Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 45 (8.11.1901)
- Date
- 1901-11-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 738 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 45 Tag die Lampe nicht entbehrt werden konnte. 2105 Wohnungen bestanden blos aus einer Kammer. Daß die Sterblichkeitsziffer bei derartigen Verhältniffen in unaufhörlichem Zunehmen begriffen ist, ist selbstverständlich. Es starben im Jahre 1898 2840, 1899 2980, 1900 3438 Menschen, hievon mußten 2214 aus öffentlichen Mitteln beerdigt werden, d. h. 65 Percent der Todesfälle sind auf Rechnung der Armen zu setzen. Wahrhaft erschreckend sind jedoch die Ziffern über jene Allerärmsten, welche langsam den Hungertod sterben und nicht so glücklich find, von einer plötzlichen Krankheit dahingerafft zu werden. 1573 Menschen wurden gezählt, welche buchstäblich am Hungertuche nagen. Es sind dies gewesene Hausirer, Handwerker, Fabriksarbeiter u. dgl., von denen die meisten Familienväter sind. Mehr als 840 Witwen wurden gezählt, welche entweder gänzlich ohne Erwerb sind oder ihre durchschnittlich aus 7 Personen bestehende Familie mit 20—25 Kopeken täglich ernähren müssen, und jene wenigen, welche es auf 50 Kopeken täglich bringen, bleiben dafür wochenlang ohne jeden Verdienst. Von den Kindern dieser Aermsten sind kaum 9 Percent des Lesens und Schreibens kundig, während die anderen 91 Percent als Analphabeten heranwachsen, da die Armenschulen kaum für den zehnten Th eil der Bedürftigen ausreichen. In den 700 Wohnungen, die Herr Lewin besucht hat, fand sich nirgends ein Buch oder ein anderes Lehrmittel vor. Bei einer alten Frau fand sich eine „Thechina", welche sie in ihrer Eigenschaft als „Sprecherin" geschäftlich benöthigt, und in einer anderen Wohnung fand sich ein amerikanischer Jargonroman „Der Vampyr". Diese zwei Werke repräsentiren die Bildungsmittel in 700 jüdischen Familien! Die 12 Armenschulen, welche die Stadt besitzt, genügen so wenig, daß im vorigen Jahre 2000 Kinder aus Platzmangel zurückgewiesen werden mußten, von jenen Kindern zu schweigen, die sich überhaupt nicht gemeldet haben. Die Odeffaer Talmud-Thora-Schule zählt blos 828 Kinder. Von den 4097 Armen, welche in der Spitalgasse allein ausgenommen wurden, besuchen blos 21 Kinder diese Schule, von einer anderen Gasse mit 2878 Armen blos 7, von einer dritten mit 2108 Armen blos 10, von einer vierten mit 2000 Armen blos 12 und endlich von der Wolpeski-Gaffe, des ärmsten Viertels, mit 1562 Armen blos 2 Kinder! Die Schaaren jener Tausende von Kindern, welche keine Aufnahme finden können, verbringen ihre Tage in der Gaffe und empfangen ihre Erziehung von der Gasse! Hierin sind jedoch die russischen Juden selbst nicht ohne Schuld. Große Summen jüdischen Geldes, welche sich in den Händen der Regierung befinden und von den Fleischtaxen und ähnlichen Abgaben herrühren, könnten, sofern sich die richtigen Kräfte hiezu fänden, sehr leicht flüssig gemacht und zur Gründung von jüdischen Elementarschulen verwendet werden. So aber zieht es die Regierung vor, die Summen Kirchenbauten zuzuwenden, wo dann gegen die Juden gepredigt wird und zur Gründung von allgemeinen Schulen, von denen die Juden principiell ausgeschlossen sind. Die Zahl der jüdischen Handwerker in Odessa beträgt 13.000. Rach Dr. Solowieczik in seinem „Un Proletariat meconu" gab es im Jahre 1897 blos 7000 jüdische Handwerker, allein in dieser Zahl sind alle jene, welche aus Mangel an einem Diplom keiner Genossenschaft angehören, nicht inbegriffen. Die meisten sind Schuster oder Schneider, welche von den Händlern beschäftigt werden. Ihr Verdienst beträgt gegen 60 Kopeken täglich, sie arbeiten ohne Gehilfen bei einer täglichen Arbeitsdauer von 16—18 Stunden. Viele von ihnen sind ohne Nähmaschine und sonstiger nothwendiger Behelfe, der tägliche Wohnzins beläuft sich auf 20—25 Kopeken. Nachfolgende Ziffern illustriren deutlich die Lage des jüdischen Handwerks in Odessa. Es beträgt der Arbeitslohn für ein paar Schuhe 1 Rubel, Sacco-Rock 70 Kopeken, ein Paar Beinkleider 45 Kopeken, Gilet 22'/, Kopeken, Winter-Paletot auf Watta 2 Rubel. Daher ist es kein Wunder, daß bei derartigen Löhnen die Werkstätten und Kleiderfabriken ihren Betrieb einstellten und all ihren Bedarf durch Heimarbeit decken. Der Heimarbeiter muß von seinem Lohn einen gewissen Percentsatz den Geschäftsführern