Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 41 (11.10.1901)
- Date
- 1901-10-11
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 686 jpz, Llvch's WochsnschrifL Nr. 41 schäftigung wieder gegeben. Esther war die Erste, die die Festesstimmung abgeschüttelt, nüchtern Sinnes das Hausregiment ergriffen und die gelockerte Disciplin bei den Kindern und Dienstboten wiederherstellte. Aber auch der junge Gatte entging demselben nicht; sie beaufsichtigte sein Thun, sie cvntrolirte seine Talmudstudien, seine Gebete, die Einhaltung der rituellen Vorschriften. Der eben geschloffenen Ehe fehlte die Blüthe, der Duft, der Sonnenschein; ein arktischer Himmel spannte sich über das Leben des Paares, von dem der schwächere Theil herrschte, der stärkere duldete. An das Studium fremder Sprachen und profaner Wissenschaften war vorläufig nicht zu denken, da Esther alle Augenblicke erschien, bald mit einer Frage, bald mit einer Mittheilung, bald mit einem Leckerbissen, jedesmal aber mit einem kritischen, forschenden, - mißtrauischen Blick, und nur bei seltenen Gelegenheiten konnte Sender mit Hilfe des Lutwacks einen Einblick in die ihm verschlossene Welt thun, und dieser Einblick z»igte ihm, wie weit zurück er geblieben und wie viel Zeit erforderlich. um dorthin zu gelangen, wo ihm das angestrebte Ziel winkte. Dies Ziel war die Selbstständigkeit. Zum Glück wurde es Sommer; die Bäume belaubten sich, die Felder grünten und blühten und jo konnte Sender der Aufsicht seiner ewig nörgelnden Frau entfliehen, um im Schatten einer Linde oder hinter einer verschwiegenen Hecke versteckt einem weltvergeffenen Selbstunterrichte zu obliegen. Freilich ist es eine schwierige Aufgabe, ohne fremde Anleitung und Führung den Serpentinenweg der Grammatik emporzuklimmen und sich in den verschiedenen Disciplinen anzusiedeln; aber einem zielbewußten, ehernen Willen ist Alles erreichbar und die Autodidakten sind nicht immer die Marodeure, die da nachhinken, man sah vielmehr schon Biele, die voranstürmten und zu Wegweisern auf dem Gebiete der Wiffenschaft wurden. An der Tafel der öffentlichen Lehranstalten wird der Nährstoff in kleinen Portionen ausgetheilt und langsam verzehrt, während bei älteren Personen, die mehr Eile haben, die Wißbegierde ganz unglaubliche Quantitäten der Vorgesetzten Lehrstoffe ausnimmt und sich asfimilirt. Kaum lesensfähig geworden, greift der Autodidakt zu Schiller, schwärmt für Don Carlos, verschlingt »Wilhelm Meisters Lehrjahre", delectirt sich an, »Nathan der Weise" und zermartert seinen Verstand an Kant's »Kritik der reinen Vernunft". Seine früheren durch Talmudstudien geschärften geistigen Werkzeuge setzen überall mit Erfolg an und dies mag auch einer der Gründe jenes mißgünstigen Antisemitismus sein, dev die Ueberlegenheir der Juden, ihre ernste Ausdauer, ihr unverdrossenes Streben fürchtet und haßt. Anfangs langsam und schwierig, schritt Sender dann rascher vorwärts, jede unbewachte Stunde, jede freie Minute, allein oder im Verein mit dem Lutwack zu Studien benützend, die immer mehr seinen Horizont erweiterten und seinen Standpunkt erhöhten. Eines Tages, als er ganz vertieft in ein Buch unter einer mächtigen Linde saß und nicht die leisen Schritte im Grase hörte, die sich ihm näherten, stand plötzlich vor ihm eine breite, dunkle Gestalt — der junge Manu fuhr erschrocken auf und blickte in das gutmüthige, freundliche Gesicht des greisen Pfarrers, der ihn anlächelte. Der alte Herr war eine allgemein beliebte Persönlichkeit und galt als Gelehrter. Im Hause Henoch Löw's verkehrte er seit Jahren in fast freundschaftlicher Weise. Vorurteilsfrei, fand er im Pächter einen Mann von geradem Charakter, lobenswerthen Eigenschaften und in den Vorschriften seiner Religion bewandert, was den gelehrten Geistlichen intereffirte. Auch mit dem Hauslehrer Koref pflegte er gelegenheitlich über Sprache und Gebräuche zu discutiren und sogar mit Esther, die wegen ihres harten schroffen Wesens Niemandem sympathisch war, verkehrte der humane Priester in ziemlich zuträglicher Weise. Dieses gute Verhalten des geistlichen Herrn gegenüber der jüdischen Familie übte einen günstigen Einfluß auf die gesammte Bauernschaft des Dorfes, die zu den Pächtersleuten in guten Beziehungen stand, und wucde durch keinen Religions¬ oder Racenhaß getrübt, wie er später, namentlich dort, wo die Pfaffen als Blutapostel hetzten, die Bevölkerung auseinanderriß. »Ah, da ist ja unser Schwiegersohnrief er jovial. »Was macht man hier in Schatten und Verborgenheit?" Und dabei nahm der Pfarrer