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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-10-11 · 41 (11.10.1901) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
41 (11.10.1901)
Date
1901-10-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 676 Nr. 41 Dr. Bloch's Wochenschriff barkeit des Bodens, gegen den Mangel an Verkehrsmitteln führenden Juden zu italienischen Räubern und Mördern zu stempeln, konnte nur ein krankhaftes Gehirn aushecken, in der Wirklichkeit besteht nichts davon, und nun, nachdem der Urheber und Verbreiter dieser Idee nicht mehr vorhanden ist, dürfen wir hoffen, daß auch sie selbst mit ihm ins Grab gesenkt sein wird. Maximilian Paul-Kchiff. (Zur Präsidentenwahl in der „Israelitischen Union".) In der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" vollzieht sich ein Wechsel der obersten Leitung. Herr kais. Rath Adolf Ruäirka, der durch anderthalb Jahre an der Spitze dieses zu einer führenden Bedeutung gelangten Vereines gestanden, ist von seinem Ehrenamte zurückgetreten und der Vorstand wird in der Generalversammlung Herrn Maximilian Paul-Schiff zur, Präsidentenwahl in Vorschlag bringen. Die Verdienste des abtretenden Präsidenten find an dieser Stelle wiederholt gewürdigt worden; seiner Energie, die sich auf die Ausdehnung der Mitgliederzahl der „Union" gerichtet hatte, ist es zu danken, daß die „Union" heute an Ausdehnung jede andere jüdische Corporation weit überflügelt hat und daß hiedurch deren seit Jahren mit so vielem Erfolge geführtes Rechtsschutzbureau für seine weitverzweigte, die gesammte österreichische Judenfchaft umfassende Organisation neue Stützen gewonnen hat. Nun tritt ein neuer Mann an ihre Spitze, neu dem Vereine, nicht aber in der Bethätigung jüdischer Interessen. Seit Jahren wird der Name Maximilian Paul-Schiff nicht nur überall dort genannt, wo es gilt, gemeinnützige Werke des Judenthums zu fördern; damit folgt er nur den Traditionell des eigenen Namens und jener der hochherzigen Frauen, mit denen ihn Bande des Herzens verknüpfen. Die Person des Herrn Paul- Schiff verspricht mehr! Im Gegensätze zu der Apathie, zu der Indifferenz gegen Juden und Judenthum, welcher man gerade in jener socialen Schichte unserer Glaubensgenossen begegnet, zu der er zählt, hat Herr Paul-Schiff bei verschiedenen Gelegenheiten Werth daraus gelegt, mit Stolz sich als Jude zu bekennen, für die Rechte aller seiner Glaubensgenossen ohne Unterschied einzutreten. sich laut und unerschrocken mit den Juden zu identisiciren. Als Jude ist er Mittelstandspolitiker; in jener Notablen-Versammlung, welche über die Schaffung der neuen Curie der Höchstbesteuerten in unserer Gemeinde berieth, hat er sich ungescheut gegen dieselbe ausgesprochen; gegenüber der Thatsache, daß der Antisemitismus ein neues Ghetto geschaffen, hätten nach seiner Ansicht sociale Unterscheidungen innerhalb desselben keinen Sinn und keine Berechtigung. Mit doppelter Genugthuung begrüßen wir darum den neuen Präsidenten. Nicht nur weil dadurch den bestimmten Kreisen, die sich bisher von den Bestrebungen der „Union" ferne gehalten haben, ein bedeutungsvolles Beispiel gegeben wird, sondern weil Herr Paul-Schiff die nöthigen Eigenschaften, Energie und kampfesfrohe Ueberzeugunq, für die neue Thätigkeit mitbringt. An einem weiten Feld wird es dem neuen Präsidenten nicht fehlen. Gilt eS doch vor Allem, einen Beschluß, welchen das Rechtsburcau schon längst gefaßt, auszuführen; der Rechtsschutz nämlich, den die „Union" heute ausübt, soll erst dadurch recht wirksam gemacht werden, daß nicht, wie heute, ausschließlich nur dann geklagt werden kann, wenn eine bestimmte Person an- ' gegriffen wird — es muß ein Gesetz geschaffen werden, daS den Juden im Allgemeinen für Angriffe auf das Judenthum, wie in Deutschland, die Klagelegitimation gewährt. Die Bedeutung, welche die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union", seitdem sie den neuen — markant politischen Curs eingeschlagen, errungen hat, wird durch die Person und durch den Klang des Namens, unter welchem sie künftighin zu wirken berufen sein wird, gesteigert, der Anschluß aller Kreise unter den Juden erreicht werden. Die Ralliirung nach Innen, der Anschluß Tausender an die „Union", muß unermüdlich weiter ausgebaut und die „Union" zu der Höhe emporgebracht werden, die der weit jüngere „Centralvercin deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" in Berlin erreicht hat, der schon heute mehr als hunderttausend Mitglieder zähtt. Für diese Mission bringt Herr Maximilian Paul-Schiff eine