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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-09-27 · 39 (27.9.1901) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
39 (27.9.1901)
Date
1901-09-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 39 Seite 649 Br. Vlych s Wochenschrift. schied zu machen. (Mth. 5, 19; Mar. 10, 19; L. 16, 17?) Allgemein herrscht allerdings die Anschauung vor, von der sich selbst die freisinnigsten Theologen reicht frei machen können, daß zwischen Altem und Neuem Testamente, zwischen rabbinischem Judenthum und evangelischem Christenthum ein Unterschied in der Gesinnung bestehe. Das heißt: Das Evangelium legt Hauptgewicht auf die Reinheit der Gesinnung, auf die Lauterkeit des Gottesglaubens und Aufrichtigkeit des Herzens; der Rabbinismus und Pharisäismus dagegen stellt das Ceremoniale, das Rituale und die äußere Werkheiligkeit in den Vordergrund des Glaubens und der Religion. Daß dies nicht richtig, daß dieser Unterschied nur ein erkünstelter ist, daß im Alten Testamente ebenso auf die Reinheit und Lauterkeit der Gesinnung Gewicht gelegt wird, beweist Schultze damit, daß er aus die zehn Gebote hinweist, wonach fremdes Gut nicht begehrt werden dürfe. Er weist ferner auf Leviticus 19, 17 hin, wo es heißt: Du sollst deinem Bruder in deinem Herzen keinen Haß nachtragen. Der geistige und systematische Ausbau dieser Lehre der Gesinnung war die Arbeit, welche die Pharisäer fertigstellten. So tritt denn der verstorbene preußische Oberpräsidialrath für die Pharisäer ein, indem er den wissenschaftlichen Beweis erbringt, daß der Name Pharisäer nicht Heuchler, sondern vielmehr Aufrichtigkeit, Ueberzeugungstreue und wahre Frömmigkeit bedeute. Correspondenzen. Die zweite Etappe zur confesfionellen Schule. Eine der Bestimmungen der Volksschulgesetznovelle vom Jahre 1883 ordnet bekanntlich an, daß der Leiter einer Volksschule der Mehrheit der Confession der Schüler angehören muß Es bestand wohl die Absicht, die jüdischen Volksschullehrer ganz aus den Volksschulen, die auch nur theilweise von Nichtjuden besucht werden, zu eliminiren. Allein, diese brutale Durchbrechung der Staatsgrundgesctze mit einem Schlag und einem Hieb durchzuführeu, ist denn doch nicht gelungen und man hat sich damit begnügt, dem Staatsgrundgesetze ein Schnippchen zu schlagen. In Wien gibt es aber in manchen Bezirken, z. B. im ll. und IX. Bezirke, Volksschulen, die in der Mehrheit von jüdischen Kindern frequentirt werden. Folgerichtig müßten an diesen Schulen auch überall die Schulleiter der jüdischen Confession augehören. Dieser Umstand bereitet den derzeitigen Machthabern in Wien große Schmerzen und sie strengen ihren Scharfsinn an, die Juden um ihre wohlerworbenen Rechte zu verkürzen und dieselben illusorisch zu machen. Da wird zunächst die Praxis geübt, derartige Volksschulen, wo die jüdischen Schüler in der Mehrheit sind, möglichst lange ohne Schulleiter zu lassen, sich mit Provisorien zu begnügen und wenn ein Wechsel in der Schulleitung dann unbedingt erforderlich ist, ein Changement derart zu treffen, daß man einfach einen Austausch junger und alter arischer Schulleiter vornimmt. Im Wortlaute und im Sinne der obcitirten Schulgesetznovelle hätte freilich von Vorneherein sofort jede Volksschule mit der Mehrheit der Schüler jüdischer Confession durch einen jüdischen Schulleiter besetzt werden sollen. Allein man interpretine nachträglich die Schulgesetznovelle dahin, daß nur bei Erledigungen rncanter Stellen die vom Gesetze geforderte Besetzung mit jüdischen Volksschulleitern vorzunehmen sei. Um nun diese vom Gesetze vorgeschriebene Besetzung der Volksschule, die in der Mehrheit von jüdischen Schülern besucht sind, ad graecas calendas hinausschieben zu können, greift man zu einem Auskunftsmittel, die verschiedenen Bolksschulleiter zu einem „Diensttausch" zu veranlassen. Damit soll die „Erledigung" behindert werden. Ein concreter Fall ist gegenwärtig in der Volksschule der Werderthorgasse vorhanden. Diese Schule ist in großer Mehrheit von jüdischen Volksschülern frequentirt. Der Leiter dieser Schule ist im hohen Greisenalter und schon lange amtsmüde. Augenscheinlich dürfte er veranlaßt worden sein, die Leitung so lauge als möglich beizubehalten, um einen Wechsel in der Oberlchrerstelle nicht vornehmen zu müssen, beziehentlich um der Nothwendigkeit zu entgehen, einen jüdischen Schulleiter anzustellen. Man hat daher zu dem sehr schlauen, aber durchsichtigen