Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 44 (1.11.1901)
- Date
- 1901-11-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021430--11264-3035792- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 722 Nr. 44 Dr. Bloch's WochrnfchrifL. mit den- Jahren vom jugendlichen Helden und Liebhaber zu den ernsten, bedächtigen und weisen Rollen der älteren Figuren geschritten, diese Note ist in seinem Spiel geblieben, und selbst den schroMen, männlichen Charakteren weiß er einen leisen Zug von frauenhafter Milde und Huld zu verleihen. Nicht daß er die Wahrheit auf der Bühne verleugnen würde und blutlose Edelwesen erschaffen; er stilisirt nur ganz wenig, formt uur und betont ein bischen und das Natürliche wird schöner, edler, freier, künstlerischer, ohne an Richtigkeit und Bedeutung zu verlieren. So ist er in Wien geworden und so-liebt ihn Wien und mit Wien die ganze kunstschchende Welt. „Der erste Schauspieler deutscher Zunge" wurde er einst genannt, und das ist er bis heute geblieben. Und dem Burgtheater fft er noch überdies der Treueste der Treuen! Von dem Menschen Sonnenthal ist dasselbe zu sagen, wie von dem Künstler: er ist glücklich. Er hat eine liebe Familie und ist zärtlich und wird geliebt; ein sonniger Schimmer vergoldet auch hier jeden Tag und macht ihn zum Feste. Und Freunde besitzt er nah und fern; Alle werden sich dieses Erinnerungstages freuen und ihn feiern und der Bescheidene wird es sich wohl gefallen lassen müssen. Es bleibt speciell für die Leser dieses Blattes nur uoch Eines hiuzuzufügen: Sonnenthal ist Jude, nicht Auch- Jude oder Noch-Jude, sondern wirklich ein treuer Sohn seines Volkes, und nie hat er das verleugnet. Im Gegentheil; er ist der eifrigste Förderer jüdischer Unternehmungen und Bestrebungen und der „Verein zur Conservirung jüdischer Alterthümer" zählt ihn mit Stolz zu seinen Curatoren. So hat er viel erreicht, aber auch viel geleistet und gegeben und der Glückliche verdient fein Glück. Er ist jung geblieben und wird es hoffentlich noch lange bleiben, ihm und uns zur Freude. * * * Der Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde hat au Adolf Sonnenthal nachstehende Adresse gerichtet: Sr. Hochwohtgeboren Herrn Adolf Ritter von Sonnenthal k. u. k. Hofschauspieler, Commandeur und Ritter hoher Orden Wien. Euer Hochwohtgeboren! Ein halbes Jahrhundert ist verstrichen, seit Sie, ein Fürst im Reiche der Kunst, die Schätze Ihres großen Könnens in verschwenderischer Fülle der Oeffentlichkeit bieten. Tausende und Abertausende sind von den Gefühlen der Hochschätzung und Bewunderung für Sie, hochgeehrter Herr, beseelt und wetteifern, den gottbegnadeten Künstler zu feiern. Wir,, der Vorstand der Wiener israelitischen Cultusgemeinde haben aber auch noch einen besonderen Anlaß, uns an dieser Feier zu beteiligen, indem wir mit gerechtem Stolze Sie als einen der Unsrigen, als der Gemeinschaft des Judenthums und unserer Gemeinde angehörend, als warmen Förderer der culturellen Interessen desselben zu begrüßen in der Lage sind. Wollen Sie demnach an diesem Tage auch unseren Glückwunsch entgegeunehmen, den innigen herzlichen Wunsch, es mögen Ihnen noch viele Jahre des Ruhmes und ungetrübten Glückes beschicken sein. Mit dem Ausdrucke der ausgezeichnetsten Hochachtung Unterschrieben vom Präsidium, sämmtlichen Mitglieder:! des Cultusvorstandes und dem Ersten Secretär. Der Grient nnd die Großmächte. Von einem jüdischen Politiker erhalten wir folgende Zuschrift: Seit einigen Tagen ist wieder viel die Rede von