Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 43 (25.10.1901)
- Date
- 1901-10-25
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021429--11259-3035786- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette 718 Nr. 48 Br» Bwch?s Wvchrnft^rM L. 6. Proßnitz. (Der Neubau der Dr. Brecher- Siechenhausstiftung) gelangt nach langjährigen Berathungen endlich zur Ausführung und besteht die Absicht, den Rohbau noch im Laufe dieses Jahres zur Vollendung zu bringen. Es bedurfte der Anspannung aller Kräfte, die Mittel hiezu zu beschaffen, wobei sich das Vorstandsmitglied Herr Marcus Neumann hervorragend verdient gemacht hat, indem es dessen Bemühungen gelungen ist, die auswärts wohnenden Proßnitzer für die Brecher-Siechenhausstiftung zu interessiren und zu namhaften Capttalszuweisungen heranzuziehen. Für das Gebäude selbst reichen die vorhandenen Barmittel knapp aus, dagegen wäre noch die innere Einrichtung zu beschaffen, und in dieser Richtung hat Herr Marcus N e u m a n n neuerlich eine Action eingeleitet, indem er einen warmen Appell aU die zahlreichen Gönner und Förderer der Dr. Brecher-Siechenhausstiftung richtete, die hoffentlich von bestem Erfolg begleitet sein wird, damit ein modernen Anforderungen entsprechendes Asyl für alte versorgungsbedürftige Proßnitzer Glaubensgenossen geschaffen werden könne. Bielitz. Dem israelitischen Bielitzer Freitischvereine wurde von einem nicht genannt sein wollenden Privatkläger der Betrag von 10 K, welchen der von ihm wegen Ehrenbeleidigung Beklagte im Ausgleichswege als Buße erlegte, gespendet. Zur Nachahmung empfohlen. Beelitz. Im „Kaiserhof" fand jüngst in Anwesenheit etlicher 60 Personen die Gründung einer Ortsgruppe des in Wien bestehenden „Hilfsvereines für die nothleidende jüdische Bevölkerung Galiziens" statt. Bielitz-Biala. Die galizische Statthalterei hat die Wahl des Präses des Cultusvorstandes der Bialaer israelitischen Gemeinde Moritz K o h n zum Mitgliede des k. k. Bezirksschulrathes Biala bestätigt. Lemberg. (Entführung eines Juden Mädchens.) Das Eckenntnißgericht in Neu-Sandez hat den Grundbesitzerssohn Josef H a j d u k wegen Entführung des 17jährigen Judenmädchens Rachel Ring, die er nach Krakau in das Felicianerinnen- Kloster brachte, wo sie sich noch jetzt zur Vorbereitung für die Taufe aufhält, zu einem Monate schweren, mit Fasten verschärften Kerker verurtheilt. Troppau. Der Cantor der hiesigen Cultusgemeinde, Herr Jakob Herz, der seit 36 Jahren im Dienste dieser Gemeinde steht, feierte am 12. d. M. seinen 70. Geburtstag. Aus diesem Anlaffe veranstaltete der Cultusvorstand im Tempel einen Festgottesdienst und brachte dabei dem Jubilar die Glückwünsche der Gemeinde zum Ausdruck. Als sichtbares Andenken an den Tag wurde Herrn Cantor Herz ein in schmeichelhaften Worten abgefaßtes Anerkennungsschreiben überreicht und außerdem widmete ihm die Cultusgemeinde noch ein namhaftes Geschenk. Czernowitz. Bei der jüngsten Sitzung des Radautzer Gemeinderathes wurde über Antrag des Gemeinderathes Josef Kirbus der Profeffor Dr. Salomon Spitzer in Würdigung seiner Thätigkeit als Gemeinderath sowie seiner Beliebtheit als Profeffor, wo er alle Zöglinge ohne Unterschied der Nation und Confeffion liebevoll und gerecht behandelt hat, zum Ehrenbürger der Stadt Radautz einstimmig ernannt. Der Beschluß wurde in allen Schichten der Bevölkerung mit Enthusiasmus ausgenommen. Hamburg. Dr. Cäsar Seligmann, Prediger des hiesigen israelitischen Tempelverbandes, hat einen ehrenvollen Ruf als Rabbiner nach Frankfurt a. M. erhalten. Herr Dr. Seligmann hat sich entschlossen, dieser Berufung Folge zu leisten und wird schon demnächst seinen hiesigen Wirkungskreis verlassen. Während seiner langjährigen hiesigen Amtsthätigkeit hat Herr Dr. Seligmann es verstanden, sich die Sympathien und Werthschätzung weiterer Kreise zu erwerben, so daß sein Scheiden von unserer Stadt überall tief bedauert wird. Adrianopel. (Auszeichnung.) Herr Mordon Benbaffat, Präsident der jüdischen Gemeinde in Adrianopel und des Localcomites der „Alliance Israelite", erhielt den Medschidje- Orden zweiter Claffe. Jassy. (Adeverul.) Das einzige Organ, das in der Judensrage eine wahrhaft gerechte Haltung einnimmt, ist