Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-10-04 · 40 (4.10.1901) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
40 (4.10.1901)
Date
1901-10-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021385-3021426--11199-3035723
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 40 Seite 661 Br. Bloch'» Wochenschrift. Gm Mort des Dankes. Hochgeehrter Herr Redacteur! Es ist mir viel Liebes und Gutes gesagt worden von meinen Glaubensbrüdern aus Nah und Fern. Anläßlich meines 70. Geburtstages sind von der Wiener Cultusgemeinde, sowie von allen bedeutenderen und einer sehr großen Anzahl kleinerer Cultusgemeinden Oesterreichs, von sämmtlichen Wiener israelitischen Corporationen, Anstalten, Bereinigungen — mit Ausnahme der zionistischen —, von einer sehr großen Anzahl österreichischer und außerösterreichischer Körperschaften, von unseren Glaubensbrüdern in und außer Oesterreich, von der Wiener jüdischen Presse, von österreichischen und außecösterreichischen Zeitschriften an und über mich Telegramme, Zuschriften, Adressen, Publicationen ergangen. Für all' die Liebe und Güte, für all' die mir erwiesene Ehrung und Anerkennung spreche ich hiemit öffentlich meinen herzlichsten Dank aus. Ich werde trachten, nach Möglichkeit im Laufe der Zeit die eingehende Beantwortung bedeutenderer Kundgebungen zu bewältigen. An der Seite meiner unterdrückten, gequälten, verfolgten Glaubensbrüder, der um ihres religiösen Glaubens, um ihrer Standhaftigkeit willen Verfolgten zu stehen, für sie nach meinen besten Kräften, mit Wort und Schrift, mit dem vollen Einsätze meiner Persönlichkeit einzustehen, gebot mir mein Herz, mein Pflichtbewußtsein von Jugend auf. Sie, die ihr Gewissen nicht mit der eitlen Phrase bethören: „Alles ist ja doch nur Redensart! Heilige Redensart. Dir dank' ich Ehren, Macht und Goldgewinn; sie, die alle ihnen gebotenen reichen Güter nicht mit einem heuchlerischen Worte erkaufen wollen, oder jene, die in bescheidener Lebensstellung Druck und Qual und Kränkung, Verletzung wohlerworbener Rechte erdulden, sich bei Seite schieben lassen, in Noth und Elend ausharren, oder gar jene Tausende und Abertausende, die. Hinausgetrieben, blutenden Herzens Vaterland und Heimat verlassen, sich losreißen von der Stätte, an der ihre Voreltern seit Jahrhunderten geweilt, sich losreißen von der geheiligten Grabstätte, in der ihre Teuersten ruhen, Besitzthum, Vermögen, Erwerb, das Stückchen Brot, woran sie zehren, hintangeben und einer dunklen, armseligen, dornenvollen Zukunft in fremdem Lande entgegengehen, weil sie — auch nicht einmal zum Scheine — unserem mehrtausendjährigen Bruderbünde den Rücken kehren wollen; — — an ihrer Seite, an der Seite meiner verfolgten Glaubensbrüder, an der Seite dieser Märtyrer it der Platz, den ich einzunehmen, hier liegt die Pflicht — Aufgabe, welche ich innerhalb des Glaubens- und Bruderbundes, dem ich angehöre, im Leben zu erfüllen habe. Wohl anerkenne ich, was die Humanität überhaupt, was auch das jüdisch-religiöse Sittengesetz in seinem allerersten Gebote : „Du sollst lieben Deinen Nächsten wie Dich selbst" von mir fordert. Ich müßte mich für einen Barbaren, ich müßte mich für einen „Antisemiten" halten, wenn ich dort, wo des Lebens ganzer Jammer mir entgegentritt, nach confessioneller Zugehörigkeit fragen und hievon meine Hilfeleistung abhängig machen würde. Wohl anerkenne ich, was der Patriotismus und was auch die altjüdische Vorschrift: „Du sollst das Wohl der Stadt, in der Du lebst, zu fördern trachten", von mir fordern, und suche ich die mich erfüllende Liebe zur Heimat, zu Vaterland und Vaterstadt, wo und wie ich es vermag, zu bethätigen. Aber wer möchte es bestreiten, daß der schwere Kampf ums Dasein doppelt und zehnfach schwerer den trifft, der zu allem Leid und Weh des Lebens auch noch ein Opfer religiöser Gehässigkeit ist; daß der Religionshaß tief verbitternd wirkt im Gemüthe des Verfolgers, sich ausprägt in allen Lebensäußerungen einer mit solchem Haßgefühle durchtränkten und übersättigten Menge, in deren Händen da und dort zeitweilig die Macht ruht, und daß er da schwer lastet auf unseren armen Glaubensbrüdern. Wer wollte, wer könnte blind sein gegen die sittliche Entartung, gegen die sittliche und moralische Verwilderung, gegen den unglücklichen Einfluß auf Gesetzgebung und Verwaltung, gegen die Corrumpirung aller