Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 42 (18.10.1901)
- Date
- 1901-10-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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^r. Bloüfs WochenschrM Nr. 43 Sette 692 mögen es zur Kenntniß nehmen, daß sie keine Chancen haben, im Staatsdienst ihr Fortkommen zu finden. Sie mögen wissen, daß in Beziehung auf sie nicht einmal mehr die Fiction der Gleichberechtigung gewahrt wird, sondern daß ein hoher gerichtlicher Functionär, der Herr Landesgerichtsrath Kallina, es als notorische Thatsache erklärt hat, daß Juden nicht angestellt werden. Wir holen das nach, was eigentlich eine Pflicht der Behörden gewesen, nämlich: diese notorische Thatsache auch der Oeffentlichkeit als notorische Thatsache kundzuthun. Es geht nicht an, diese Thatsache, welche ja von einschneidender Bedeutung für die dadurch Betroffenen ist, ängstlich als Geheimniß zu hüten und so die jüdischen Rechtspraktikanten „hineiufallen" zu lasten, ihre Arbeitskraft durch Jahre unentgeltlich in Anspruch zu nehmen und ihnen daun erst mit der „notorischen Thatsache" aufzuwarten. Im Nachfolgenden die Zuschrift. Der Herr Einsender sagt nach einigen Worten über den bei der Wiener gerichtlichen Oberbehörde mit Consequenz durchgeführten Amtsantisemitismus: „Die unter dem Obergerichts- Präsidenten Krall ernannten jüdischen Richter bleiben sitzen, die damals ernannten Auscultanten wurden sämmtlich durch ständige Präterirung zum Austritte gezwungen, jüdische Justizcandidateu werden ausnahmslos zurückgewiesen. Nur zur Erhärtung dieser Behauptung will ich Einiges aus meinen eigenen Erlebniffen erzählen: Seit April 1899 stehe ich im gerichtlichen Vorbereitungsdienste beim Wiener Oberlandesgerichte. Meine Prüfungen habe ich theils mit sehr gutem, theils mit ausgezeichnetem Erfolge abgelegt; im Amte selbst erwarb ich mir viele Sympathien; man nannte mich wohl auch .die Säule des Bureaus". — Schon im April 1900 waren 30 Auscultantenstellen zu besetzen; die Zahl der Bewerber erwies sich als eine zu geringe, so oaß man unter den neu Eintretenden eine förmliche Agitation einleitete, um dieselben zur Einbringung von Gesuchen zu bewegen. Dennoch konnte man eist im November 1600 — 20 Stellen mit „taugtichen" Candidaten besetzen; ich war nicht darunter. Ich ging zum Personalreferenten, Oberlandesgerichtsrath Seidl, um den Grund der Zurücksetzung zu erfahren. Aus seiner wortreichen Antwort habe ich mir folgenden Satz wohl gemerkt: .Es besteht keinerlei Anstand gegen Sie, aber wir können Juden nicht ernennen!" Diese Antwort beruhigte mich nicht, und im Februar 1901 begab ich mich, zum Herrn Präsidenten Baron Kallina. Dieser ertheilte mir zunächst die Besicherung, daß er — der Oberlandesgerichtspr sident — auf die Auscultanten-Ernennnngeu keinen Einfluß üben kö nie. Als ich mich, jedoch unt dieser Aufklärung nicht zufrieden gab.. sagre er mir im verbindlichsten Tone: „Ich kann die Herren „Israeliten" nicht ernennen; es sind ohnehin früher allzuviel ernannt worden." Ich erlaubte mir die Einwendung, daß man bei solchen Grundsätzen verpflichtet ist, jüdische Bewerber sofort zurückzuweisen oder sie zu in lehren; daß es nicht rühmlich sei, mit dieser iu den Gesetzen nicht ganz begründeten Enthüllung erst nach zwei Jahren mühsamer uno unbezahlter Arbeit hervorzutreten. Darauf antwortete der k. k. Oberlaudesgerichtsp. äsident: »Sie hätten wissen müssen, daß im Wiener Sprengel keine Juden ernannt werden; das ist doch notorisch." Der Herr Einsender gibt sodann seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß es im Jntercffe der jüdischen Rechtspraktikanten liege, den Fall zu veröffentlichen, und schließt mit den Worten: „Für die Richtigkeit des Behaupteten stehe ich mit meiner Person und mit den Zeugniffen ehrenwerther Freunde ein." 4- * * Jmplicite hat Herr Kallina mit seinem famosen Dictum ausgesprochen, daß die Staatsgrundgesetze bei den österreichischen Gerichten notorisch außer Geltung sind. Eine Erkenntniß, die immerhin werthvoll genug ist, um der Oeffentlichkeit nicht vorenthalten zu werden. * * * Das genannte Blatt bringt ferner folgende Mittheilung: „Unter den Augen der Justizverwaltung und mit stillschweigender Genehmigung derselben bildete sich in Wien der Verein „Auscultantia", gewiß die älteste antisemitische Vereinigung Wiens, deren Hauptzweck in der Agitation gegen die Auscultanten