Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 41 (11.10.1901)
- Date
- 1901-10-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 674 Nr. 41 Äo Bwnz r- Woürbn/rirrist« auf den Kopf stellt. Die „jüdische Gefahr" ist nach dem obigen Cttat eine rein religiöse, und Herr Chamberlain^empört sich darüber, daß man die Juden für alle socialen Auswüchse verantwortlich macht. Aber schon vier Seiten weiter vergleicht er die emancipirten Juden mit der Reblaus, die in Amerika das wenig beachtete Dasein eines unschuldigen Käferchens geführt hatte, nach Europa übergeführt aber der schlimmste Schädling der Rebe wurde, und im ganzen weiteren Verlaufe feines Buches behandelt er die Juden ausschließlich al» eine feindselige Race und schreibt ihnen die schlimmsten Laster zu. So sieht die „Objectivität und Wissenschaftlichkeit" dieses Mannes aus. Und nun müssen wir uns einmal nicht den „wissenschaftlichen", sondern den realpolitischen Chamberlain etwas naherbesehen. Außer den beiden Lieferungen seines Buches liegen von ihm noch andere öffentliche Aeußerungen vor. Er hat sich an jener Enquete über die rumänische Judenfrage betheiligt, die von einem Bukarester Blatte veranstaltet wurde, und in seinem Briefe an den Herausgeber schlügt er dasselbe vor wie Nordau: Die Verweigerung der bürgerlichen Rechte an die Juden. Er sagt wörtlich: „Nieder mit allen Judenverfolgungen! Nieder mit allem absurden mittelalterlichen Aberglauben! Nieder mü aller socialen Geringschätzung und persönlichen Animosität! Gewähren Sie den Juden denselben unverletzlichen Schutz, wie Sie ihn allen Fremden gewähren; räumen Sie ihnen außerdem, als alten Insassen des Landes, weitergehende Vorrechte ein; lassen Sie sie zu dem gewerblichen und industriellen Wettbewerbe zu — doch schauen Sie ihnen dabei genau auf die Finger! Aber räumen Sie ihnen kein politisches Recht auf Grundbesitz ein!" _____ Und der Manu nun, der in solcher Weise über allen „absurden mütelatterlichen Aberglauben" erhaben scheint, erkennt Rohling als unerschütterliche Autorität an und erÄärt in einer anderen Kundgebung, daß er vom Ritualmord überzeugt sei. Der „Germanische Volksbund" in Berlin hat eine Umfrage über den Ritualmord 'bei allen anttsemitischen Berühmtheiten veranstaltet. Herr Chamberlaiv konnte dabei selbstverständlich nicht übergangen werden und das Organ jenes Volksbundes, die „Staatsbürger-Zeitung", bringt nun frohlockend die Nachricht, daß Houston Stewart Chamberlain in seinem Gutachten „die Möglichkeit, ja die hohe Wahrscheinlichkeit, daß jüdische Ritual- und Blutmörder existiren", zugab. Herr Chamberlain bekennt sich also zu jenem absurden mittelalterlichen Aberglauben, den er an anderer Stelle bekämpft. Das genügt, genügt vollständig, um ihn als einen literarischen Abenteurer schlimmster Sorte erkennen zu laffeu. Wir würden es verstehen, wenn er für oder gegen eine Sache Partei nähme. Aber in Einem Athem leugnen, was man eben noch als seine Ueberzeugung verfochten hat, ist auch vom Standpuntte überlegener germanischer Cultur eine Verächtlichkett, für die sich weder in einer semitischen noch in einer arischen Sprache der richtige Ausdruck findet. Der hochanständige Verlag, in dem Chamberlain's Buch erscheint, und die pseudowissenschaftliche Diction desselben konnten noch allenfalls die Täuschung hervorbringeu, daß man es mit einem unklaren, logisch sprunghaften, aber immerhin honnetten Geiste zu thun habe. Seit aber Herr Chamberlain mit den Herren Bruhu und Bachler gemeinsame Sache macht und sich in die Dienste des ärgsten antisemitisch - journalistischen Strauchritterthums gestellt hat, sind die Acten über ihn geschlossen. Es sind das dieselben Leute, die den lebendig begrabenen Rohling wieder herausschaufelu wollen. In einer antisemitischen Versammlung, die am 25. September in Berlin stattfand, um gegen den Ausspruch des Staatsauwattes Kanzow, daß es