der „Adeverlü"; ein Gerechter in der ganzen rumänischen Journalistik. Wie der „Adeverul" meldet, hat sich ein Bund christlicher rumänischer Studenten gebildet, der die Emancipation der rumänischen Juden betreiben will, damit die rumänische Nation chr auf dem Berliner Congreffe verpfändetes Wort einlöse und nicht wortbrüchig vor ganz Europa dastehe. Feuilleton. Ans dem Aatipschen Keben. Ein Bild von Leo Herzberg-Fränkel. (Fortsetzung) Der junge Mann stand am Fenster und blickte lange sinnend ins Leere; dann wandte er sich um, drückte seinem Gesinnungsgenossen die Hand und sagte entschlossen: „Hier kann ich unmöglich bleiben; ich muß und werde gehen. Lieber sterben als verderben!" Als Henoch Löw von seiner mehrtägigen Geschäftsreise zurückkehrte, fand er sein Heim in voller Zerrüttung. Die Tochter ein Jammerbild, der Schwiegersohn in einem entlegenen Kämmerchen einquartiert; das befreundete Brennerpaar verstört, kein Wort der Begrüßung, das Haus sah aus, als ob ein Todter darin wäre. Die Ahnung eines Unglücks stieg in ihm sofort auf. „Es geht hier etwas vor!", rief er in das Zimmer lretend, wo Esther trauernd saß und beim Anblick des Vaters nicht aufstand. „Etwas Schreckliches!" rief sie. Wuth in Wort und Blick, in übersprudelndem Zorn und mit heftigen Beleidigungen gegen ihren, Gatten, erzählte Esther ihrem bestürzten Vater, wie sie ihn bei den Vorbereitungen zur Taufe im Hause des Pfarrers betreten und daß sie nur der Wachsamkeit ihrer Freundin Scheindel Dwore zu danken habe, wenn sie nicht die Frau eines Meschumeds geworden, da ihn nur noch wenige Tage vor dem Acte der Taufe zu trennen scheinen. Auch ist er bereits ganz anders geworden, nicht mehr gefügig und unterwürfig wie früher, sondern trotzig und verschlossen. Eine Scheidung müsse sofort erfolgen, sonst nehme sie sich das Leben. »Wo ist der Mensch?" brauste Henoch Löw auf. „Wahrscheinlich bei seinem Freunde, dem Pfarrer/ Er war aber nicht beim Pfarrer, sondern in dem kleinen, ärmlich ausgestatteten Zimmerchen, in das er sich vor der Wuth und den Beleidigungen seiner lieblichen Lebensgenoffin geflüchtet und wo er in dumpfem Brüten saß. Beim Eintritt seines Schwiegerpapas, dem die Zornesröthe auf dem Gesichte flammte, stand er auf, ohne ein Wort zu sagen. »Ich weiß, was vorgefallen, Du elender Mensch; versuch es nicht, Dich zu entschuldigen und mich zu täuschen. Wehe Deiner Mutter, daß sie einen solchen Sohn geboren, wehe meiner Tochter, daß sie einen solchen Mann bekommen. Verflucht sei die Stunde, die Dich in dies Haus geführt. Mit Deinem Auszug werden wieder Ruhe und Frieden eintreten. Schnüre Dein Bündel, aber Du wirst erst dann Deine Sachen bekommen, wenn der Get vollzogen sein wird/ Er trat dann ins Lehrzimmer Lutwack's, er schien etwas ruhiger geworden zu sein. »Die Leute paßten nie zu einander", sagte er; „es war eine Strafe Gottes. Jetzt müssen sie rasch auseinandergehen. Ich kann ihn nackt, wie er gekommen, aus dem Hause jagen, aber eingedenk, daß er auch mein Neffe, will ich was für ihn thun und ihm eine Abfertigung von fünfhundert Gulden geben. Sprechen Sie mit ihm und machen Sie der Sache ein schnelles Ende/ Diese Nacht verbrachte Sender im Zimmer seines Freundes, des Melameds, Alles erwägend und Alles besprechend. Der Tag graute bereits, als sie schieden. Es war vereinbart worden, daß die Scheidung sofort durchgeführt werde und der geschiedene Gatte, versehen mit einem kleinen Capital, das Haus seines Schwiegervaters verlasse. Wie die Trauung, wird auch die Scheidung ohne behördliche Intervention und besondere Ceremonie ziemlich rasch durchgeführt. Und dies ist zuweilen ein Glück für zwei junge Menschen, die unglücklicherweise unrichtig an einander geriethen und deren Traum von Glück schnell zerronnen, wie die Ideale, die sie sich gewoben. Es ist ein Ventil für ein unglückliches Eheleben und ein Mittel, die Mißgriffe voreiliger, speculativer Eltern zu corrigiren. Die Ehe, die bei Christen ein unlösliches sacramentales Band ist, welches oft den einen oder anderen Theil, zuweilen auch beide erdrosselt, ist bei den Juden ein Vertrag auf Widerruf, ohne jedoch der anderen an Heiligkeit nachzustehen, somit weniger drückend und erstickend.