Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 39 (27.9.1901)
- Date
- 1901-09-27
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 654 flr. 30 Vr. VLmtz's Feuilleton. Aus dem gatizifche« Kede«. Mn Bild von Leo Herzberg-Frankel. Zwischen den niedern, strohbedeckten Hütten mit kleinen blinden Fenstern, durch die kaum die Strahlen der Sonne drmgen, zwischen engen mit Latten umfriedeten, morastigen Höfen, durch die aus kleinen dumpfen Ställen die übelriechende Jauche rieselt, steht ein weitläufiges, ziemlich ansehnliches Gebäude mit Schindeldach und breiter Einfahrt, und weiß übertünchten hölzernen Säulen, von dem scharlachrothe Vorhänge prahlerisch hmausschreien, daß darinnen wohlhabende Leute wohnen. Der Platz vor diesem weit gestreckten Hause ist mit Schutt gestampft und zum Theile mit Trschen und Bänken, aus Fichtenfchwarten rauh gezimmert, bedeckt, an denen die bäuerliche Bevölkerung beider Geschlechter und fremde Fuhrknechte, die des Weges kommen, ihren Schnaps trinken, ihr Brot und Häring verzehren und die gegenseitigen Geschichten anhören. Der ungedielte Hausflur theilt die Zimmer in zwei Reihenbaus der einen Seite liegen die große Schankstube und die kleinen Wohnzimmer des Gutspächters, auf der-andern die Zimmer für Fremde, di« ein tragisches Geschick über Rächt hergeweht; das Bet- und Unterrichtslocal. Die Ausstattung dieser Wohnräume ist eben nicht luxuriös, aber ziemlich sauber, für den Ort und die Kunden ganz annehmbar. Die Bewohner dieses Hauses, der Kartschma, sind mit ihren Bediensteten die einzigen Juden in diesem ruthenifchen Dorfe, das sich zwischen einigen bewaldeten Hügeln und Wassertümpeln hinzieht, ahne irgend welche Anfechtungen zu erfahren, da der Propmationspächter Henoch Löw es verstanden, sich mit dem Pfarrer auf guten Fuß zu stellen, dem die alttestamentarischen Delicatcssen aus der jüdischen Küche, der süße Meth, der saure Fisch und sogar die viel verleumdeten Osterbrote trefflich mundeten. Henoch Löw war ein kluger, gewerbfleißiger, praktischer Mensch, fromm, aber kein Zelote, der überall Hand anlegte, seine Felder bestellte, Vieh züchtete, Getreide vermahlte und Branntwein fabricirte. Seit dem Tode seiner Frau führte seine bereits sehr reise Tochter das Regiment im Hause. Sie hieß Esther; hätte sie zur Zeit deS Königs Nebukadnezar gelebt und wäre |ie von Onkel Mordochai vorgestellt worden, alle Juden würden damals hingerichtet worden sein. Wir hätten einen Fasttag, aber keinen Purim. Mindere Leute als der selige Perserkönig, denen Esther vorgeführt wurde, ließen sie einfach sitzen und «galirten den unglücklichen Schadchen mit allen möglichen Sottisen, die der besorgte Vater durch ausgiebige Trinkgelder und Vorschüsse wett machte. Außer der körperlichen Reize erbte Esther von ihrer Mutter den frommen Sinn in einem an Unsinn grenzenden Grade. Sie kannte alle religiösen Vorschriften und Gebräuche, sowie alle eingebürgerten Mißbräuche und befolgte sie wie Gottesgebote. Sie betete, fastete, hielt steif und fest an den kleinsten Herkömmlichkeiten und übte weder gegen sich, noch gegen Andere irgendwelche Nachsicht. Bon unfreundlichem, kalten Temperament, war ihr jedes Lächeln fremd und ihr herbstliches Gesicht stets umwölkt; sie polterte den ganzen Tag zwischen dem Hausgesinde, maltraitirte die jüngeren Geschwister, peinigte die Drenstleutr und hielt nicht einmal vor der Autorität des Vaters still, dem sie das Haus vergällte. Alle Augenblicke gab es einen Unfall in der Wirthschaft; bald hatte eine Henne eine Anlage zu einem Kropf, bald entdeckte sie in den Eingeweiden einer geschlachteten Gans einen Knopf, bald fand sie den Suppentopf in gefährlicher Nachbarschaft des Milchnapfes und erklärte beide für ungenießbar. Der Sabbath hatte in ihrem Haufe eine Länge von dreißig Stunden; sie war intolerant bis zum Zelotismus. Trotz dieser lieblichen Eigenschaften hätte sich doch irgend ein Desperado gefunden, der ihre Mitgift genommen hätte, aber Esther wollte nur aus Liebe heiraten und nicht des Geldes wegen gefreit werden. Und sie wartete, zum Leidwesen ihrer ganzen Umgebung. Endlich sollte ihr doch geholfen werden, wenn auch nicht ganz in ihrem Sinne, nicht aus glühender Liebe und sehnsüchtigem Verlangen eines hinschmachtenden Jünglings, aber doch wenigstens ohne fremde Vermittlung — eine Gottesschickung. Es war in einer stürmischen Winternacht. Der Wind