Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 40 (4.10.1901)
- Date
- 1901-10-04
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite «70 "Mo WochrnMrrZL Nr. 40 Wohlthätigkeitsvereine der Hauptstadt, die er moralisch und materiell thatkräftig unterstützte. Sein Tod wird von sieben Söbnen betrauert, die in der Budapester Gesellschaft hochgeachtete Stellungen einnehmen. Das Ableben des allgemein verehrten alten Herrn wird in weiten Kreisen, in welchen man den Werth der productiven Arbeit zu schätzen weiß> tiefstes Bedauern wachrufen. Reichenberg. Anläßlich des vor Kurzem vollendeten fünfzigjährigen Bestandes der Firma S. S. N e u m a n n haben deren Chefs den Betrag von 20.000 Kronen zur Gründung einer Pensions - Unterstützungscaffe gewidmet. Ferner übernimmt die Firma die Krankenversicherung der Kinder und Frauen ihrer Arbeiter auf Kosten der Firma, soweit eine Versicherungspflicht derselben nicht bereits vorliegt. Saaz (Kaiserliche Auszeichnung.) Der Kaiser hat dem Hopfengroßhändler Herrn Sigmund Lederer, hier, den Titel eines kaiserlichen Rathes mit Nachsicht der Taxe verliehen. Diese kaiserliche Auszeichnung erfolgte wohl im Hinblick der Verdienste des Herrn Lederer zur Hebung und Förderung der Hopfencultur und des Hopfenexportes. Schlau, 25. September. (Todesfall.) Unsere Nochbargemeinde Neustraschitz erlitt einen unersetzlichen Verlust. Herr Leopold L ö w n e r, der durch Jahrzehnte an der Spitze der Cultusgemeinde stand, bis zu seinem plötzlichen und unerwarteten Heimgange als Tempelvorsteher und als Präses der Beerdigungsb'-Lderschast in hervorragender Weise wirkte, ein 84 Jahre alter Greis, geistig frisch und körperlich rüstig, so daß ihm noch eine Reihe von Jahren beschieden schien, empfing den Todeskuß, wahrend er sich in frommer Väterweise für den Versöhnungstag vorbereitete. Gestern fand das Leichenbegängniß unter ungewöhnlich großer Betheiligung statt. Von Nah und Fern kamen sie herbei, um dem in weiten Kreisen Beliebten und Verehrten das letzte Geleite zu geben, wie es der Verblichene durch sein gemeinnütziges, selbstloses Wirken, durch seine Bescheidenheit und Leutseligkeit wie selten Einer verdiente. Besonders zahlreich war unsere Cultusgemeinde beim Leichenbegängnisse vertreten, die dadurch den Verblichenen, aber auch den tieftrauernden Sohn desselben, unseren geehrten Cultusvorsteher, ehrte; auch die Beerdignngsbruderschaft der Cultusgemeinde Rakonitz war durch eine Abordnung ihres Vorstandes würdig vertreten. Unvergleichlich war das Wirken des nun in Gott Ruhenden und unvergeßlich und gesegnet wird sein Andenken bleiben bei Allen, die ihn kannten. Olmütz. Der hiesige Finanzrath Dr. Arnold Fried wurde von Sr. Majestät dem Kaiser zum k. k. Oberfinanzrathe ernannt. Demselben sind aus diesem Anlasse aus allen Theilen der Bevölkerung zahlreiche Glückwünsche zugekommen. Lemberg. Wrr erhalten folgende Zuschrift: Von böswilliger Seite wurde das Gerücht verbreitet, daß der hiesige Nervenarzt Universitäts-Docent Dr. Gustav BYkeles zum Christenthum übergetreten wäre. Da diese Ausstreuung von böswilliger Seite erfolgt ist, ersuchen wir die löbliche Redaction um freundliche Constatiruna, daß diese Nachricht vollständig aus der Luft gegriffen ist. Julius H o ch f e l d. Berlin« Der antisemitische Verlagsbuchhändler A. Dewald, dem, wie wir mittheilten, vorige Woche wegen Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft sechs Monate Gefängniß zudictirt wurden, ist nun verhaftet worden. Er wurde vor Kurzem wegen Beleidigung des Waarenhausbesitzers K a tz in Königsberg zu 100 Mk. bezw. 20 Tagen Gefängniß verurrheilt und hat, da er außer Stande ist, die 100 Mk. zu bezahlen, die Gefängnißstrafe zu verbüßen. Berlin. Herr Dr. Rosenkranz, Hilfslehrer am hiesigen Königstädtischen Gymnasium, ist zum Oberlehrer ernannt worden. Feuilleton. Aus dem Auiisischeu Leben. Ein Bild von Leo Herzberg-Frankel. (Fortsetzung.) Der junge Mann ging gedankenvoll in sein Zimmer; es war ihm ganz wirr im Kopfe; nichtausgegohrene Pläne drängten einander und er konnte an Schlaf nicht denken. In der anstoßenden Kammer des „Ludwack's" war noch Licht und er trat ein; bei seinem Eintritt bemerkte er, wie Jener rasch ein Buch versteckte, in welchem er eifrig las. Sie plauderten über Allerlei und kamen