Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 40 (4.10.1901)
- Date
- 1901-10-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 40 Dr. VUntz's WochenschrM. Lhums beruhen. Auf Seite 324 citirt er Herder: „Das Volk der Juden ist und bleibt auch in Europa ein unserem Welttheil fremdes, asiatisches Volk, an jenes alte, unter einem entfernten Himmelsstrich ihm gegebene und nach eigenen: Geständniß von ihm unauflösbare Gesetz gebunden." Und nun deutet ec in den Ausspruch Herder's eine diesem ganz fernliegende Tendenz hinein, indem er hinzufügt : „Dieses fremde Volk aber, ewig fremd, weil — wie Herder so richtig bemerkt — an ein fremdes, allen anderen Völkern feindliches Gesetz unauflösbar gebunden rc." So darf ein ehrlicher Mann mit dem Namen Herder nicht umspringen! Seine Citate find auch sonst etwas absonderlicher Natur. Mandelstam's Rede auf dem Baseler Congreß 1898, in welcher das Aufgehen der Juden in die übrigen Nationalitäten zurückgewiesen wird, führt er nicht nach dem stenographischen Protokoll, sondern „nach dem Bericht eines Theilnehmers am Congreß in der Pariser Zeitung „Le Temps“ au. Zu der Erklärung Mandelstam's, „daß die Juden ihre historische Hoffnung (offenbar auf Zion) festhallen, macht er die gehässige Einschiebung: „d. h. also auf Weltherrschaft!" Steht das im „Temps", dann ist der „Theilnehmer" sehr verdächtig, ist es ein Ausfluß Chamberlain'schen Geistes, dann charakterisirt er seine Unbefangenheit. Auf Seite 383 gibt er eine Schilderung Ratzel's über die Charaktereigenschaften der Semiten. Aber statt ihn wörtlich zu citiren, bemerkt er: „Mit Benützung Ratzel's eigener Worte zusammengefaßt." (!) Bei allem Dilettantismus sind solche Kunststücke unerlaubt. Mehrfach stimmt Chamberlain in die Verleumdung mit ein, daß das rabbinische Judenthum den Haß gegen alle Nichtjuden predigte. Seine „Kenntniß" des Judenthums schöpft er aus den unsaubersten Quellen. Seite 344 behauptet er, „daß die meisten Rabbiner alle Nichtjuden vom Antheil an einer zukünftigen Welt ausschlossen, Andere sie nur als eine verachtete Menge dort duldeten " Seite 428 sagt er: „Wer auf die Frage: Wer ist der Jude? eine klare Antwort geben will, vergesse das Eine nie: daß der Jude, dank dem Hesekiel, der Lehrmeister aller Intoleranz, alles Glaubensfanatismus, alles Mordens um der Religion willen ist, daß er an die Duldsamkeit immer nur dann appellirte, wenn er sich bedrückt fühlte, daß er sie selber jedoch niemals übte, noch üben durfte, denn sein Gesetz verbot es ihm und verbietet es ihm auch heute — und morgen." Ein fanatischer, ungerechter Haß athmet aus diesen Worten. Und das Alles will Chamberlain „erlebt" haben. Wenn das „Erlebniß" ist, dann sind die Greuel der Inquisition, die Ketzerverbrennungen in Deutschland, die Missethaten der Kreuzfahrer, die Bartholomäusnacht und die sicilianische Vesper Truggebilde der Phantasie. Chamberlain kennt alle von Judengegnern begangenen Fälschungen des Talmud. Den Grundsatz des Talmud: „Die Edlen aller Völker haben Antheil an der ewigen Seligkeit" kennt er nicht und auch nicht jene tausendfältigen Aussprüche der angesehensten jüdischen Rabbinen, die jedem Bekenner der noachidischen Gebote die ewige Seligkeit zusprechen. Wir würden ihm empfehlen, diese Stellen bei Chwolson nachzulesen, wenn er nicht von vornherein betont hätte, daß er so wenig als irgend thunlich und nur das „Allerbeste" lese. Das „Allerbeste" ist offenbar die antisemitische Literatur. In einer bei G. Pierson in Dresden und Leipzig erschienenen trefflichen Kritik seines Buches (von H. C.) ist Chamberlain eine lange Reihe haarsträubendster Widersprüche und Unwahrheiten nachgewiesen worden. Er hat dazu geschwiegen — offenbar mit dem Rechte des „ungelehrten Mannes". Es sei uns gestattet, die wesentlichsten hier auch anzuführen. Auf Seite 121 citirt er Jhering als Zeugen für das Dasein eines „m o r a l i s ch e n A r i e r t h u m s", auf Seite 122 tadelt er denselben Jhering wegen der „ungeheuerlichen Behauptung", daß die angeerbte