Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 44 (1.11.1901)
- Date
- 1901-11-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 44 Dr. Blach's Wochrnschrifl. Sette 735 Schüler ertheilen, würde ihn in seinen eigenen Studien beeinträchtigt haben. Vor ihm lag noch ein weiter, weiter Weg bis zu einer zu erlangenden Selbstständigkeit — diese Sorge quälte ihn Tag und Nacht, ihm die Ruhe raubend und seinen Muth erschütternd. Doch der Gott, der die Thiere im Walde, die Vögel in der Luft ernährt, den Blumen ihren Duft verleiht, sorgt auch sür einsame brave Menschenkinder, die ehrlich und emsig an ihrer Zukunft bauen. Alexander bewohnte ein kleines Giebelzimmer im Hause des „Factors" Moses Zweig; kurzweg Moses Factor geheißen. Sein von seinem Vater ererbter Berus war, von Beginn vis zu Ende der Bureaustunden in den Kreuzgängen der Statthalterei herumzuwandeln, den Beamten bei ihrem Kommen „guten Tag!" und bei ihrem Gehen „guten Appetit!" zu wünschen. Die jüngeren Beamten machten sich allerdings über ihn lustig und erwiderten seinen Gruß nur dann, wenn sie der Dienste des devoten Mannes bedurften; die älteren Beamten hingegen, die ihn seit vielen Jahren kannten, begegneten ihm leutselig und hatten zumeist ein freundliches Wort für ihn; wandten sich auch in allen häuslichen und ökonomischen Angelegenheiten an den dienstwilligen, vielerfahrenen und oft bewährten Mann. „Was gibt es Neues? — Weißt Du nicht eine passende Wohnung für mich, Moses? — Kannst Du mir nicht einen billigen Schneider für meinen Jungen empfehlen? — Meine Frau läßt Dich bitten, ihr wieder einen Sack Erdäpfel zu besorgen wie das letztemal. — Du Moses, ich brauche ein Kinderwagerl, hübsch und billig. — Im Vertrauen Moses, bei Bact und Peies schwörst, daß es Niemand erfährt: Dreihundert Gulden gegen monatliche Rückzahlung und zwölf Percent Zinsen. —" Und Moses erzählte die Stadtbegebenheiten, machte eine Wohnung ausfindig, besorgte den billigen Schneider, lieferte die Kartoffel und den Kinderwagen und brachte das Darlehensgeschäft für den Herrn Statthaltereirath zu Stande; gab auch genaue Auskunft über den Passivstand eines Offlciers, der sich um die Tochter eines höheren Beamten bewaro, und war so ein nützliches, fast unentbehrliches Jnventarstück der Landesbehörde, wo ihn Alle, vom Portier bis zum Statthalter, kannten, duzten und sich seiner in ausgiebiger Weife bedienten, ohne daß er je eine Entlohnung sür seine so mannigfachen Leistungen annahm. Seine Rechnung fand Moses Zweig anderweitig. Man wußte allgemein, daß der Mann Zutritt in alle Bureaux habe und mit allen Beamten bekannt sei; galt es nun eine Beschleunigung irgend einer Eingabe, einer Entscheidung, einer Bewerbung, eines Recurses, fo wandte man sich an den „Factor", dem die Beamten auch gerne mit rascherer Erledigung gefällig waren. Der schlichte, ehrliche Mann machte sich keiner Gesetzesbeugung, keiner falschen Vorspiegelung schuldig; der Zusage, den Referenten zu bitten, die Angelegenheit baldigst zum Äustrag zu bringen, kam er gewissenhaft nach und machte kein Hehl daraus, daß er dafür bezahlt werde. Dies Einkommen floß aber ziemlich reichlich; Herr Zweig ließ sich nicht lumpen und so konnte er nicht nur sem vom Vater erervtes Haus umbauen und erweitern, sondern auch seine Töchter anständig ausbiloen und ausstatten, die er in einigen Exemplaren besaß. Dabei ging er sehr rationell vor; er zahlte nämuch die Mrtgisr quotenweise, eine Dotation auf Raten. Er vermielyete einzelne Zimmer in seinem Hause an Studirende, und fand er einen jungen Menschen, der fleißig und solid war, ohne Mittel, seine Studien fortzujetzen, die Taxen zu zahlen und ohne Aussicht, sich zu etabliren, so kam ihm Moses Zweig zu Hilfe, ermöglichte iym den Weg zum Ziele, gab ihm dann die nölylge Einrichtung und eine Tochter oazu. So kam er leicht in den vielbenerdeten Besitz dreier dlplomirter Schwiegersöhne, ohne daß sein Vorrath damit erschöpft gewesen wäre. Herr Zweig besaß noch zwei Töchter, hübsch, wohlerzogen und vom klugen Vater prädestmirt, zwei angehende Docroren, deren Mittel zur ferneren Existenz zu Ende gingen, einzusangen. Sein Hauptaugenmerk war auf den stillen Alexander zu Gunsten der nun ältesten Tochter Sofie gerichtet, da er die wachsenden Verlegenheiten seines Einwohners herausfand. Diese Zeit war auch herangerückt, und als die Zimmermiethe entrichtet werden sollte, mutzte Alexander seinem Quartiergeber statt des