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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-11-01 · 44 (1.11.1901) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
44 (1.11.1901)
Date
1901-11-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 730 Dr. Bloch's WoAxenschrrT Nr. 44 Unter den Anwesenden bemerkte man die Herren Bezirksräthe: kaiserl. Rath Heider, Neustadt!, Wald st ein, ferner Ortsschulrath S. H e i t, Dr. Rappoport, Präsident des jüdischen Bolksvereines, Religionsprofessor Kanitz, Commercialrath Stiaßny, Procurist Siegmund Reik und viele Industrielle. Die Versammlung war trotz des ernsten gewerblichen Charakters sehr angeregt und jeder Besucher derselben durfte die Beruhigung mit nach Hause nehmen, daß der wirtschaftliche Erfolg derselben ein sehr günstiger sein wird. Wien. (Zur Handhabung des Heimatsgesetzes.) In welch brutaler Weise die Wiener Stadtverwaltung gegen die klaren Bestimmungen des neuen Heimatsrechtes ankämpft, zeigt folgendes Beispiel: Herr Hermann G e r t l e r, Hausbesitzer und Fouragehändler im XVII. Bezirk, Paschinggasse 8, der seit 18 Jahren ununterbrochen in Wien ansässig ist, hat am 19. Mai 1900 beim Bezirksamte XVII um Aufnahme in den Wiener Gemeindeverband gegen Erlegung der Taxen auf Grund des neuen Heimatsgesetzes angesucht. Nach wiederholtem Urgiren erhielt der Genannte im Laufe dieser Tage nach lxj2 Jahren den Bescheid, daß der Gemeindeausschuß sein Ansuchen abgewiesen hat. Derselbe hat nunmehr auf Grund des Ersitzungsrechtes die weiteren Eingaben gemacht und wird nötigenfalls bei der k. k. Statthalterei die Beschwerde einbringen. Die Commune Wien schädigt sich selbst, da Herr G e r t l e r zweifellos die Zuständigkeit nun k o st e n l o s erhalten wird. Prag. Geehrter Herr Redacteur! In Nr. 43 Ihrer Zeitschrift vom 25. October war eine Prager Correspondenz enthalten, in welcher ein Herr Adolf Pereles seinen Chef Herrn Hugo Orlik bezichtigt, von ihm entlassen worden zu sein, weil er zur sogenannten Seelenfeier in den Tempel gehen wollte. Da ich Herrn Orlik persönlich genau kenne, erschien mir die Anschuldigung gegen ihn von vornherein unglaubwürdig, und habe ich mir nicht die Mühe verdrießen lassen, der fraglichen Angelegenheit au? den Grund zu gehen. Ihren Prager Lesern sage ich nichts Neues, daß Herr Hugo Orlik nicht nur ein in jeder Hinsicht tadelloser Ehrenmann, sondern auch ein pietätvoller, der väterlichen Religion mit vollem Herzen angehöriger Jude ist. Er läßt keine Gelegenheit vorübergeben, sein Judenthum auch praktisch zu bethätigen; das israelitische Knabenwaisenhaus in Böhmen, dessen Directionsmitglied er ist, nennt ihn unter seinen hervorragendsten Wohlthätern. war er doch nicht nur einer der Gründer dieser Anstalt, sondern er hat sofort sämmtliche daselbst aufgenommenen armen Knaben in großmüthiger Weise mit Kleidern versehen; ebenso widmet er seine Kraft dem Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis in Prag. Kein Armer geht unbeschenkt von ihm, und setzt er damit nur die Tradition fort, die sein seliger Vater geübt, der als Wohlthäter, namentlich der armen Studierenden, allgemein bekannt war. Herr Hugo Orlik (nebenbei bemerkt, ein Bruder des berühmten Malers Emil Orlik), der sich durch seine Intelligenz und seinen Fleiß eine angesehene sociale Stellung errungen hat, hat nie aufgehört, sein Handwerk persönlich auszuüben, und ist es sein höchster Stolz, sich einen jüdischen Handwerker zu nennen. Als solcher ist er ein Freund seiner Angestellten, hilft, wo Hilfe nöthig, und keiner der bei ihm Beschäftigten wird sich vergeblich an ihn wenden. So bat er auch Herrn Adolf Pereles deshalb angestellt, weil er ein stellenloser Familienvater war, hat ihm wenige Tage nach seinem Eintritt 104 Kronen zur Bezahlung des Miethzinses vorgestreckt, ihm nach kurzer Zeit den GÄalt erhöht, ihm bei seinem Austritt mehr bezahlt, als er verpflichtet war, kurz sich in jeder Hinsicht human und wohlwollend gegen ihn benommen. Wenn er trotzdem genöthigt war, ihn zu entlassen, so waren dafür andere Gründe als der Besuch des Tempels maßgebend, Gründe, die zu erörtern hier nicht am Platze sind. Sie werden aus dem Vorangehenden gewiß mit mir der Ansicht sein, daß Jemand, der seine Religiosität so ostentativ hervorhebt und sich als Opfer seiner Glaubensübung hinstellt, ein nicht ganz einwandfreier Gewährsmann ist. Obwohl Herr Orlik einer Rehabilitirung nicht bedarf, werde ich Sie doch bitten, zur Richtigstellung des Sachverhaltes diesen Zeilen Aufnahme in Ihrer Zeitschrift zu gönnen.