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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-09-27 · 39 (27.9.1901) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
39 (27.9.1901)
Date
1901-09-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 648 Dr. Bloch's Wochrnschrifd, Nr. 89 und verläßliche hinstelle. Was wir aber vom Theologen nicht verlangen können, das zu fordern sind wir dagegen berechtigt vom Historiker und Alterthumsforscher. Und insoferne nehmen wir es dem Gelehrten übel, als er da, wo er Gelehrter und Forscher bleiben soll, als theologischer Parteimann auftritt. Döllinger war auch Theologe, dessenungeachtet hielt er sich bei Charakterisirung der Pharisäerl) mehr an Josephus Darstellung. Er hielt die Ausfälle der Synoptiker gegen die Pharisäer als Leidenschaftsausbrüche. Daher ist es auch zu erklären, daß Döllinger, der, als er sein monumentales Werk „Heidenthum und Judenthum, Vorhalle zur Geschichte des Christenthums" schrieb, noch nicht das Oberhaupt der altkatholischen Kirche, sondern vielmehr strenggläubiger, katholischer Probst war, dort, wo er auch die die Pharisäer betreffenden Stellen der Evangelienversasser berücksichtigen mußte,2) er es mit jener Vorsicht und Behutsamkeit thut, welche dem Forscher zienzt. Wie befremdend muß es dagegen auf den vorurt Heilslosen, nur die Ermittelung der Wahrheit anstrebenden Forscher wirken, wenn er von einem Autor, der seinen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen die vielverheißenden Worte: „Wir wollen uns den Blick nicht durch religiöse Befangenheit trüben" wohl vorausschickt, aber trotz dieser Versicherung die Behauptung aufstcllt, die Pharisäer seien „herrschsüchtig" gewesen, diese Behauptung jedoch mit keiner anderen Thatsache zu begründen weiß, als damit, daß die Pharisäer dem König Herodes den Eid der Treue verweigert hatte».3) Ist es nun Herrschsucht, wenn einem Jdumäer, der den Juden von den Römern als König aufgezwungen wird, der Erd der Treue verweigert wird? Und gar einen Herodes! Da ist doch das Motiv der Eidesverweigerung in viel edlern. Eigenschaften als in Herrschsucht zu suchen. Ebenso verhält es sich mit der Behauptung desselben Verfassers,4) daß nämlich die „aus Moses Stuhl sitzenden Pharisäer" den Menschen eine Menge von Aeußerlichkeiten auferlegt hätten, die mit der Gesinnung, oie sie bedeuten sollten, in gar keinem Zusammenhänge stünden. Eine reiche Ausbeute von Erklärungen halachischer Gesetze nach der Darlegung der Pharisäer oder Schriftgelehrten zur Widerlegung der eben in Noack's Psyche enthaltenen, aber mit nichts begründeten Behauptung, womit man die Pharisäer zu schlagen meint, findet sich im l. und H. Bande des vom greisen Gelehrten Lector I. H. Weiß verfaßten Werkes „Zur Geschichte der jüdischen Tradition". Band t und DL Doch wäre es müßiges Unternehmen, uns hier dieser Aufgabe zu unterziehen, was auch nicht der Zweck dieser Zeilen ist. Es soll hier nur weiland Tb. Schultze, Oberpräsidialrath o. D., zu Worte kommen, schon deswegen, weil dieser Autor gewiß nicht verdächtigt werden kann, mit rabbinischen Autoritäten besonders geliebäugelt zu haben. Im Gegentheil. Er ist ein Feind alles Semitischen und ein abgöttischer Verehrer alles dessen, wovon sich Nachweisen läßt, daß es rein und unverfälscht arisch ist. Denn im DL Theile seines „Die Religion der Zukunft" betitelten Werkes läßt sich Schultze über Semiten und Arier folgendermaßen vernehmen: Während die Israeliten, wie überhaupt die Semiten, ganz unfähig waren, den geistigen Blick der subjectiven Tiefe des Bewußtseins zuzuwenden, dort Fragen vom höchsten, allgemein, menschlichen Interesse aufzufassen, und für diese durch Selbstbeobachtung und Nachdenken eine Lösung zu suchen, besaß gerade hierfür der indische Zweig des arischen Bölkerstammes vor Alters eine ebenso ausnahmsweise hohe Begabung, wie der hellenische für die Auffassung und Darstellung des Schönen in der sinnlichen Erscheinung und im sprachlichen Gedankenausdruck.5) Es kann somit keinen Grund zum leisesten Verdacht geben, daß Schultze's Urtheil über die Pharisäer anders sei, als das Resultat gründlicher Forschung, somit auf der Basis tiefinnerlicher Ueberzeugung beruhend. Zur Charakterisirung der scharfen Ausfälle des Stifters der christlichen Religion gegen die Pharisäer sagt Schultz? einleitend: Personen von lebhaftem Temperament, deren Gefühl ihren ' Verstand entschieden überwiegt und denen die Worte leicht und reichlich von den Lippen fließen, meinen gewöhnlich, daß sie nur die Schleusen ihres Redestroms zu öffnen brauchen, um ihre Zuhörer alle unter den Bann derjenigen Gefühls- und Anschauungs¬ ') Döllinger, Heidenthum und Judenthum, S. 748—754. 2) Döllinger. daselbst S. 752. 3) Ludwig Noack. Psyche, Zeitschrift für die Kenntniß des menschlichen Seelen- und Geisteslebens. Leipzig 1858, II. B. *) Noack daselbst IL 13. 