Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 44 (1.11.1901)
- Date
- 1901-11-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 726 Dr Vloch's Wochenschrift. Nr. 44 Geschenk zugedacht und die ein abergläubischer Diener auf dem geweihten Boden des Friedhofs niedergelegt hat. Das Telegramm rief in der Redaction eine schmerzliche Wirkung hervor. Herr Schwer rief nach einem Dienstmann, der ihm den Koffer wieder heimtragen sollte, Herr Schneider, der pflichteifrig herbeigceilt war, warf voll Wuth den schweren Band Eisenmenger, den er mitgebracht hatte, donnernd zu Boden und wurde erst nach Einflößung einiger Gläschen Cognac ruhiger. Vergani aber lief empört in sein Zimmer, wo er sich erst bei dem Gedanken besänftigte, daß der verlorene Profit vielleicht an dm Einkünften seiner Mitarbeiter hereinzubringen sein werde. Gestern Morgens aber schrieb im „Deutschen Volksblatt" ein Schalk: „Wir sind mit der Aufklärung zufrieden". Wir finden das, aufrichtig gesagt, ein bischen leichtfertig. Wenn die Leichentheile von Anis wirklich einer Mumie angehören, ist das ein Beweis, daß kein Ritualmord vorliegt? Hat die Person, dre als Mumie aufbewahrt wurde, nicht einmal gelebt? Wer sagt uns denn, daß sie eines natürlichen Todes gestorben sei? Wirft nicht vielmehr die Thatsache, daß es eine egyptische Mumie ist, ein überraschendes Licht auf die dunkle Affaire? In Anis und Umgebung gibt es keine Juden, in Egypten aber hat es, wie Jedermann weiß, einmal sehr viele Juden gegeben, und sie sind von dort gerade vor den jüdischen Ostern ausgezogen! Wenn Herr Vergani nicht den Anschein erwecken will, daß ihm Nachforschungen an Ort und Stelle diesmal zu theuer sind, muß er seinen Special-Commissär nach Egypten schicken. Herr Schwer soll wieder einpacken! („Arbt.-Ztg.") Heidnische Antisemiten. Von dem „Wallhall-Gottesdienst", den sich die antisemitischen Alldeutschen in Oesterreich an Stelle des christlichen Gottesdienstes zurechtgelegt haben, entwirft ein Theilnehmer in der Nummer der „Unverfälschten deutschen Worte" vom „16. Scheidings 2014" — die christliche Zeitrechnung hat Schönerer selbstverständlich längst verworfen — folgende Schilderung: „Während von den Thürmen der mit 25 Kirchen gesegneten altehrwürdigen Stadt Salzburg die Glocken heulten, während das gläubige Volk zu Tausenden in die mit Weihrauchduft geschwängerten heiligen Räumen strömte, während tief unten die römische Kirche all' ihren mit geheimnißvollen Ceremonien umgebenen Pomp entfaltete, wurde auf der waldumrauschten Höhe des Kapuzinerberges das erste Mal seit 1500 Jahren, das erste Mal seit den stürmischen Tagen der trotzigen Heruler Odoakers, von einem kleinen, aber wackeren Häuflein deutschbewußter Männer der erste deutsche Gottesdienst abgehalten. Walhall, das herrliche Jenseits, eröffnete sich dem geistigen Auge der Andächtigen, die alten Recken stiegen hernieder, die Männer, in deren Ansturm das gewaltige Römerreich zerbarst, die Helden, deren Tritt die Welt erzittern machte! Mit Thränen in den Augen lauschten die Anwesenden den feurigen Worten des Redners, der in glühender, großartiger Weise den gesammten Leidensgang des deutschen Volkes schilderte, von den Tagen angefangen, da cs seinen alten Gott verließ, bis zu dem Tage, an welchem es die Zügel der Weltlenkung seinem grimmigsten Gegner überließ, und weiter durch die lange Reihe der Jahrhunderte bis in die neueste Zeit. Da loderte die edelste Begeisterung auf in der horchenden (!) Brust, da ballten sich die Fäuste in heiligem Zorne, da stiegen leuchtende Blicke auf zu Allvater, und heiße Gebete für die Zukunft drängten sich aus dem Herzen empor zum Himmel. Stumm reichte man sich, als der Redner zu Ende war, die Hände, stumm blickte man sich in die Augen. Und in dem Drucke der Hände, in dem Blitze der Augen lagen tausend Worte, tausend heilige Eide! Man verstand sich! — Ja, das war ein deutscher, echt- und reindeutscher Gottesdienst! Deutsche Worte, deutsches Gebet und deutsche Lieder." Und worin bestand nun dieser „echt- und reindeutsche Gottesdienst?" Man lese: „Als um 10 Uhr Vormittags die Schaar vollzählig unter den Wipfeln der herrlichen Waldbäume versammelt war, begann die kleine Feier in folgender Ordnung: 1. Gesang Aller: Stimmt an mit hellem hohen Klang (vierstimmig). 2. Vorlesung aus der Geschichte des deutschen Volkes: Heinrich IV. und sein Kampf wider die Päpste. Z. Kunstgesang: Quartett, Rausche, rausche, deutsches Lied. 4. Vortrag: Die Leidensgeschichte des deutschen Volkes (Herr Johann Wagner). 5. Das deutsche Gebet von Hermann. 