abgeben, um vor der Concurrenz sicher zu sein. Die Zahl dieser Heimarbeiter beträgt 4000. In letzter Zeit vereinigten sich die Handwerker zu Verkaufsgenossenschaften und es gibt deren heute ungefähr 20, wodurch die Lage der Einzelnen einigermaßen verbessert wurde, doch beträgt ein Antheilschein 50 Rubel, so daß Tausende ausgeschlossen bleiben. Am schlimmsten ist die Lage der Näherinnen, welche von der Concurrenz der Maschinenarbeit gänzlich erdrückt werden. Bei 16—17stündiger Arbeitszeit beträgt der tägliche Verdienst 25—30 Kopeken, wovon noch ein bestimmter Betrag für die Miethe einer Nähmaschine bezahlt werden muß. Zu den Allerärmsten gehören ferner auch die Lastenschlepper, von denen 700 gezählt wurden. Ihre in Fetzen gehüllten verhungerten Gestalten sind geeignet, den allerentsetzlichsten Eindruck hervorzurufen, wenn man nicht durch den fortwährenden Anblick dieses Elends gar zu abgestumpft wäre. Der tägliche Verdienst eines Lastenschleppers beträgt 30-40, selten 50 Kopeken. Hievon muß er 10 Kopeken täglich an Miethe für die Ueberlaffung des Wagens zahlen. Nicht selten geschieht es, daß er einen Tag gänzlich ohne Verdienst bleibt und nicht einmal die Leihgebühr von 10 Kopeken aufbringen kann, so daß er in Gefahr steht, am nächsten Tag ohne Wagen zu bleiben und seinen ganzen Erwerb zu verlieren. Ihre Lebensweise ist die allerprimitivste. Oft wohnen mehrere Familien in einer Kammer. Ihre Mahlzeiten bestehen täglich ohne Abwechslung aus Erdäpfeln ohne jeden Zusatz, „mit nichts", wie die Redensart lautet, oder aus Thee mit Schwarzbrot), Fleisch ist ein seltener Gast in diesen dumpfen Kellerstuben. Nur wenn alle anderen Hilfsmittel erschöpft sind, greift man zur Existenz eines Lastenschleppers und mancher zu Grunde gegangene Provinzler, der nach Odessa zog, um „sein Glück zu machen", sieht sich bald als Lastthier vor einem Lastenkarren gespannt. Die Zahl der Händler mit alten Kleidern, Haus-Hausirer, Petroleum-Zuträger rc. beträgt nach Feststellung der Vereinsagenten 2230. Ihr Verdienst schwankt zwischen 50—60 Kopeken täglich, wovon ein Theil an Wucherzinsen bezahlt wird, da das Betriebscapital von wenigen Rubeln nicht ihr Eigenthum ist. Bon Fabriksarbeitern, welche auf Unterstützung angewiesen sind, wurden von den Vereinsagenten 552 ausgenommen. Die Zahl der Fabriksarbeiter überhaupt beträgt jedoch 4000, doch sind nur jene, welche gerade ohne Arbeit sind, fremder Hilfe bedürftig. Ihr Verdienst beträgt bei 12stündiger Arbeitsdäuer 1—1'25 Rubel täglich. Die Hauptbeschäftigung finden jüdische Arbeiter in Gerbereien, Metallgießereien, Möbel-, Tapeten-, Spiegel-, Maschinen-, Hülsen- und Cigarettensabriken. Die Zahl der erwerbslosen Fuhrleute betrug 18, die der Taglöhner mehr wie 200. Bettler, die von Thür zu Thür wandern, wurden 170 ausgenommen, doch offenbar ist die Zahl derselben unvergleichlich größer, da sich die meisten scheuen, ihren „Beruf" einzugestehen. Der Taglohn für die ungelernten Arbeiter beträgt je nach Bedarf 20—70 Kopeken, doch bleibt ein solcher Arbeiter oft tagelang ohne Verdienst. Allen den Genannten könnte durch billige Creditgewährung, durch die Möglichkeit zur Anschaffung einer Nähmaschine, eines Lastenkarrens rc. der Erwerb bedeutend erleichtert werden, wenn die nöthigen Capitalien aufgebracht werden könnten, doch findet sich von irgend welcher Thätigkeit in dieser Richtung keine Spur Mit diesen Ziffern ist jedoch das Bild des jüdischen Elends in Odessa noch lange nicht erschöpft, fehlt ja doch noch das düsterste aller Capitel, das über Kinderarbeit. „Ich gestehe", erklärt Herr Lewin am Schluffe seiner Darstellung, „daß noch Vieles zurückgeblieben ist, das sich unseren Feststellungen entzog. Viele Unglückliche gibt es, die sich scheu in ihre finsteren Winkel zurückziehen, aus Furcht, einem bekannten Gesicht zu begegnen. Doch genügt das, was wir gesehen haben, um Alles in den Schatten zu stellen, was an Elend auf Erden aufzutreiben ist." Die Ziffern sind jedoch ein Bild des russischen Elends überhaupt, sie illustriren deutlich die Lage des jüdischen Proletariats in Rußland. Ob und in welcher Weise demselben geholfen werden kann, ist eine Frage, die nicht so leicht zu beantworten ist. Daß aber ihre Lage bedeutend erleichtert werden kann, steht ganz außer Zweifel, und aus dieses Thema hoffen wir ein anderesmal zurückzukommen. Le liseur.