Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-10-18 · 42 (18.10.1901) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
42 (18.10.1901)
Date
1901-10-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021385-3021428--11239-3035765
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 42 DL. Wvrhrnfchrifk Leite vv!» 50.000 Francs besitzen, und von den 1024 in Constantine eingetragenen jüdischen Wählern sind nur 10 Rentner und 146 selbstständige Kaufleute. Die übrigen müssen sich von Tag zu Tag armselig durchschlagen. Man hat nachgewiesen, daß auch viele Franzosen und Naturalisirte beit Wucher betreiben; so gibt es im Departement Constantine vier Franzosen, darunter einen eifrigen Antisemiten, einen naturalisirten Italiener und einen Araber, die zahlreiche Eingeborene durch Wucher ruinirt und aus ihren Besitzungen vertrieben haben. Man thäte dem algerischen Antisemitismus also eine unverdiente Ehre an, wenn man ihn als sittlichen Entrüstungsausbruch ansehen wollte. Zwischen den Sitten und Bräuchen der Colonisten und der Juden besteht sicher vielfach ein gewaltiger Unterschied; derselbe schwindet aber immer mehr und die Fortschritte der Juden hinsichtlich der Anpassung an die französischen Gesetze und das europäische Leben sind gewaltige. Sie haben bezüglich der Erbtheilung die talmudischen Ueberlieferungen aufgegeben und die einschlägigen Bestimmungen des Cocte civil willig angenommen, sie kleiden sich überall europäisch und die französische Sprache verdrängt unter ihnen immer mehr die hebräische und arabische. Es ist deshalb kein Grund vorhanden, daran zu zweifeln, daß sie in absehbarer Zeit sämmtlich sich europäisiren werden. Wie überall, hat der brutale Antisemitismus seinen Hauptgrund in der Thatsache, daß der Jude nüchtern und fleißig ist und wegen seiner ausgezeichneten Localkeuntnisse und seines Verständnisses für die Wünsche und Bedürfnisse der Eingeborenen dem Europäer. der nach Algerien kommt, als Kaufmann weit überlegen ist. Der Concurrenzneid ist der Enqustecommiffion besonders klar zu Tage getreten, nicht zum welligsten durch die Bekundungen vieler Arbeiter von Algier und Oran, die erklärten, daß sie nur dank dem jüdischen Kleinhandel billig und erträglich zu leben vermöchten. Wie aber von Anfang an festgestellt wurde, ist der Anstoß zu dem algerischen Antisemitismus in politischen Erwägungen zu finden, für die der Ausdruck Sophismen auch ganz gut angebracht wäre. Durch das Decret Cremieux hat eine Masse von 8000 Juden das Wahlrecht erhalten. Die meisten, heißt es in dem Berichte, sind als nicht hinreichend vorbereitet für das politische Leben eine gefügige Gefolgschaft einiger einflußreicher Personen geworden. Man könne nicht in Abrede stellen, daß dies unerträgliche Zustände nach sich gezogen habe; der Großrabbiner von Oran hat das selbst zugestanden und der Vorsitzende des Consistoriums von Oran, von dem der Commission hinterbracht worden war, er verfüge über 1200 Stimmen, verleugnete seinen Einfluß durchaus nicht. Aber selbst seine Widersacher gestehen zu, daß er sich durch sein politisches Wirken keineswegs bereichert hat, sondern daß er dadurch im Gegentheil verarmt ist. Aber dadurch, daß die Juden fast vollzählig auf Commando ihre Stintme abgeben, haben sie die Gegenparteien gegen sich aufgebracht; nachdem diese vergeblich versucht hatten, die jüdischen Stimmen zu gewinnen, traten sie mit der Forderung hervor, das Decret Cremieux abzuschaffen und nahmen zu den gemeinsten, aber stets wirksamen Propagandamitteln ihre Zuflucht, wie Aufreizung des Concurrenzneides der Handelstreibenden, Verachtung für eine niedrige Culturstufe, Racenabneigung u. s. w. So ist, die Frage vom politischen auf das sociale Gebiet gedrängt worden. Und man hat mit diesen Hetzereien eine solche Stimmung hervorzurufen verstanden, daß selbst viele von denen, die sich ehemals der Juden für ihre Politik bedient haben, sie jetzt im Stiche lassen und in das Lager der Mehrheit übergegangen sind. Trotzdem ist die Commission zu dem Schluffe gelangt, daß das Decret Cremieux nicht abgeschafft werden kann. Die große Mehrheit der von ihr Vernommenen hat das gleichfalls erklärt, wenn auch fast alle darüber einig waren, daß das Decret übereilt war und daß man seinerzeit eine Unterscheidung zwischen den bereits europäisirten Juden und den noch an den eingeborenen Bräuchen und Anschauungen festhaltenden hätte treffen müssen. Die Beseitigung des Decrets ist unmöglich, weil die Juden willig die Pflichten übernommen haben, die mit ihrem Wahlrechte verbunden sind, und beispielsweise Militärdienst leisten. Ueberdies wäre es gegen das eigene Interesse des Mutterlandes, diesen 8000 Wählern ifyve fRedjte zu entziehen, da diese stets aus Dankbarkeit für Frankreich, das