da geschah es eines Tages, daß der nörgelnde Vorsteher einer angesehenen Gemeinde mit der geistreichen Bemerkung herausrückte: Unser Rabbiner ist am l'isetioü t)6 Äw immer zu Hause, Sie aber meine Herren, weilen an diesem Tage im Bade. Rippn.^ aber parirte in seinem unversiegbaren Humor: Wenn Ihr Rabbiner zu Hause weilt, ist 2"n in der Gemeinde; in unserem Wirkungskreise aber wird die 2"n Stimmung geweckt — durch unsere Abwesenheit. Dieses Scherzwort ist, was Rippner anbelangt, auch ein Wahrwort. Seine Abwesenheit, die sich für die im Lichte des Erdenlebens Wandelndrn seit 1898 zu einer dauernden gestaltete, wird im Kreise derer, welche für classische Kauz^lberedtsamkeit offenen Sinn und klares Verständniß besitzen, stets beklagt werden, und die Trauer wird um so tiefer sein, je mehr wir erkennen, daß das vorliegende Buch auf dem Gebiete der jüdischen Homiletik ein literarisches Ereigniß ersten Ranges bedeutet. In welch reichem Maße bätte uns Rippner bei der Tiefe seiner Gedanken, in der Formenschönhert seiner Sprache und der Anmuth seines Stils-- noch erfreuen, belehren und begeistern können. Frühzeitig beschattet nun die Cypresse sein Grab! Nehemias und seine social-politischen Bestrebungen. Von Dr. S. Gelbhaus. Gemeinde-Rabbiner in Wien. (Fortsetzung.) Die Paschas oder Vögte, die wie Scheschbazar, Serubabel und Esra nach Jerusalem kamen, hatten den Auftrag, die religiösen und cultuellen Angelegenheiten der Juden zu ordnen und brachten nicht einmal polizeiliche Organe mit. In Ermangelung einer militärischen Besatzung traten die nichtjüdischen Bewohner des jüdischen Landes auf, um die Rechte des Staates zu wahren. Wären sie der Ueberzeugung gewesen, daß Nehemias für die Errichtung der Stadtmauern eine königliche Eclaubniß besäße, so hätten sie, da sie neidisch waren, nach Art der früheren Widersacher der Juden auf Proteste und eventuell auf Denunciationen sich beschränkt, keineswegs aber sich mit offener Gewalt dem Vorhaben Nehemias' entgegengesetzt, da dieses eine Mißachtung des' königlichen Willens gewesen wäre. Nur die Errichtung eines Mauerwerkes, welches, weil unnöthig, offenbar einen nationalen Repräsentationscharakter hatte, veranlaßte sie, die Waffen gegen Tirschata und seine Partei zu erheben, deren Angriffe aber die Letzteren zurückschlugen und ihr Vorhaben verwirklichten. (Nehemias C. 3 und 4.) Nachdem die Mauern fertiggestellt wurden, sah man erst recht, wie leer die Stadt war und man mußte dieselbe mit der Landbevölkerung besiedeln, was derselben große Opfer kostete, da die Stadt, weil künstlich bevölkert, keinen Nahrungsboden darbot.*) Die Fürsten des Volkes, d. h. die Adeligen und Großbauern, die von dem Ertrage Anderer ihre Existenz fristeten, haben ihre Herrensitze in Jerusalem freiwillig aufgeschlagen, da es ihnen gleichgiltig war, wo sie wohnten. Die Agriculturverhältniffe der Klein- und Zinsbauern aber machten *) Der Talmud (Lstudot 110) weift auf die Beschwerlichkeit des Wohnens in großen Städten mit Bezug auf diese Episode hin rwp a^-O was als eine Reminiscenz an dieses Ereigniß angesehen werden kann. Jes den Letzteren unmöglich, fern von ihren Aeckern und Weinbergen zu weilen. Indessen mußten sie wohl oder übel dem s Machtgebot des Loses gehorchen und als schwacher Trost mag kihnen das Bewußtsein gedient haben, daß sie durch ihre Opfer der „heiligen Stadt" smpn Ty zu einigem Ansehen verholfen haben, (ibiäern 11. 1.) Die Einrichtung, eine bestimmte Stadt als Königssitz zu nominiren und sie somit zur Hauptstadt zu erklären, ist eine Eigenthümlichkeit des Hauses Davids. Eine derartige Einführung war dem jüdischen Volke ganz fremd. Zur Richterzeit war überhaupt kein Ort vorhanden, der als nationaler Mittelpunkt des ganzen israelitischen Landes angesehen wurde. Die besonders erwähnten Ortschaften waren wegen des Heiligthums, das zeitweilig in ihnen sich befand, mehr als andere bekannt. König Saul hatte keine Stadt als Metropole erklärt, Gibeat Saul war sein Wohnort vor seiner Königswahl unv blieb es auch nach