Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 43 (25.10.1901)
- Date
- 1901-10-25
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 43 Vr. Bloch » WochenfchrM. Seite 719 Schon am nächsten Tage erschien vor dem Rabbiner des nächsten Städtchens Sender Pereles mit seiner Frau Esther und seinem Schwiegervater Henoch Löw und verlangten die Ausfertigung jenes zwölszeiligen Scheidebriefes. der dem ehelichen Jammer ein Ende machen soll. Der Melamed Chaim Koref und der Brenner Schimon waren als Zeugen mitgekommen. Die ganze Procedur dauerte kaum zwei Stunden, und als der junge Mann, nach einem herzlichen Abschied von seinem einzigen Freunde, dem Lutwack, und einigen Zeilen an seinen geistlichen Lehrer, den Ort verließ, war er frei — frei, aber vollständig allein und heimatlos! Dort, wo die Eisenbahn noch nicht ihre Geleise zieht und der Verkehr sich in alter primitiver Weise abwickelt, behelfen sich die unbemittelten Stände mit einer Art Omnibus, welcher in wenig bequemer Weise, aber billig Personen nach der Hauptstadt und zurück befördert. Schwerfällig gebaut, schwer beladen und schlecht bespannt, bewegt sich dies antidiluvianische Vehikel kaum so schnell,' als ein rüstiger Fußgänger, bietet daher mir den Bortheil, daß das Gepäck untergebracht werden kann. Diese Wagen heißen in Galizien „Budkas" wegen ihrer budenmäßigen Bedeckung mit grober weißer Leinwand, welche zeltartig gegen Regen und Wind schützt und die Aufsicht, blos durch die vordere, backofenförmige Oeffnung gestattet. Hier, in diesem engen Raume, findet man die bunteste Gesellschaft, die man sich denken kann; weniger exquisit als mannigfaltig; wahre ethnographische Musterstücke. Da sitzt auf seinem armseligen Bündel die gebeugte, kraftlose Gestalt eines alten Juden im fetzigen Tclar, das schweißgetränkte Kappel auf dem rasirten Kopse, ängstlich den Blick von einem stämmigen Frauenzimmer abgeweudet, das aus einem grüngestrichenen Holzkoffer sitzt und dessen Verführung er offenbar fürchtet. Weniger rigoros ist ein junger Lehrgehilfe, der seiner Nachbarin stets näher rückt und eifrig bestrebt ist, zu ihr in ein Allianzverhältniß zu treten. Zu einer kranken, hüstelnden und ächzenden Frau, deren Ziel das hauptstädtische Spital ist, steht im Gegensätze ein junges, heiteres Mädchen, das sich zu einer Gutsbesitzerin als Amme verdungen und seine letzte Freiheit dazu benützt, einen lebhaften Flirt mit einem Corpora! zu unterhalten, der aus seinem Urlaub znrückkehrt und auf den Fang von Dienstmädchen eingeübt ist. Ein Bild schweigenden Jammers, sitzt da eine abgehärmte junge Frau der. mittleren Stände, die sichtlich das erste Mal in solcher Gesellschaft reist. Das Schicksal kettete sie an einen Hallunken, der in kurzer Zeit Alles, was sie besaßen, durchbrachte, die nnglückiiche Frau mißhandelte, die nun, von Allem entblößt, zn ihren alten Eltern flüchtet. Und in dieser Gesellschaft befand sich auch Sender, Esther's geschiedener Ehegatte, der es vorzog, draußen neben dem bärtigen Kutscher zu sitzen, als darin im Innern der so bunt bevölke ten Budka. Seine geringen Mittel, mit denen er äußerst genau Haushalten wollte, um eine längere Zeit auslangen. zu können, gestatteten ihm nicht ein minder unbequemes und schnelleres Reifen. Zwei volle Tage dauerte die Fahrt von kaum zehn Meilen, ovschon man früh aufbrach und spät einkehrte. Bald waren die Pferde, die von spärlichem Heu und Häcksel yothdürftig' lebten, müde, bald der Fuhrmann durstig; bald sollte ein Reisender aussteigen und sein Platz unter langem Feilschen besetzt werden; bald mußte eine halbe Ewigkeit vor einer Dorfschmiede gehallen werden, um ein schadhaftes Rad zu repariren — kurz, eine Fahrt, die begreifen ließ, weshalb die Juden vierzig Jahre zur Reise durch die Wüste brauchten. Endlich kam man mit zermarterten Gliedern und wüstem Kopfe bei Nacht und Regen in der Hauptstadt an und fuhr in eine des Reisewagens und seiner Jnsaffen würdige Herberge. Ein gemischtes Volk von Männern, Weibern und Kindern bevölkerte die große ungescheuerte und ungelüftete Stube, an die sich einige kleine Gelasse reihten, deren Betten fast niemals gemacht werden, um die stabilen Insassen, die darin nisten, nicht zu Gunsten der zeitweiligen Miether zu stören."Jm großen Zimmer liegt eine Strohstreu, deren Düfte kein Parsumeur durch die Phiole leitet, für jene Gäste, die sich nicht den Luxus eines eigenen Bettes gönnen können und auf der bereits einige müde Reisende im lauten Schlafe liegen, ungestört durch den rücksichtslosen Lärm der Wachenden und die Böswilligkeit tagscheuer Thiere. Es sind ja die einzigen kampf- und