Geldes seine Taschenuhr anbieten. „Sie ist von Gold", sagte er, „Sie werden sie besser als ich verkaufen." „Sie können mir ja die Miethe auch später zahlen und wenn Sie Geld brauchen, Herr Pereles, leihe ich es Ihnen gerne, ohne Zinsen." „Nein, mein lieber Herr Zweig; keine Schulden, die würden mir jede Ruhe rauben." Einige Tage daraus erschien ein älterer, etwas modern gekleideter Mann von jovialem Aussehen bei Alexander. „Ich bin ein Bevollmächtigter Gottes unter eigener Firma, Hersch Kolin, Schadchen." Alexander sah ihn groß an. „Dte Ehen werden im Himmel geschloffen", fuhr Jener fort, „aber durch meine Vermittlung. Ich bin gekommen, Sie zu verheiraten." „Ich danke; ich will nicht heiraten." „Das sagen Alle und heiraten doch. Wenn ich mich nach dieser Antwort gleich zurückziehen wollte, wär' ich längst Hungers gestorben. Selbst die älteren Mädchen und die jungen Witwen, die kaum erwarten können, daß ich mich mit ihnen abgebe, sagen immer, es hat keine Eile, sie wollen warten, während sie vor Ungeduld brennen. Sie begehen eine Dummheit, lieber Freund, wenn Sie nicht sofort heiraten." Alexander lachte. „Sofort?" „Sofort; lieber gestern als heute. Sehen Sie, ich kenne so ziemlich alle Verhältnisse, besser wie der Steuerinspector, und verzeihen Sie meine Aufrichtigkeit, Sie find ein fleißiger, ein braver und anständiger junger Mann, aber arm, sehr arm. Wovon wollen Sie leben und studiren? Um Arzt oder Advocat zu werden, muß man ein Capital anlegen, wie wenn man Kaufmann werden will. Mehr noch. Ein Kaufmann kauft heute Waare und kann morgen schon vom Nutzen zehren; die Aerzte, Advocaten müffen oft lange warten, bis sie das, was sie erlernt, verwerthen können. Und kann man, ich frage Sie, studiren. wenn der Magen knurrt und die Zähne klappern?" Alexander ließ den Kopf hängen und antwortete nicht. „Die Tochter von Moses Zweig ist ja ein ganz gut erzogenes, hübsches, gescheidtes Mädchen und Hilst Ihnen über alle Schwierigkeiten weg. Sie studiren ruhig, rigorofiren ruhig und warten ruhig auf die Praxis oder eine Anstellung." „Haben Sie einen Auftrag von Herrn Zweig?" „Was fällt Ihnen denn ein? Glauben Sie, Herr Zweig braucht seine Tochter aus- oder anzubieten? Mir ist die Sache eingefallen; wozu wäre sonst ein Schadchen auf der Welt? Herrn Zweig gefällt aber meine Idee, weil Sie ihm gefallen, und er ist einverstanden." „Und die Tochter?" „Auch die Tochter. Sie find ja ein schöner und gebildeter, nur etwas schüchterner junger Mann." Alexander dachte lange nach. Die Worte des Mannes, der sich seine Versorgung so angelegen sein ließ, .machten aus ihn einen Eindruck; es hatte ja feine Richtigkeit, daß ihm unterwegs, lange bevor er das Ziel erreichen konnte, der Athem ausgehen mußte. Woher sonst kämen ihm die Mittel, seine Studien fortzusetzen und dann ins praktische Leben einzulaufen? Ueberdies war die Tochter seines Hausherrn ein hübsches, dralles, kluges und wirthschaftliches Mädchen — was konnte er mehr verlangen? Er, der Fremde, mittellos, allein stehend, unfertig, freund- und rathlos? Hier kann er mit einemmale die Sorge los werden, sich in eine oesreundete Familie einpflanzen und sich guten Muthes feinen weiteren Studien widmen. „Wohlan, ja", sagte er entschlossen; „die Sache gefällt mir; reoen wir morgen weiter darüber." Als der Schadchen dem Herrn Zweig seinen Erfolg bei dem jungen Manne mittheilte, wurde er einigermaßen bedenklich. Er hatte nämlich bei seiner ältesten Tochter vor Jahren einen Unfall, indem iym ein Bräutigam, den er eine längere Zeit gesütterr, bekleider, mit Büchern und Taschengeld versehen hatte, durchging, um in Zürich die Technik zu studiren. Alexander war allerdings vertraueuerweckend, aber wer weiß, was nach Jahren geschehen kann, ob der Geschmack sich nicht ändert, ob die Ansprüche nicht wachsen, ob die bescheidene Aushilfe genügen, ob der fertige Doctor halten würde, was der Student unter dem Drucke der Berhältniffe versprochen? Ein nochmaliger Fall wie damals wäre eine Schmach und ein Ruin. „Ich habe mir diese Nacht die Geschichte überdacht", sagte er dem Vermittler, „so geht es nicht, ich muß sicher gehen. Der junge Mensch ist, wie es scheint, brav und solid, aber man kennt ihn doch nicht und er kann morgen verschwinden auf Nimmerwiedersehen, und wenn nicht jetzt, später nach beendigten Studien, vor oder nach dem Rigorosum. Wo soll ich mein Geld und meine Tochter ihren Bräutigam suchen? Sehen Sie, lieber