dem bestürzten jungen Manne die Bücher aus der Hand, warf einen Blick auf die Titelblätter und sah mit einem Ausdruck des Staunens und der Verwunderung auf den armen Sender, der da stand, wie ein in flagranti ertappter Verbrecher. »Wie kommen Sie zu diesen Büchern?", frug der Geistliche. »Der Herr Koref hat sie mir geliehen", erwiderte jener schüchtern. »Auch der also? Zwei Verschworene gegen die Hausgesetze der Frau Esther! Und Sie studiren so ganz allein gleichzeitig deutsch und lateinisch?" Sender nickte bejahend. ^Niemand weiß es?" »Außer Koref Niemand, und ich bitte sehr —" »Nichts zu besorgen, im Gegentheile verdient dieses Bestreben alle Unterstützung, die Ihnen von mir auch werden soll. Besuchen Sie mich täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen, ich werde Ihnen helfen, gerne helfen. Es wird für mich in dieser Bauernumgebuug ein Labsal sein, wieder einmal ein lateinisches Lehrbuch und einen deutschen Classiker aufzuschlagen. Das Meiste ist bereits verdunstet, man verbauert und versauert, wenn man ein halbes Jahrhundert fast in so einem vergessenen Dorfe lebt; aber was ich noch weiß, das bringe ich Ihnen bei. Sie werden rascher vorwärts kommen und mein Tagwerk eine Abwechslung haben." »O, wie danke ich Ihnen!", rief Sender in tiefer Bewegung. »Sie werden mir ein Wohlthäter sein. So ganz allein, ohne jede Anleitung und Unterweisung, ohne genügende Bücher, ohne Tadel und Lob, sich forthelfen zu müssen, ist eine schwierige und sehr langwierige Aufgabe, an der man zuweilen verzweifelt. Neben Ihnen werde ich sicher und rasch vorwärtskommen und, fo Gott will, mein Ziel einst erreichen." »Sagen Sie mir, lieber Freund, wozu lernen Sie eigentlich Latein?" »So recht weiß ich es selbst nicht. Der Herr Koref sagte mir, daß Latein der Schlüssel ist, der nach allen Richtungen die Thür öffnet. Wenn man Latein versteht, sagt er, versteht man Alles, kann man Alles werden. Was ich werden soll, weiß ich allerdings noch nicht, aber was ich nicht sein mag, weiß ich heute schon. Ich möchte nicht abhängig sein von meinem Schwiegervater und meiner Frau, ich möchte nicht die Bauern mit Schnaps vergiften und ewig da stehen bleiben, wo meine Eltern mich hingestellt. Ich würde zum Beispiel auch gerne Rabbiner werden, aber ein Rabbiner, der was gelernt und in einer Gemeinde, in dev eine Vorwärtsbewegung gestattet ist. Sonst Arzt, Apotheker, Ingenieur, Advocat, Lehrer, Beamter — diese Berufe erfordern tüchtige Vorkenntnisse und diese möchte ich mir erwerben, um freie Bahn zu haben. Darum tausendfachen Dank, Hochwürden, für Ihr Anerbieten." »Schon gut, nichts von Dank, es ist die Pflicht des Sehenden, den Blinden zu führen. Aber ein Bedenken steigt mir auf, das wohl erwogen werden muß. Man wird Ihre täglichen Besuche bei mir bemerken und auffallend finden, man wird auf den Gedanken kommen, daß ich nach Ihrer Seele angle, um sie der christlichen Kirche zu annectiren — ein Gedanke, der mir fern liegt, denn erstens halte ich eine Bereicherung des Christenthums durch einige eingefangene Judenseelen für sehr irrelevant, zweitens halte ich dafür, daß, wenn ein erwachsener, selbstständiger Jude sich tauf-n läßt, er es nicht aus Ueberzeugung, sondern aus egoistischen Motiven thut, einfach ein Geschäft macht, indem er seine antique Religion gegen eine moderne vertauscht und etwas herausbezahlt bekommt, irgend einen Posten, eine Stellung, eine Dekoration, einen Adelsbrief und dergleichen. In unlautere Geschäfte des Seelenfanges oder Seelenkaufes aber lasse ich mich nicht ein, es ist des Priesters und der Kircke nicht würdig — aber die Voraussetzung wird naheliegen, mir unangenehm und Ihnen sehr peinlich sein. Dies möchte ich in Ihrem Interesse besonders verhüten uud empfehle Ihnen daher jede mögliche Vorsicht im Verkehre mit mir. Benützen Sie als Weg zu mir Ihren Garten, übersteigen Sie den nieder» Zaun, gehen durch das Gehölze und gelangen so zu meiner Hinlerthüre, es sieht Sie dann kein Mensch, und wenn Sie Jemand auch sieht, weiß er nicht, wohin Sie gehen und was Sie Vorhaben. Kommen Sie, so oft Sie wollen und können, ohne Furcht, mir lästig zu sein. Das Lehren wird mir Vergnügen, wie Ihnen das Lernen machen und wir marschiren miteinander/ Und so war es. Mit der Behutsamkeit eines Diebes schlich der lernbegierige junge Mann, so oft er konnte, in die Wohnung des ‘ würdigen Geistlichen, der sein Wohlthäter wurde. Da lernte es sich ganz anders als in einem heimlichen Winkel seines von den Argusaugen seiner Frau behüteten Hauses oder unter einem Baume