Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 44 (1.11.1901)
- Date
- 1901-11-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 732 Dr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 44 An der Spitze der Sosnowicer jüdischen Gemeinde nnd Ldexvra- Kadischa stehen die Herren Stanislaus Reicher und Dr. N e u f e ld. Herr Reicher wrdmet sich mit besonderem Eifer dem Wohle der Gemeinde und folgt darin dem glänzenden Vorbilde seiner Eltern, besonders seines Vaters, des Nestors der Sosnowicer Gemeinde, Herrn H. Reicher, der unlängst in Schandau bei Dresdn im Kreise seiner zahlreichen Familie die goldene Hochzeit feierte, bei welcher Gelegenheit große Spenden für jüdische Arme gemacht wurden. Petersburg. (Wichtige Senatsentscheidung.) Seit einer Reihe von Jahren ist der augenscheinlich judenireundlich gesinnte russische Senat in seinem Gerechtigkeitssinn sichtlich bemüht, in die den Ansiedelungsrayon umgebende chinesische Mauer Bresche zu legen. Durch eine Reihe von in den letzten drei Jahren von ihm gefällten Entscheidungen hat der Senat dem jüdischen Handwerker im ganzen russischen Reiche eine recht große Bewegungsfreiheit gewährt und gleichzeitig den Begriff „Handwerk" derart ausgedehnt, daß gegenwärtig jeder Jude, welcher sich von seiner Hände Arbeit ernährt und sein Recht den corrumpirten Beamten gegenüber recht energisch zu wahren weiß, überall in Rußland wohnen darf. Daneben hat der Senat des Oesteren den überaus wichtigen Satz ausgesprochen, daß der „vorübergehende" Aufenthalt im Innern Rußlands den Juden überhaupt nicht verwehrt werden darf. Endlich hat der Senat, soviel es an ihm liegt, den Juden den Aufenthalt auf dem flachen Lande ermöglicht. Der Umzug aus dem einen Dorfe nach einem benachbarten Dorfe, falls letzteres dicht in der Nähe des ersteren liegt oder unter einer und derselben Verwaltung mit ihm steht, oder beide ein und demselben Besitzer gehören, ist jetzt den Juden gestattet. Ebenso ist den Juden der vorübergehende Aufenthalt auf dem flachen Lande unbedingt erlaubt. Das Wort „vorübergehend" will der Senat im liberalsten Sinne verstanden wissen. Diese für die Juden überaus wichtige Auslegung des Begriffes „vorübergehend" hat der Senat in einer gegen den Gouverneur von Mohilew getroffenen Entscheidung vom 3. October 1901 vorgenommen. Letzterer hat den Juden Leww, welcher als Holzverfrachter im Dienste eines Gutsbesitzers gestanden hat, für die Dauer des Winters deshalb aus dem Gute ausgewiesen, weil während der navigationslosen Zeit die Beschäftigung des Lewin aufhört und er keinen Grund mehr hat. auf dem flachen Lande zu wohnen. Der Senat erklärte jedoch, daß nur dem betreffenden Gutsbesitzer und nicht dem Gouverneur von Mohilew die Entscheidung darüber zusteht, ob der Lewin auf dem Gute nothwendig sei oder nicht. DerBegriff „vorübergehend" darf keineswegs im Sinne eitler Beschränkung aufgefaßt werden. Rom. (Ein jüdischer Gesandter.) Cavalier de Polacco. bisher Secretär der italienischen Botschaft in Paris, ist zum Vertreter Italiens in Bulgarien ernannt worden. Herr Polacco ist übrigens nicht der erste Jude, der in Italien ein hohes diplomatisches Amt bekleidet. So war Signor Jsacco A r t o m Gesandter Italiens am Hofe zu Kopenhagen und Signor S e g r e bekleidete das gleiche Amt in Peru. Bei der italienischen Botschaft in London war bis zum vorigen Jahre ein Jude, der Graf Hierschel de Minerabi, erster Botschafts-Secretär und hatte als solcher sehr oft Gelegenheit, seinen Chef während dessen Abwesenheit von England zu vertreten und alle Functionen eines Botschafters zu vollziehen Paris. Briefe von einem Zeitgenossen Abrahams, die drei Bände füllen, sind, wie wir in der „Revue Bleue" lesen, soeben von L. W. King bei Luzac in London herausgegebeu worden. Die Schriftstücke sind „Privatsecretären" von Khammurabi dictirt worden, den die Bibel Amraphel nennt und von dem sie wenig wohlwollend spricht, da er als Verbündeter von Kedor-Laomer den Krieg führte. Diese Persönlichkeit, die aus einer Dynastie stammt, die ihren Ursprung im südlichen Arabien, im Lande Saba, hat, wurde der wirkliche Begründer von Babylon. Die Correspondenz des Mannes, die auf Ziegelsteinen gesammelt worden ist. enthält kaum Lücken und ist der beste Zeuge, den man über die Civilisation der alten Chaldäer besitzt. Sie ist auch der Beweis von einer mächtigen Arbeitskraft, von einem ausgedehnten Wlffen und von einer Geschicklichkeit in der Verwaltung bei dem Herrscher, die wahrhaft übörrasch-nd sind. London. (Die Fremdenfrage vor dem Londoner Stadtrath.) Am 15. October b-achte Mr. A. T. Williams, Stadtverordneter für Stepny (Eastlondon), in der Londoner Stadtverordneten-Bersammlung den Antrag ein, den Magistrat