Mittel gegriffen, diesen amtsmüden Oberlehrer zu bestimmen, mit einer jüngeren arischen Kraft aus einer anderen Schule einen Amtstausch vorzunehmen. Dieses schlaue Mittel hat jedoch nicht verfangen, denn es wurde von der kompetenten Brbörde nicht genehmigt. Man hat aber, um die Juden um ihr gutes Recht zu verkürzen, noch zu einem viel schlaueren Plane gegriffen. Es soll nämlich di? Absicht bestehen, die Volksschule in der Werderthorgasse und die in der Renngaffe unter eine Leitung zu bringen; träte nun der derzeitige Oberlehrer der Volksschule in der Werderthorgasse zurück, so würde dann der arische Oberlehrer der Volksschule in der Renngaffe die Leitung beider Schulen behalten. Dies würde aber eine crasse Verletzung der Volksschulgesetze involviren, so daß man füglich erwarten darf, daß die competenten Behörden diesem schlau ausgeheckten Plane ihre Zustimmung versagen werden. Freilich darf man sich auf die Charakterfestigkeit der Schulbehörde nicht verlassen, die ja auch die gesetzwidrige Separirung der Volksschüler nach Confessionen in der Volksschule der Werderthorgasse geschehen läßt. Es darf vielmehr nichts unversucht gelassen werden, unser gutes Recht zu veriheidigen. Eduard Beer. Präsident Dr. Alfred Stern. Die Ansprache, die Herr Rector Dr. Schwarz anläßlich des 70. Geburtstages des Herrn Dr. Alfred Stern im Namen der in Auffee zum Sommeraufenthalt weilenden Mitglieder der Wiener Cultusemeinde an den Jubilar hielt, hatte folgenden Wortlaut: Hochgeehrter Herr Doctor! Als begeisterter Naturfreund wissen Sie es nur zu gut. daß die reizendsten Punkte Gottes herrlicher Schöpfung zugleich auch die anziehendsten Sammelpunkte der Touristen sind. Eine majestätische Klamm, ein großartiger Wafferfall, ein weite Strecken beherrschender Aussichtspunkt können äußerst selten in stiller Einsamkeit genoffen werden, denn immer wieder finden sich der Bewunderer gar viele ein, damit ihr trunken Auge an den Naturschönheiten sich labe und ergötze. Und wie die Natur, so hat auch das Leben gottbegnadeter Menschen seine bewunderungswürdigen Anziehungs- und Sammelpunkte. Sie, hochgeehrter Doctor, stehen h-ute auf einem große und weite Strecken erfolgreicher Thätigkeit beyerrschenden Aussichtspunkte und dürfen demnach nicht erstaunt sein, wenn Sie auf der Höhe des heutigen Tages von Freunden und Verehrern ausgesucht werden, damit diese die Schönheit der großen Fernsicht genießen und bewundern. Die hier in Aussee zur Erholung weilenden Wiener empfinden es als ein unabweisbares Bedürfnis, Ihnen ihre Huldigung darzubringen und im eigenen und im Namen der Mitglieder der Wiener Cultusgemeinde ihre Huldigung und Dankbarkeit zu bekunden, und mir ist die Ehre zu Theil geworden, Sie, hochverehrter Herr Doctor, zu Ihrem 70. G eburtstage aufsHerzlichste zu begrüßen und zu beglückwünschen. Ich kann mich dieser auszeichnenden Aufgabe nicht bester entledigen, als indem ich Sie an eine Begegnung erinnere, welche wir vor drei Wochen gehabt. An dem Tage, welcher uns die Kunde brachte, daß Sie Ihren 70. Geburtstag in Auffee feiern werden, traf ich Sie auf dem Wege nach Alt-Austee und bat Sie, mit mir zum See zurückzukehren. Sie erfüllten meine Bitte in liebenswürdiger Weise und dort auf der Brücke an der Seeklause sah ich Ihr bisheriges Lebensbild in der denkbar großartigsten Naturtreue. Ein großer tiefer See, in welchem sich ein klarer blauer Himmel abspiegelt und aus welchem ein in immer mächtigeren Wogen sich fortwälzender Strom in's Thal hinabeilt. Ein solcher See, hochgeehrter Herr Jubilar, ist Ihre durch eine seltene Tiefe den Himmel klar wiederspiegelnde Seele und ein solcher Strom ist Ihre gottgesegnete Wirksamkeit während eines ganzen Menschenalters. Wir stehen am See im Banne unbegrenzter Bewunderung, denn wir misten nicht, ob wir mehr seine Spiegelglätte, seine durchsichtige Klarheit, seine unermeßlich scheinende Tiefe, oder ob wir mehr seinen Reichthum, die Freigebigkeit anstaunen sollen, mit welcher er dem Strome ununterbrochen solch große Waffermengen liefert. Auch bei Ihnen, sehr geehrter Herr Jubilar, wiffen wir nicht, ob wir mehr Ihre mannigfache humanistische Bildung, Ihre fachwistenschastliche Gelehrsamkeit, die Klarheit Ihres scharfen Denkens, die Tiefe Ihres unbestechlichen Rechtsgefühles, Ihre Belesenheit und Jdre Beredsamkeit, oder ob wir mehr Ihre praktische Thätigkeü d - wundern sollen. *) Religion der Zukunft. I. S. 63.

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