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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-10-11 · 41 (11.10.1901) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
41 (11.10.1901)
Date
1901-10-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 41 Vr. Blvch's Wochenschrift Seite 677 österreichischen Judenschaft, aber auch für die Culturgeschichte Oesterreichs, ein lebendiges Zeugniß der Indolenz, der Kurzsichtigkeit österreichischer Staatsmänner. Es ist bedauerlich, daß der Cultusvorstand es nicht über sich gewinnen konnte, diese Denkschrift öffentlich zur Vertheilung zu bringen, so daß die Oeffentlichkeit hievön nur aus der durch ein clerical-antisemitisches Journal erfolgten Publication eines uncorrigirten und gefälschter, Bürstenabzuges und aus einigen kleinen Auszügen in den Tagesblättern Kenntniß erlangte. Und selbst in dieser verkümmerten Gestalt machte sie ungeheures Aufsehen. Einer kleinen bisher nicht bekannten Episode sei Erwähnung gethan. Als der 80jährige Präsident der Gemeinde die Denkschrift einem damaligen Minister überreichte,, meinte dieser, daß eine Abhilfe der Beschwerden wohl auch dadurch werde getroffen werden, daß in dem gegenwärtig dem Parlamente zur Berathung vorliegenden neuen Strafgesetzentwurfe den Religionsbekenntnissen gegen Verunglimpfungen ein wirksamer Schutz geboten werde, über welche Aeußerung der greise Präsident wörtlich erwiderte: „Aber Excellenz, wozu brauchen wir denn neue Gesetze? Würden doch nur die bestehenden gehandhabt werden!" Der Wiener Cultusvorstand hat es bei der Ueberreichung der Denkschrift nicht bewenden lassen. Er hat seither oft und oft, bei — leider — sehr zahlreichen Anlässen das Augenmerk der österreichischen Staatsmänner auf die unheilvollen Fortschritte der antisemitischen Bewegung zu lenken versucht; daß dies eine, und nicht die unwesentlichste seiner Pflichtaufgaben ist, gilt seither als unbestritten, als Axiom. Das Archiv der Gemeinde liefert deren künftigem Historiker reiches Material. Soll aber der Cultusvorstand dieser Mission gerecht werden, so muß er, getragen von dem Vertrauen einer unter sich einigen Wählerschaft, functioniren und er mutz, auch um dies zu erringen und zu bewahren, den religiösen Bedürfnissen aller ihrer Theile nachzukommen sich bemühen. Veuiam petinius äuinusciue vieissim. Weil wir die religiöse Duldung — im ethischen Sinn — verlangen, müssen wir diese auch unter uns, in unserer Mitte üben, überall dort, wo eine religiöse Ueberzeugung vorherrscht. Kaum eine israelitische Cultusgemeinde Europas dürfte so vielfache Schattirungen des Judenthums in ihrer Mitte aufzuweisen haben, wie die Wiener Gemeinde. Diesem Umstande, jenem Erfordernisse mußte das Gemeindestatut Rechnung tragen, welches nach der Agglomerirung der Wiener Vorortegemeinden an die alte Wiener Gemeinde auf Grund des Gesetzes vom Jahre 1890 „über die äußeren Rechtsverhältnisse der Israeliten" auszuarbeiten war. Aeußerste Duldung ritueller Divergenzen, freie Entfaltung verschiedentlicher Anschauungen, Achtung vor der religiösen Ueberzeugung, dagegen schärfste Hintanhaltung anderweitiger, nicht immer den besten Absichten entspringender Parteiungen. Dies waren die Principien, welche mich bei der mir übertragenen Verfassung des Gemeindestatutes leiteten, welchen ich auch nach jahrelangen Kämpfen zum Siege verhalf — leider! nicht auf die Dauer. Meine Anschauungen habe ich in einem ausführlichen Motivenberichte, welcher auch der Regierung vorgelegt wurde, entwickelt. Derselbe findet sich gedruckt im Archive der' Gemeinde. Wir haben in Oesterreich 558 jüdische Cultusgemeinden, Gemeinden, welche vermöge der örtlichen Zerstreuung der Juden weite Territorien umfassen und zumeist den Anforderungen, die man berechtigtermaßen an eine Gemeinde stellt, auch nur annähernd zu genügen nicht vermögen. Während der Jude zu allen Lasten beiträgt, hat er doch Unterstützung von auswärts zumeist nicht zu erwarten. Was wird selbst auf dem Gebiete der öffentlichen Armenpflege, welche eine Obliegenheit der politischen Gemeinde ist und aus den allgemeinen Steuergeldern (also auch den von Juden herrührenden) bestritten wird, gegen den armen Juden, gegen den jüdischen Humanitären Verein, ja selbst gegen die interconfessionelle Anstalt, die sich nicht zu der „sittlichen Höhe" (!) „judenrein" zu bleiben, aufschwingt, gesündigt! Ist es doch — um nur an einem Beispiele den leitenden Geist einer Stadtverwaltung zu kennzeichnen — vorgekommen, daß zwei