auch auf die Zukunft Seuder's zu sprechen, welche sein ganzes Denken und Trachten ausfüllte und gegenwärtig noch so dämmerig vor ihm lag. Die Heimat lag ihm für immer verschlossen und in der Fremde, in die er unwissend und unvorbereitet eintrat, wußte er nirgends einen Punkt, wo er den Spaten ansetzen und nach einer Nährquelle graben konnte. „Was soll aus mir werden?", klagte er. „Sie sind doch ein kluger und gelernter Mann, sagen Sie mir, was soll ich thun, um kein Schnorrer zu werden und mir mein Brot verdienen zu können? Ich kann doch nicht länger noch hier bleiben und an der Krippe meiner Verwandten fressen?" „Warum nicht?", frug der Lehrer phlegmatisch, seine lange Pfeife stopfend. „Weil es unwürdig eines Menschen ist, fremdes Brot zu essen, statt es zu erwerben." „Schon recht, aber wie willst Du es verdienen?" „Darüber eben zerbreche ich mir den Kops und zermartere ich mir das Gehirn. Das Eine ist mir nur klar, daß ein junger, gesunder Mensch kein Gnadenbrot annehmen dürfe." „Wohl. Was würde zu Hause heute deine Zukunft sein? frage auch ich." „Dasselbe", entgegnete.Sender, „frug mich der Onkel." „Nun?" »Zu Hause hätte die Mutter mich zu verheiraten getrachtet; mit dem Gelde meiner Frau hätten wir irgend ein Geschäft angefangen und —" „Und so weiter; weiß schon. Das, was die Mutter gethan haben würde, trifft der Onkel auch." „Mit dem großen Unterschiede, daß ich dort eine Wahl hätte -" „Verstehe. Hier ist es blos die Tochter des Onkels, um die es sich handeln kann. Sei offen mit mir Sender, mein Freund, und ich werde es auch mit Dir sein; es wird uns Beiden nützen. Gegenseitiges Vertrauen. Gut. Nun hör' einmal zu. Wofür hältst Du mich eigentlich? Gewiß für einen trägen, beschränkten Menschen, der, unfähig einer andern Existenz, in diesem elenden Dorfe mit den Rangen Deines Oheims belfert und Freitag Abends den Lechudodi singt? So ist es nicht. Ich wurde bei siebzehn Jahren verheiratet, bei achtzehn von meiner Frau geschieden und aus dem Hause meiner Schwiegereltern kam ich direct ins Elend. Um nicht ganz zu verhungern, wurde ich Gehilfe in einem Cheder; ich hungerte blos theilweise, dann kam ich hierher. Mich führte hieher die Absicht, nicht blos die Jungen zu lehren, sondern selbst zu lernen und Heller zu Heller zu sparen, um eiues Tages mit einigen Kenntnissen und einigen Ersparnissen in die Stadt zu gehen und etwas mehr zu werden als ich bin. Kein Mensch kennt mein Vorhaben, kein Mensch ahnt, womit ich mich in meiner stillen Kammer beschäftige. Wenn Esther wüßte, daß ich hier andere Bücher als Talmud besitze, sie würde Zeter schreien. Ich aber verfolge mein Ziel. Nachts, wenn ich vor Ueberraschungen sicher bin, lege ich die Folianten bei Seite, lese deutsche und polnische Werke, sehe mich in der Weltgeschichte um; habe auch schon von Geographie einen ziemlichen Begriff und in nicht mehr ferner Zeit denk' ich das, was ich weiß und was ich mir noch aneignen werde, irgendwo und irgendwie zu verwerthen." Der junge Mann hörte mit Staunen seinem älteren Freunde zu. Ja so was! Wer hätte dies vermuthen, es diesem schlichten Manne ansehen können, daß er nächtlicher Weile, wenn Alles schlief, so was treibe — Sprachen, Wissenschaften — profanes Zeug unter der Maske des altehrwürdigen Talmud und seiner Commentare! Es gibt also doch Wege, die aus dem Cheder hinausführen in die moderne Welt; allerdings ohne fremde Hilfe steil und mühselig, aber endlich gelangt man doch auf das Hochplateau, von dem aus man eine bessere Aussicht auf das Leben hat! Eine gewisse Ehrfurcht überkam^ihn vor diesem Willensstärken Manne, der ihm um ein weites Stück dieser so beschwerlichen Autodidaktenstraße voraus war. „Ich muß Sie bewundern Herr Koref, sagte Sender nach einer Weile; Wer Ihre Begabung und Ihre Ausdauer hätte. —" „Ich bin nicht der Erste und nicht der Einzige, erwiderte der Ludwack abwehrend. Und was bin ich und was werde ich sein? Der Niemand. Aber wirkliche Leuchten des Judeifthums, Männer die unser Stolz und unsere Zierde sind, Moses Mendelssohn. Ber Krochmal, Isaak Erter, fingen verstohlen beim Lichte von Kienspänen zu lernen an und wuchsen zu ersten Größen empor. Unsereiner kann nicht hoffen, zu werden, was sie geworden, aber aus dem Dunkel der Unwissenheit herauszutreten, zur Erkenntniß gelangen,