Summe werthvoller Eigenschaften mit. Bor Allem geht sein Sinn immer auf den Kern der Dinge und auf wirklichen werthvollen Erfolg. Als Präsident des „Galizischen Hilfsvereines" hat er schon Gelegenheit gehabt , von dieser seiner praktischen Richtung Beweise zu liefern. Dieser junge Verein hat mit den bescheidenen Mitteln in einem hälben Jahre mehr für die Jndustrieförderung unter den Juden in Galizien geleistet, als der galizische Landesausschuß mit vielen Millionen Guldenin vierzehn Jahren. Daß Herr Paul-Schiff keine politische Vergangenheit besitzt, betrachten wir als einen Vorzug. Umso mehr darf man hoffen, daß er noch eine Zukunft vor sich hat. Die extensive Entfaltung, welche die „Union" unter dem Präsidenten Ru-iöka genommen hat, wird sicher unter dem neuen Präsidenten durch eine bedeutsame intensive Entwicklung, namentlich in der Richtung des Rechtsschutzes und der Abwehr, ihre verdoppelte Legitimirung finden. Und weil die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" durch diese Wahl nicht nur erhöhten Glanz, sondern auch vermehrte Kraft gewinnt, beglückwünschen wir den Vorstand aufrichtig und herzlich zu seinem Wahlvorschlage, den die Generalversammlung zweifellos mit freudiger Zustimmung ratificiren wird. Gj« Wort des Dankes. Von der erreichten Lebenshöhe zurückblickend, möchte ich aus der Geschichte unserer Glaubensbrüder in Oesterreich' besonders in Wien, während der letzten 25 Jahre, insoweit mir hiebei eine Rolle' zufiel, in surnniarissimo Einiges in die Erinnerung rufen. Ich betheiligte mich bei der anläßlich der Judenkrawalle in Rumänien im Jahre 1875 erfolgten Gründung der „Israelitischen Allianz zu Wien", dieses Vereines, welcher seither unendlich viel Gutes gestiftet, Gemeinden unterstützt, Schulen geschaffen und erhalten und vielen Zehn- und Zehntausenden um ihres Glaubens willen verfolgter Juden eine neue Heimat errungen hat. Als im Jahre 1882 die Judenverfolgungen in Rußland ihren Höhepunkt erreichten, als unter der Connivenz der Behörden, unter passiver Assistenz des Militärs Mord, Zerstörung, Plünderung, alle Greuel verübt, die Juden schaarenweise in bestimmte Orte zusammengetrieben und dort dem Hungertode preisgegeben wurden, ihnen nur die Eine Rettung, der Abfall von ihrem Glauben, diese von ihnen — mit verschwindenden Ausnahmen — verschmähte Rettung gelassen wurde, da folgte ich dem an mich ergangenen^ Rufe der Allianz und eilte zu meinen verfolgten, flüchtigen Brüdern an die russische Grenze. Unter Mitwirkung des seither verstorbenen Kammerrathes Bernhard Singer organisirte ich dort eine Hilfsaction, welcher viele, viele, ungezählte Tausende Schutz und Rettung verdanken, und unvergeßlich leben in meiner Erinnerung der Jubel, die Danksagungen, die Segenssprüche, mit denen ich von Tausenden und Zehntausenden, auf allen meinen Wegen geleitet wurde. Ein umfassender Bericht über diese Action ruht in dem Archive der Allianz. War man bisher der Meinung gewesen, die antisemitische Pest werde an Oesterreichs Grenzen Halt machen, so sollte man nur allzubald eines Besseren, vielmehr eines Schlechteren belehrt werden. Ob die Juden in Oesterreich, wenn sie beim Beginne eingegriffen hätten, eine wirksame Abwehr zu erzielen vermocht hätten, ist eine schwer zu beantwortende Frage. Gewiß ist, daß sie, sei es wegen Mangels einer Organisation, oder, weil sie die Gefahr unterschätzten, nicht eingriffen, ja, daß sogar hervorragende, maßgebende Persönlichkeiten unter ihnen die von einzelnen tüchtigen, kenntnißreichen, energischen Juden da und dort unternommene Abwehr mißbilligten. Der Vorstand der ersten israelitischen Cultusgemeinde des Reiches, der Wiener Cultusvorstand, hüllte sich in Competenzbedenken. Iura vigilantibus sunt scripta. Unter vigilantibus sind aber stumme Wächter nicht verstanden. Und wer, wer sonst als der Cultusvorstand war in der Lage, sich auf ein Mandat der Judenschaft zu berufen und als deren Repräsentant die Stimme zu erheben?! Das war der Gedanke, dem ich in einer jüdischen Wählerversammlung im Herbste 1888 Ausdruck gab, dem ich zum Siege verhälf, dem ich meine — nicht angestrebte — Wahl in den Cultusvorstand verdanke und dem ich auch als Vorstandsmitglied treu blieb. Die erste Frucht dieses Gedankens war die Denkschrift, welche von dem Präsidium der Gemeinde Anfangs 1889 den obersten Regierungsbehörden überreicht wurde. Ich wage, es' zu sagen, obgleich ich der Verfasser jener Denkschrift bin, daß sie ein monumentum acre perennius ist für die Geschichte der

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