Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 40 (4.10.1901)
- Date
- 1901-10-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 664 Dr. Bloch'« Wochenlchrch d!r. 40 ganger auf dem türkischen Thron. Das einzige unermüdliche Bestreben des Sultans geht nach einer Vergrößerung seiner persönlichen Macht; das beweisen die häufigen Collisionen mit England und Frankreich. Seine Bildung und Ueberlegenheit zeigt Abdul Hamid darin, daß er die Tüchtigkeit seiner jüdischen Unterthanen sich auf allen Gebieten frei entfalten läßt; aber trotzdem wäre er der letzte Monarch, der seine Herrschaft über einen dieser Bürger ausgäbe. Die türkischen Juden können sich in der That keinen besseren Herrn wünschen. Die Gefahr der von den Zionisten versuchten Manipulationen ist sehr groß; sie werden für sich keine Privilegien erlangen, die auch nur annähernd zu irgend einer Unabhängigkeit führen, aber der Mißerfolg und die enttäuschten Hoffnungen einflußreicher Persönlichkeiten können für die türkischen Juden arge Folgen haben. Diese hohen Herren, die das Ohr des Sultans haben, können ihren Souverän zu üblen Maßnahmen gegen die Juden veranlassen, die bisher von dem unbeeinflußten Landesherrn mild und wohlwollend beherrscht worden sind. (,.A. Jsr. W".) ' Zacharias Frankel, Begründer und Director des jüdisch-theologischen Seminars in Breslau, ge b. 30. September 1801 in Prag, g e st. 13 F e b r u a r 1875 i n B r e s l a u. ' Zu dessen Ivvjahrigem Geburtstage, von Dr. Alex. Kisch. In den letzten Tagen beging die Wiffenschaft des Judenthums die Säcularfeier eines ihrer bedeutendsten Leuchten in dem vergangenen Jahrhundert, des Organisators und Direktors der ersten jüdisch-theologischen Hochschule deutscher Zunge, unseres Landsmannes Dr. Zacharias Frankel. Schreiber dieser Zeilen hat im Jahre 1871 zu dessen siebzigsten Geburtstage die erste Biographie Frankel's veröffentlicht und hat für die vom jüdisch-theologischen Seminar in Breslau für die Säcularfeier vorbereitete Festschrift eine ausführliche Arbeit „Prager Notizen für eine Biographie Zacharias Frankel's" geliefert. Es möge ihm nun gestattet sein, eine kurze Skizze seines Lebensganges zu veröffentlichen. Zur Zeit der Geburt Zacharias Frankens in Prag hatte der moderne bildende Geist Mendels sohn's auf die große und altberühmte Gemeinde dieser Stadt bereits einen mächtigen Einfluß geübt. Herz Homberg (geb. 1740, gest. 1841) und Peter Beer (geb. 1755, gest. 1838) versuchten als Lehrer an der von Kaiser Josef ll. begründeten Normalschule, weit über den Bereich ihrer amtlichen Thätigkeit, die nach allgemeiner Bildung strebende Jugend des Prager Ghetto aus der geistigen Abgeschlossenheit, die dieses auch mit moralischen Mauern umgab, zu befreien. Die Zulassung der jüdischen Jünglinge zum Studium an den erbländischen Universitäten und im beschränkten Maße auch zum öffentlichen Studium an den geistlichen und weltlichen Humanitätsanstalten war in den ersten Jahrzehnten nur von wenigen benutzt worden; aber aus den talmudischen „Hochschulen", wie die einseitigen, mittelalterlichen -lesehiboth mit ausschließlichem Talmudstudium etwas ruhmredig genannt wurden, strebten und drängten die Bachuriin, wie die fahrenden Schüler hießen, nach allen Richtungen des Lebens mit deutschen und französischen Büchern in der Hand, die sie ohne Wahl und Erkenntniß für Führer in die Gelehrtenrepublik hielten. Nur wenige von ihnen fanden den schweren Pfad, der den Autodidakten in die Gelehrtenwelt führt. Die Talmudschulen verlangten den größten Theil des Tages und selbst der Nacht für sich, und wenn das Studium der alten Sprachen auch nicht, wie in Ungarn und Polen mit dem Bann belegt war, so sah man doch jede Arbeit in dieser Richtung als eine vergeudete, dem Talmudstudiuni entfremdete an. Bor Allem war von diesen Autodidakten, die meist erst im reiferen Jünglingsalter den Muth fanden, sich aus dem geistigen Ghetto loszureißen, eine Schwierigkeit zu überwinden: die einleitenden Studien ohne die sechsjährige Gymnasialzeit zu betreiben. Daß ein Arzt — und dieser gelehrte Beruf lag den Juden damals am nächsten und war ihnen auch praktisch am zugänglichsten — Humaniora treiben müsse, ehe er an einer Hochschule seine Facheignung erwerben könne, war den Prager Juden längst bekannt und Einzelne hatten diesen Weg bereits in den vergangenen Jahrzehnten mit