für den gebildeten Menschen keinen Rttualmord gebe, zu remonstriren, wurden Chamberlain und Rohling als Autoritäten gegen Professor Sttack citirt, der Rohling in seinem gerichtlichen Gutachten als unwissend und meineidig bezeichnet hatte. In einem Briefe an einen Redactcur der „Staatsbürglr-Zcituug" spricht nun Rohling die Absicht aus, „auch selbst 'mal nach Berlin zu kommen, um die Frechheit (Slrack's) öffentlich strafen zu lassen." Wir w oll en sehen, ob d er P r a g ex Canonicus den Berliner Gerichtssaal weniger scheut als den Wiener. Er mag sich dann gleich.Herrn Chamberlain mitnehmen, dessen „Objectivität und Wissenschaftlichkeit" ja auf gleicher Höhe mit der seinigen stehen, dessen Existenz aber weniger schemenhaft ist, als jene des von Rohling berufenen pseudonymen Clemens Victor, hinter dem niemand Anderer als Herr Rohling selbst steckt. Die meisterhafte Abfertigung, die Herrn Chamberlain in der von uns wiederholt bezogenen Broschüre von H. C. zutheil wurde, wird nicht verhindern, daß dieser „edle Germane", verführt von der billigen Berühmheit, die ihm sein Buch in antisemitischen Kreisen verschaffte, auf der schiefen Ebene des Selbstbetruges, der Fälschung und Entstellung von Thatsachen weitergleiten wird, bis auch sein Bild im Pantheon aller antisemitischen Oelgötzen mit jenem eines Rohling, Ahlwardt und Schneider gläubige Anbetung finden wird. Zur Erreichung dieses Zieles aber war es nicht nothwendig, den Bienenfleiß zu entwickeln, mit dem Herr Chamberlain sich durch die ganze Weltliteratur durchgearbeitet hat. Er frage nur seine Mitgötzen: sie haben denselben Effect mit viel geringerer Mühe erreicht. Holchuöeleien für de« König «»«Rumänien. Die Anwesenheit des Königs von Rumänien in Wien hat einigen Wiener Blättern Anlaß gegeben, einen förmlichen Kotau vor diesem Balkanfürsten zu vollziehen. Sie ergingen sich nicht nur in Lobpreisungen für diesen Monarchen, dem sie Hymnen über Hymnen sangen, sondern warfen sich zugleich vor dem Rumänenvolke zu Boden, das sie als den Culturtrüger im Orient hinstellten und dessen Leistungen sie in den Himmel erhoben. Wir wissen nicht, war diese würdelose Erniedrigung blos ein Ausdruck subjectiver Charakterschwache oder totaler Uukenntniß der Geschichte, hatte sie einen officiösen Ursprung, oder war sie aus privaten Motiven hervorgegangen — das Eine wissen wir mit aller Bestimmtheit, daß diese Lobhudeleien mit der Wahrheit in diametralem Widerspruch standen. Mag diplomatische Höflichkeit gebieten, daß dem durchreisenden Souverän die Amtspersonen mit aller ihm und seiner Würde gebührenden Hochachtung begegnen, mag es das politische Interesse dictiren, daß man sich mit einem Staate verbünde, um gewisse Zwecke zu verfolgen — das geht die Staatsmänner an, die bekanntlich nicht nach moralischen Gründen allein ihre Handlungsweise einzurichten haben. Die öffentliche-Meinung aber muß auf Wahrheit fußen, auf Wahrheit allein, wenn sie eine geachtete sein, wenn sie als der reine Ausdruck der Volksmeinung betrachtet werden soll. Dieser Wahrheit schlagen jedoch die Lobhudeleien für den König von Rumänien ins Gesicht. Nicht als ob wir die wirklichen Verdienste des Hohenzollern-Fürsten an der Dimbowitza verkleinern oder in Abrede stellen wollten, was er thatsächlich geleistet; aber ihn als Erzieher der Rumänen hinzustellen und die Rumänen als das Culturvolk des Balkans, ist nach den Ereignissen der letzten drei Jahre eine so gewaltige Geschichtslüge, daß dagegen Verwahrung eingelegt werden muß, derartige Aeußenwgen als wahre öffentliche Meinung cursiren zu lassen. Das ist Falschmünzerei und soll als solche bei ihrem rechten Namen bezeichnet werden. Wer die Ereignisse von Jassy und Bukarest, die barbarischen Judenaustreibungen der letzten Jahre, das Wüthen der Antisemitenliga in Rumänien, die existenzenmordenden Gesetze der Rumänen im Gedächtniß hat, kann nicht nur