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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-10-25 · 43 (25.10.1901) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
43 (25.10.1901)
Date
1901-10-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 43 Br» Bloch's Wochenschrift. Sette 709 energisch für uns zu agitiren und Mitglieder zu werben. Wenn jedes unserer Mitglieder, deren wir fast 5OOO zählen. es als Ehrensache auffaßt, uns auch nur ein einzigesMitglied neu zuzuführen, so wäre unsere Mitgliederanzahl verdoppelt und wir könnten auf eine Zahl von 10.000, fürwahr etn stattliches Gefolge, blicken, das unseren Bestrebungen erst den rechten Nachdruck zu geben in der Lage sein wird. Und so bitte ich Sie, meine sehr geehrten Herren, noch einmal um Ihre thatkräftige Unterstützung, Ihr Vertrauen und Ihre gütige Nachsicht. Möge es mir vergönnt sein, eine neue ersprießliche Aera zu inauguriren, damit der Verein auch unter meiner Leitung sich meiner verehrten, aufopferungsvollen Vorgänger würdig erweise/ (Anhaltender stürmischer Beifall.) „Frauenhort", Fraurn-Mohtthätigkeitsverein im Kezirke Alsergrund in Mie«. „Rauhe Winde wehen vom Norden und die Sonne scheint nicht mehr!" Wer erinnert sich nicht noch dieses Citates aus dem Jugend-Lesebuche? Der Winter, dieser für unser Klima unliebsame Gast, naht. Die mit Glücksgütern Bedachten sind in der Lage, der rauhen Jahreszeit eine schöne Seite in der wohldurchwärmten Stube abzugewinnen. Für die armen, von der Vorsehung stiefmütterlich Ausgestatteten hat der Winter nur Entbehrungen, Ungemach, Sorge, Kummer und Plage im Gefolge. In einem engen, von Luft und Licht abgeschlossenen Cabinete zusammengedrängt Hausen Vater, Mutter und eine zahlreiche Kinder - schaar. Es ist Morgens; das Familienhaupt ohne Arbeit und Verdienst, niedergedrückt von dem Gedanken: woher Brot für die hungrigen Mäuler schaffen? Die Mutter — mit Thränen in den Angen — mustert ihre Kinder —- es bricht ihr gramgebeugtes Herz, daß sie außer Stande ist, diesen Kindern einen warmen Imbiß zu geben; an sich selbst, die einst bessere Tage gesehen, denkt sie nicht. Die älteren Kinder sollen in die Schule — es fehlt aber an warmer Bekleidung, die vor den Unbilden der Witterung Schutz gewähren könnte. Halbnackt werden sie in die Schule fortgeschickt — mit einer Krumme harten Brotes, die das fürsorgliche Mutterherz aufgespart, als Wegzehrung für die Schule. Die kleinen Kinder müssen in den Betten bleiben, damit sie vor Kälte nicht erstarren; denn die wenigen Heller für ein Körbchen voll Kohle, das dumpfe, feuchtkalte Cabinet zu temperiren, sie sind nicht vorhanden. Vater und Mutter eilen auf die Straße, einen Erwerb zu suchen; der Mann, nm sich im Taglohn etwas zu verdienen, die Gattin, um in der Nachbarschaft einen Verdienst zu suchen. In der Regel gelingt es in den seltensten Fällen, soviel aus dem Verdienen zu bringen, das genügen würde, auch nur den augenblicklichen Bedarf zu decken, den Hunger der jammernden Kinder und den eigenen zu stillen, viel weniger, um die nackten Leiber mit der allernothdürftigsten Kleidung zu versehen und Heizmateriale anzuschaffen, um das kalte Wohnzimmer zu durchwärmen. Jammer, Noth und Elend sind den ganzen Winter über in Permanenz und bringen selbst die arbeitslustigste Familie in eine verzweifelte Situation. Der Verein „Frauenhort" hat es sich zur dankbaren Aufgabe gemacht, der Nothlage, die derzeit in Tausenden und Abertausenden jüdischen Familien Wiens herrscht, nach Thunlichkeit abzuhelfen. Leider ist ihm dies nur nach Maßgabe der ihm zur Verfügung stehenden, knapp bemessenen Mittel möglich. Die einleitenden Bemerkungen über die traurige Lage vieler tausend Familien während des Winters entsprechen noch lange nicht den Schilderungen, welche die Damen des „Frauenhort" zu geben vermögen, die in vorkommenden Fällen die Recherchen bei den Bittstellenden pflegen. Eine kleine Rückschau auf die Leistungen des „Frauenhort" im Vorjahre gibt Zeugniß von der wohlthätigen Wirksamkeit auf dem Gebiete der Humanitätspflege. Im