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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-09-27 · 39 (27.9.1901) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
39 (27.9.1901)
Date
1901-09-27
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 39 Vvc Bloch's Wochenschrlp. Seite 686» und die Großmutter jammerten so schrecklich, daß ich endlich, im letzten Augenblick, nachgab und nach Anbruch der stürmischen Nacht, geführt von einem verläßlichen Schmuggler, über die Grenze ging, um zu Euch, lieber Vetter, zu gelangen. Nehmen Sie mich für kurze Zeit auf/ „äJtit Freuden, lieber Junge. Bleibe bei uns, so lange Du willst. Komm, ich werde Dich meinen Kindern vorstellen. Etwas Warmes wirst Du, nach diesem nächtlichen Marsch, auch wohl vertragen können." Als die beiden Männer über den dunklen Flur in die Wohnräume gingen, stießen sie auf eine weibliche Gestalt, die rasch zurückwich. Es war Esther, die an der Thür des Betlocales horchte. .Esther, mein Kind", sagte Henoch Löw, .dies ist Dein Vetter Senderl aus Rußland, ein Sohn' Deiner frommen Muhme Serele. Er ist erfroren und hungrig; besorge etwas zum Essen und zum Trinken, und dann ein gutes Lager." Die Ankunft des jungen Mannes war ein Ereigniß in der Familie und hatte für Jedermann einiges Interesse. Er war ein naher Verwandter der verstorbenen Frau Löw, von dem in Briefen und mündlichen Ueberlieferungen erzählt wurde, welch' ein ausgezeichneter Talmudist und gortesfürchtiger Jüngling er sei; er wußte von seiner Heimat und den Verhältnissen jenseits der Grenze Vieles zu erzählen, das hier neu war, suchte sich nach und nach seinem Oukel durch kleine Dienste im Schreibfache nützlich zu machen und entzückte Esther, ohne es zu wollen, durch sem längeres Verweilen beim Beten und seine Citate aus Bibel und Talmud. Herr Löw dachte oft daran, ihn für seine Tochter zu gewinnen, die Tochter hatte denselben Gedanken und suchte ihm den Aufenthalt in ihrem Hause möglichst angenehm zu machen, verfolgte aber dabei sein Thun mit kritischem Blick, ob er betet, wie er betet, was er spricht und wie er denkt, und war entzückt, als sie wahrnahm, daß er außer Hebräisch nichts gelernt, von moderner Bildung keine Idee habe. Das war thr Ideal — der Jude früherer Zeiten, nicht modernisirt — das alte Dunkel nicht beleuchtet — das Leben der Vorfahren streng und eng umfriedet gegen jede Neuerung. Für den bonirten Sinn des in Vorurtheilen und religiösem Fanatismus verknöcherten Mädchens war jeder Fortschritt Apostasie. Es verging einige Zeit, bis der junge Mann in der ihm fremden, wenn auch verwandten Familie gewissermaßen Posto faßte und sich in die neuen Verhältnisse einvürgerte. Er erkannte rm Onkel ^ren einfachen, biedern, gutmüthigen Menschen, mit dem man ohne Schwierigkeit auskommeu konnte, und in der ältern Cousine einen starren, harten Cyarakler, von bigotter, fast fanatisch religiöser Gesinnung, die ihn einigermaßen abstieß, obschon er zu Hause an seiner eigenen Mutter ein ähnliches, wenn auch etwas milderes Bild hatte und er selbst voll gläubigen Sinnes war. Die übrigen Mitglieder der Familie waren drei Jungen, von denen der Aelteste im vierzehnten Jahre stand und die von einem Hauslehrer unterrichtet wurden, der in jenem Betzimmer hauste, in welchem Sender iur ersten Momente seiner Ankunft Unterkunft fand. Zum Schlafen war dem armen Privatgelehrten, der hier unter dem Titel eines .Melamed" bei einem Semestralgehalt von vierundzwanzig Gulden die Functlv. en eines Lehrers, eines Borbeters und eines Lectors ausübte, eine kleine Kammer angewiesen, in welcher alter, unbenützter Hausraty und von Ostern für Ostern reservirte Tafel- und Kuchengeschirre aufbewayrt zu werden pflegten. Dieser .Melamed" war ein noch ziemlich junger Mensch, früher Belser in einem nahen Städtchen, wo er drei Tage m der Woche hungerte, da er blos vier Tage besetzt hatte, daher es vorzog, sich in emem noch so elenden Dorfe satt zu essen und einen Titel zu führen, den er in der Stadt noch lange nicht erreicht hätte. Dieser Mensch schien in der Thal einige Begabung zu haben und war strebsam. In seinen Mußestullden arbeitete er für sich und der .Ludwack" galt für einen Gelehrten. Ludwack nannte man ihn nach seinem Heimatland, er stammte nämlich aus Lithauen, hieß in Wirklichkeit Chain« Koref und sprach den Jargon mit ganz eigener, fremder Betonung, die sofort die russische Heimat verrieth, aus der vor Jahren auch er, gleich Sender jetzt, und aus gleichem Grunde flüchtete. Er und Sender wurden bald Freunde. Eines Abends, als die Familie beim Abendbrot saß, der Samovar brodelte und der Wind an den Fenstern rüttelte, wie damals in