Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 41 (11.10.1901)
- Date
- 1901-10-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 41 Bloch’s Jahrgang XVI11 Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthnms. X =■ % K. ft. Postsparragen-Amt |J Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Ardarttvn und Administration: Wien IX/1, Berggafse Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. * " -MC Wien,Al. Ortober 1901. -- Lrsch eint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggafse SS. Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift» Wien. )k—. =■ =m Be|«0aprei» für Srstrrrrich: Halbjährig 8 Jtionen. Einzelexemplare 50 Heller, FLr'» Ausland: Halbjährig IO Kronen. Ganzjährig 20 » Anzeigen: Die4malgespaltene Petitzeile 24 Heller. G M Inhalt. Leitartikel: H. St. Chamberlain. — Lobhudeleien für den König von Rumänien. — Ministerialrath Egan. — Maximilian Paul-Schiff. — Ein Wort des Dankes. — Nehemias und feine social-politischen Bestrebungen. — Correspondenzen: Wien, Der Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis. Bielitz-Biala, Lemberg, Budapest, Jassy, Nürnberg, Berlin, Petersburg, London, New-Dork. Vom neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika Theodor Roosevelt. — Vermischtes: Wien, Baden, Königgrätz, Innsbruck, Nachod, Nagy-Kanizsa. — Feuilleton: Aus dem galizischen Leben. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. MF“ An unsere geehrten Leser richten wir die ergebene Bitte, ln Hotels, Restaurants, Cafes, Pensionen, an Bahnhöfen, ln Lesezimmern Immer wieder die „Oesterrelchlsche Wochen» schrlft“ zu verlangen oder empfehlen i , wollen. -?06 H: Kt. Chamherlain. ii. Wir haben in unserem ersten Artikel über das Werk Houston Stewart Chamberlai n's zwar nicht die „Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts", für deren Darstellung dem Verfasser nichts weniger als der geschichtliche Sinn, der sociale Ueberblick und die Kenntniß der wirthschaftlichen Evolutionsformen fehlt, wohl aber die Grundlagen der Chamberlain'fchenWeltanschauung kennen gelernt. Sie bestehen aus einer ganz willkürlich construirten Racentheorie, die ihn mit allen Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschung in Widerspruch bringt, so daß er zur Stütze derselben vielfach zu Fälschungen greifen muß, und in einer fast maniakalen Ueberschätzung der „germanischen" Race und ihres' Culturberufes, wobei Slaven und Romanen — soweit dies Herrn Chamberlain in den Kram paßt — den „Germanen" zugerechnet werden. Es ist das antisemitische Princip, ins Christlich-Germanische übertragen. Wer seit Christi Geburt etwas Nennenswerthes geleistet hat, wird zum „Germanen" gestempelt, alle Anderen werden in den großen Haufen der inferioren Racen geworfen. Aus dieser Auffassung der Dinge ergibt sich auch Chamberlain's Stellung zur modernen Judenfrage. Wir haben schon den flagranten Contrast zwischen den Worten und Gesinnungen dieses Mannes betont, ein Contrast, der ihn in tausendfältige Widersprüche verwickelt. Sein Judenhaß ist stärker, als alle Erkenntnisse seiner Vernunft. Auf Seite 17 schreibt er: „Ich bin zu der Ueberzeugung gelangt, daß die übliche Behandlung der „Judenfrage" sich durchwegs an der Oberfläche bewegt; der Jude ist kein Feind germanischer Civilisation und Cultur; Herder mag wohl mit seiner Behauptung recht haben, der Jude sei uns ewig fremd und folglich wir ihm ebenfalls, und Niemand wird leugnen, daß hieraus eine große Schädigung unseres Culturwerkes stattfinden kann; doch glaube ich, daß wir geneigt sind, unsere eigenen Kräfte in dieser Beziehung sehr zu unterschätzen und den jüdischen Einfluß sehr zu überschätzen. Hand in Hand damit geht die geradezu lächerliche und empörende Neigung, den Juden zum Sündenbock für alle Laster unserer Zeit zu machen. In Wahrheit liegt die „jüdische Gefahr" viel tiefer; der Jude trägt keine Verantwortung für sie; wir haben sie selbst erzeugt und müssen sie selbst überwinden. Keine Seelen dürsten mehr nach Religion, als die der Slaven, der Kelten und der Teutonen: ihre Geschichte beweist eS; an dem Mangel einer wahren Religion krankt unsere ganze germanische Cultur, daran wird sie noch, wenn nicht bei Zeilen Hilfe, kommt, zu Grunde gehen. Den in unserem eigenen Herzen sprudelnden Quell haben wir nun verstopft und uns abhängig gemacht von dem spärlichen, brackigen Wasser, das die Wüstenbeduinen aus ihren Brunnen ziehen. Keine Menschen der Welt find so bettelarm an echter Religion, wie die Semiten und wie speciell ihre Halbbrüder, die Juden; und wir, die wir auserkoren waren, die tiefste und erhabenste religiöse Weltanschauung als Licht und Leben athmende Luft unserer ganzen Cultur zu entwickeln, haben uns mit eigenen Händen die Lebensader unterbunden und hinken als verkrüppelte Judenknechte hinter Jahve's Bundeslade her." Wir haben diese Stelle citirt, nicht um die ungeheuerliche Jnconsequenz aufzuzeigen, die in der schwärmerischen Verehrung der Gestalt Christi — den Chamberlain übrigens gar nicht als Semiten gelten lassen will — einerseits und dem Lobe des Schönererffchen Wotan-Cultus anderseits liegt; auch nicht deshalb, um die hohle Schwatzhaftigkeit Chamberlain's aus der Behauptung zu erweisen, daß die christlich-germanische Cultur an dem Mangel einer wcchren Religion krankt und die Juden bettelarm an echter Religion sind, sondern weil dieser Ausspruch eigentlich das ganze dicke Buch mit der kostbaren Chamberlainffchen Weltanschauung