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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-10-18 · 42 (18.10.1901) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
42 (18.10.1901)
Date
1901-10-18
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 702 Dr. VLoch's Mochenfttzrist. Nr. 42 Weibe keine Ruhe und die Aussicht, den Gatten ihrer Freundin bei irgend einer strafbaren Handlung zu betreten, stachelte sie zu einer unermüdlichen Wachsamkeit an, die jedem Detective Ehre gemacht hätte. Sie versteckte sich bald da, bald dort, sie schaute nach allen Richtungen aus und entdeckte eines Tagcs, daß Sender den Weg über den Gartenzaun in das Pfarrhaus nahm, ohne es zu verlassen. Was konnte ihn hinführen? Weibliche Wesen, die einen Mann locken könnten, gab es dort außer einer alten, tauben Wirthfchafterin und einer ganz unverdächtigen Köchin, nicht — wem galten somit die heimlichen Besuche? Man stand vor einem Räthsel, aber in der Lösung solcher Räthsel sind die Frauen unverdroffen und unermüdlich. Nach einer schlaflosen Nacht stand die Frau des Brenners auf und sagte zu ihrer Magd, sie solle eine Gans schlachten lassen, sie rupfen, ausweiden und sauber machen. „Heute?* frug Jene erstaunt. „Heute ist ja erst Mittwoch und bis Sabbath — " „Es ist nicht für Sabbath", erwiderte die Frau, „ich brauche sie zu ciiem anderen Zwecke/ Nachmittag lauerte sie dem armen Sünder auf, sah ihn durch das Gebüsch schleichen und ins Pfarrhaus treten. Jetzt holte sie die in weißen Linnen sanft gebettete Gans, ging damit ganz unbefangen in das Haus des Seelsorgers und trat in die Küche. „Liebe Thekla", sprach sie zur Wirthschafterin,„ich hatte heute ein kleines Malheur; denken Sie sich, ich lasse meine fetteste Gans schlachten und da stellt sich heraus, daß sie für uns Juden ungenießbar sei, weil sich eine Stecknadel an der Leber fand. Ich möchte Ihnen diese Prachtgans fast umsonst anbieten". „Wir haben selbst genug Geflügel im Hofe", erwiderte die Wirthschasterin; „ich werde jedoch meinen Herrn fragen, ob ich sie kaufen darf, wenn es so billig ist." „Lasten Sie's, Frau Thekla", versetzte die schlaue Brennerssrau; „es ist nicht der Mühe werth, den Herrn deshalb zu stören, zumal er jetzt, wie ich glaube. Besuch hat." „Bah, diesen Besuch hat er täglich, dieser braucht mich nicht zu geniren." „Wer ist es denn?" „Nun der Schwiegersohn des Pächters, der dem guten Alten so viel Zeit raubt." „Das ist unverschämt. Was macht er denn eigentlich hier?" frug die Spionin im gleichgültigsten Tone. „Lernen thun sie miteinander." „Ah! Lernen?" Die Neugierige kehrte, wohl ohne Gans, aber mit einer werthvollen Entdeckung heim. „Lernen beim Geistlichen thut er!" Es ging ihr nicht aus dem Sinn, es ließ ihr keine Ruhe; in ihrem beschränkten Kopfe spiegelte sich bereits eine Katastrophe ab, der man rechtzeitig begegnen müffe. Wer soll da zuerst alarmirt werden? Esther oder Henoch Löw? Hier soll ihr Mann entscheiden. Vor der Thüre der Brennerei stand just, seine kurze Pfeife rauchend, der Wohlthäter der Bauern, der Erzeuger ihres Nektars, eine Arbeitspause benützend. Schon aus der Ferne rief ihm die Gattin zu: „Schimon! Schimon! komme nur geschwind her!" „Was gibt es?" „Etwas sehr Wichtiges, etwas Schreckliches, Entsetzliches!" „So sag' doch einmal!" „Was soll ich Dir sagen? Ein großes Unglück. Die arme Esther kann sich begraben lassen." „Wirst Du endlich sagen, Du Gans!" „Eben durch die Gans habe ich es erfahren. Ich war mit einer treife gewordenen Gans beim Pfarrer, und wen finde ich dort? Denk dir — Sender; Esthers Mann — Sender. Und was thut er dort, meinst Du? lernen!" „Lernen? Bist Du verrückt?" „Bist Du blöd? Wenn man sich taufen lassen will, muß man ja lernen." „Taufen lassen? Sender? Wahnsinn!" „Ich bin bei vollem Verstände,' aber Sender scheint ihn verloren zu haben. Denk Dir, ein junger Mann aus frommem Hause, ein Talmudbocher und nun ein Schüler des alten Pfarrers!" „Ich halte es nicht für möglich." „Bist ein Kind; mir hat