der Nacht, als der junge Mann bei heftigem Schnee und Sturm Einlaß begehrte, nahm Sender, nachdem er lange schweigend und wie verloren dasaß,, das Wort. „Lieber Onkel, sagte er zuerst etwas befangen, dann aber fest, „ich habe mir vorgenommen mit Ihnen, mich betteffend, zu sprechen und denke jetzt wär's bei ruhiger, stiller Stunde an der Zeit. Mein Vater lebt nicht mehr; meine Mutter ist eine fromme und kluge Frau, aber unpraktisch und überdies fern; so kann mir Niemand rathen als Sie, mein nächster und bester Verwandter. Ich habe über meine Lage nachgedacht. So kann es nicht länger bleiben; ich kann nicht lebenslang da fitzen, essen, trinken und schlafen; endlos und ziellos. Ich muß doch aus mir einen Menschen machen, der fich sein Brot verdient und es nicht an fremden Tischen, wie ein Almosen sucht." .Sag' mir", unterbrach ihn Herr Löw, .was wäre ans Dir zu Hause geworden, wenn Du in Dubno geblieben wärest?" .Weiß ich?", erwiderte Jener, .vielleicht ein Kaufmann, so ein kleiner Krämer, der oft untersinkt und wieder auftaucht, oder ein Schwiegersohn, den der Schwiegervater ernährt, während er beim Talmud hockt und sich um nichts kümmert, bis ihn einst die Noth überwältigt." .Hier kann's Dir nicht schlechter gehen", erwiderte der Onkel lächelnd. .Auch hier kannst Du einen guten Schwiegervater erheiraten, der für Dich sorgt, auch hier kannst Du jahrelang beim Talmud fitzen, ohne daß Dich die Sorge drückt; während dessen wächst die Mitgift Deiner Frau durch Zinsen und Zinseszinsen zu einem namhaften Capital, das Dich dann ernährt, wenn der Schwiegervater nicht mehr ist, oder die andern Kinder mit gleichen Forderungen an ihn herantreten und feine Leistungsfähigkeit schwächen. So war es bei Deinem und meinem Väter, bei Deinem und meinem Großvater, und ich finde es gut/ .Ich verstehe nichts vom Handel, lieber Onkel/ »Äst gar nicht nothwendig!", erwiderte Jener. .Was ist denn da zu verstehen? Ist es eine Kunst, Getreide oder Holz, oder Spiritus zu kaufen? Die Regel ist, billig kaufen, theuer verkaufen. So billig als möglicy, so theuer als möglich. Gelingt dies, so hat man gewonnen, mißglückt es, so verliert man. Gewinnt man oft, so wird man ein reicher Mann, verliert man noch öfter, so wird man ein Schnorrer. Das ist ja so einfach und sicher, wie zwei mal zwei vier ist." „Und dann? Wenn man arm geworden und Weib und Kind ernährt fein wollen?" .Dann gibt es zur Noth noch andere, minder ergiebige Quellen. Man wird Börfeaner, Makler, Talmudlehrer, Schadchen, Klausner; es verhungert Niemand. Schau, ich besaß nichts als ich heiratete; meine Frau, die Mutter dieser Kinder, brachte e«n klein wenig Geld ms Haus; unsere Eltern waren nicht mehr und wir mußten anfangen. Wir pachteten diese Kartschma, lebten sparsam und es ging. Später pachteten wir die Propination, noch später die Branntweinbrennerei. Hie und da kauften wir ein paar Joch Ackergrund, einen Garten oder Wiese. Ich tausche jetzt nicht mit meinem Puritz, der mehr Schulden als Halme yar und den Pachtschilling ein halbes Jahr vor dem Termin verpfändet. Natürlich, er ist ein vornehmer Herr, läßt fich Graf nennen, obschon er blos Ritter ist; nennt mich Moscht», obschon ich Henoch heiße; er bekommt aber nicht ein Paar Stiefel geborgt, während mein Wechsel eine Banknote ist. Man muß nicht reich geboren sein, die Hauptsache ist, reich werden." .Schwimmen oder unterfinken", sagte Sender nachdenklich, .emporsteigen oder hinunterfallen — das ist eine sehr unsichere Existenz." .Alles von Gott, warf Esther ein, auf ihn muß man vertrauen und nicht aus Menschen bauen. Ich bin nicht so alt, aber ich habe schon kleine Leute gesehen, die groß geworden und wiederum stolze, reiche Menschen, dit ganz tief gefallen." .Wir Juden", fuhr Herr Löw fort, „haben überhaupt keine sichere Zukunft; wir wandeln über schwanke Bretter, und sollen nicht den Weg allein gehen; zwei marschiren sicherer; ich rathe Dir lieber Nesse, alle Pläne bei Seite zu fetzen und zu heiraten; wo Einer allein nicht vorwärts kann, geht es zu Zwei besser." (Fortsetzung folgt.) Kriefkastr«. L. R. Das schöne Grabdenkmal /irr Ferdinand Groß wurde von der Steinmetzfirma Wulkan & Neubrunn ausgesührt. K. Kiesler in St. Der 30. Jänner 1834 war Donnerstag am 20. Schewat 5594, der 10. Februar 1852 war Dienstag am 20. Schewat 5613. Gerichtsdolmetsch I. O. in Wien. Die citirten Inschriften sind bekannte Fälschungen, gewisse Pseudotexte, welche man zu ersichtlichem Zwecke im Mittelalter fabricirt hat. Den Geschichtskennern find diese Texte nicht unbekannt, welche zum Zwecke der Judenbekehrung entstanden find.

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