*) Pilsen, 27. Oktober. Beim Lesen des Leitartikels in Nr. 43 der »Oesterreichischen Wochenschrift" „Der Kampf um die Staatsgrundgesetze" fiel mir eine Begebenheit aus der Zeit der Ministerwechsel nach Ablauf der Aera Taaffe ein, über welche ganz sonderbarer Weise nie etwas in die Oeffent- *) Der Name des Einsenders ist oer Redaction bekannt. lichkeit gedrungen ist. Zwei israelitische juris Doctores, v. F. und P., waren bereits längere Zeit im k. k. Finanzministerium in der Praxis, ohne daß ihrer bei vorgekommenen Beförderungen gedacht wurde. Die beiden Herren, welche sehr distinguirten Familien in Böhmen angehörten, warteten lange vergebens auf ein Avancement, obwohl mittlerweile viele Hintermänner (Nichtjuden) höhere Rangstufen erreicht hatten. Als nun Herr von Plener zum Finanzminister ernannt worden war. dachten die beiden Herren, daß nunmehr die Zeit gekommen sei, wo ihrem Harren und Hoffen auf Beförderung Gerechtigkeit widerfahren werde, da doch Herr von Plener als Mann des Fortschrittes bekannt und anerkannt war, bei dem wohl nur das wahre Verdienst maßgebend sein mußte, um vorwärts kommen zu können. Als nun die Ernennung dieses Ministeriums vollzogen und wieder einige Zeit verstrichen war, ohne daß ihrer gedacht wurde, beschlossen die beiden Beamten, sich persönlich dem Herrn Minister vorzustellen. Sie erschienen zur Audienz bei Sr. Excellenz und trugen ihre Bitte vor. Wer beschreibt aber das Erstaunen der beiden Petenten, als der jahrelange Führer der Fortschrittspartei im Parlamente, der Hort der österreichischen Verfassung und der Staatsgrundgesetze, ihnen eröffgxte, daß sie als Juden von seiner Seite auf keine Beförderung rechnen können. Wenn Sie Carriöre machen wollen, müssen Sie zum Christenthum übertreten. Herr von F. reichte sofort um seine Enthebung vom Amte ein, während Herr P. die Taufe über sich ergehen ließ und nach vier Wochen bereits in einen höheren Rang befördert wurde. Ph. L. Antisemitische Rohheit. Einer unserer Leser aus Retz schreibt uns mit berechtigter Entrüstung : Eine private Angelegenheit führte mich nach Troppau. IchnabmAbsteigequartier im „HotelSchwan", Besitzer oder Pächter Herr Albert Wurst. Am Abend besuchte ich das Gastzimmer und kam zufällig in die Nähe einer der brennenden Lampen zu sitzen. Da kaum hatte ich mich niedergelassen, fiel mein Blick auf eine an der Lampe hängende Verzierung: es war eine Figur, einen polnischen Juden darstellend, mit langem Kaftan, Peies und herabhängendem „Zizes" und zum Ueberfluß einen — Strick um den Hals geschlungen. Man muß wirklich nicht selbst Jude sein, um ein solches Vorkommniß, noch dazu in einem öffentlichen Locale, unerhört zu finden, und es ist kein Zweifel, daß Viele, nicht blos Juden, ein Haus meiden werden, in dem eine so rohe Gesinnung herrscht; aber andererseits gibt es ja leider immer noch Menschen, die wahrscheinlich erst recht Gäste des Herrn Albert Wurst in Troppau fiin wollen. Ob der Mann wohl mit jenem Aushängeschild auf seine Rechnung kommt?? Was möchten wohl die Staatsbehörden und was würde das „Deutsche Volksblatt" sagen, wenn sich z. B. ein jüdischer Gastwirth erlauben wollte, die Figur eines katholischen Geistlichen mit einem Strick um den Hals öffentlich auszuhängen. T. Horowitz. Vom Herrn Julius Bondy, k. k. Hauptmann a.D. und Fabriksbesitzer in Horowitz, werden wir ersucht, die in unserem Blatte vom 18. October a. c. aus Beraun gebrachte Mittheilung nachstehend richtig zu stellen. In der Cultusgemeinde Horowitz sind 48 zahlende Mitglieder, darunter zwei Fabrikanten; die anderen sind Geschäftsleute, welche bedeutende Cultusgemeindebeiträge zahlen müssen, damit der Etat gedeckt wird. Zwei Großgrundbesitzer, die im Bezirke ihren Besitz haben, wohnen stets vom 1. November bis Ende März in Prag und zahlen somit dort ihren Cultusgemeindebeitrag. Der Rabbiner in Horowitz bezieht von der Cultusgemeinde an gesichertem, jährlichen Einkommen X 1700..Außerdem behielt er die anderen Functionen freiwillig, die ihm ca. L 500 jährlich eintragen. Der Herr Rabbiner Urbach hat an die Cultusgemeinde das Ansuchen gestellt, es möge ihm an den hohen Feiertagen gegen eine Remuneration erlaubt werden, ohne Aushilfe vorzubeten. Unwahr ist, daß der Herr Rabbiner am Verföhnungstage ohnmächtig wurde, im Gegentheil, er war den ganzen Tag vollkommen wohlauf und munter. Hokowitz, am 21. October 1901. Julius Bondy Cultusvorsteher. Auch von den Tempelvorstehern Berthold Steinreich und S. Zuckermann, dem Buchdrucker Jos. N. Münz und dem Cassier A. L ö w i t sind uns ähnliche Berichtigungen zugegangen, welche aber die hauptsächlichsten Thatsachen unserer Mittheilung, betreffend die sonderbaren Aemtercumulirungen in dieser Gemeinde nur bestätigen.

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