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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-10-04 · 40 (4.10.1901) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
40 (4.10.1901)
Date
1901-10-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 660 ^r. Vloch's WochenschriM Ri. 40 Die Kaudtagsnrahl in Kraka«. Sehr geehrte Redaction der „Oesterreichischen Wochenschrift", Wien. Ihre Bemerkung in der „Oesterreichischen Wochenschrift Seite 644, JLr. 39, daß Die Juden ut Lemberg und Krakau bei den Wahren in den Lanolag dazu veigetrageu, daß die jüdischen Candidaten Dr. Byk rn Lemberg unu Dr. Horowitz in Krakau ourchgefallen und dafür Bojko und Rotter gewählt wurden, und hiebei nicht bedacht, daß dre demokratischen Parteien in allen Provinzen Oesterreichs und noch mehr in Galizien von aaltsemürichem Leiste durch>etzt sind, veranlaßt mich zu folgender Erwiderung und hoffe ich, die geehrte Redaction werde die Güie haben, fttoe in der tiächjlen Nummer Ihres vielgelesenen Blattes aufzuneyuii'n. — Dre Berhätrnrsse in Lemberg sind mir zu wenrg oekanur, um über fttbe em llrtherl abzugeben und ve,chränke rch Mich daher auf die Zustande in Krakau. Der Kampf ber den Landiagswayten war nicht gegen Dr. Horowitz, sondern gegen die Slanczyken, die nichts anderes als confervalive Clericare sind, gerichtet. Die Sranczyken waren von jeher, wenn nicht' offene, so doch orc intensivsten Fernde der Juden. Nicht im offenen Kampfe, wie die Aiiiljeunten, sondern im Pillen durch Eilminiruug von allen Äemteru und Anstellungen, durch Absonderung, durch Boycolliren aller jüdischen Geschäfte bestreben sich dieselben, die Junen auszuhuiigern uiid materiell zu vernichten. Der Führer der Slanczylen Professor Dr. Tarnowskl, Präsident der hiesigen Akademie oer Wissenschaften, har vor einigen Jahren die Ansicht ausgesprochen, daß ein offener Kampf gegen die Juden nicht zum Ziele sichre, dieses Ziel ivürde eher erreicht werden, wenn man jeden Berkehr mir ihnen abbricht, weiin man bei ihnen nichts kauft, daun würde mau selbe theilweise aushungern, iheilweise zur Auswanderung veranlassen. Der gewesene Präsident des OoerlanoesgerichlcS Se. Excellenz Zborowski hat während feiner vierjährigen Wirksamkeit kernen einzigen Juden zum unbesoldeten Auscutlanien ernailNt und fein Nachfolger Oberlandes gerichls - Präsident Czyszeran befolgt das Beispiel seuieS Borgangers. Die clerrcate Partei, die feil der constitulionelleii Aera am müder ist, har es visnun als heiligste Pflicht angesehen, alle Jnslilutionen, wie die Feuer- und Lebensversicherungs-Gefellschaft „Florranka", die städtische Sparcassa, die Cassa des BezirktS, trotzdcln die Juden lu erster Reche zu ihrer Biütye beitragen, juveurein zu erhalten. Was WuiiLer, wenn die Juden, die doch ihre Kinder zum großcii Theile ins Gymnasium und auf die lrnwctsiiüt fchrckeii, oder andere Fachschulen abfolviren lassen, ohne die geringste Aussicht zu haben, daß selbe irgendwelche Anstelluilg firiden lverden, — die eu>zige Möglichkeit, daß sie praklisae Aerzte oder Advvcalen werden, und diese Fächer sind bereits so zahlreich, datz auch in diesen Kreisen in Kürze Nolh und Elend yerrschcll wird, — es übergenug haben, den Slanczyken zu Weilern Mandaten zu verhelfen, uuv nur jene Candidaten unterstützen, die Gewähr oleten, daß sie sür die Gleichberechtigung der Juden einlrelen werden, die wir disnun blos am Papier haben. Die Slanczyken- oder clerilal-conservalive Parier wurde von Juden bis nun bei allen Wahlen unterstützt,, wir haben ihnen zu allen Ehrenämtern verholfen und wurden von ihnen hiefür als Bükger zweiten Grades, wenn nicht für viel weniger gehalten. Ja noch mehr, die Stanczyken sind so organisirt, daß sogar der Einzelne gegeii seine Ueverzeugung handelt, wenn es der Partei dient und frommt, um Den Juden zu schaden. Professor Dr. Zoll wurde bei den vorletzten Landtagswahlen fast nur von Juden gewählt und wir lebten und leben noch jetzt m der Ueberzeugung, daß er liberaler Gesinnung sei, und doch unterfertigte oerselde als Herrenhausmitglied die Interpellation wegen Revision des Klosters t» Kenty in Angelegenheit des Falles Araten. Es dürfte Ihren Lesern wohl betannr sein, daß an der Spitze dieser Partei Erzbischof Puzyna steht, der den Juden gar nicht glimpflich gesinnt ist; daß derselbe einer jüdischen Deputation, bestehend aus dem Cullusprasidenten Dr. Horowitz, dem hiesigen Rabbiner und mehreren Eultusmitgliedern, die bei ihm erschienen, nach seiner Ernennung zum Erzbischof in Krakau, um selben die ehrerbietigste Huldigung und Glückwünsche darzubringen, erwiderle: „Gehl hin unv sagt Eueren Glaubensgenossen, sie möchten uns nicht ausbeuten". Das Wenige wird genügen, um zu rechtfertigen, warum die Juden mit den Conservatlven gebrochen und von nun an die Demokraten unterstützen. Der geehrten Redactron scheinen die jüdischen