aufzufordern, über die Fremdeneinwanderung in England, speciell aber in London Bericht zu erstatten, sowie der Versammlung die Mittel und Wege anzugeben, um die staatliche» Behörden zu veranlassen, die Fremdeneinwanderung zu beaufsichtigen resp. zu verhindern. In der Debatte über diesen Antrag betheuerte der Antragsteller, daß er kein Antisemit sei, er schätze die Juden sehr hoch und wisse deren Verdienst um die Kunst, Wissenschaft und Handel vollauf zu würdigen. Die Frage sei aber keine theologische und richte sich nicht allein gegen die Juden, sondern auch gegen die Deutschen, die Italiener und die Franzosen, welche nach England kämen und den englischen Handlungsgehilfen, den englischen Gastwirth und den englischen Friseur verdrängen. Mr. Alfred L. Cohen bestreitet, daß die Einwanderungsfrage vor das Forum der Londoner Stadtverordneten gehört, da es undenkbar sei, die Fremden von London auszuschließen und sie in Leeds oder Manchester zuzulaffen. Man kann doch nicht London mit einer chinesischen Mauer umgeben, oder die nach London laufenden Eisenbahnzüge unterwegs anhalten und sie daraufhin untersuchen, ob sich unter den Paffagiren nicht etwa einige Fremde befinden. Aber selbst das Reich würde eine große Thorheit begehen, wollte es, um eine Anzahl englischer Arbeiter vor der Concurrenz der Fremden zu schützen, mit der alten Tradition der berühmten englischen Gastfreiheit brechen. Man kann den nationalen Arbeiter nicht schützen, ohne gleichzeitig auch der nationalen Arbeit einen ausgedehntenSchutzzu gewähren. Auf dem von Mr. Williams bezeichneten Wege gelangen wir unvermeidlich zum Schutzzoll. Auf die russischen Juden übergehend, gab Mr. Cohen zu, daß sie für manchen Engländer keine sehr angenehmen Nachbarn sind. Sie sind wenig reinlich und -brechen einen unverständlichen Jargon, allein sie sind sehr fleißig, sparsam und tugendhaft und haben manches verrufene Haus und ganze verrüiene Straßen gesäubert, indem sie die Diebe und die Dirnen aus den Verbrecherhöhlen ausgemiethet und verdrängt haben. Daneben haben die russischen Juden in England zahlreiche neue Gewerbe eingesührt. So haben sie die Mäntelconf'ction und die billigen Herrenkleider in England neug'schoffen nnd?en bisherigen Import dieser Artikel aus Deutschland gänzlich verdrängt. Gleichzeitig haben die russischen Juden der Slieielfabrication üriv der Künsttischlerei in England einen mächtigen Aufschwung verliehen. Alle diese Erzeugnisse, welche England früher aus dem Auslande beziehen mußte und die es sttzt selbst in großen Massen nach seinen eigenen Colonien, sowie nach Nordamerika exportirt, würden mit der Verdrängung der ruffischen Juden mit aus England verdrängt werden. Redner wies zum Schluß auf die Verluste hin, welche die englischen Rheder schon jetzt zu beklagen haben. Bis vor Kurzem habe die Jewish Colonisation Association die von ihr nach allen außereuropäischen Ländern beförderten jüdischen Auswanderer mit englischen Dampfern über England geschickt, jetzt aber, da die englischen Antialienisten einen solchen Lärm schlagen, wandern alle diese Emigranten über Hamburg und Bremen aus. Nachdem auch Mr. S. Strauß gegen den Antrag gesprochen hat, wurde dieser mit ungeheurer Majorität verworfen. London. (Ein jüdischer Gemeindebund) wird in London geplant. Derselbe soll sämmtliche orthodoxen jüdischen Gemeinden umfassen und nebst den gemeinsamen religiösen Zwecken auch wichtigen politischen Zwecken dienen. Sir Samuel Montagu, welcher in der am 20. October stattgehabten Sitzung des „Federation vf Sinagogues" den betreffenden Antrag gestellt hatte, wies auf die wachsende Agitation gegen die Fremdeneinwanderung hin und forderte angesichts des schmachvollen Treibens der Liga der „Englischen Brüder" alle Synagogengemeinden Englands auf, sich der Federation anzufchließen, um mit vereinten Kräften das drohende antisemitische Gespenst zu verscheuchen. Jede sich anschließende Gemeinde soll einen Beitrag von 5 Pfd. St. jährlich zahlen, wofür die Federation ihr gegen Erstattung der Reisekosten einen Prediger, resp. Maggid zur Verfügung stellen wird. Die verbündeten Synagogen, sowie jedes einzelne Mitglied dieser Synagogen würden noch eine ganze Reihe anderer kleinerer nnd größerer Vortheile religiöser und wirthschaftlicher Natur (bei den Versicherungsgesellschaften rc.) genießen. Mr. Hermann Landau: Es ist ein offenes Geheimniß, daß die zu einer blauen Internationale verbundenen Antisemiten des ganzen europäischen Continents enorme Summen aufgebracht haben, um in England eine Anzahl Agitatoren zu füttern und einige sog. „Zeitungen" zu ernähren, welche die Aufgabe haben, in England eine antisemitische Campagne zu unterhalten. Zu geeigneter Zeit wird er