Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 40 (4.10.1901)
- Date
- 1901-10-04
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 40 Seite 671 Dr. Vloch's wviZienschriN, dast man ein Ignorant ist, ist auch ein Gewinn. Folge mir-junger Mann, nimm dich zusammen und fange an. Es ist nie zu spät." „Ich möchte wohl; möchte für mein Leben gerne, aber dazu müßte ich hier bleiben und mich unabsehbar lange von Herrn Löw füttern lassen.—" „Freilich; dafür heirate ihm seine Tochter weg; dann steckt er in deiner Schuld. Sie ist nicht schön, setzte er auf eine abwehrende Bewegung Sender's hinzu; das ist unbestreitbar richtig. Sie ist intolerant, unwissend, abergläubig und bösartig — das sind für Dich ebenso viele Tugenden. Eine junge, schöne Frau würde Dich ganz gefangen nehmen, Du würdest im Wohlleben verweichlichen und Dich nie emporarbeiten. Je unleidlicher die Frau, desto eifriger wirst Du bestrebt sein, Dich unabhängig und frei zu machen. Dieser Sporn treibt Dich vorwärts, dem entlegenen Ziele zu. Nicht die Söhne reicher Leute, die alle Bequemlichkeiten des Lebens genießen und jede Unterstützung erkaufen können, sind immer die besten Studenten und werden die größten Gelehrten, sondern vielmehr jene, die die Noth vorwärts drängt und athemlos dem Ansgange aus der finsteren Schlucht zueilen, in der sie mit so vielen Widerwärtigkeiten ringen." „Und dann? —" „Glaube mir. Esther folgt Dir nicht auf diesem Wege. Das Studium wird Dich auch in dieser Richtung frei machen. Uebrigens brennt die Sache nicht; überleg's Dir reiflich und sag es mir, wie Du mit Dir einig geworden." Beide standen auf und schieden mit einem Händedruck. Sender konnte keine Ruhe finden. Die Angelegenheit wurde ihm acut und die Entscheidung schwierig. Sich verkaufen fürs Brot oder sich mittel- und aussichtslos in die Brandung stürzen? Eine Wahl, bei der man den Verstand verlieren könnte. Eins bitterer wie das Andere, sagte er sich wiederholt, die Entscheidung zwischen Köpfen und Hängen. So wie so das Dasein eines Berurtheilten. Wenn er sich die Noth vergegenwärtigte, der er entgegenginge, wenn er sein Asyl verließe; wenn er sich darstellte, wie schwer es einem Menschen ankäme, sein noch so karges Brot zu verdienen, der weder eine Kunst noch ein Handwerk gelernt, und daß jedes beffere Streben im Kampfe um die nothdürftigsten Lebenserforderniffe erstickt werden müßte, so war er entschlossen, um die schöne Esther zu freien. Trat er in den Kreis der Familie, den sie zierte, sah er in ihr bereits herbstelndes Gesicht und hörte ihre verschrobenen, mitlelalterlichen Ansichten so verging ihm die Lust, sich an dieses Mädchen zu ketten, das mit allen Vorurtheilen und allen Aussätzen des krankhaftesten Aberglaubens behaftet war und jede Neuerung, jeden Fortschritt verabscheute. Diesem Schwanken zwischen Sein und Vergehen machte der „Ludwack" schließlich ein Ende. „Nun?", frug ihn dieser eines Morgens nach dem Gebet, „Ich bin der erbärmlichste Mensch, der existirt. erwidert, Sender. Ich habe keine Courage. Fasse ich einen Entschluß, so werfe ich ihn einer Stunde später über den Haufen. Ich weiß nur so viel, daß, wenn ich jetzt unvorbereitet fortgehe, ich dem Elend in die Arme renne und daß, wenn ich Esther heirate, der Unfrieden und die Reue mit uns in die neue Wirtschaft einziehen werden." „Sehr wahr; erwiderte der Melamed; doch würde ich Letzteres vorziehen, weil es Dir möglich macht, Dich für eine bessere Zukunft vorzubereiten; während Du jetzt nichts sein kannst, als irgend ein Taglöhner. Folge mir, Morgen ist Purim, feiern wir ihn als Verlobungstag und zu Ostern sei die Hochzeit. Fasse