Gememdeverhältnisse in Galizien und specrell in Krakau nicht sehr bekannt zu sein. In Krakau wenigstens haben bis in die jüngste Zeit sonderbare Verhältnisse geherrscht. Hier beschäftigte sich mit allen Wahlen, sei es in die Cultusgememde, fei es in die Handelskammer, Gemeinderath, Landtag und Reichsrath, der Vicepräsident der Cultusgememde Herr Hirsch-Landau, ein in Galizien sehr bekannter Wahlmacher. Seine Helfer waren käufliche Agitatoren, die. den armen Glaubensgenossen ihre Wahlzettel herauslockten und sie verleiteten, gegen ihre Ueberzeugung zu stimmen. Die Wahlen fielen stets nach feinem Gutdünken aus. Es versteht sich von selbst, daß nach der Wahl die christliche Bevölkerung, und zwar mit Recht, über dieses unredliche Verfahren der Wahlagitatoren ungehalten war und dies in ihren Zeitungen brandmarkte. In alle Corporationen wählte dieser berühmte Wahlmacher seine Anhänger, die ihm bei jeder Gelegenheit zu Diensten waren. Es wird vielleicht als nicht glaubwürdig scheinen, daß hier in Krakau noch nie Jemand eine Lffte der jüdischen Wähler für den Cultusvorstand erhalten konnte, daß somit eine Agitation gegen den jetzigen Machthaber unmöglich sei. Von mehr als 2500 berechtigten Wählern stimmen bei erner Wahl in d,n Cultusvorstand 3—400 und diese größtentheils durch Vollmacht. Die meisten Wähler bekommen den Wahlzettel gar nicht in die Hände. Daß ein solcher Zustand in unserer Gemeinde früher oder später eine Reaction hervorbringen mußte, ist doch sehr begreiflich und die kam auch bei den' letzten Reichsrathswahlen. Durch eine energische ganz frei von jedem Persönlichen Interesse geleitete Agitation gelang es, den demokratischen Candidaten zum Siege zu verhelfen. Die Candidaten Dr. Weigel, seligen Andenkens und Director Rotter verdankten ihr Wahl nichl feilen Agitatoren, sondern ihren persönlichen Verdiensten. Dr. Weigel hak während seines ganzen parlamentarischen Lebens nie einen Unterschied der Confession gekannt, hat durch Thaten bewiesen, daß er die Juden als gleichberechtigt angesehen, hat einen rechtschaffenen Juden einem rechtschaffenen Christen gleichgestellt ulid war stets Jedem zugänglich und suchte nach Möglichkeit zu helfen und ein gerechtes Anliegen zu vertreten. Director Rotier, dessen Charakter rein wie das reinste Krystall ist, hat unzähligemale unseren Glaubensgenossen Wohlthaten erwiesen und genießt derselbe hier eine Popularität, wie selbe kein Zweiter besitzt. Die Conservativen haben diese Niederlage bei oen Reichsrachswaylen nicht verschmerzen können und ihr Organ, der „Czas", das vor den Wahlen nur von Israeliten sprach — schriev schon am Tage nach der Wahl, die jüdische Rotte zog stromweise zur Wahl und brachte die Conservativen züm Falle. Kaum verging ein Jahr und es kamen die Landtagswahlen. Unser Waylmacher Herr Hirsch-Landau schloß einen Vertrag mit den Slanczyken, ohne mit den, Wählern sich zu verständigen, daß alle Juden für die conservativ-clericalen Candidaten stimmen werden, wenn der Präsident der Cultusgememde als Candidat sür den Landtag aufgestellt werden wird und zu diesem Pacte gab der Erzbischof Puzyna feine Zustimmung. In einer geschlossenen Wählerversammlung, die unter Polizeiaufsicht stattfand, erklärte Dr. Horowitz in seiner Candidatenrede, daß er dieser Partei sich anschließen werde und ganz ihrer Partei angehören werde — einer Partei, die als ihr wichtigstes Programm die confefsionelle Schule anstrebt. Ihre Leser werden wohl wissen, daß die jüdischen Anhänger des Herrn Hirsch-Landau und des Dr. Horowitz ihre Pflicht thaten und den 3 clericalen Candidaten zum Siege verhalsen und nur der jüdische Candidat der Slanczyken durchfiel und mit ihm der so beliebte Demokrat, Candidat Director Rotter, den die Stanczyken wegen seiner beson.ers edlen und wahrhaft menschlichen Eigenschaften von jeher bekämpfen.' Bei der nach einigen Tagen stattgefundenen engeren Wahl haben alle gutgesinnten Juden nur eine Pflicht der Dankbarkeit erwiesen, wenn sie für Director Rotter gestimmt. Die Clericalen haben selbst dazu beigetragen, daß der clericale Candidat fiel, er erhielt bei der zweiten Wahl 169 Stimmen weniger als bei der ersten Wahl. Würden die Clericalen es mit Dr. Horowitz ehrlich meinen, würden selbe ihn im Großgrundbesitz durchfuhren, dort haben doch die Stanczyken die ganze Macht, aber sie verfahren nach dem alten Sprichwort: „Der Moor hat seine Schuldigkeit gethan — er kann gehen". Nicht Dr. Horowitz fiel, sondern die Wahlmacherei des Herrn. Hirsch- Landau ist mißlungen. Wir haben keinem Antisemiten, sondern einem edlen Manne, der stets auch uns Juden als gleichberechtigte Bürger dieses Landes betrachtet, zum Siege verholfen, und daß wir es gethan, darauf sind wir Alle, die dazu beigetragen, stolz. Mit vorzüglichster Hochachtung Dr. Lustgarten.

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