Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 44 (1.11.1901)
- Date
- 1901-11-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 44 Dr. Bloches Wochenschrift. Seite 725 Baron Rieger und Professor Masaryk. Baron Ladislaus Doctor v. Rieger, der einstige Demokrat, ist bekanntlich ein großer czechischer Patriot und sein Patriotismus ist ihm gut bekommen. Arier verbluten sich nicht am Patriotismus, ihnen wird er gemeinhin gut honorirt. Der Dr. Rieger aus dem Jahre 1848 ist derzeit Herrenhausmitglied, Baron und reicher Großgrundbesitzer, seine Kinder in wohlhabenden, social bedeutsamen Stellungen. Die Juden, welche in der czechischen Politik thätig waren, haben bis nun keinen solchen Profit davongetragen. Die Herren Bondy, Jnwald, Prof. Zucker, Dr. Z a l u d u. s. w. haben für das Czechenthum und nicht von dem Czechenthum gelebt. Wo hatte Herr Baron Rieger Gelegenheit, schlimme Erfahrungen in dem Sinne mit Juden zu machen, daß sie auf die Politik zersetzend einwirken? Etwa damals, als er im Vereine mit Adolf Fischhof oie Grundzüge eines Ausgleiches zwischen Deutschen und Czecheu ausarbeitete? Das czechische Volk bietet heute das Bild der Zerfahrenheit und der Zersetzung in kleine Parteipartikel. Daß die Juden, welche seit Jahren jedes politischen Einflusses entkleidet sind, die Schuld daran tragen, wird Herr Baron Rieger schwerlich behaupten wollen, dagegen haben Agrarier und Clericale redlich gearbeitet, die großen Parteien zu zerstören und in kleine Theile aufzulösen. Herr Baron Rieger hat noch jederzeit velstanden, der populären Tagesströmung Rechnung zu tragen. Nur ein einzigesmal verließ ihn der richtige Jnstinct, beim Abschluß der berühmten Pünctationen. Die Jungczechen entfesselten einen Bolkssturm gegen ihn uttd alle seine Mannen, nickt blos die Wählerschaaren, sondern auch seine hohen Ofstciere übten Verratb, verließen ihn und gingen zu dem siegreichen Gegner über. Nur ein Einziger blieb ihm treu, der Professor Alois Zucker, der diese Treue schwer büßen mußte. Auch in seiner frühesten Jugend hatte Herr Dr. Rieger eingehend Gelegenheit, die Juden und ihren Charakter kennen zu lernen. Fremd und ungekannt kam er nach Wien mit einer Empfehlung an den jüdischen Banquier von Laemel und Herr Rieger fand in diesem Hause so vielfach Wohlwollen und uneigennützige Förderung, daß es damals eine zeitlang hieß. Herr Dr. Ladislaus Rieger.werde als Schwiegersohn des jüdischen Banquiers seine Tochter heimführen. In seinen alten Tagen aber hat Herr Baron Rieger sein antisemitisches Herz entdeckt. In einem Interview mit dem Redacteur der Zeitschrift „Rozkvit" sprach sich Baron Rieger über die Partei des Prof. Masaryk, über die Kirche und die Juden in nachstehender Weise aus: „Das Losungswort: „Gegen den Feudalismus und Clericalismus!" gaben die Juden aus. Sie wissen, daß der Adel dre Kirche hält und daß dort, wö die Kirche herrscht, sie nicht herrschen können, daß sie dort nichts bedeuten. Daher die liberalen Schlagworte. Die Partei des Professors Masaryk halte ich für ein Unglück für unser Volk. Professor Masaryk ist ein sehr arbeitsamer Mann, ein großer Gelehrter. Aber er geht so vor. als hätte vor ihm Niemand gearbeitet, und ich glaube, er selbst habe sich geäußert, daß er nach Hause kam, „um Götzen zu stürzen". Die Realisten bringen durch ihren Haß gegen den Katholicismus eine Zersetzung ins Volk, und