Schritten, welche Frankreich bei den Großmächten anregen will, um einen Druck auf die Türkei zur Einführung von Reformen auszuüben. Die Unterstützung des verbündeten Rußland ist der ersten „Culturnation" Europas, als welche sich Frankreich gewöhnlich hinzustellen liebt, sicher, und ohne Zweifel wird sich auch England gern seiner „Culturmission", wenigstens in Europa, erinnern und es nicht ablehnen, die Hand dazu zu bieten, daß in der Türkei „europäische Cultur" die herrschende werde. Sie haben natürlich alle Ursachen zu diesem Schritte? Im Reiche des Padischah geht es recht bunt zu. Er selbst weigert sich, ein paar französischen Wucherern alte Schulden zu zahlen; in Macedonien schneiden sich Albanen, Bulgaren und Serben gegenseitig die Hälse ab, gelegentlich wird auch ein Europäer oder ein Amerikaner von „Räubern" gefangen, und wenn gerade nichts Anderes passirt, geben die finanziellen und die Justizverhältnisse fast täglich Anlaß zu Beschwerden. Ueberdies hat man neuerdings wieder Ursache, sich der armen armenischen Christen anzunehmen, die von den Kurden massacrirt oder von den Vertretern des Sultans ins Gefängniß gelegt werden. Derartige Gräuelthaten müssen natürlich das Entsetzen Europas wachrufen und den Mächten ihre Cultürmission in Erinnerung bringen, sowie die Pflichten, der Vormundschaft, die sie faktisch über den Sultan ausüben, fühlbar machen. Es wird gewiß Niemand eine Einwendung erheben, wenn sich die Gesetze der Menschlichkeit in der Politik so sehr geltend machen, daß die Großmächte die Einmischung in die Angelegenheiten eines fremden Staates nicht scheuen, um diesen zu Reformen im europäischen Sinne. — vielleicht --zu zwingen. Da feiert doch die echte Menschenliebe und wahrhafte Brüderlichkeit der Nationen die reinsten Triumphe. Sollten wir nicht die aufrichtigste Freude empfinden, daß die Brust der europäischen Staatsmänner von so edlen Gefühlen beseelt wird? Soll nicht unser Herz von der Hoffnung erfüllt werden, nun breche auch für Europa das Zeitalter der Menschlichkeit an? Gern würden wir uns diesem beseligenden Glauben hingeben, wenn die von Humanität triefende Action der Mächte — sich nicht blos auf die Türkei beschränken würde. Nicht daß wir nicht aufrichtiges Mitgefühl mit den Leiden der unter türkischem Joch schmachtenden Völkern hätten, wenn aber die Leiden der Völker zum Ausgangspunkte einer Action der Großmächte genommen werden, dann darf nicht der Balkan die Grenze des Mitgefühls bilden, dann darf man nicht Thränen vergießen, weil jenseits des Balkans geraubt und gemordet wird, und gleichgiltig sein, wenn das Gleiche diesseits des Balkans geschieht. Ist das Mitgefühl ein echtes und nicht blos ein heuchlerischer Deckmantel für politische Zwecke, dann muß es in jedem Falle seine Wirkung kundgeben, dann muß es überall sich bethätigen, wo ein Volk unter schwerem Druck seufzt, dann muß man nicht blos die Türkei, sondern auch sogenannte europäische Mächte an ihre vertragsmäßig übernommenen Pflichten erinnern und ihre Erfüllung durch den bekannten „Druck" erzwingen, dann muß man auch in Europa verhindern, daß Menschen um ihres Glaubens willen verfolgt, entrechtet, von Haus und Hof getrieben, der Erwerbsfähigkeit beraubt, an Gut und Blut gestraft werden. Wie wäre es denn, Herr Delcasse, wenn der Sultan Ihnen zur Antwort gäbe, ist denn bei Ihnen zu Hause die Justiz über allen Vorwurf erhaben? Wo sind denn Ihre unabhängigen Richter? Hat nicht bei Ihnen das grausamste Martyrium eines Unschuldigen stattgefunden, und laufen