letzten Berichtsjahre wurde« an 1076 Arme rund 13.000 Kronen baar vertheilt, wobei bemerkt werden muß, daß hiebei nicht nur die Armen im IX. Bezirke, sondern auch die Armen aller anderen Bezirke Wiens nach Thunlichkeit bedacht worden sind. Damen des Vereines haben in nicht weniger als 656 Fällen recherchirt und keine Mühe gescheut, um die Bittsteller — oft auch wiederholt — zu besuchen, um ihnen Trost und Hilfe zu bringen. Zu Ostern vertheilten die Damen des Vorstandes persönlich an 194 Familien, die aus 860 Personen bestanden, rund 1800 Kilogramm Osterbrot. Besonders rühmenswerth ist die Curaction des „Frauenhort", die alljährlich einen erfreulichen Aufschwung nimmt; die Gesammtzahl der Cur- und Reisebedürftigen hat im Berichtsjahre die stattliche Anzahl von rund 100 erreicht; zwei armen Familien wurde die Reise nach Amerika, je einer Familie nach London, der Schweiz, München und Nürnberg durch Einhändigung der Reisespesen ermöglicht. Die Spesen der Curbeiträge beliefen sich auf rund 4000 Kronen; durch das Entgegenkommen des gleichfalls wohlthätig wirkenden Vereines „Ferienheim" war es möglich, 8 Männer, 3 Knaben und 79 Frauen und Mädchen aufs Land zu schicken und wurde hiebei die beste Heilmethode erzielt. Der „Frauenhort" ist auch dem „Verbände zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen" beigetreten. Der „Frauenhort" greift überall dort helfend ein, wo es in seiner Macht liegt. Es wurdenmehreren Frauen Augengläser und Bandagen angeschafft; es wurden Hebammen mit Geräthetaschen versorgt, Hausirern durch Entrichtung der Gebühr die Hausirpässe gesichert, für einige Realschüler die Schulgelder bezahlt und einem Realschüler ein namhafter Studienbeitrag zugewendet. Durch das freundliche Entgegenkommen einer Wohlthäterin wurde der Verein in die Lage versetzt, 6 Näherinnen mit gewerblichen neuen Maschinen zu versehen. Zu den erfolgreichsten Actioneu des „Frauenhort" gehört die Auslösung gepfändeter Mobilien verarmter Familien, — in häufigen Füllen wurden die Miethzinse für Verarmte bezahlt, die dadurch vor oem schrecklichen Gespenste drohender Obdachlosigkeit geschützt worden sind. Oesters fiel der Reflex historischer Ereignisse in die Stille des wirkenden Vereinslebens des „Frauenhort": das einemal, da durch den Polnaer Proceß eine mehrköpfige, unschuldige Familie aus einem mährischen Dorfe vertrieben wurde; zum zweitenmale, als im Sommer 1900 Tausende von rumänischen Auswanderern, darunter viele junge Mädchen, donauaufwärts nach Wien zogen. In beiden Fällen hat der „Frauenhort" sich an das rühmliche Wirken der „Israelitischen Allianz" mit einer namhaften Spende angeschlossen. Im Berichtsjahre wurden ferner 200 Kinder bekleidet; 107 Knaben und 93 Mädchen reichlich mit Kleidern, Mänteln, Jacken, Schuhen, Strümpfen, Winterhaudschuhen, — dann Spielereien, Obst, Bäckereien rc. betheilt. Die kostenlose Zustellung der Packete übernahm trotz ihrer stets anwachsenden Anzahl auch diesmal, wie in den Vorjahren, die Firma C. H. Hirsch & Co. in dankenswerther Weise. Die Aenderung der Statuten des Vereines „Frauenhort" hieß auch juridischen Beistand suchen, welchen die Herren Hof- und Gerichtsadvocaten Dr. Alfred Glogau und Dr. Berthold Reif aufs Liebenswürdigste gewährten und so sich den „Frauenhort" zu aufrichtigstem Danke verpflichteten. Der Verein „Frauenhort" hat für seine Mitglieder Seele'nlichtstiftungen creirt. Hierdurch ist durch eine Spende von 200 Kronen das Recht gewahrt, für sich selbst oderverstorbene Angehörige am jeweiligen Todestage für immerwährende Zeiten im Tempel des IX. Bezirkes ein Seelenlicht zu brennen. Bisher wurde das Andenken der Frau Fanny Fröhlich und der Frau Helene Russo auf diese Weise von ihren Angehörigen geehrt. Es würde zu weit führen, den ganzen Complex der Thätigkeit des „Frauenhort" auch nur summarisch wiederzugeben; es soll nur darauf hingewiesen werden, daß der „Frauenhort" eine gottgesegnete Thätigkeit entfaltet, viele tausend verarmte Familien und deren unschuldige, ins Elend

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