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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-11-01 · 44 (1.11.1901) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
44 (1.11.1901)
Date
1901-11-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 734 Dr Vloch^s Wochenschrift Nr. 44 Wie«. Dr. M. Lupesco, diplom. Rechtsanwalt aus Paris und Mitglied des dortigen internationalen Friedenscongreffes, der als ein sehr eifriger Vertheidiger des Judenthums und Weltfriedens in zahlreichen Städten diesbezügliche, mit großem Beifall aufgenommene Borträge abgehalten hat, weilt gegenwärtig in Wien und beabsichtigt auch hier einige Vorträge zu halten, von denen der erste über sein Projcct: „Heil des leidenden Judenthums^ demnächst stattfinden wird. Sein Project basirt, wie wir erfahren, auf Agricultur-Colonien in Anatolien die, ehestens ins Leben gerufen, den Reichen eine Entlastung, den Armen aber rasche Hilfe bringen sollen. Aus den uns vorgelegten zahlreichen Anerkennungsschreiben hervorragender Persönlichkeiten und geradezu enthusiastischen Kritiken der Localblätter, wo Herr Dr. Lupesco Borträge abgehalten hat, ist das ungemein große Interesse, welches diesen Vorträgen gezollt wurde, zu entnehmen, und auch wir wünschen ihm seiner edlen Bestrebungen wegen vollen Erfolg. Presling. Dienstag den 22. October wurde Herr I. K o p p e r l unter zahlreicher Betheiligung zu Grabe getragen. Herr Jacob Schiller, der Aelteste unserer Gemeinde und ein treuer Freund des Verblichenen, widmete demselben einen ehrenden Nachruf und hob seine wahrhaft ungeheuchelte Frömmigkeit hervor. Herr Cantor Friedländer trug die Trauergebete erhebend vor. Troppau. Wie uns berichtet wird, feiert Herr Rabbiner Dr. Adolf Blüh am 21. November seinen 70. Geburtstag. Der greise Jubilar hat während seiner 23jährigen Wirksamkeit als Seelsorger der Troppauer Gemeinde es verstanden, einerseits durch seine strenge Pflichterfüllung, andererseits durch sein conciliantes Benehmen sich die Sympathien der Gemeindemitglieder und auch vieler Andersgläubiger zu erwerben. Breslau. Zur Enthüllung des Kaiser Friedrich- Denkmals, die Samstag den 26. October hier in Gegenwart des den Kaiser vertretenden Kronprinzen stattfand, waren auch die Rabbiner der hiesigen Synagogen-Gemcinde geladen. Paris. Den Capitänen Paul H. Kaumann, Henry Meyer und Reue F. Cahen ist das Kreuz der Ehrenlegion verliehen worden. Paris. In der letzten Monatssitzung der Jewish Colonisation Association wurde beschlossen, in dem Verwaltungsrath das neue Amt eines Vicepräsidenten zu creiren. Die Wahl fiel auf den Generalconsul Philippsohn-Brüssel, der die Actien der Brüsseler jüdischen Gemeinde im Rathe der Jewish Colonisation Association vertritt. Herr Philippsohn ist der Sohn des bekannten Dr. Ludwig Philippsohn, des verstorbenen Rabbiners in Bonn. London. (Werthvolles Geschenk.) Für das in einigen Tagen stattfindende Krönungsfest hat der Honorable E. Ri Belilios der Armencommission der jüdischen Gemeinde ein eigenartiges Geschenk gemacht. Er stellt sein in Picadilly belesenes Haus, an dem der Kcönungsfestzug vorüber kommt, der jüdischen Armenverwaltung zur Verfügung. Diese soll sämmtliche Fensterplätze vermiethen und den Erlös, der auf mehrere hundert Pfund Sterling berechnet wird, der Armencaffe zuführen. London. (P r äm i irun g.) Zum Schlüsse der in der königlichen Landwirthschaftshalle stattgefundenen Meierei-Ausstellung hat Lord Rothschild vier Preise für Kühe, zwei für Färsen und einen für einen Ochsen erhalten; sämmtliche Thiere sind auf seinem Gut Trink Park, gezogen. Lady de Rothschild hat zwei Preise für in Aston Clinton gezogene Färsen bekommen. Feuilleton. Aus dem galijischen Hellen. Ein Bild von Leo Herzberg-Frankel. (Fortsetzung.) Um den alten, mit schadhaftem Geschirr bedeckten Tisch schaaren sich die Fuhrleute und Reisenden zum Nachtmahle, das ihnen nach den Mühseligkeiten des Tages besser schmeckt, als die würzigen Speisen dem Lucullus, wenn es auch nur aus Käse, Rettich, Zwiebeln, mitunter auch aus. Eiern und Schnaps besteht.. Für die Frauen brodelt ein blecherner Samowar und liefert einer blonden Aufguß, den sie leichtgläubig für Thee halten und bezahlen. Alle Anwesenden sprechen gleichzeitig unter dem Weinen schläfriger Kinder und dem Gejohle bezechter Stubengenossen. Dies dauert die ganze Nacht, Ruhe und Stille kennt man in diesen Räumen, welche stets offen, stets beleuchtet und stets