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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-11-08 · 45 (8.11.1901) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
45 (8.11.1901)
Date
1901-11-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 740 Dr. Bloch's Wochenschrrfl. Nr. 45 welches die Agitation unter den Landsleuten entfettet, von Haus zu Haus, von Mann zu Mann geht und durch persönliche Aufklärung jeden Einzelnen von der Nothwendigkeit dieser Aclion überzeugt. Die Durckführung aller erforderlichen Schritte geschieht ja ohnehin durch das Rechtsschutzbureau der „Oesterreichisch- Jsraelitischen Union" unentgeltlich. Aber die Propaganda ist Sache eines Comites, welches unter Umständen auch die socialen und wirthschaftlichen Interessen der ungarischen Juden zu vertreten und auch die freiwillige Aufnahme Jener anzustreben hätte, die noch nicht volle zehn Jahre in Wien wohnen. Es muß rasch und energisch gehandelt werden, damit die Ereignisse uns nicht unliebsam überraschen. Kerrjamm Mpprrer als Prediger Von Rabbiner Dr. Freimann in Holleschau. Ein bekannter jüdischer Philosoph, Professor an einer süddeutschen Universität, wandte sich einmal an Rippner mit der Frage: Bei Ihren hervorragenden Fähigkeiten und Ihrer großen Belesenheit in der humanistischen wie in der theologischen Literatur könnten Ste ja etwas Bedeutendes zu Stande bringen, warum arbeiten Sie denn nicht? Worauf Rippner in schlagfertiger Ironie erwiderte: Hätte ich „arbeiten" wollen, so wäre ich nicht Rabbiner geworden! „Arbeiten", d. h. in geduldiger Ausdauer schmerbäuchige Bücher schreiben, in welchen der Rauch die Flamm: erstickt, um dabei der Gelehrsamkeit verschlungene Pfade nicht minder langweilig als gründlich zu durchqueren, oder durch das nebelhaft Wallende sich hindurchwinden wie ein Diplomat, der seine Gedanken gut zu verbergen weiß, das war nicht nach dem Geschmacks Rippner's. Seinen gediegenen, gedankenreichen Effays, an umfassender, stofferschöpfender Behandlung den besten englischen Mustern ebenbürtig, ist auch in hervorragendem Muße die künstlerische Form eigen. Die Gedanken sind gleichsam äjour gefaßt und die Sprache fließt so rein und frisch dahin, wie der Lauf eines munteren Baches, dessen Ufer von Blumengewinden umgürtet, deffen Gewässer klar und durchsichtig sind, darin der Himmel mit seinem Sonnen glanze und mit seinem Sternenscheire sich spiegelt. Ganz besonders zeichnete sich Rippner in seinen P r edigten (Berlin 1901, M. Zülzer u. Co.) dadurch aus, daß er in spielender Leichtigkeit geistigen Schaffens die tiefsten G - danken in epigrammatischer Kürze und doch plastisch und schön zum Ausdrucke bringt. Llssa war die Heimat Rippner's, in welcher religiöse und moderne Bildung sich zu trautem Bunde vereinten. Dort ist die Erinnerung an R. Jakob Liffa, den berühmten Autor des Ghawotb Daas und der Netiboth Hamischpot, in das L.cktgewand der Gegenwart gehüllt. Als dieser einmal einen auserlesenen Kreis seiner T tfmudjüngec seines besonderen Vertrauens würdigte, um mit ihnen die Öerasebab zum bevorstehenden Sabbath N2w zu besprechen, bemühte ev sich vergebens, seine durch geistreiche Comb Motionen errichtete Schutzwehr für einen „herben" Rambam gegen die nicht ganz unbegründeten Einwendungen seiner Schüler zu vertheidigen. Ein siegesfrohcs Lächeln auf ihrem Antlitze weiß der Meister durch folgende drastische Bemerkung rajch zu verscheuchen. Nicht wahr, die Schabbeskugel schmeckt Euch vortrefflich, wenn sie, schön in der Form und köstlich im Inhalte, ambrosianischen Duft verbreitet. Wäret Ihr aber Zeugen ihrer Zubereitung, so möchten die unumgänglichen diversen Angriffe und Manipulationen, welche hierbei zur Anwendung gelangen, Euch den unbefangenen, frohen Genuß verkümmern. Auch meine Deraschab wird Euch morgen ganz anders munden und keinen an die mühsame Zubereitung erinnern! Darauf muß auch der Kanzelredner Gewicht legen und eben darin zeigt sich Rippner als Meister, der in seinen vorliegenden Predigten eine hohe Stufe rhetorischer Genialität scheinbar mühelos erklommen, ohne daß man dabei die Empfindung hätte, daß von der Stirne heiß rinnen muß der Schweiß, soll das Werk dem Meister loben! Denn die größte Kunst an einer Predigt ist, daß sie ohne alle Kunst erscheint. Der äußeren Darstellungsform entspricht ganz und gar der Inhalt! Rippner's religiöse Rede lehrt uns das Leben mit Wahrheit und Klarheit, das Judenthum mit Kraft und Tiefe begreife». Sie belehrt und erbaut, sie mahnt und warnt, sie droht und straft, sie ergreift das Herz und erschüttert den Willen, sie beschwört den