Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 42 (18.10.1901)
- Date
- 1901-10-18
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021428--11243-3035769- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 42 DL« Visums WOUmWXWUk Seite 703 Cruzifix, zu beiden Seiten große Stearinkerzen und davor ein Rosenkranz mit Elfenbeinkugeln, an den Wänden, die einfach getüncht waren, hingen einige Heiligenbilder, von welchen Jenes, welches Maria mit dem Jesuskinde darstellte, einen Blätterkranz mit Blumengewinde trug. Dies, dachte die bestürzte Frau, sei die Werkstätte, in der Juden zu Christen umgearbeitet werden. Und, uneingedenk der Ehrfurcht, welche die Juden in kleinen Orten, schon aus kluger Berechnung, dem christlichen Seelsorger stets bezeigen und der achtunggebietenden Persönlichkeit des alten Pfarrers, stürzte, bis zum Wahnsinn aufgeregt, die arme Esther in das Studierzimmer, packte, von rückwärts kommend, eines der vor ihrem Manne liegenden, dickleibigen Bücher, schleuderte es heftig'zu Boden und ihn selbst unsanft schüttelnd, schrie sie: „Nach Haus, Meschumed, nach Haus, Du niederträchtiger Sünder, Bösewicht, Gottesleugner, Du Lügner und Berräther!" Sender stand wie eine Bildsäule entseelt da, keines Wortes mächtig und keiner Bewegung fähig; aber in ruhiger Würde trat ihr der Pfarrer entgegen. „Benehme Dich anständig", sagte er, Esther am Arm fassend: Vergiß nicht, wo Du bist. Was hast Du Deinem braven Mann vorzuwerfen?" - „Daß er hier ist!", schrie das Weib im höchsten Zorne. „Ist dies ein Verbrechen?" „Ja; denn hier wird er seiner Religion entfremdet und bereitet sich für den Abfall vor". „Närrin!" sagte der Geistliche, „Du glaubst, alles Denken und Trachten eines Dieners der christlichen Kirche sei blos dahin gerichtet, derselben ein paar Judenseelen zuzuführen und daß ich darauf ausgehe, Deinen Mann abzufangen? Ich bin alt genug, um zu wissen, was so ein Fang werth ist und würde ihm nicht eine Stunde opfern. Mein Unterricht galt nicht, aus Deinem Manne einen Christen zu machen, sondern einen brauchbaren Menschen, der sich eine selbstständige Existenz gründen kann, ohne von Euch abzuhängen". „Was nützen mir Ihre schönen Worte! Mein Mann wird soviel bei Ihnen lernen, bis er verlernt, ein Jud zu sein", kreischte Esther. Komm Du nur nach Hause, Du russlscher Deserteur; dort sprechen wir weiter". Um nicht das Haus seines Lehrers zum Schauplatz weiterer widerlicher Scenen zu machen, folgte Sender, ohne ein Wort zu sagen, gesenkten Hauptes seinem Weibe, das vor Wuth kochte und den Weg, den sie gingen, mit Schimpfen und Flüchen bestreute. Der Brenner und seine Frau begleiteten das Paar. „Da bringe ich den ehrlichen Mann!" rief Esther, als sie ihrer Freunde ansichtig wurde. Um ein Haar wäre er geschmatt. Seine Mutter kann sich auf seinen Kadisch freuen! Gott soll mir helfen, ihn bald loszuwerden. „Dieser Wunsch wird Dir bald in Erfüllung gehen", entgegnete endlich der vielgeprüfte Gatte, zitternd vor Aufregung. „Ich werde die Stunde segnen, an der ich von hier fortgehe." „Und wohin wirst Du gehen, nichtsnutziger Mensch? Beim Geistlichen die Glocken läuten und die Schuhe putzen? Zu was Anderem taugst Du ja nicht, Du Goj!" - „Ob ich Schuhe putzen oder Steine klopfen werde, geht Dich nichts an", erwiderte Sender; „keine Beschäftigung ist so nieder, keine Arbeit so schwer, daß ich sie nicht dem Zusammenleben mit Dir vorziehen würde!" Und in das Zimmer des Lutwack rennend, warf er die Thüre hinter sich heftig zu. „Nun ist das Stück aus!" rief er dem erstaunten Kinderlehrer zu. Ein Ende mit Schrecken. Esther hat mir nachgespürt, hat mich beim Pfarrer überrascht, hat mich in maßloser Weise beschimpft und schwört darauf, daß ich mich für die Taufe vorbereite. Einmal mußte ja doch die Katastrophe eintreten und die Sclaverei ein Ende nehmen, die mein ganzes Wesen erdrückt. Länger kann ich in diesen trostlosen Verhältnissen unmöglich eristiren". „Was gedenkst Du nun zu thun?" „Fort! Scheiden oder sitzen lassen oder diesem elenden Dasein ein gewaltsames Ende machen. Trockenes Brot essen, aber frei und unabhängig sein. Ich muß mir gewaltsam einen Weg bahnen und mich nicht länger von einem Schwiegervater füttern und von der Frau tyrannisiren lassen". „Du chast Recht", versetzte der Lutwack