Dutzenden tüchtiger, ausgezeichneter, blutarmer jüdischer Schulkinder in Bausch und Bogen der Ausschluß aus der Schule angedroht wurde, wenn sie nicht sofort das Schulgeld mit 25 fl., dessen Nachsicht von dem Professorencollegium einhellig empfohlen worden war, erlegen! Und ist es nicht charakteristisch, daß dieselben Männer, welche so hart und erbarmungslos gegen das arme jüdische Schulkind, gegen das arme Waisenkind Vorgehen, ihr mitleidsvolles Herz — für die Ochsen entdecken und entgegen allen physiologischen Forschungen die Schechita als eine der Humanität nicht entsprechende Handlung zu brandmarken unternehmen! . Was hat der arme jüdische Haufirer, der jüdische Arbeiter, der jüdische Gewerbsmann, der jüdische Kaufmann, der jüdische Lehrer, der jüdische Beamte zu erdulden, was muß er sich gefallen laffen, wie schließen sich vor dem Einen und dem Anderen alle Thüren — leider auch mitunter die der begüterten, einflußreichen, besser situirten Glaubensbrüder. Welche häßlichen, perfiden Angriffe werden da und dort auch gegen unsere religiösen Vorschriften, gegen unsere Ritualien, selbst gegen unser als Vorbild voranleuchtendes Sittengesetz unternommen; wie wird mit Lügen und Fälschungen und Erfindungen gearbeitet! Hier zurückkommend auf die bereits erwähnte „Blutlüge", mag an das anläßlich bekannter Vorgänge von dem Cultusvorstande einberufene Juden-Meeting vom 7. October 1899 im Musikvereinssaale erinnert werden, in welchem ich den Vorsitz zu führen die Ehre hatte. Der damals von dreitausend -Anwesenden einmüthig beschlossene feierliche Protest, der in Tausenden von Exemplaren verbreitete Versammlungsbericht, die Sammlungen von Gutachten, Erklärungen, Aussprüchen hervorragendster Persönlichkeiten aus vergangenen Jahrhunderten bis auf die Gegenwart sind Waffen, mit denen wir gegen das ebenso alberne als gefährliche Märchen ankämpfen. In der ersten Reihe dieser Kämpfer, wie überhaupt unserer Wortführer steht heute der von mir jüngst geschaffene „Allgemeine österreichisch-israelitische Bund", welchem unter Anderem bereits nahe an zweihundert jüdische Cultusgemeinden als Mitglieder angehören. Wenn es gelänge, im Laufe der Zeit denselben zu einem Bunde, in welchem sämmtliche österreichische israelitische Cultusgemeinden vertreten sind, zu gestalten, für die Bildung eines Gemeindebundes die Zustimmung der Regierung zu erlangen, so könnte hiedurch nach Außen und nach Innen viel Segensreiches geschaffen werden. Lo bechajil welo bekoaeh Ki im beruchi Mit den Waffen des Geistes führen wir den Kanipf. Das ist der Wahlspruch mit dem wir die Jahrtausende unserer Diaspora durchschreiten. Wien, im September 1901. " Dr. Alfred Stern. Nehemias rrnd seine loeial-polilifcherr Bestrebungen. Von Dr. S. Gelbhaus, Gemeinde-Rabbiner in Wien. An der Wiege des aus der babylonischen Gefangenschaft zurückgekehrten, zu einem neuen Leben wiedergeborenen israelitischen Volkes erscheint eine Gruppe von Persönlichkeiten, die einen hervorragenden Antheil an den Geschicken desselben nahmen. Unter diesen tritt uns ein Mann entgegen, der den größten Einfluß auf die materielle, wie geistige Entwicklung der jüdischen Nation ausübte. Nicht nur die politischen und hierarchischen, sondern auch die religiösen, socialen und national-ökonomischen Verhältnisse in Juda wurden durch seine Persönlichkeit und durch die Macht seines Willens in ihren tiefsten Gründen aufgewühlt und neugestaltet. Vermöge seines großen Ansehens bei den Juden in Persien-Babylonien, vermöge seiner hohen Stellung am Hofe des Großkönigs, vermöge seines Reichthums, vermöge seiner ungewöhnlich großen Frömmigkeit, scheint er von der Vorsehung prädestinirt gewesen zu sein, einer Führerrolle theilhaftig zu werden. Dieser Mann, obwohl seine Einwirkung auf alle Zustände des öffentlichen Lebens fühlbar ist, ist dennoch eine halbverhüllte Gestalt. Obwohl Institutionen und errichtete Mauerwerke von ihm zeugen, ist er keine in ihren Umriffen klar erkannte Erscheinung. Seme Herftrnft ist dunkel, sein Geschlecht nicht genannt, die Ursachen seines Einflusses am persischen Hofe sind nicht bekannt, die Beweggründe seines Handelns find kaum skizzenhaft angedeutet. In dem seinen Namen führenden Buche wird er Nehemias, der Sohn des Chachalja genannt, sein allgemein bekannter Name war aber Tirschata. Riwnnn «in .Tarn NehemiaS. das ist der Tirschata, heißt es in einem von ihm erzählenden Berichte, dem ein anderer die genauere

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