Erfolg betreten. Dr. Phil. u. Med. Abraham Kisch, mein Ahne') aus einem alten Apothekergeschlechte, geb. Ende des XVII. Jahrhunderts und gest. zu Prag am 5. Juni 1763, studirte zu Halle Arzneikunde und erlangte auf Grund seiner wiederholt abgedruckten Dissertation Theoria et therapia Phtyseos pulmonalis (Halae 1749) die Doctorswürde der Weltweisheit und Arzneiwiffenschaft, gründete zu Berlin (wo er auch durch zwei Jahre der Lehrer Moses Mendels sohn's war) und in Breslau jüdische Krankenhäuser und kehrte dann in seine Vaterstadt Prag zurück, wo er als ausübender Arzt über die Grenzen der Judenstadt hinaus den ausgezeichnetsten Ruf genoß. Dr. Jonas Jeiteles (geb. 1735, gest. 1806) studirte 1752—55 in Leipzig, erlangte auf seine Dissertation Theoriä et therapia fluxus diabetici (Halae 1755) den Doctorgrad und von Kaiser Joseph II. die Erlaubniß zur Ausübung der Heilkunde „bei allen Classen der Staatseinwohner". Daß aber auch ein junger Mann, der Rabbiner werden wollte, als Volks- und Jugendbildner mit Achtung und Erfolg wirken wollte, bei den Römern und Griechen einkehren, dort auch nach ihrer Art denken und fühlen lernen solle, das war damals in Prag noch nicht bekannt. Diesen Weg betrat zuerst Zacharias Frankel. Als Sohn eines verarmten, aus einer unter Leopold I. mit den übrigen Juden aus Wien vertriebenen reichen und vornehmen Familie stammenden Vaters Koppelmann Frankl besuchte er als Kind die talmndische „Hochschule" des geistreichen, moderner Bildung nicht abgeneigten Rabbi Michael Rosenbaum Ronsburg, der als „Rector" dieser Schule dem Großvater und Urgroßvater Frankel's, den berühmten Talmudgelehrten Meyer und Löb Fischl, gefolgt war. Schon als dreizehnjähriger Jüngling soll Frankel ein immenses Wissen auf jüdisch-theologischem Gebiete besessen haben und für ältere Gelehrte durch seine seltene Belesenheit auf dem uferlosen Gebiete des Talmud als lebendiges Nachschlagebuch gegolten haben. Die Koryphäen der damaligen Prager Juden interessirten sich sehr für den jungen Gelehrten und auf Verwendung und Empfehlung des Lehrers der hebräischen Sprache und Literatur an der israelitischen Hauptschule in Prag, Wolf Mayer, eines geistvollen und einflußreichen Mannes, erhielt Frankel im Alter von noch nicht 17 Jahren eine „Condition", wie man damals eine Hauslehrerstelle auf dem flachen Lande bei vermögenden, von Schulen weitab wohnenden Juden nannte, die insofern allgemein als erste Stufe zur Erlangung des Rabbinats galt, als der junge Mensch nach damaligen Begriffen die Eltern mit seiner Erhaltung nicht mehr belästigen und doch seine autodidaktischen Studien weiter betreiben sollte. Wie mühevoll dieser Weg war, wird man begreifen, wenn ich mittheile, daß der talmudisch und, soweit dies damals thunlich war, allgemein-wissenschaftlich gebildete, vortrefflich empfohlene Frankel als Honorar zwei Gulden Wiener Währung (80 kr. ö. W.) wöchentlich erhielt. Daß ein Geist, wie der Frankel's, sich bei der Erziehung der Arrendatorssöhne im böhmischen Städtchen Bresnitz sich nicht am Ziele seines Ehrgeizes fühlte, ist leicht begreiflich. Sein unermüdlicher Fleiß und rastloser Eifer führte ihn während seines vierjährigen „Conditionirens" in die Geheimnisse der Gymnasialdisciplinen ein, so daß er nun, als er sich nach Pest begab, da mit gutem Erfolge die Maturitätsprüfung (1822) ablegen konnte und der erste unter seinen Glaubensgenossen als ordentlicher Hörer der Philosophie an der Pester Universität inscribirt wurde. In Pest hatte nun Frankel mit großer Noth zu kämpfen, da sein Stolz ihm eine Annäherung an die ungarische Richtung der jüdischen Theologie nicht suchen ließ. Es gehörte sein beispielloser Ernst dazu, in seinem Alter nicht, in den nährenden Berus zu eilen und auf das Niveau der Alltäglichkeit herabzusinkeu. Mit Eifer arbeitete er nach beiden Richtungen seiner Berufswissenschaft, daheim studirte er bis in die Morgenstunden die hebräischen Folianten, an der Universität hörte er mit Fleiß die Vorlesungen der Pester Professoren, unter denen namentlich Schedius großes Interesse für ihn hegte und für den neuen Weg, den er zu seinem Ziele eingeschlagen hatte. Ja, seine Professoren nahmen einen so regen Antheil an. ihm und seinem ernst ') Und Ahne des Barons A. v. Kraus, ehemaligen Statthalters von Böhmen, des verstorbenen Majors v. Glasersfeld und Eduard Hanslick's.