5) Die Religion der Zukunft. Zwetter Theil: Das rollende Rad des Lebens und der feste Ruhestand. HI. Ausl«, Frankfurt a. M. 180l. weise zu stellen, von welcher sie selbst beherrscht sind. Als Volksredner finden sie in der That auch leicht Beifall; auf einzelne nüchterne und im Denken geschulte Köpfe dagegen machen ihre Worte wenig Eindruck. Stoßen sie aber solchen gegenüber aus Gleichgiltigkeit oder gar aus Widerspruch, dann gerathen sie in leidenschaftliche Aufwallung und ihr Redefluß fördert Scheltworte und Drohungen zu Tage?) Gestützt auf Kuenen,2) dem Schultze nur theilweise folgt, wo er meint, daß die Synoptiker und Paulinischen Briefe den Charakter der Pharisäer nicht erschöpfend darstellen. sagt er, daß es gewiß auch unter den Pharisäern falsche Brüder gegeben haben müsse, in welchem Kreise aber finde man sie nicht? Dann fährt er wörtlich fort: Aber sie — die Pharisäer — sämmtlich für Heuchler zu halten, ist die Unbilligkeit selber. Nein! Der Pharisäismus ist ein sehr ernster und darum sehr achtenswerther Versuch, das eigentliche Princip des Judaismus, den vollkommenen Gehorsam gegen den Willen Gottes, wie ihn die Thora ausdrückt, zur Wirklichkeit zu machen?) Die Pharisäer sind, sagt Schultze gleich Wellhausen, die Virtuosen der Religion. In den Schriftgelehrten hatte der Judaismus sozusagen seine officiellen Vertreter und damit eine feste Stütze. Aber mehr noch ' als diese Männer, denen das Lehren und Predigen der Satzungen der heiligen Schrift zum Berufe geworden war, galten die Freiwilligen, die sich ihrer Leitung anvertraut hatten. Ihr nichtofficieller Charakter verlieh ihnen größere sittliche Autorität. Nach dieser Voraussetzung findet es der Verfasser, ebenso vom psychologischen, als auch vom socialethischen Standpunkte betrachtet, als nur gerecht, wenn das Volk sich in Allem den Pharisäern anvertraut hatte. Nichts kann uns deshalb weniger befremden, meint Schultze, als daß das Volk ihnen — den Phärisäern — die höchste Ehrfurcht entgegenbrachte, und wenn es darauf ankam, stets bereit war, ihnen zu folgen und beizustehen. Das Gefühl der Menge, fährt er fort, pflegt sich in diesen Dingen nicht zu betrügen, und war es auch diesmal nicht auf einer falschen Spur. Indem nun Schultze seinerseits ernste Bedenken gegen das gesetzliche Princip der Pharisäer wohl nur aus praktischen, aber keineswegs aus moralischen Gründen hegt, beugt er sich mit Hochachtung vor ihrem redlichen Streben, meinend: Indessen vor der Aufrichtigkeit ihrer Ansichten und vor ihrem beharrlich«-» Streben haben wir die größte Achtung. •, ~ Es ist merkwürdig, daß man in den Geschichtsquellen jener Zeit vergebens nach Urtheilen über die Pharisäer suchen dürfte, die für sie schimpflich ausfielen. Die einzigen Quellen, wo diese Männer von seltener Charakterfestigkeit, noch nie dagewesener Ueberzeugungstreue, ungeheurer Willensstärke und bewunderungswürdiger Thatkraft als Heuchler, Betrüger, Scheinheilige, Hoch- und Uebermüthige hingestellt werden, sind die Synoptiker und theilweise auch die Paulinischen Briefe, deren Klage stets ein und denselbeu Gedanken zu ihrem Inhalte hat, nämlich, daß das Joch, welches die Pharisäer angeblich auf die Schultern des jüdischen Volkes legten, ein hartes und unerträgliches gewesen sei. (Ev. Math. 23, 14, L. 12, 1; Math. 11, 28—30). Was sagt dagegen Schultze? Hören wir ihn selbst sprechen. Er sagt wörtlich: Wäre es der Hauptzweck Jesu bei seiner Verkündigung der Nähe des Gottesreiches gewesen, sein Volk von dem Joche rines werthlosen Ritualismus zu befreien, und hätte er praktischen Sinn, verbunden mit richtiger Selbstbeherrschung besessen, dann würde er sich den gleichgestimmten Schristgelehrten angeschlossen oder diese an sich gezogen haben, um in Gemeinschaft mit ihnen einerseits auf das Volk, andererseits auf die Standesgenossen einzuwirken. Statt dessen isolirte er sich dem Kern des Volkes gegenüber und wählte sich aus der untersten, nng-bildeten Claffe desselben Jünger, die, wie er selbst wiederholt Gelegenheit fand, auszusprechen, ihn nicht verstanden. Mit Recht meint nun der Verfasser des zwei Bände starken Werkes „Die Religion der Zukunft", daß der Hauptsache nach der Stifter der christlichen Religion sich wesentlich nicht unterschied in seiner Lehre von den Pharisäern, die er bekämpfte, da ep die Frage, was man thun müsse, um in das Reich Gottes zu gelangen, ebenso wie die Schriftgelehrten und Pharisäer dahin beantwortete, daß man das Gesetz Mosis seinem ganzen Umfange nach befolgen müsse, ohne daß er sich veranlaßt gesehen hätte, zwischen dem rituellen Theile desselben einerseits und den Rechtsgesetzen und moralischen Vorschriften andererseits einen Unter- ') Schultze daselbst, I. S. 56. 2) Volksreligion und Weltreligion. S. 207. 8) Schultze, daselbst.

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