sie emancipirt hat, regierungstreue und ordnungerhaltende Stimmen abgeben, was man gerade nicht von den 30.000 naturaliiirten Spaniern und Italienern behaupten kann, die noch immer mit ihrer Heimat verbunden bleiben. Der Bericht schließt sehr optimistisch, daß der algerische Antisemitismus im Verfalle begriffen sei und daß man richig, ohne neue Gesetze die Besserung und Festigung der Zustände infolge der allmählichen Wandlung der Sitten abwarten könne. Petersburg. (Heldenthat eines jüdischen Soldaten.) Der „Raswjedzik". das Organ des russischen Generalstabs, weiß von folgender Heldenthat eines jüdischen Soldaten zu berichten: Auf dem Manöverfelde in der Nähe von Wilna sah ein jüdischer Soldat, wie der commandirende General mit sammt seinem ganzen Stabe sich in der Schußlinie eines eben gerichteten Geschützes befand. Es war bereits zu spät, das Unglück durch eine Warnung zu verhüten, und dem jüdischen Soldaten blieb nichts anders übrig, als sich unter Aufopferung des eigenen Lebens auf den General zu stürzen und ihn zur Seite zu schleudern. Ohne einen Moment zu zögern, rannte der jüdische Soldat in den gewissen Tod und riß den gefährdeten General zur Seite, in demselben Moment krachte der Schuß, die Granate platzte und zerriß den heldenmüthigen jüdischen Soldaten in 100 Stücke. London. (Die Juden als Soldaten.) Wie die „Jewish Chronicle" aus guter Quelle erfährt, belief sich die Zahl der in den Reihen des russischen Heeres in China kämpfenden jüdischen Soldaten auf mehr als 5000. Eine einzige Brigade zählte 580 Juden, von denen im Laufe der Campagne 18 gefallen und sehr viele verwundet worden sind. Während des Passahfestes gab General Steffel, welcher damals in der Nähe von Tientsin operirle, seinen jüdischen Soldaten, welche in einer Stärke von 300 Mann unter seinem Commando standen, die beiden ersteren, sowie die beiden letzteren Feiertage frei. Auch ließ er für diese Zeit für seine jüdischen Soldaten zwei große Zelte errichten, von denen das eine als Synagoge, das andere als rituelles Vorrathshaus und Mazzothbückerei diente. Am ersten Tage des Paffahfestes besuchte General Steffel in Begleitung des Obersten Orodnikow und des Oberstlieutenants Rabinen diese improvisirte Synagoge und spendete für dieselbe 25 Rubel. Auch unter dem englischen Contingent in China befanden sich sehr viele Juden, namentlich dienen zahlreiche Juden in der englischen Marine, wo es über 100 jüdische Matrosen geben soll. Sehr zahlreich waren die Juden in dem australischen Contingent, das in Südafrika gekämpft hat, vertreten. Namentlich zählt die Abtheilung von Neu-Südwales so viele Juden in ihrer Mitte, daß mau sie in Südafrika scherzweise das New-South-Wales'sche Contingent nannte. Constantinopel. (Ein neues Einwanderungsverbot in Palästina.) Wie gemeldet wird, hat der Sultan am 4. October eine Orore erlassen, durch welche der Aufenthalt fremder Juden in Palästina aufs Neue erschwert wird. Der Aufenthalt darf unter keinen Umständen länger als drei Monate dauern. Da neue jüdische Einwanderungen in Palästina in den letzten drei Jahren nicht stattgefunden haben, so bringt man die neue judenfeindliche Jrade des Sultans mit den zionistischen Umtrieben in Verbindung. E. B. Wien. (Ehrung für Rabbiner Dr. Adolf S ch m i e d l.) Der „Leopold st ä d t e r Frauenverein und Kaiserin Elisabeth-Mädchen Hort" hat in einer Plenarsitzung beschlossen, dem hochverdienten Senior des Wiener Rabbinates, Herrn Dr. Adolf S ch m i e d l, in dankbarer Anerkennung seines hervorragenden Wirkens insbesonders im Interesse des „Leopoldstädter Frauenvereines" zum Ehrenmitglieds zu ernennen. In Ausführung dieses einhellig gefaßten Beschlusses erschien eine aus zahlreichen, den angesehensten Gesellschaftskreisen bestehende Deputation dieses Vereines unter Führung der Präsidentin Frau kais. Rath Dr. Bertha K o h n und der Schriftführerin Frau Lina Weiß beim greisen Rabbiner behufs Ueberreichung des betriffenden, kalligraphisch ausgestatteten Ehrendiploms. Die Präsidentin Frau kais. Rath Dr. Bertha Kohn hielt eine wohldurchdachte, formvollendete Ansprache au das neue Ehrenmitglied, welche in dem Wunsche ausklang, es möge demselben von der Vorsehung gegönnt stin, sich acl multos et pluiimoä annos vollster körperlicher Rüstigkeit und ungetrübter geistiger Frische zu erfreuen, zum Wohle und zur Zierde der Gemeinde und deren Humanitären Institute u. s. w. Dr. Schmied! dankte in beredten Worten für die ihm bewiesene hohe Ehrung, und versicherte, daß es nach wie vor sein Bestreben sein werde, seine Dienste voll und ganz den Interessen des in hervorragender Weise wohlthätig wirkenden „Leopvldstädter Frauenvereines und Kaiserin Elisabeth-Mädchenhort" zu weihen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.