rüttelte hefttg an den Fenstern und aus dem dunkelgrauen Gewölke fiel maffenhafter Schnee, die niederen Dorfhütten begrabend. Die Stunde war vorgerückt und nur noch die Fenster des Pachthauses waren beleuchtet, da die Familie nach dem verspäteten WorhrnsttzrM. Nachtmahl beisammen saß und Herr Löw, seine lange Pfeife rauchend, die letzten Geschäfte mit seiner Tochter besprach, die einen Einblick in dieselben hatte. Da wurde heftig an das Thor geklopft und die in der Einfahrt lagernden Hunde erhoben eingewaltiges Gebell. „Horch!" riefen die Kinder. „Ein später Gast bei diesem Wetter." „Wahrscheinlich ein Bauer, der Schnaps holen will." „Ah, die Bauern schlafen längst. Wohl ein Telegraphenbote." „Die gehen und kommen nicht bei diesem Wetter und dieser Stunde." Das Klopfen am Thore wurde noch heftiger, das Bellen der Hunde noch lauter. _ „Wir müssen öffnen lassen", sagte der Vater. „Der Hausknecht schläft schon seit zwei Stunden", erwiderte die Tochter, „und wenn Maxim schläft, wecken ihn nicht Kanonenschüsse." „So gehe ich selber." Der Alte legte behutsam seine Pfeife weg, zündete eine Kerze an, die in einer kleinen Laterne steckte, hüllte sich fester in seinen wollenen Schlafrock und ging hinaus, zuerst die Hunde zu beruhigen und dann das Thor zu öffnen, an dem das Klopfen, seit das Licht der Laterne durch die Ritzen in die finstere Nacht fiel, aufhörte. Der schwere Riegel wich und in das geöffnete Haus trat das Bild des Winters: eine ganz mit Schnee bedeckte Figur, unförmlich in dieser Umhüllung, mit einer Eiskruste auf der Kopfbedeckung, von der man nicht wissen konnte, ob es eine Mütze oder ein Hut sei; der Ranzen auf dem Rücken sah wie eine Schneelawine aus, die er gleich beim Eintritt ins Haus hinuntergleiten ließ, ebenso wie der rauhe Stecken den starren Händen entfiel. Der beschwerliche Marsch in diesem, entsetzlichen Wetter hatte den Ankömmling der Sprache beraubt und er stand, eine Jammergestalt, vor dem Pächter, ohne ein Wort Vorbringen zu können. „Wer bist Du und was willst Du?" frug dieser. Der Fremde konnte kein Wort hervorbringen. „Komme herein", sagte Henoch Löw und ging ihm ins Zimmer voran, während Jener den dichten Schnee von seinen Kleidern abzuschütteln bemüht war und ihm folgte. Die Stube, die der Hausherr öffnete, war nicht ein Bestandtheil seiner Wohnung, sondern das Betlocal, ein ziemlich großes Zimmer mit langen schmalen Tischen und Bänken, einem verzierten Kasten an der Ostseite, die Thorarollen enthaltend, einem eichenen Betpulte mit einem siebenarmigen Messingleuchter und einer hängenden Lampe. Hier versammelten sich die männlichen Mitglieder der Familie Löw, ihre jüdischen Bediensteten und die Juden der benachbarten Dörfer zu einem gemeinsamen Gottesdienste, dem die Frauen aus einem anstoßenden Zimmer zuhörten.Hier ertheilte auch der Hauslehrerden Söhnen des Arendators Unterricht in Bibel und Talmud, die er ihnen mühselig eintrichterte. Der Fremde war noch immer bemüht, den Schnee von seiner Kleidung, seiner Kopfbedeckung und seinem Haupthaar zu entfernen und legte endlich den schweren nassen Mantel ab, der ihm bis zu den Knöcheln hinunterreichte. Jetzt erschien er als ein junger, kräftiger Mann, mit hübschen, gebräunten Zügen und intelligentem Ausdruck. „Sind Sie Herr Henoch Löw?" ftug der Ankömmling. „Ich bin es — wer seid Ihr?" „Ich bin der Sohn von Serele Pereles, einer Tochter von Hindele Meisels in Dubno." „Ah, der Schwester meiner verstorbenen Frau?! Bist Du also Senderl, der älteste Sohn?" rief Herr Löw, dem jungen Mann die Hand reichend. „Ja, lieber Vetter." „Und was führt Dich her, bei diesem Wetter, in diesem Zustand und zu Fuß?" „Ich habe mich geflüchtet, um dem bei uns so harten Militärdienst zu entgehen, der fast nie endigt und die Recruten weit, weit weg von der Heimat und seinen Liebsten entfernt, nach entlegenen Ländern, nach dem Ural, dem Kaukasus, nach Sibirien und zur Grenze Chinas, von wo man nie wiederkehrt oder nur nach längst entschwundener Jugend und Gesundheit. Für die Juden ist es besonders schwer, da sie von den Oificieren sehr schlecht behandelt und mißhandelt werden. Wer kein Krüppel und nicht im Stande ist, in den Freiwilligendienst zu treten, sucht sich anderweitig frei zu machen, sucht ins Ausland zu entkommen, Ich wollte lange nichts von einer Flucht wissen; ich wollte über mich ergehen laffen, was auch kommen mag; aber die Mutter