es die alte Thekla gesagt und schon mehrere Mal sah ich ihn, ich selbst, in das Pfarrhaus gehen. Bis heute war ich meiner Sache nicht sich.'r, jetzt ist es klar." „Dann muß man etwas thun", sagte Simon nachdenklich. „Was soll man thun? Nun thue etwas." „Herr Henoch Löw ist verreist —" „Also Esther. Soll ich hingehen?" „Wenn Du der Sache sicher bist. Mache aber keinen Lärm, es brauchen nicht alle Leute zu wissen, was da vorgeht und auch Esther soll nichts thun, bis der Alte zurück ist." Die junge Frau zankte, wie fast immer, mit ihrer Köchin, als die Unglücksbotin bei ihr eintrat und auch dies Mal betraf es eine nicht scharf genug beobachtete, rituelle Vorschrift seitens der betagten Köchin, die einen Topf mit Milch blos eine Spanne weit in die Nachbarschaft eines Fleischtopfes geschoben und zu befürchten stand, der Dampf des Einen könnte sich mit dem Dampf des Andern vermählen. „Wirf das Fleisch vor die Hunde", schrie die fromme Frau, „und gib die Milch der Katze. Menschen dürfen davon nicht essen und nicht trinken!" „Rege Dich nicht auf Esther", sagte die Brennersfrau, in die Stube tretend und das Gesicht in Falten legend, „es gibt weit ärgere Dinge, über die man sichaufregen muß — Dinge bitter wie der Tod. Weißt Du denn, was in der Welt vorgeht?" „Was geht denn vor? Dein Aussehen Scheindel Dwore gefällt mir nicht, Du siehst ja aus, wie der Tischebow." „Schlimmer noch, liebe Esther, denn ein großes Unglück ist im Anzüge, welches Schmach und Trauer über uns werfen wird. Wo ist Dein Mann, Esther?" „Weiß ich, wo er ist? Vermuthlich beim Lutwack, mit dem er zusammen den Talmud lernt." „Schaue hin, ob er dort ist. Ich bin sicher, daß er nicht beim Talmud sitzt, er hat was Anderes vor. Ich habe Dir oft gesagt, einem Manne darf man nicht zu viel Freiheit lassen, man muß immer die S.chnur in der Hand behalten, damit er sich nicht verlauft." . „Aber hier-im Dorfe? Was kann im Dorfe geschehen?" „Auch im Dorfe; einem Manne ist nie und nirgends zu trauen." „Hier gibts ja blos Bauernweiber." „Bauernweiber sind auch Frauen. Aber es handelt sich nicht um diese. Zuerst glaubte ich selbst an irgend eine Liebschaft mit einer Goje, denn ich sah Deinen Mann vorsichtig in das Wäldchen hinter dem Hause schleichen, wie ein Dieb oder Schmuggler, und dort verschwinden. Es wäre schlimm gewesen, aber nicht so schlimm noch wie die Wahrheit, die ich eben herausbrachte." „Mein Gott, was ist's denn", rief Esther entsetzt. „Dein Mann geht heimlich zum Pfarrer." „Zum Pfarrer! Zn welchem Zweck?" „Kannst Du Dir nicht denken? Wozu geht ein Jud zum Geistlichen und lernt dort jeden Tag?" „Großer Gott! Taufen! —" „Taufen lassen. Nichts anderes. Siehst Du nicht, wie er in letzter Zeit den Kopf hängen läßt, scheu den Blick zur Erde kehrt, keine freundliche Miene, kein heiteres Wort mehr hat? Sein Gewissen drückt ihn, er kann Niemandem mehr ins Auge sehen. Du wirst erst glauben, wenn es zu spät und nicht rückgängig zu machen sein wird." „Was soll ich thun?" „Was Du thun sollst? Einen Lärm machen, daß die Wände beben. Packe ihn, daß er nicht loskommen kann, halte ihn fest, daß er nicht einen Schritt gehen, einen Moment abkommeu kann. Reiß ihm die Maske vom Gesicht und versucht er zu leugnen, dann rufe mich." „Komme gleich mit, wir lauern ihm auf, rufe auch Deinen Mann, damit er bei uns ist." Die liebliche Scheindel Dwore übernahm die Führung, ihr Mann und Esther folgten; sie gingen durch das Wäldchen, wie man die Spuren eines Wildes verfolgt. So gelangten sie in die Nähe des Pfarrhauses, das Esther umschlich, um verstohlen durch das rückwärtige Fenster zu spähen. Der Anblick, den sie da hatte, erfüllte sie mit wahrem Entsetzen. An der Seite des Geistlichen saß ihr Mann und hörte aufmerksam auf die Worte des greisen Priesters, der bald aus den vor ihnen liegenden Büchern las, bald auf ihn einredete. Auf einem Tischchen in der Nähe der beiden Männer, stand ein hölzernes, schwarz angestrichenes

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