das ist eine jüdische Eigenschaft. Darum habe ich nie gewünscht, daß sich das jüdische Elemxnt mit unserem Volke verschmelze. Wir haben uns rn unseren ärgsten Zeiten ohne sie geholfen, wir werden uns weiter ohne sie Helsen. Ich merke übrigens, daß Professor Masaryk ein persönlicher Feind des katholischen Gottes ist und des katholischen Clerus." Dieses Interview beantwortet Professor T. G. M a s a r y k im „Czas" mit einem offenen Schreiben an Baron Rieger, in welchem es unter Anderem heißt: „Nicht als ob ich über die ernsten Probleme unseres Volkes, die Sie berühren, discutiren wollte — dazu mangelt es Ihnen, wie eben auch Ihr Interview beweist, an Qualification, ich beschränke mich darauf, die Art und Weise Ihrer Polemik auf das Entschiedenste zurückzuweisen. Ihre Art besteht nämlich darin, daß Sie sich herausnehmen, über Dinge und Personen auf Grund unrichtiger Informationen abzuurtheilen, allein, Herr Baron, Sie benrtheilen nicht nur, Sie verürtheilen auch, und das im Namen des Volkes. Gegen diese Art protestire ich, Herr Baron! Es ist unter wahrhaftig gebildeten Menschen nicht Sitte, daß der. Führer einer Nation mit solchen Verleumdungen auftritt, wie Sie es thun. Der Klatsch vom „Stürzen der Götzen", wie jeder Klatsch, widerlegt sich selbst: Die Götzen müssen doch überall gestürzt werden — das versteht sich bei allen gebildeten Völkern schon lange, denn Götzen wird nur auf Altären des Aberglaubens geopfert. Sie, Herr Baron, vermögen freilich nicht zu bewerthen, was wissenschaftliche Arbeit, was wissenschaftliche Kritik bedeutet; Sie. Herr Baron, haben nie vor fremder Ileberzeugiiug Achtung gehabt und darum haben Sie sich erlaubt, in der rein wissenschaftlichen Handschristenfrage patriotisch a b z u st i m m e n. Sie lassen sich eine weitere Verleumdung zu Schulden kommen, wenn Sie über meine religiösen Anschauungen sprechen, „insoweit ich informirt bin." Auch in diesem Falle vernichtet sich Ihre Verleumdung von selbst; denn von einem „katholischen Gotte" und von „persönlicher" Feindschaft gegen den katholischen Clerus zu sprechen, ist. gelinde gesagt, lächerlich, und Letzteres ist überdies ganz falsch. Wenn Ihre Informatoren. Herr Baron, gebildete und anständige Leute wären, so hätten dieselben Sie darüber informirt. daß schon längere Zeit im Katholicismus selbst (auch im czechischen) eine Reformbewegung thätig ist. Sie haben in Kremsier sich sür Diderot begeistert. Sie haben gegen die Kirche gesprochen, Sie haben noch unlängst für die allslavische Liturgie eine Lanze gebrochen, noch jetzt sehen Sie in der Kirche einen Anachronismus, aber Sie helfen sich mit der Wendung, daß sich die Kirche „übrigens" immer angepaßt habe. Nein, Herr Baron, Sie passen sich der Kirche an, und immer haben Sie sich dem angepaßt, was jeweilig populär war. Sie haben sich für die Aufhebung des Adels begeistert (Kremsier), Sie haben sich mit den deutschen Liberalen gegen diesen Adel verbinden wollen (Emersdors), Sie haben gegen die Kirche gesprochen, Sie haben (und nicht blos e i u mal!) die Juden vertheidigt und dieselben sür Ihre Partei und die Nation zu gewinnen gesucht; später und oft rasch hintereinander haben Sie sich dem geraden Gegentheil angepaßt. Sie haben sich dem Adel und den Feudalen ergeben. Sie haben sich der demokratischen Grundsätze entschlagen, Sie vertheidigen Rom und den Antisemitismus gegen die Jude». Herr