Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 44 (1.11.1901)
- Date
- 1901-11-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 44 Seite 723 Dr. Bloch's Wochvnschrist nicht bei Ihnen die meineidigen Generale haufenweise in den Straßen umher? Und Sie, Lord Salisbury, Sie sind der letzte Ueberlebende der großen Männer, welche den Berliner Vertrag unterzeichnet haben,. Sie sind der Erbe des großen Tisraeli — was haben Sie zur Aufrechthaltung des Vertrages, der in Fetzen gerissen ist, gethan? Wie haben Sie die Versprechungen einlösen lassen, die dieser Vertrag den Verfolgten in den „befreiten" Orientländern gemacht hat? Herr Graf Lamsdorff, wenn sie sich als „Volksbefreier" geberden, dann hätte wohl der letzte Tyrann in Afrika das Recht, Ihnen ins Gesicht zu lachen. Ich will Sie nicht erinnern, was in Polen geschieht, aber wie jetzt die Finnen drangsalirt werden, ist das nicht himmelschreiend? Wie die „Andersgläubigen" verfolgt werden, ist das menschlich? Und was den Juden geschieht — ist das nicht ungeschminkte Barbarei? Und Ihr drei edlen Herren zusammengenommen — was geschieht denn in Rumänien? Dort wird eine halbe Million Menschen auf die empörendste Weise drangsalirt: der Existenzmittel beraubt, an der Ausbildung behindert, in ihren Rechten gekränkt, von Polizei und Gericht mißhandelt, ihrer Heimatsrechte verlustig erklärt — sie, die wahren Eingeborenen, die Aeltesten im Lande, werden von ehemaligen türkischen Sclaven als „Fremde" von Grund und Boden Vertrieben und das Alles geschieht unter den Augen des „menschlich" fühlenden Europa, ohne Einspruch der Mächte, welche den Berliner Vertrag gegen die Türkei anrüfen, den sie von Rumänien mit Füßen treten lassen. Das Alles könnte der Sultan antworten, und die Vertreter der drei mächtigsten Staaten Europas müßten dann beschämt an die Brust klopfen und bekennen, daß es in der Türkei kaum ärger zugeht, als in ihren eigenen und anderen „europäischen" Landen. Und wenndann der Sultan hinzufügen wollte, der Berliner Vertrag, auf Grund dessen die Mächte sich in die inneren Angelegenheiten der Türkei einzumischen das Recht ableiten, sei zerrissen, und sei zuerst von Rumänien zerrissen worden, und die Mächte müßten erst die Fetzen zusammenkleben und ihn wiederherstellen, ehe sie sich auf dieses Document berufen, und sie müßten, wenn sie es anwenden wollen, nicht blos gegen die Türkei, sondern ebenso gegen Rumänien und Bulgarien, die es zu allererst mit Füßen getreten haben, in Kraft bringen, was dann Ihr Herren Minister der Culturmächte? Ihr Vertreter des europäischen Rechts? Ihr Bekenner der Religion der Nächstenliebe? Leopold stadter Frauen-Mohllhiiliglrerts- Uererrr und Kaiserin Glisadeth-Krhrmadchen-Kort in Wien. Die bejammernswerthe Lage der Juden Wiens ist wohl im Allgemeinen bekannt; allein von der Intensität des Elends, das unter denselben herrscht, kann sich nur Derjenige einen Begriff machen, der in die traurige Lage versetzt ist, davon Augenschein zu nehmen und sich durch Autopsie Ueberzeugung zu verschaffen. In allererster Linie ist es der ll. Bezirk, wo die Allerärmsten der armenJuden Wiens den Wohnsitz aufgeschlagen haben, und zwar in den meisten Fällen nicht freiwillig, sondern dem Zwange gehorchend. Seit der antisemitischen Aera besteht fortwährend eine Wanderung der brotlos gewordenen Juden von den äußeren Bezirken nach der Leopoldstadt. In denjenigen Stadttheilen, wo der Antisemitismus seine Orgien feiert, mußten alle jüdischen Kaufleute, Gewerbetreibende u. s. w. ihren Erwerb aufgeben, weil sie Knall und Fall die christlichen Kunden verloren hatten. Mehr oder minder gut situirte Geschäftsleute und Professionisten sind dermaßen mit eiuemmale an den Bettelstab gekommen. Alle dieseZGeschäftsleute und Gewerbetreibenden waren Wohl nicht wohlhabend und gutsituirt, allein sie vermochten sich dennoch schlecht und recht fortzubringen. Die meisten von denselben haben zwar den Versuch gemacht, in der Leopoldstadt, resp. Brigittenau, welch' letztere seit Kurzem einen eigenen Bezirk bildet, einen neuen Erwerbszweig zu gründen, sie litten aber dabei kläglich Schiffbruch, weil sie außer Stande gewesen sind, bei der ohnehin großen gegenseitigen Concurrenz der Geschäftsleute ein auch nur halbwegs rentables Auskommen zu finden. Bekanntlich wohnen in der Leopoldstadt, bezw. Brigittenau allein nahezu mehr Juden, als