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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-11-08 · 45 (8.11.1901) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
45 (8.11.1901)
Date
1901-11-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 45 Dr. Bloch’s Jahrgang UM Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. K- K. kr. Pofisxarcaffrn-Amk Clearing-Verkehr Ar. 810.976. Ardartion und Administration: Wien IX/1, Berggsssr Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. *= -^- Wie«, 8. Ilovemirer 1901. -■•>■« -k-«41- Erscheint jeden Freit ag. - - Brief-Adresse: Wien, IX/1» Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. Brpigapref* für Sesterreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller, Für'» Ausland: Halbjährig 10 Krone». Ganzjährig 20 Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. Inhalt. Leitartikel: Jüdische Armuth. — Das Nadererthum auf der Tribüne. — Die socialen lind wirthschaftlichen Interessen der ungarischen Staatsangehörigen in Oesterreich. — Benjamin Rippner als Prediger. — Nehemias und seine social-politischen Bestrebungen. — Correspondenzen.' Oeffentliche Sitzung des Vorstandes der Wiener israelitischen Cultusgemeinde. Wien, Beraun, Prag, Preßbnrg, Budapest, Oedenburg, Essegg, Eydtkuhnen, Zur Schächtfrage. Eine Enquete über die Zahl der Mischen Schöffen und Geschworenen. Bukarest, London. — Vermischtes: Wien, Linz, Strakonitz, Ungarisch-Ostra, Oberholladrunn, Troppau, Gleiwitz. — Feuilleton: Aus dem galizischen Leben. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Jüdische Armuth. Das Elend der Juden, das auf dem Lande zuweilen schrecklich genug ist, nimmt in den Großstädten oft ungeheuere Dimensionen an und überall sind die ausgesprochen jüdischen Viertel die Stätten der fürchterlichsten Massenarmuth. Das gilt von London, wie von New-Aork, von Paris wie von Constantinopel. Leider fehlen statistische Zusammenstellungen und Belege, um die traurige Wahrheit durch Zahlen zu verdeutlichen und anschaulich zu machen. Nur von einer Stadt besitzen wir eine solche ergreifende Statistik, die wir aber als allgemein giltiges Beispiel betrachten können, von Odessa, der Perle des Schwarzen Meeres, wo es stets Brod im Ueberflusse gab, das einst das Eldorado der ruffischen Juden war, wohin einst die Schaaren der Hungernden wie nach Amerika zogen, um auf dem neuen Boden ihr Glück zu suchen und auch zu finden. Odeffa, die lebhafte Hafenstadt mit ihren vielen Läden, bildete einst eine Lebensquelle für den auswandernden Litthauer nicht minder wie für den lebensfrohen Wolhynier, und den genügsamen Juden aus Beffarabien, der mit „Mamaliga" sein Auskommen fand. „In Odeffa ist die Hölle los", besagte einst ein jüdisches Sprichwort, um die Lebensfreude dieser Stadt anzudeuten, und heute bildet dieselbe Stadt die Stätte der entsetzlichsten jüdischen Armuth und des Massenelends. Daß der Wohlstand der Stadt bereits seit Jahren im Rückgänge begriffen war, zeigte sich für den Kenner jüdischen Lebens an allerlei verdächtigen Symptomen, und so oft ich in jüdischen Zeitungen las, daß die Odeffaer Zeit fanden, zu müßigem Gezänke in Kahalangelegenheiten, begriff ich, daß ihre eigenen Geschäfte sie weniger als sonst in Anspruch nahmen. Denn wenn Juden sich mit öffentlichen Angelegenheiten allzusehr beschäftigen, so bedeutet das immer, daß ihre eigenen Angelegenheiten im Niedergange begriffen sind, niemals jedoch hätte ich geglaubt, daß das jüdische Elend in Odeffa bereits solche Dimensionen angenommen hat, wie aus der Artikelserie, die M. Lewin in der Jargon-Wochenschrift „Der Jud" unter dem Titel „Der jüdische Daleß in Odessa" veröffentlicht, zu entnehmen ist. Der „Verein zur Unterstützung jüdischer Armen" in Odeffa hat es sich angelegen sein lassen, eine Statistik über die jüdische Armuth anzulegen, indem er die Stadt in fünfzig Abtheilungen auftheilte und für jede derselben einen jungen Mann an der Hand gedruckter Fragebogen mit der Aufnahme folgender Thatbestände betraute: 1. Bor- und Zuname; 2. In welchem Stockwerk sich die Wohnung befindet; 3. Wie viele Wohnräume; 4. Anzahl der Oefen; 5. Ob die Wohnung hell oder dunkel; 6. Ob trock u oder feucht; 7. Höbe des Wohnzinses; 8. Aus welchem Gouvernement; 9. Dauer des Aufenthaltes in Odcffa; 10. Zahl der Familienmitglieder; 11. Beschäftigung; 12. Höhe des Einkommens; 13. Zahl der in Erwerb stehenden Kinder; 14. Ob der ruffischen Sprache mächtig, und 15. Ob und wieviele Kinder den Cheder oder eine andere Schule besuchen. Herr M. Lewin war einer von jenen fünfzig, welche die Stadttheile besuchten und alle seine Eindrücke und Beobachtungen, welche er in den dumpfen Kellerstuben ausgenommen, finden sich nun in der oben erwähnten Artikelserie wieder. In ihrer streng sachlichen und unpersönlichen Art glaubt man bei der ötctiire derselben die dumpfe, verpestete Atmosphäre zu spüren, in der jene Leute leben,. und alle Seufzer der Hungernden und Frierenden glaubt man zu vernehmen, von denen jene verworfenen Gäßchen erfüllt find. Schmucklos, ohne jede schreiende Pose wird erzählt, wie jüdische Familien tagelang ohne Brod find, des Lichtes und der Luft entbehrend, wie Kranke in feuchten Wohnungen hinsiechen und auf die primitivste medieinische Hilfe verzichten müssen. Alle physische und geistige Entartung der Armuth tritt uns in entsetzlichen Bildern entgegen, ohne Bildung und Erziehung wachsen hungernde und frierende Kinder heran, verkrüppelte Greise verbringen den Abend ihres Lebens unter den entsetzlichsten Entbehrungen, 8—10jährige Kinder müffen 16 Stunden täglich sich rackern, um das trockene Brod für ihre kranke Mutter zu erwerben, Tausende von Menschen siechen in finsteren Stuben dahin, ohne die geringste Ausficht auf irgend welche Befferung ihrer verzweifelten Lage. Aus dieser traurigen Bilderserie seien für die Leser dieser Zeitschrift nur einige trockene Thatsachen wiedergegeben, welche für sich allein beredt genug sind, um das Elend jener Menschen zu kennzeichnen. In Odeffa leben ungefähr 150.000 Juden, hievon ist ungefähr ein Drittel, also 50.000, auf Unterstützungen von Wohlthätigkeitsvereinen angewiesen, hierin find jedoch die verschämten Armen, welche fich scheuen, die öffentliche Mildthätigkeit in Anspruch zu nehmen, nicht inbegriffen. Hiezu kommt noch die Schaar jener gefallenen Händler, die, vor Kurzem noch in glänzender Lage, heute bereits auf die Hilfe von Bekannten angewiesen find und allmählich auf die Stufe der Allerärmsten hinabgleiten, so daß die Anzahl der Erwerbslosen in Odeffa mit 70.000 nicht zu hoch angenommen ist. Bon 5087 Wohnungen, welche die Bereinsagenten besucht haben, waren 3471 feucht, 2011 finster und 1110 Wohnungen befanden fich in Kellern, in denen auch bei

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