nach einigem Besinnen. „Ich wollte, ich stünde jetzt in Deinem Alter und wäre so weit wie Du, um mit Dir gemeinsame Sache zu machen. Wenn Du die Kette lösen kannst, so mache Dich frei; Du gelangst eher zum Ziele. Hier versinkt man immer tiefer in den Morast. Der Zweck des Lebens kann ja nicht blos der sein: Essen, trinken, schlafen und beten. Du liebst Deine Frau nicht, Du kannst sie nicht lieben; Dein Herz hängt auch nicht sonderlich an dem Kinde, dessen Erziehung dir gewiß entzogen sein und das ebenso sicher in den finsteren Regionen des Chassidismus großwachsen wird; Dein Sinn ist längst aus diesem morschen, wurmstichigen Hause hinaus — nun denn, mache einen kräftigen Ruck und sprenge die Fessel; werde frei und betrete den Weg, der Dich in ein besseres, helleres Dasein führt. Ach, wie wollte ich mit Dir gehen können!" (Fortsetzung folgt.) Neue Bücher: pnL' m niswni refom nao I. nnd N. Von I s a a c S ch m e l k e s, Oberrabbiner in Lemberg. Dieses Werk des berühmten Talmudgelehrten, der gegenwärtig die hervorragendste Autorität unter den galizischen Rabbineu repräsentirt, enthält Responsen über die verschiedensten Materien der talmudischen Literatur. Fachmänner werden den eminenten Scharfsinn des verehrungswürdigen Verfassers ebenso sehr bewundern, wie seine staunenswerthe Gelehrsamkeit und Belesenheit, durch welche der greise Lemberger Rabbiner sich den Gaonim alter Zeiten würdig anreiht. Die zehn Gebote im Sinne des Judenthums und der Kirche von Dr.-Med. K. Lippe. Jassy 1901. Herr Dr. Lippe hat bereits neben sehr intercssanten wissenschaftlichen Studien auch eine Anzahl trefflicher polemischer und apologetischer Schriften publicirt, welchen sich die vorliegende Schrift würdig anreiht. Dieselbe ist nicht blos mit großer Sachkenntniß, sondern auch mit hohem Freimuth abgefaßt. Wir haben diese Schrift mit Nutzen gelesen und können dieselbe wärmstens empfehlen. Dem unermüdlichen Kämpfer sei hiermit der Dank ab gestattet. Jüdisch-Deutscher Dolmetscher. Ein praktisches Jargon- Wörterbuch nebst kurzer Grammatik und Gesprächen, Erzählungen, Redensarten rc., Kalender, Zahl-, Maß-, Münz- und Grwichtstafel. Dritte, völlig neubearveitete Auflage. Herausgegeben von E. Bischofs, Leipzig. Th. Grieben's Verlag (L. Fernau) 1901. mrts n'vnn Ansang des Zieles. Hebräische Fibe nach analytisch-synthetischer Methode vom Rabbiner Oser Weiner, öffentlicher Religionslehrer in Wien, tV., Große Neugasse 13. (Selbstverlag.)' Kriefkasten. L. Der frühere Inhaber des „Deutschen Wirthshauses", Emil Bodek, Schwiegersohn Ahlwardt's, ist als geisteskrank in der Privat- Jrrenanstalt des Dr. Edel in Charlottenburg untergebracht worden. — Irrenhaus oder Zuchthaus, einen dritten Weg gibt es für diese Leute nicht. R. Der L e i b a r z t des Schah, Dr. I. Ed. Polak, ist am 8. October 1890 gestorben. — Rabbi Hirsch Kali sch er, der eigentliche Gründer des Zionismus, starb am 16. October 1875 zu Thorn. — Gräfin Constanza Cosel, die heimliche jüdische Proselytin, lebte am Hofe August II. von Sachsen. Leseverein Skale. Derlei persönliche Auskünfte, wie Sie wünschen, ertheilen wir nicht. K. in Budapest. Während der Ministerschaft Koloman Tisza's wurde 30 Juden der Adel verliehen neben 260 Christen. Durch Baron Banffy erhielten 19 Juden und 133 Christen den Adel. Während der letzten 34 Jahre wurde in Ungarn an 658 Personen der Adelsstand verliehen. Unter diesen 658 Geadelten befanden sich blos 73 Juden. Zur Zeit der Ministerschaft des Grafen Andrgssy erhielten 7 Juden und 40 Christen den Adelsstand. Adolf R. Die „Ostdeutsche Rundschau" entblödet sich nicht, mit dem „Deutschen Volksblatt" in der Fructificinmg des Ritualmordmärchens zu rivalisiren. a. Die Antipathie B i s m a r ck's gegen den Grafen Wälders e e datirte noch aus der Zeit, als der General in den pietistischpolitischen Conventikeln bei Stöcker eine große Rolle spielte. Bismarck genirte sich auch nicht im Geringsten, bei einem gegebenen Anlasse dem General deutlich die Gefühle zu verrathen, die er für ihn hege, K. R. Madame Edmond Adam hat entdeckt, daß der russische Finanzminister Witte den Czaren Nicolaus II. unverschämt betrügt. Sie zählt eine lange Reihe von Finanzunternehmungen an, welcher diese „böse Geist Rußlands" den belgischen, französischen, deutschen,