in allen anderen Bezirken Wiens zusammengenommen. Man kann sich daher lebhaft vorstellen, daß daselbst Tausend und Abertausend jüdische Familien am Hungertuche nagen. Fortwährend auf der Suche nach einem Erwerb, baar aller materiellen Mittel, find sie physisch und geistig zusammengebrochen und herabgekommen. Man wird wohl die Glaubwürdigkeit der aufopferungsfähigen und aufopferungsvollen Damen, die als Recherchentinnen in den Wohlthätigkeitsvereinen fungiren, nicht anzweifeln. Diese Recherchentinnen berichten, daß ganze, oft 8—10 Köpfe zählende jüdische Familien die lange Woche hindurch nicht über das trockene Brot verfügen, den Hunger zu stillen, daß diese jüdischen Familien nicht die nothwendige Kleidung besitzen, um sich auf die Straße zu wagen, und die vorhandene, mehr Fetzen als Kleidern ähnlich sehende Garderobe alternirend gebrauchen müssen. Die Woche über können die von Sorge gebeugten Eltern ihren Kindern ein warmes Mahl nicht gönnen, und es gehört zu den Seltenheiten, daß durch die Mildthätlgkeit der Nachbarn am Sabbath eine warme Suppe servirt zu werden vermag. Diese Schilderungen, dürfte wohl hie und da eingewendet werden, scheinen mit dem Pinsel eines Höllen-Breughel gemalt zu sein, doch wie der Satte dem Hungrigen nicht zu glauben vermag, so wird nur Derjenige von der unermeßlichen Nothlage unserer Glaubensgenossen überzeugt sein, der die triste Situation selbst mit angesehen. Zudem naht der Winter mit all' seinen Schrecken. In der warmen Jahreszeit kann man leichter dieses oder jenes Kleidungsstück entbehren und auch mehr und minder auf wärmende kräftige Kost verzichten; bei Kälte und Frost, Wind und Wetter aber muß man ohne schützende Hülle und kräftigere Kost kläglich unterliegen und im Elend verkommen! - Der Leopoldstädter Frauen-Wohlthätigkeitsverein hat es sich zur dankbaren Aufgabe gemacht, soweit es ihm die bedauernswerther Weise unzureichenden Mittel erlauben, dem Elende und der Roth unter den Leopoldstädter Juden nach Möglichkeit zu steuern. Wohl ist dieser Verein der älteste und bestorganisirte Wiens, allein mit der zunehmenden Verarmung unter den Juden find viele Familien, die mit Muth, Lust und Eifer dem Vereine als unterstützende Mitglieder angehörten, selbst unverschuldeter Weise in Nothlage gerathen und haben deshalb derzeit verdienten Anspruch auf Aushilfe. ° Die Anforderungen steigen von Jahr zu Jahr progressiv, während die verfügbaren Mittel bedauerlicher Weise nicht im gleichen Tempo sich steigern. Der Leopoldstädter Frauen-Wohlthätigkeitsverein ist daher bemüßigt, an das jüdische Herz einen warmen und eindringlichen Appell zu richten, ihm bei seiner menschenfreundlichen Mission mit Rath, noch mehr aber mit That kräftig zur Seite zu stehen. Der Leopoldstädter Frauen-Wohlthätigkeitsverein darf diesen Appell umsomehr erheben, als er anläßlich des vor zwei Jahren erfolgten Regierungs-Jubiläums Sr. Majestät des Kaiser Franz Josef I. unseres erhabenen Herrschers auf dem altehrwürdigen österreichischen Kaiserthrone ein „Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchen-Hort" in Wien errichtet hat, das einen namhaften Theil seiner materiellen Hilfsmittel in Anspruch nimmt. Dieser Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchen-Hort ist eine ausgezeichnete Wohlthätigkeits-Jnstitution, die wohl einzig in ihrer Art in Oesterreich und in der ganzen civilifirten Welt ist. Bisher wurden nur jüdische Knaben von einem in Wien ebenfalls wohlthätig wirkenden Vereine dem Handwerke zugeführt. Der Leopoldstädter Frauen-Wohlthätigkeitsverein hat es sich aber zur Aufgabe gemacht, auch jüdische Mädchen aus verarmten Familien unter eigener strenger Controle und mütterlicher Aufsicht aus bilden zu laffen, und, es darf dies mit höherer Genugthuung, mit innerer Befriedigung behauptet werden, dieser Zweig der Thätigkert ist ein Glanzpunkt in der Wirksamkeit des Leopoldstädter Frauen- Wohlthätigkeitsvereines. Derzeit befinden sich in dem Vereinslocale ll.. Obere Donaustraße 65, in allen hygienischen Anforderungen entsprechenden Räumlichkeiten, die eine Sehenswürdigkeit bilden, 24 der Schule entwachsene Mädchen in vollständiger Internatspflege des Vereines, während 36 jüdische Mädchen, für die weder Räumlichkeiten, noch hinreichende Geldmittel vorhanden sind, in externe Pflege gegeben werden mußten. Aber auch diese Externisten werden, so-