Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 43 (25.10.1901)
- Date
- 1901-10-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 48 VL° Vlou^s WochrnMriri Seite 713 Wir werden aus diesem Anlässe seitens des Sekretariates der israelitischen Cultusgemeinde ersucht, im Aufträge des Präsidiums zu constatiren, daß der Beschluß, betreffend Anstellung eines Hilfspredigers, wie aus den Acten hervorgeht, nicht über Anregung des Oberrabbiners, sondern aus eigener Initiative des Vorstandes schon im Vorjahre erfolgt ist. Wien. (Zum neuerlichen Verbot jüdischer Einwanderung nach Palästina.) Wir erhalten folgende Zuschrift: Geehrter Herr Redacteur! In der letzten Nummer der „Oe. W." bringen Sie eine Meldung aus Constantinopel, derzufolge der Sultan am 4. October eine Ordre erlassen habe, durch welche der Aufenthalt fremder Juden in Palästina aufs Neue erschwert wird, und daß man die neue judenfeindliche Jrade des Sultans mit „zionistischen Umtrieben" in Verbindung bringt. Diese Ihre Meldung stimmt zwar wörtlich überein mit den Mittheilungen jüdischer Blätter in Deutschland („Jüdische Presse", „Allgemeine Zeitung des Judenthums"). Nichtsdestoweniger sind diese Mittheilungen mit großer Vorsicht aufzunehmen. Se. Majestät der Sultan hat die Führer der Zionisten wiederholt ausgezeichnet und ihnen öffentlich Beweise wohlwollender Gesinnung geboten. Diese Thatsache reicht hin, um die Insinuation dieses Constantinopler Berichterstatters zu kennzeichnen. Wenn ein Einwanderungsverbot erfloffen ist, so gilt es, lediglich ein zielloses Hinströmen proletarischer Elemente hintanzuhalten und das Emigrationswerk in gesunde Bahnen zu leiten. Hochachtungsvoll K. Wien. (Jüdisches Theater.) In dem jüdischen Theater in den Restaurations-Localitäten E d e l h o f e r, Wien, H., Rothe Sterngasse 7, über das wir unfern Lesern schon mehrmals berichtet haben, wird derzeit ein neues Singspiel: „B l ü m e l e, die Perle von Warschau" aufgeführt, in dem die verschiedenen Mitglieder der Gesellschaft Gelegenheit haben, ihr reiches und vielseitiges Können zu zeigen. Wie immer steht auch da wieder in erster Reihe Frau Sarah K a n n e r, die mit unbeschreiblicher Anmuth und entzückendem Charme den Selig Menagen singt. Diese ausgezeichnete Künstlerin hat in Frau Weinberg eine treffliche Partnerin. Die beiden Damen sangen ein Liebesduett, das au Zierlichkeit und Grazie mit den besten Schäferspielen wetteifern kann. Ihr Spiel und ihr Gesang waren gleich reizend und reicher Beifall lohnte die famose Leistung. Von den Herren boten besonders Herr I. Reißmann und Herr K a n n e r ebenso gute schauspielerische, wie stimmliche Leistungen. Herr Kann er stellte einen Renegaten mit großer Kunst und feinster Charakterisirung dar und in der Wahnsinnsscene war er geradezu bewundernswerth und erschütternd. Herr R e i ß m a n n gab sein Bestes in der ergreifenden Kerkerscene. Auch Herr M. Weinberg als Maxim, Herr Klug als Graf Jablonowicz und Herr S. Weinberg als König fielen angenehm auf. Herr Brandes ist ein trefflicher Säuger und seine schöne Stimme fand in der schwierigen Rolle des Daniel ungetheilten Beifall. Ein Gleiches gilt von Fräulein A x e l r a d als Blümele, die die Hauptpartie geschickt und geschmcckvoll, vor Allem mit schauspielerischem Talent darstellte. Auch die anderen Künstler waren meistens gut und zuweilen sogar vortrefflich, so Fräulein Frühling als Miriam und die Herren Lion und Podsamcze. Das Stück ist eine naive Arbeit, dennoch nicht ohne dramatische Wirkung. Eine Menge Fabeln sind zu einer merkwürdigen Mischung verschmolzen, die Farben sind stark aufgetragen, das Ganz; ein wenig roh, aber es ergreift und packt, und vor Allem die süße, schwermüthige Musik übt einen besonderen Zauber, dem sich das beifallsfreudige Publicum gern hingab. Dem Stücke voraus gingen einige ausgezeichnete Soloscenen und Duette, die nicht nur des humoristischen Eindruckes wegen, den sie hervorriefen, erwähnt werden müssen, sondern auch der großen Naturtreue halber, mit der in ihnen galizianische Typen geschildert werden. Vor Allem ist da Herr Podsamcze zu nennen, der in einem Duette mit Herrn Lion einen chaffidischen Ghettobewohner ganz trefflich darstellte. Frau Klug fand mit tarnt Vorträgen reichen und verdienten Beifall. Das Dreyfus-Lied sang das Publicum zum Theile mit, ein Beweis, wie populär diese Paraphrasirung eines altjüdischen Volksliedes bereits geworden. Herr und Frau K a n n e r sangen ein köstliches Duett „Lise-Klopp". Es wäre schwer zu sagen, wer von diesem ausgezeichneten Künstlerpaar den