Baron! Sie erklären, die czechische Volkspartei als ein Unglück für die Nation; demgegenüber erkläre ich für unser nationales Unglück jene Oberflächlichkeit, die wie eine Wetterfahne ohne feste Ueberzeugung hin- und herschwankt. Diese Oberflächlichkeit haben Sie ücts bis heute beschützt — dieser Oberflächlichkeit entgegenzuarbeitcu, hielt, halte und werde ich als meine Aufgabe halten, und ich will jeglichen Aberglauben bekämpfen, zumalen den religiösen, als dessen Vertheidiger im Namen der Kirche und des Katholicismus Sie sich gegen mich mißbrauchen ließen. Prof. T. K. M a s a r y k." Eine bittere Enttäuschung hat oas ..Deutsche Volksblatt" erlebt. Es ist um einen wunderschönen „Nitualmord" und damit um ein paar Extra-Ausgaben und einige tausend Käufer gekommen. Unlängst fanden die Leser des Verganischen Blattes eine Salzburger Meldung unter dem Titel: „W i e d e r e i n m y st e r i' ö s e r M ä d ch e u tu o r d". Sie erfuhren, daß im Friedhöfe des Dorfes Anis ein mit Spagat verschnürtes Paket gefunden worden sei. das Theile einer weiblichen Leiche enthalten habe. Besonders auffallend, hob das Blatt in gesperrter Schrift hervor, sei der Umstand, daß die Leichentheile „schon ziemlich e i ngetrocknet seien". Die geschulten Leser merkten sofort, um was es sich da handle, um so beper, als die Redaction dem Bericht eine Anspielung auf officiclle Vertuschungsversuche angehängt hatte. Doch auch auf der Plantage in der Josefsgasse bei den Kulis des Herrn Vergani hatte das Einlangen der Meldung wirklich eine gewisse Bewegung hervorgerufeu. Namentlich Herr Schwer, der berühmte „Bluthund von Polna", begann aufgeregt zu schnuppern. Der Herr Plantagenbesitzer aber — auf deutsch „Pflanzer" — ertheilte sofort den Auftrag, die hoffnungsvolle Angelegenheit — vorläufig ohne Aufwendung von Spesen — weiter zu verfolgen und für die nöthige Stimmung der Leser zu sorgen. In einem Abendblatt später war denn auch zu lesen, daß die Auffindung der Leichentheile in Anis sehr an den grauenhaften Fund der U e b e r r e st e des unglücklichen Gymnasiasten Winter in Könitz erinnere. Zugleich wurde ein Bericht des antisemitischen „Neuen Münchener Tagblattes" abgedruckt, in dem der Vermuthung Ausdruck gegeben wurde, daß der Mord anderswo verübt worden sei, und daß die Mörder die Leichentheile in die Nähe von Salzburg gebracht hätten, um die Spuren des Verbrechens zu verwischen. Der Schlußsatz lautete: „Die schreckliche Häufung d e rartiger Morde, die alle die gleichen Merkmale an sich tragen und bei denen kein Thäter ermittelt wird, ist sehr, sehr auffallend". Der Artikel des Münchener Blattes hatte jedoch vor Allem schon in der Redaction des „Deutschen Volksblattes" eine colossale Wirkung gehabt. Herr Vergani ging sofort mit sich zu Rathe, ob er den „Ritualmord von Anis" nicht in eigene Regie übernehmen sollte, Herr Schwer lies nach Hause, für alle Fälle seinen Koffer zu packen, und Abgeordneter Schneider wurde in seinem Stannnbeisl mitten im Frühschoppen ans Telephon gerufen, um sein sachverständiges Urtheil abzugeben. Aber die so schön emporgeschossene Hoffnung wurde in ihrem Lenz grausam geknickt. An einem Nachmittag traf in der Redaction des „Deutschen Volksblattes" eine Meldung ein, die feststellte, daß die gefundenen Leichentheile von — einer e g y p t i s ch e n Mumie stammen, die ein Rittmeister dem Salzburger Museum als