physische (und mit dieser zugleich die moralische) Structur des Menschen gar keinen Einfluß auf seinen Charakter habe. Lette 650 Auf Seite 129 lobt er den Augustinus, weil er auf die Abwesenheit der Habgier und des Eigennutzes bei den Römern aufmerksam macht, auf Seite 131 vertheidigt er die römische Härte, den römischen Eigennutz, die römische Gier. Auf Seite 170 spricht er den Juden jeden Ansatz zu einer Rechtsbildung ab. Auf Seite 47 rühmt er die Rechtsauffassung der Propheten gegenüber derjenigen der Römer. Auf Seite 617 behauptet er, Dante sei in Bezug auf das Verhültniß zwischen Staat und Kirche ganz in carlinisch-ottonischen (cäsaropapistischen) Anschauungen befangen gewesen, auf Seite 614 und 621 nennt er ihn unter den Vorkämpfern der Trennung von Staat und Kirche. Auf Seite 219 betont er den Abscheu der Juden vor allen Mischehen, auf Seite 214 bemerkt er, die Juden Hütten über die Mischehe lax gedacht. Seite 470 verherrlicht er die Köuigstreue der Bretonen als einen echt germanischen Zug, Seite 148 führt er als charakteristisch für alle Zweige der Jndoeuropäer an, daß ihnen der Begriff des Uuterthauenseins fremd war. Seite 449 erklärt er, daß der Wahn einer besonderen Auserwähltheit, einer besonderen Gottgefülligkeit, einer unvergleichlichen Zukunft im Judenthum triumphirte, Seite 571 bemerkte er, daß der Messiasgedanke im Judenthum lange nicht die Rolle spielte, als die Christen sich einbilden. Seite 429 betont er, daß dem Juden das Dogma im christlichen Sinne fremd sei, Seite 572, daß der Drang, Dogmen aufzustellen, arisch sei, dagegen nennt er Seite 144 die Juden geborene Dogmatiker uns Fanatiker. Seite 515 und 516 bezeichnet er die blutigen Ketzerverfolgungen als einen Sieg des altrvmischen Kaiserrechtes über den g e r m a n i s ch e n Geist, Seite 726 schreibt er: „Von Anfang au und bis zum heutigen Tage sehen wir die Germanen ganze Stämme und Völker hinschlachten und langsam durch grundsätzliche Demoralisation hinmorden, um Platz für sich selber zu bekommen." Und als angeborene Eigenschaften dieser „edlen" Germanen zählt er Seite 503 auf: „Gier, Grausamkeit, Verrath, Mißachtung aller Rechte, außer ihres eigenen Rechtes, zu herrschen." Bemerkt muß noch werden, daß Chamberlain auch Engländer, Franzosen, Slaven und Kelten, ja selbst Spanier und Italiener zu den „Germanen" rechnet und Dante, Franz von Assisi, Thomas von Aquino und Pascal zu seinen Stammesgeuoffen rechnet. Mit beißender Satyre bemerkt der mehrfach erwähnte Kritiker: „Mit anderen Worten, jeder Mensch in Europa, der ein ganzer Kerl ist, ist ein Germane. — Chamberlain's Idee ist durchaus praktisch, denn, da es doch einmal nicht wegzuleugnen ist, daß die Hauptstadt des Deutschen Reiches im Kreise Teltow-Beeskom-Storkow, zwischen Spandow und Copenik, Rathenow und Dobrilugk liegt, vereinfacht es die Frage ungemein, den Slaven das Prüdicat „Germane" zu verleihen". Wie genau es Chamberlain mit der Wahrheit nimmt, zeigt H. C. durch folgendes Beispiel: Er spricht von einer „reizenden Anekdote, die angeblich Leroy-Beaulieu" in seinem Buche „Israel cliez les nations“ zum 'Besten gibt, wie nämlich seine vierjährige Enkelin stets und ausnahmslos jämmerlich zu heulen anhebt, sobald in: Jardin du Luxembourg ein Jude oder eine Jüdin in ihre Nähe kommt. In Wahrheit lautet die Stelle bei Leroy-Beaulieu folgendermaßen: „Warum spielt Ihr nicht mit diesem kleinen Mädchen, hörte ich eines Tages im Park Monceau die Kinder fragen. Weil sie Jüdin ist, Mama. Von welcher Seite kommt also heute die Ausschließung? Im größten Theile Europas scheint sie weniger von Juden als von Christen auszugehen." Davon, daß die kleinen christlichen Mädchen die Jüdin schon durch den Jnstinct errathen, findet sich bei Leroy-Beaulieu kein Wort, auch nichts von einer „Enkelin" des Verfassers, und der Ort ist nicht der Luxemburg-Garten, sondern ein anderer Park. Uugenauigkeiten sind dem Dilettanten allenfalls erlaubt, nicht aber directe Entstellungen der Wahrheit. (Ein zweiter Artikel folgt.)