hier festen Fuß und verfolge Dein Ziel, wie ich. Du bist jünger und Deine Zeit freier. Du wirst es früher erreichen und mich darob segnen." Der junge Mann reichte dem älteren Freunde die Hand. ^„Thut, was Ihr für gut findet," sagte er resignirt. Es war ein fröhlicher Purim in der einsamen Kortschma. Die Zimmer erstrahlten im Lichterglanz, der Tisch ächtzle unter der Last gefüllter Schüsseln und Flaschen. Spässe flogen hin und her. Der Ludwack würzte das Mahl mit heiteren Anekdoten aus dem jüdischen Leben seiner Heimat und den Wunderthatenberühmter Rabbis. Auch die Familie des Branntweinbrenners und ein zufälliger Gast aus der nächsten Ortschaft waren zugegen. Der Meth duftete aus hohen Bechern und trug viel bei, die Temperatur der Geister zu heben und die Festesstimmung, selbst der sonst sauertöpfischen Esther, zu beleben. Sie saß da in einem von ihrer Mutter ererbten, großblumigen Seidenkleide, behängen mit langen in Silber gefaßten Flügelohrgehängen von Rauten, die spärlichen Haare sorgfältig geflochten und auf den dünnen Lippen ein erfrorenes Lächeln. Und neben dieser Braut der jugendliche Bräutigam, dem nicht ein Sonnenstäubchen von Glück aus den Augen leuchtete. Man sah ihm den Zwang an, den er sich anthun mußte, um nicht trübselig zu erscheinen und um die Festesfreude nicht zu stören, die hie und da ziemlich laut wurde und später, als der Methkrug wiederholt gefüllt auf dem Tische erschien, zum allgemeinen Durchbruche kam und sich in jüdischen Liedern offenbarten. ..Purim, bei der Sied') Trinkt itlccher Jüd', Trinkt a güten Meth — Trinkt- Kinder trinkt, Singt, Kinder singt!" Und wer am. meisten getrunken und gesungen und am lautesten sprach, war der Ludwack; sonst stets ernst und schweigsam, konnte er nun in Folge reichlicher Libationen seine Sprache nicht bändigen, brachte allerlei gereimtes und ungereimtes Zeug vor und hänselte besonders das befangene Brautpaar, das unter den Augen des Vaters und seiner Gäste fortwährend erröthete. Als die Nacht vorrückte und die müden Zecher zur Ruhe gingen, war Sender der Einzige, der nicht schlafen konnte; er hatte das Gefühl der Leibeigenschaft, seiner abhängigen Existenz, eines verwirkten Lebens. Rasch vergingen die wenigen Wochen bis Ostern, für welche Zeit die Vermählungsfeier anberaumt wurde. Einige Handwerker arbeiteten an der Ausstaffirung der beiden Verlobten, unter Ausschluß jedes Aufwandes, obschon Henoch Löw, auch bei der Ausstattung seines Neffen nichts kargte, aber Esther war für die möglichst einfachste Anschaffung von Wäsche und Kleidern. Wozu auch? sagte sie, für wen? Für die Bauern? Und so waren die nöthigen Vorbereitungen rasch gemacht, die Einladungen versendet und die Festlichkeiten innerhalb eines engen Rahmens festgestellt. (Fortsetzung folgt.) Untere Feiertage. (Ein Eyclus.) V. Sukkorh. Die große Wüste Durchzogen wir einst Jahre und Jahre. Wir wohnten in Hütten, Doch Gottes Allmacht War sicherer Schutz uns Vor wilden Stämmen Und reißenden Thieren. An jenes Wandern Und kurzes Rasten An diesen Tagen Alljährlich wir denken Und wohnen in Hütten Mit grünem Laube. — Da auch die Ernte Der letzten Früchte Zu Ende gegangen, Steh'n wir im Zeichen Der Cedern und Palmen. Des Festes Jubel Nur einmal bricht Ein ernster Ton Wenn an die Zukunft Der neuen Staaten In Bangen gedacht wird Am Tage der Weiden. Da fleh'n wir den Segen Des Himmels herbei In heißen Gebeten Hosiannah! N. Al. Daniel. Literatur. Gesellschaft für jüdische Volkskunde in Hamburg. Das soeben erschienene VIII. Heft (2. des 4. Jahrgangs) der „Mittheilungen" enthält folgende Beiträge: Bacher W., Ein hebräisches Lied ') Beim Festmahl.