sorglosen Stunden in ihrem freudelosen Leben! (Fortsetzung folgt.) Kriefkasten. k. Commeveialrath Jg. Zucker, Wien. Die Schmähkarte des feigen Lumpen, welcher sich hinter Chaim M. K o h n verbirgt' und ein edles humanitäres Unternehmen zu verärgern und zu verekeln trachtet, soll und darf Sie nicht irritiren. Der Bursche schämt sich selber seiner Niedertracht, und indem er sich feige verbirgt, hat er selber das Urtheil über sich gesprochen. Schriftstellerin N , Breslau. Betty Paoly war zum Chrjstenthum übergetreten und sie ruht auf dem christlichen Friedhof. E. I. in G. Bei den badischen Landtagswahlen haben die Antisemiten ihr einziges Mandat Heidelberg-Land behauptet; sie werden auch fortan in der zweiten Kammer nur durch ein Mitglied vertreten sein. 4l. E. Der Präsident der Bereinigten Staaten, Th. Roofev e l t, hat Herrn M. L o e b in New-Uork zum Secretär der Präsidentschaft ernannt. K. in S. Wahr ist, daß die ganze Geschichte von der Sünde des Königs David und den Vorwürfen des Propheten einen Beweis der erhabenen Sittlichkeit Israels bietet. Denn auch an den Höfen anderer Herrscher hat sich oft Aehnliches zugetragen, ohne daß aber das öffentliche Gewissen wachgerufen worden und das Volksurtheil so streng gewesen wäre, wie in Israel. R. Unter den Wortsührerinnen der Frauenbewegung in Deutschland befinden sich auch Jüdinnen, sie bilden aber nur eine verschwindende Minderheit. Anita (nicht Sarah), Augspurg (nicht Augsburg), ist eine Friesin, Tochter eines evangelischen Juristen, Frau Schulrath C a u e r, Tochter eines evangelischen Pfarrers, Frau v. Witt eine evangelische Württembergerin, Frau v. Ketelhodt eine Aristokratin von altem, evangelischem Geschlecht, Frl. Dr. Raschke evangelisch, Frl. Dr. Helene Stöcker evangelisch, Frl. Pappritz, Tochter eines evangelischen Grundbesitzers. M . . k. Anfragen, deren Erledigung in die Competenz des Orts- oder Bezirksrabbiners fallen, können wir hier nicht erledigen. Dr. v. Schlesinger in W. Herzlichen Dank und Gruß. Danken Sie Gott, daß Sie sich die Begeisterungsfähigkeit für unsere großen Literatnrschöpfungen bewahrt haben. Aber auch Ihre Kritik wäre milder, wenn Sie den Zwang der Verhältnisse kennen würden I. F. Wenden Sie sich gefälligst an den Vorstand der israel. Cnltusgemeinde, welcher die Errichtung der Anstalt übernommen hat. Warnung! Der Vor st and des Hilfsvereines jüdischer A r m e n zu London. (The Board of Guardians for the Relief of the Jewish Poor of London) bringt zur Kenntniß, daß allen solchen unbemittelten Frauen und Kindern, welche unter falschen Erwartungen nutzloser Weise nach London kommen in der Hoffnung, seitens unseres Vorstandes mit Schiffskarten versehen zu werden, um ihren Ehemännern nach Amerika oder anderwärts nachzureisen, in keiner Weise Hilfe geleistet werden kann. Ebenso Männer, welche hierher für die Durchreise nach Amerika kommen, können keine Hilfe erwarten. Es werden daher alle derartig beabsichtigenden Durchreisenden ernstlich und feierlichst gewarnt, sich nicht in unnützes Elend und Leiden zu stürzen, da der Vorstand Ansuchen auf Unterstützung irgend welcher Art unter keiner Bedingung berücksichtigen kann. Außerdem machen wir alle darauf aufmerksam, daß die amerikanische Regierung sehr strenge Gesetze hat und viele Einwanderer zurückgewiesen werden. Männer und Mütter mögen ihrer selbst und ihrer Kinder wegen sich diese Mittheilung zu Herzen nehmen, um sich vor Enttäuschung zu hüten. Im Aufträge M. Stephany, Schriftführer. Aufruf an die geehrten filauhensgeeassen! Am 7. October 1991 brannte unser Tempel zum zweitenmale in dem kurzen Zeiträume von 15 Jahren bis auf den Grund nieder, und sind dabei alle Einrichtungsgegenstände, welche zur Abhaltung des Gottesdienstes dienen, mitverbrannt. Nun stehen wir da, ohne einen würdigen Ort zur Verrichtung unserer Gebete zu besitzen, und sind wir, da durch diese zwei Unglücksfälle die Mittel der Gemeinde vollständig erschöpft sind, leider gezwungen an die bewährte Opferwilligkeit unserer Glaubensgenossen für die Erhaltung der jüdischen Religion zu appelliren. Und da erlauben wir uns, nun auch an die geehrten Glaubensgenossen mit der Bitte heranzutreten, diesem gottesfürehtigen Zweck Ihre edle Unterstützung nicht zu versagen; Die gütigen Spenden bitten nur an den gefertigten Cultusvorstand gefälligst einsenden zu wollen und werden dieselben öffentlich quittirt werden. Mit der Ueberzeugung, dass unsere Bitte nicht abschlägig beschieden wifd, zeichnen wir mit dem innigsten Dank. Für die israelitische Cnltusgemeinde in Teltsch T eit sch, 20. October 1901. dar Cultusvorstaatf Ludwig Herr mann.