derselben. Es ist möglich, daß er später denselben gewechselt hat, aber niemals ihn über andere erhoben. Auch sein Sohn und Nachfolger Jsch Böschet wohnte in Machnaim, ohne es als Residenz zu proclamiren. Die Könige d?s späteren nördlichen Reiches, des Reiches Israel, wohnten und regierten in verschiedenen Orten. Es fiel keinem ein, mit der Prätension auf den Thron seines Vorgängerdieselbe auch auf seinen Königssitz zu erheben. Nur David hatte vom Anfang seiner Laufbahn an großes Gewicht darauf gelegt, einen bestimmten Ort als seinen Sitz zu nominiren, der als solcher die Residenz des Führers, Fürsten oder Königs wurde. Als philistäischer Vasall war innerhalb des ihm als Lehn zugewiesenen Districtes Ziklag seine Residenz, von der aus er Streifzüge in das feindliche Gebiet machte und in die er stets zurückkehrte. Als er zum Theilfürsten oder Stammeskönig von Juda gewählt wurde, war der Ort, wo er regierte, Hebron. Und als er zum Könige von ganz Israel ausgerufen wurde, gründete er sich eine Hauptstadt. Das war Jerusalem. Es ist hier nicht der Ort, zu untersuchen, welchen Zweck er mit dieser Institution anstrebte, die dem ackerbautreibenden israelitischen Volke fremd und seinen Neigungen. Bedürfnissen und Gewohnheiten nicht entsprechend war. Jedenfalls lebte sich die Einrichtung nach und r ach ein, die Metropole wurde ein bedeutender Factor im Volke, ii id wenn auch ihr Einfluß auf das Nationalbewußtsein nicht zu allen Zeiten ein gleichmäßig starker war, so hielten doch die Könige aus dem Hause David's an dieser Institution fest, weil I rusalem mit dem Namen ihres glorreichen Ahnen eng verbunden war. Bei der Rückkehr der Exulanten waren die Verhältnisse derart, daß eine Hauptstadt als das Allerentbehrlichste erscheinen mußte. Die Zurückgebliebenen wie die Eingewanderten waren auf ihren Landgütern zerstreut, suchten und verlangten nach keiner Hauptstadt, die ihnen nichts nützen konnte. Eine KönigSstadt ohne König wäre nur eine Satyre gewesen und müßte nur ein ironisches Lächeln der scheelsüchtigen Nachbarn zur Folge haben. Allein in dem Zukunftsbild, welches die Propheten von dem jüdischen Staate entworfen haben, nimmt die wiedererbaute Davidstadt einen vornehmen Platz ein und ein Nachkomme David's, der mit dem Beginne der Restaurirung beauftragt war, mußte siH veranlaßt fühlen, den ehemaligen Regierungssitz seiner Väter wieder zu errichten, wenn es auch blos zu dem Ende geschehen sollte, um eines der Merkmale der königlichen Würde vor die Augen des Volkes zu führen. Diese Hauptstadt, die nicht durch eine natürliche Entwicklung erstand, sondern durch ein Machtgebot aus dem Schutthaufen sich erhob, konnte nicht gedeihen und gedieh auch nicht, da die Triebfeder des Unternehmens dynastische Rücksichtnahme war. Diese neuerrichtete Residenz konnte aber auch über die vorhandene allgemeine Misere nicht hinwegtrösten,*) denn die socialen Zustände waren trauriger Art. Dieses rührte, wie oben erwähnt wurde, von den agrarischen Verschiebungen her, die durch die Rückkehr der ehemaligen *) Wellhausen (Israelitische und Jüdische Geschichte S. 131) schreibt über die Zustände in Palästina vor der Rückkehr aus Babylon wie folgt: „Man wüßte gern, wie es in Palästina damals ausgesehen hat. Im Norden von Judäa wohnten die Samaritaner, ein Mischvolk, entstanden aus der Verbindung der altisraelitischen Bevölkerung mft fremden Colonnen, welche durch die Assyrer dort angefiedelt waren. Im Weste» waren die Philister die Nachbarn, im Osten die Ammoniter, die vereinzelt über den Jordan vorgedrungen zu sein scheinen. Im Süden hatten die verhaßten Edomiter den Negeb Juda occupirt, damals, wie es scheint, noch nicht gedrängt von den Arabern. Inmitten dieser Völkerschaften hatte sich in Juda auf deni Lande ein Rest der alten Bewohner erhalten, der aber, an Zahl nicht gering, doch nicht viel zu bedeuten hatte, gegen die ringsher eindringenden heidnischen Elemente wehrlos und von den Samaritanern kaum verschieden war."

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