Sturm der Leidenschaft, sie entkräftigt den Diderspruch. sie tröstet und verheißt, sie schafft Früchte der Besserung für das Leben, denn — sie kommt aus der Tiefe der Seele! Beim schöpferischen Geiste spricht eben das Herz, beim ehrlichen Handlanger redet der Mund; aber nur das Herz spricht zum Herzen, der Mund jedoch nur zu den Ohren. In seinen Reden will Rippner alles das zum Ausdrucke bringen, was die Gegenwart bewegt. „Auch die weltliche Weisheit", meint Rippner (S. 599) „ist eine göttliche; Alles gehört in die Synagoge, was von Gottes Größe kündet." „Die ganze Welt, Himmel und Erde, soll hier sich spiegeln im Lichte der Religion. Unsere Brüder drüben jenseits des Meeres haben dies, trotz einzelner Fehler und Uebertreibungen, viel besser begriffen und geübt als wir und dadurch dem Besuche der Gottesdienste eine mächtige Anregung gegeben. Es gibt keinen Gegenstand, der nicht ins Gotteshaus gehört, er muß nur in der gehörigen Form dort eingeführt werden." Deshalb sei der Redner darauf bedacht, die Gedanken und Strebungen der Zeit aus den Niederungen der Lebensprosa zum hochragenden Gipfel zu erheben, wo die Geistes- und Herzensenge schwindet, wo das Heiligste, das die Menschenbrust in sich birgt, wo das Ewige und Göttliche in reinstem Glanze erstrahlt. Den Schwerpunkt seiner ganzen Redekunst legt Rippner jedoch darauf, daß der Jude kein Fremdling sei im eigenen Hause, in dem Buche der Bücher, das wir als heiliges Erbe durch alle Zeiten und Zonen tragen, das an tiefer Weisheit, an hoher Sittlichkeit, an prunkloser Kindlichkeit und an schwungvoller Poesie das ganze Schriftthum der alten und neuen Zeit weit überragt, in jenem Buche der Bücher, aus dem die Bilder des Lebens wie aus einem Spiegel zurückstrahlen, wie sehr auch die Ereignisse im Laufe der Zeiten ihre Form und Fassung verschiedenartig gestalteten. Die Predigt darf "nicht in hohler Schönrednerei bestehen und mit schimmerndem Prunke sich begnügen. Sie darf ihre Triumphe nicht in sentimentalen Rührungen und perlenden Augen finden wollen. Sie würde dann nur blenden anstatt zu erleuchten, die Phantasie erhitzen anstatt das Herz zu erwärmen. Das Volk hungert und dürstet nach Belehrung. Das Volk will und muß Aufschluß haben über die großen brennenden Fragen der Gegenwart und der Zukunft Israels. „Die Religion des Juventhums", sagt Rippner ((§>. 527) treffend, „will den Geist nicht einschläfern, daß er gleichsam nur so dahinträumt, sondern sie will den Verstand wecken,- daß er klar die Bedingungen des Daseins erkenne. Das Judenthum ist Lehre, das Gotteshaus ist Lehrhaus." „Die Seele ist ein Ganzes und Geist und Gemüth sind nicht zu trennen; wer den Geist nicht belehrt, wird auch das Gemüth nicht dauernd aufrichten." Die jüdische Predigt hat daher die Aufgabe, die Gedankenperlen aus dem tiefen Schachte einer vieltausendjährigen Vergangenheit ans Tageslicht zu fördern, den unermeßlichen Jdeenschatz der Bibel, des Talmud und der Niclrasebini zu heben. Eines Gedankens lose Faser aus dem jüdischen Schriftthume bildet oft die unsichtbare Brücke zu Rückerinnerungen, welche mit einemmale an das erkaltete und verödete Herz pochen und wie süße Harfentöne es rühren, daß das Wort der Lehre selbst im felsenharten Herzen Wurzel schlägt und zu einer hochragenden Ceder des Libanon sich emporringt. Der Thau fällt des Morgens auf Rosen und Lilien; allein er bringt diesen Blumen wenig Nutzen, ja, er macht sie desto eher welk, daß sie das Haupt sinken lassen. Hingegen fällt derselbe Morgenthau in eine Meermuschel und in dieser bringt er eine kostbare Perle hervor. Woher dieser Unterschied? Von den Blumen verschwindet der Thau bald wieder, zumal bei ausgehender Sonne. Die Muschel aber schließt sich selbst fest zu, sobald der Thautropfen eingedrungen, und behält bei sich, was sie empfangen. Die religiöse Rede gleicht dem Thau, daraus im empfänglichen Menschenherzen eine kostbare Perle werden soll. Der Prediger jedoch verleihe seinem Worte den Inhalt, wodurch es dauernd dem Gedächtnisse sich einprägt. nnsn DDöy mp Der Hörer soll einen kernigen, sinnreichen Spruch mit nach Hause nehmen. Rippner's Reden — charakteristisch durch ihre Geisteshöhe und Empfindungstiefe, in der Erhabenheit der Gedanken und in der ergreifenden Macht des Ausdruckes, im Reichthum der Ausschmückung und in der Anmuth der Darstellung — bleiben jedenfalls unvergeßlich. Seine zahlreichen Beiträge in fast allen jüdischen Zeitschriften waren zumeist ohne Namensfertigung, gleichwohl erkannte der Kundige an der echt Rippner'schen Eigen-

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