bestand. Dieser Verein besteht noch heute mit denselben, womöglich noch verschärften Tendenzen, und es ereignete sich erst vor kurzer Zeit der Vorfall, daß der Präsident dieses Vereines einen Landesgerichtsrath deswegen zur Rede stellte, weil der Landesgerichtsrath einen Juden als Gast zu einer Vereinsunterhaltung mitgebracht hatte. Glücklicherweise konnte sich der Herr Rath rechtfertigen und den Nachweis erbringen, daß der betreffende des 'Judenthums Verdächtige ein Justizbeamter rein arischer Abkunft sei. Die Gründer dieses ethisch so hochstehenden Vereines nehmen heute hervorragende Stellen im Justizdienste ein, sie sitzen an den maßgebenden Plätzen in der ersten und zweiten Instanz, sowie im Justizministerium und bringen nun die Pcinc pien, die sie durch viele Jahre im Kleinen geübt, im Großen zur Geltung. Die hohen Herren der siebenten und sechsten Rangsclasse besuchen noch heute ziemlich oft die Symposion der „Auscultantia" und haben ihre Freude daran, wie stramm antisemitisch sich die jungen Herren entwickeln. Ein Wermuthstropfen im Freudenbecher war es allerdings, daß einige Herren der Corona sich auch Herausnahmen, deutsch-national-antisemitisch zu sein; da klopfte man ihnen ein bischen auf die Finger, und Alles ist wieder reuig zum Geschäftsantisemitismus zurückgekehrt". Arische Rechtsgleichheit. Wien, 15. October 1901. Geehrte Redaction! Auch ich will Ihnen einen Beitrag liefern, wie es den Juden in Oesterreich geht. Es handelt sich nämlich um die Verleihung von milriärärztlichen Stipendien. Ich hatte Heuer nach der Matura um das Stipendium eingereicht, war aber abgewiesen worden, wie ich von vielen Seiten hörte, nur deswegen, weil ich Jude bin. Beweise dafür: Ich habe einen Onkel beim Militär, der den Stabsarzt befragte wegen des Stipendiums und zur Antwort erhielt: Es ist ganz aussichtslos, daß ich das Stipendium bekomme, weil seit neuester Zeit Juden überhaupt nicht das Stipendium erhalten. Ich kenne einen Mediciner, dessen Bruder bekannt ist mit dem Referenten über diese Stipendien. Der Referent sagt das Gleiche. Ferner wurde ein Jude, der mit Auszeichnung maturirt hatte, mit dem Vermerk abgewiesen, daß kein Stipendium mehr da sei. Darauf reichte ein Christ ein, der es anstandlos erhielt. Schließlich sagte mir mein Gymnasialdirector, ich dürfte das Gesuch wegen meiner Confession nicht bewilligt bekommen. Heuer erhielten das militärärzlliche Stipendium 72 Studenten. Es wäre interessant, zu wissen, ob darunter ein Jude war. „Mit Gut und Blut fürs Vaterland", soll auch der Jude sagen. Auf dem Schlachtfelde soll auch der Jude sein Leben lassen. Nach dem Gesetz sind alle Bürger gleich. Wo ist da die Gerechtigk.it. Wenn das Eine verlangt wird, warum ist der Staat nicht allen Oesterreichern gegenüber gleich. Nachdem ich heuer zum ersten Mal an der Universität bin, so interessirte ich mich für die einzelnen Studentenverbindungen. Da ich kein Zionist bin, so erkundigte ich mich über die liberalen, das sind deutschfortschrittliche, Verbindungeü. Da erfuhr ich demr, daß Juden nur in sehr beschränkter Zahl ausgenommen werden, damit der „deutsche Charakter" gewahrt würde. Ja, sogar jüdische Studenten, die doch bei einer solchen Verbindung sind, stimmen aus dem angeführten Grunde dagegen, wie dies bei der „deutsch-- akademischen Lese- und Redehalle" der Fall ist. Für heute genügt dies. Mit vorzüglicher Hochachtung zeichnet ergebenst E. K., Mediciner. Zwar kein Talent, dafür aber auch kein Charakter. (Aus der liberalen „Reichenberger Zeitung.") Wir kennen einen Reichsrathsabgeordneten, der seit 1873 im Abgeordnetenhause sitzt. Ursprünglich der Verfassungspartei attgehöcig, betheiligte er sich später an der Gründung des Fortschrittsclubs im Reichsrathe, schloß sich hierauf der vereinigten Linken an, trat dann in den deutschen Club ein, ging sodann zur deutschnationolen Vereinigung, hierauf zur deutschen Volks- Partei über, wurde dann Wilder und gehört jetzt der alldeutschen Vereinigung an. Mehr kann man doch innerhalb weniger Jahre im Wechsel der politischen Ueberzeugung, in der Fahnenflucht von der einen und im Uebertritte zu den anderen Parteien nicht leisten — erst liberal, dann national, jetzt radical! Dieser Mann, der die seltene Schmiegsamkeit besitzt, seine politischen und nationalen „Gundsätze" nacheinander verschiedenen Parteien anzupaffen, ist der Abgeordnete der Stadt Eger, Dr. Ernst B a-