Vorzug verdient. Beiden sind ein ungewöhnlicher Humor und gute Stimmmittel zu eigen und die Anmuth der Frau K a n n e r wird bei ihrem Mann durch ein unübertreffliches mimisches Spiel ersetzt. Die Lieder Frau Weinberg's sind bereits in diesem Blatte rühmend erwähnt worden. Herr Restaurateur Edelhofer hat sich ein unbestreitbares Verdienst mit dem Engagement der polnischen Sänger erworben, und er bemüht sich in anerkennenswerther und erfolgreicher Weise, seine Gäste außer den Kunstgenüssen auch durch gute Speisen und Getränke an das Local zu fesseln und den Aufenthalt dort zu einem angenehmen zu gestalten. G. Die Juden im Deutschthum. Löbliche Redaction! Der in der letzten Nummer Ihres Blattes enthaltene Artikel: „Sonnenfels, der Mitbegründer des Alldeutschthums", enthält die treffende Schlutzbemerkung: „Wenn man den Dingen tiefer auf den Grund sieht, wird man finden, daß das Deutschthum in Oesterreich und im Reiche draußen dem Judenthum noch viel, viel mehr zu danken hat, als der Schüler Gottsched's (Ionnenfels) für dasselbe geleistet, vielleicht sogar mehr, als die Herren Wolf und Schönerer gethan haben." Es wäre eine dankbare Aufgabe, den Einfluß aufzudecken, welchen die Inden im Reiche auf die Einigung Deutschlands, namentlich aber auf die Erringung der Freiheit gehabt, wie dieselben in dieser Hinsicht, sowie später in wirthschaftlicher, die Rolle des Sauerteiges gespielt haben. Heine und Börne sind die zwei großen Juden, welche mit den Waffen des Spottes, der Satyre, der ätzenden Kritik und des Fceimuthes die bestehenden Verhältnisse unausgesetzt bekämpft und so unendlich viel zur Neugestaltung derselben beigetragen haben. Das zu einer Zeit, wo in christlichen Kreisen noch gar wenig Berständniß für Freiheit vorhanden war, wo Particularismus, Obskurantismus und Knechtseligkeit sie mit Korh bewarfen und ihre besten Absichten stumpfinnig verkannt haben. Heine wie Börne war eine glühende Vaterlandsliebe eigen, so wenig man diese bei Juden im Allgemeinen, bei dem Ersteren im Besonderen gelten lassen will. Wer Heine ohne Voreingenommenheit liest, muß finden, daß aller Spott und Hohn, den er über Deutschland ausgegoffen hat, nicht der Frivolität, sondern dem ernsten, tiefempfundenen Schmerze über dessen Zustände entsprungen ist, was nicht minder, ja in viel höherem Maße, von Börne gilt. Der Kampf ums Nene setzt allemal mit einer leidenschaftlichen und rücksichtslosen Kritik des Alten ein, und Heine wie Börne haben, Jeder mit den ihm eigenen Waffen, aus reinem Herzen eindringlich kritisirt. so eindringlich, daß der deutsche Michel aufzuhorchen und sich den Schlaf aus den Augen zu reiben begann. Als er erwacht war und sich zu regen begann, da war es wieder ein Jude, der ihm die werthvollsten Dienste leistete: Jacoby, der Mann mit dem großen, reinen Herzen, aus dem allein jener Freimuth entspringt, der nicht vor einem Königsthrone zittert. Es mag sein, daß diese historischen Thatsachen den Patent- Deutschen von heute unbeqaem sind, denn sie müßten sie zur dankbaren Anerkennung der unschätzbaren Dienste führen, welche die Juden der deutschen Freiheit und Einheit geleistet haben. Allerdings setzt Dankbarkeit edle Eigenschaften voraus, die dem Racen-Deutschthum von heute fehlen. Indem ich Sie um Veröffentlichung dieser Zeilen ersuche, zeichne ich achtungsvoll S. M. Podersam. Am 19. d. M. feierte der hiesige Rabbiner Herr Rudolf Rychnowsky mit seiner Gemahlin Marie die silberne Hochzeit. Diesen Anlaß benützte die Gemeinde, um dem allseitig beliebten Rabbiner die Verehrung auszudrücken. Anschließend an den Mussafgottesdienst wurde eine besondere Feier vom Vorstande veranlaßt. Das Jubelpaar wurde unter Abfingung des Chorals „Ehre, sei Gott in der Höh'" zum Altäre geleitet, dort hielt der Cultusvorsteher Herr Moriz Löwy an die Gefeierten eine warmempfundene Ansprache, worin er die Verdienste des verehrten Paares würdigte. Sodann überreichten die Herren Tempelvorsteher Israel Sch ick l und Adolf Epstein den von der Gemeinde gewidmeten silbernen Poeal, welcher die Inschrift trug: „Ihrem verehrten Rabbiner die Cultusgemeinde." Tiefbewegt dankte der würdige Seelenhirt, seiner Gemeinde das Gelöbniß erneuernd, seiner Gemeinde nach wie vor mit allen Kräften dienen zu wollen. Auch der Frauenverein hatte aus diesem Anlasse einen prachtvollen Samowar als Ehrengeschenk gewidmet. Depeschen und Glückwünsche liefen zahlreich ein. Budapest. Sechzehn jüdische Abgeordnete sind in das neue Parlament gewählt worden, von welchen folgende neugewählt find: Dr. Bakonyi, Dr. Marczell Btck.