6. Die Wacht am Rhein. — Nicht in Worte zu fassen ist der gewaltige Eindruck, den diese dem alten, von allen jüdischen und römischen Umkleidungen reinen — deutschen Gotte geweihte Stunde der Erhebung in jedem Einzelnen hinterließ — und es ward manche Thräne getrocknet, ehe man nach beendetem Schlußliede sich anschickte zum Abstiege stadtwärts!" Die Blutlüge turn Könitz. Ei u Gutachten des we stp r e uß i s ch e n Medicinalc o l l e g i u m s. Die Ermordung des Gymnasiasten Winter, dessen Leiche bekanntlich seinerzeit gänzlich zerstückelt in einem Sumpfe nächst der westpreußischen Stadt Könitz gefunden wurde, hat bekanntlich eine wilde, auf der Ritualmordlüge aufgebaute Agitation hervorgerufen. Die Vorgänge in Könitz, wo die Bevölkerung durch gewissenlose Hetzer mit allen erdenklichen .Lügen und Verdächtigungen zu schweren Ausschreitungen getrieben wurde, haben die Aufmerksamkeit der ganzen Welt gefesselt. Die große Reihe von Meineidsprocessen, die sich im Anschlüsse an die Morduntersuchung dort und anderweitig abspielten, gab ein trauriges Bild kaum für möglich gehaltener Culturzustände in einem Rechtsstaate. Jetzt endlich, nach mehr als zwei Jahren, hat auch die oberste westpreußische ärztliche Behörde in dieser Sache das Wort ergriffen und, wie wir schon in Kürze mittheilten, durch ein abschließendes Gutachten die wahnwitzige Mär, als wäre an dem Gymnasiasten Winter ein Ritualmord begangen worden, hoffentlich für immer aus der Welt geschafft. Die Obermedicinalbehörde wurde erst über einen Antrag der wegen Beleidigung der Behörden angeklagten antisemitischen „Staatsbürger-Zeitung" zu diesem Gutachten aufgefordert; wäre es früher erflossen, so wäre vielleicht Manches ungeschehen geblieben. was über einen Theil der Konitzer Bevölkerung schweres Unglück gebracht hat. Das Medicinalcollegium der Provinz Westpreußen besteht aus folgenden hervorragenden Persönlichkeiten: Präsident: Oberpräsident Staatsminister Dr. v. Goßler, Stellvertreter: Oberpräsidialrath v. Barnekow, Mitglieder: Regierungs- und Medicinalrath Dr. Bornträger, Medicinalrath Dr. Kroemer, Profeffor Dr. Barth, Oberarzt der chirurgischen.Abtheilung des Stadtlazareths in Danzig, Professor Dr. Valentin!, Chefarzt der inneren Abtheilung des Diakonissen-Krankenhauses, Veterinäraffessor Preuße, pharmaceutischer Assessor Helm. Das Gutachten besagt: Ernst Winter ist nicht durch den sogenannten „Schächtschnitt" gelobtet worden. Die völlige Blutleere des entseelten Körpers ist vom medicinischen Standpunkt aus leicht erklärlich, da durcb Abtrennung sämmtlicher Gliedmaßen und Oeffnung der Venen. das Blut freien Abfluß hatte und durch das Liegen im Wasser vollständig ausgelaugt worden war. Die Todesursache war Erstickung, und erst nach dem Tode fand die Zerstückelung des Leichnams zum Zwecke der Beiseiteschaffung des Todten, auch die Abtrennung des Kopfes vom Rumpfe statt. Auf den Erstickungstod weist auch der Umstand hin, daß die Lungen des Ermordeten mit Blut überfüllt waren. Es hat immer unbefangene Beobachter gegeben, die aus dem Thatbestande den Schluß zogen, der Gymnasiast Winter, der notorisch ein wüstes Leben führte, sei höchstwahrscheinlich bei einem Ehebruch oder bei einer ähnlichen That überrascht und von einem weit stärkeren Manne erwürgt worden. Dann mag von dem Mörder die Leiche des Gymnasiasten zerstückelt und in den Sumps geworfen worden sein. Jetzt erst dürfte,' was so lange versäumt worden ist, nach der Richtung weiter geforscht werden, die Aufklärung über die Beziehungen Winter's zum weiblichen Geschlecht geben kann. Nach anderthalb Jahren ist dies allerdings schwerer, als es zur Zeit der Entdeckung der Mordthat gewesen wäre. Wie dem auch sei, das Gutachten der höchsten ärztlichen Behörde in Preußen bedeutet eine neue, vernichtende Verurtheilung der antisemitischen Blutlüge, die ja schon längst in den Augen aller Gebildeten gerichtet ist. Könitz und Polna aber bleiben traurige Capitel moderner Culturgeschichte. * * * In einer Versammlung besprach am 24. Oktober 1901 in Berlin im Anschluß an den Konitzer Fall Professor v. Liszt den Werth gerichtlicher Zeugenaussagen. Die Unsicherheit und Gefährlichkeit eines der wichtigsten Theile des Beweismateriales im Strafverfahren, der Zeugenaussagen, sei — erklärte der Redner — eine anerkannte Thatsache. Versuche hätten gezeigt, daß sich selbst bei ganz unbefangenen, intelligenten Menschen zwischen der Wahrnehmung und der Aussage darüber, je nach der dazwischen liegenden Zeit, Vorstellungen geltend machten, die das Bild trübten und den Aus-