von Gästen frcquentirt sind, die im Leben eine Schicksalsniete zogen, nicht. Freilich ist ein Nachtlager hier billig. Federmatratzen, Flaumpölster, gesteppte Atlasdecken werden hier nicht beansprucht. Ein Heupolster auf einem Strohsack genügt; ein Shawl oder ein Oberkleid dient als Decke, ein großes grobes Handtuch gehört allen Uebernachtenden und wird jeden Samstag gewechselt. Lavoire kennt man nicht, an dem mächtigen Wasserschaff im Flur macht alle Welt Toilette. Der Culturmesser, die Seife, steht hier sehr nieder. In solche Herbergen muß man hinuntersteigen, wenn man das Elend und den Jammer des Lebens enterbter Menschen kennen lernen will, die der Hauptstadt so reichlich Zuströmen, denn die Asyle, welche unter der Controle der Wohlthätigkeit stehen, machen lange nicht den betrübenden Eindruck solcher Spelunken, die im höchsten Grade unsauber, ungesund, unfläthig und ekelerregend sind. Armer Sender! Zur späten Stunde im fremden Orte angelangt, ohne sich auszukennen oder Jemanden zu kennen, ließ er sich vom Fuhrmann bestimmen, da zu bleiben, wo jener eingekehrt, und sich eine jener Kammern anwersen. deren Betten einen Platz in Dante's Hölle verdienten. Es war eine lange bange Nacht, die er verlebte, und als die Morgensone matt durch die blinden Scheiben seines Zimmerchens blickte, stand er, jämmerlich zugerichtet, am ganzen Körper tätowirt, auf und eilte mit seinen wenigen Habseligkeiten fort, um sich in einem Dampfbade zu entvölkern und eine kleine Kammer für seine künftige Existenz zu miethen. Ach, wie fühlte er sich wohl im reinlichen Cabinet, wo er sich einquartierte, nach den Strapazen der Reise und den Schrecken der Nacht, besonders nach der totalen äußeren Veränderung, die er mit sich vorgenommen. Seine Stirnlocken verfielen dem Barbier, seine langen Gewänder dem Trödler und die modernen Kleider hoben seinen kräftigen Wuchs hervor, so daß, als er sich zum erstenmale im Spiegel sah, er selbst sich kaum erkannte. Mit der neuen Tracht zog er einen neuen Menschen und einen neuen Namen an: Alexander hieß er jetzt. Der kleinstädtische, linkische, schüchterne Sender war begraben nnd ein energischer, strebsamer, selbstständiger und zielbewußter Alexander erstanden. Jetzt galt es aber auch sich für die Zukunft einzurichten und die begonnenen Studien mit vermehrtem Eifer wieder aufzunehmen. Früher war er beschränkt und konnte nur wenige Stunden seinen Büchern widmen, die er sich auch nicht nach Bedarf verschaffen konnte; jetzt konnte er fünfzehn Stunden und noch mehr dem Studium der Ghmnasialgegenstände zuwenden und sich überdies von einem wahrhaft genialen, wenn auch ziemlich verkommenen Menschen Helsen lassen, der auf halbem Wege scheiterte, die restlichen Studien aufgab, vom Unterrichte lebte, seine viele freie Zeit in Gast- und Kaffeehäusern verbummelte, mehr dem Trünke als dem Essen fröhnte, selten nüchtern und doch dabei für billiges Geld eine ausgezeichnete Lehrkraft war. Für Alexander hatte er ein besonderes Faible; sein ernster Sinn und sein unermüdlicher Fleiß imponirten ihm und er schenkte ihm mehr Zeit und Aufmerksamkeit, als je einem anderen Schüler, so daß der fremde junge Mann in rapider Weise vorwärts ging und der Hochschule rasch entgegenreifte. Was ihm jedoch eine schwere Sorge bereitete, war das langsame aber stetige Schwinden seiner Baarmittel. Als er von seinem ehemaligen Schwiegervater eine Abfindungssumme empfing, glaubte er bei seinen geringen Bedürfnissen und seiner nüchternen Lebensweise einen Schatz zu besitzett, der jedenfalls für die Dauer seiner Studien langen dürfte. Die nothwendig gewordene Umkleidung aber — eine Uebersetzung aus dem Jüdischen ins Deutsche — der Bedarf an Büchern, das Honorar für den Unterricht erforderten den größten Theil seines Besitzes und obschon er äußerst kümmerlich lebte, sich jeden Genuß versagte, von Brot und Milch nährte, nur einmal in der Woche sich eine Fleischkost gönnte, im Winter das Feuer sparte und bei kargem Lämpchen Nächte hindurch studirte, schwand doch das Geld Tag um Tag und er blickte ängstlich in die nicht mehr ferne Zeit, wo der letzte Heller ausziehen werde. Woher dann Hilfe? Seine Mutter war arm; an seinen Onkel, den Vater seiner geschiedenen Frau, hätte er sich um nichts in der Welt wenden mögen; ein Stipendium in dem Orte, wo er fremd war, anzustreben, wäre ein Unsinn gewesen; und Unterricht an jüngere!

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