öffentlichen Verhältnisse und selbst der Rechtspflege, gegen alle diese verderblichen Folgen der religiösen Verhetzung! Indem ich ihr entgegentrete mit dem Aufgebote aller meiner Kräfte, erfülle ich nicht allein eine Pflicht gegenüber meinen Glaubensgenoffen, sondern auch in gleichem, ja vielleicht in noch höherem Maße eine patriotische Pflicht gegenüber meinem Vaterlande und meiner armen, theuren Vaterstadt. Wohin der Religionshaß, der Fanatismus, der Wahn und in deren Gefolge die Dummheit der gutgläubigen Menge führt, zeigt sich deutlich an dem Wiederaufleben der unglaublich albernen Blutbeschuldigung in unserer aus so hoher Culturstuse stehenden Zeit. Man denke nur! Es ist allgemein anerkannt, daß pch in unserem ganzen, in die Jahrtausende znrückreichenden Schriftthum und bis auf die Gegenwart nichts, absolut nichts bezüglich eines derartigen abscheulichen Gebotes oder Brauches studet. Man denke nur! Es waren zwölf Jahrhunderte, sechsunddreißig Menschenalter der jüdischen Diaspora verstrichen; es hatten Millionen und Milliarden Juden, zerstreut unter allen Völkern, auf dem weiten Ecdenrunde gelebt; sie hatten Anfeindungen und Verfolgungen erlitten; man hatte alle denkbaren Anklagen gegen sie erhoben; und von der Blutbeschuldigung findet fick keine Spur. Erst vom 12. Jahrhunderte ab, zunächst gegen christliche Orden und Secten erfunden, um die durch Fanatismus und Habgier aufgestachelten Verfolgungen zu rechtfertigen, wird die Beschuldigung auch auf die Juden übertragen und werden da und dort auch diesen gleichwie Hexen und Hexenmeistern Geftäudniffe durch die scheußlichsten Foltern, durch Eisen 'und Feuer erpreßt. Und neuestens erscheint die Beschuldigung erst nach einer, durch Jahre und Jahre vorausgegangeiren, betriebenen und geduldeten Religionshetze, welche alle möglichen und unmöglichen Anklagen zu Tage fördert, in immer weiteren Kreisen den Verstand und die Urtheilssähigknt trübt und endlich als Krönung des Gebäudes die pfäffiich erfundene Blutbeschuldigung bringt! Man sollte nicht allein die hohen wissenschaftlichen, weltlichen und geistlichen Autoritäten, welche diese Märchen im Laufe der Jahrhunderte und bis heute bekämpfen, namhaft machen und sprechen lassen, man sollte im Gegensätze auch ein Register jener Verblendeten, jener Tölpel anlrgeu, die heute noch an solchem Wahngebil^e festhalten und sich noch: schämen und scheuen, es als ihre Anschauung öffentlich zu bekunden. Gegen solchen Wahn, gegen die dadurch erzeugten Abirrungen — auch in der Rechtspflege — anzukämpfeu. ist nicht allein jedes Juden, ist jedes wahren P Knoten Pflicht, weß Glaubens er sei. Gegenüber der nur hier skizzenhaft gezeichneten antisemitischen Bewegung, welche um uns seit einem Vierteljahrhundert ihre R.nge zieht, muß unser Losungswort lauten: Alle Mann an Bord! Und Einer dieser Mannen war ich, bin ich und aus dem mir zugewiesenen Posten werde ich ausharren. Dr. Alfred Stern. Vom Jahrmarkt des Lebens. Bor den Landtagswahlen in Böhmen. (Bon unserem Original-Correspondenten.) Prag, im September 1901. Wir stehen in Prag wieder einmal vor den Wahlen. Am 11. October l I. sollen die vielgeplagten Würfel in der Städtecurie geworfen werden. Die Agitation ist allseits im schönsten Gange und der Jude ist begreiflicherweise auf kurze Zeit im Courfe gestiegen. Aber nicht der Jude allein. In ihrer Angst vor den Wählern haben die Jungczechen sowohl mit den Altczechen als auch mit der radical-antisemitischen Baxa-Partei ihren Frieden geschlossen. Gregr, Rieger, Baxa! Fürwahr ein Trifolium, wie es auf den weiten politischen Kleefeldern kaum schöner gefunden werden kann. Parteien, die einander haßten, wie Katze und Maus, deren jede ihren Bestand dem Kampfe gegen die andere verdankt, sie halten sich heute friedlich umschlungen in rührender Nächstenliebe und mit furchtsam erschrockenen Augen auf das Gespenst der Socialdemokratie hiudeutend, das sich immer mehr und mehr nähert, größer wird und fürchterlicher.... Unter den jungczechischen Landtagsabgeordneten befanden sich bekanntlich zwei Juden, Dr. Josef Z a l u d und Dr. Jacob Scharf. Die Parteileitung hatte dieselben, der Noth gehorchend nicht dem eigenen Triebe, seinerzeit als Candidaten aufgestellt, nämlich für die Prager I u d e nst a d t. Nun. geschah es aber — nachdem unlängst die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.