Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 39 (27.9.1901)
- Date
- 1901-09-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 646 Vr» VlEs WNckrnf^lxM Nr. 39 er in Ofen dem Landesrichter und Oberdirector des gesammten Unterrichtswesens Grafen Nikolaus Niczky Bericht über das Schulwesen seines Districtes. Als der für die Ideen Kaiser Josefs schwärmende Graf sich um die Schulen der einzelnen Confefsionen erkundigte und Kazinczy ihm auch die j ü d i s ch e n Schulen des Kaschauer Kreises erwähnte, wünschte Niczky auch zu wiffen, ob man mit deren Lehrer zufrieden sein kann. Hieraus antwortete Kazinczy Folgendes: „Ich wünsche, daß an vielen christlichen Sch ulen solcheLehrer wären, ivie der an der Abanj-Szantüer jüdischen Schule, der kennt Mendelssohn und ist zu etwas Bes serem geb oren, als blos jüdisch er Kind erlehr e r z u sein. Ueber Kleinigkeiten setzt er sich hinweg. „Rebt. jedoch seine Confession". — „Auch der Jude ist Mensch", sprach Niczky, „wenn er nur auch Bürger und arbeitsamer Bürger wäre."') Hier haben wir die erste, und zwar glänzende amtliche Anerkennung eines jüdischen Lehrers von Seite eines Mannes, der auf dem damaligen Unterrichtsgebiete in unserem Vaterlande als große Autorität galt, während noch 17 Jahre vorher die Statthalter« die Mische Schule in JzsLk (Pester Comitat) sperren laffen wollte, weil der Waizner Bischof — zufolge falscher Jnfürunrung — die Meldung mochte, daß der dortige jüdische Lehrer die Kinder auch in weltlichen Dingen zu unterrichten sich erdttistete?) In einer Zeit, in der die Brutstätte der jüdischen Bildung überall noch das Cheder war und aus dem uralten verknöcherten Erziehungssystem sich nur sporadisch, hie und da die Reform des modernen Schulwesens durchbrach — fand sich schon ein tüchtiger Mischer Lehrer, den ein Franz v. Kazinczy vielen christlichen Lehrern als Muster hinstellte. Sicherlich drängt sich nun Jedem die Frage auf: wer mag iener unbekannte jüdische Provinz-Schulmeister gewesen sein, den Kazinczy dem obersten Leiter des Unterrichtswesens so rühmend erwähnte, in seinen Memoiren auch verewigt, ohne uns seinen Namen zu hinterlaffen. Bon Pietätsgefühl angeeifert, forschte ich lange vergebens nach dem Namen dieses trefflichen Lehrers, bis ich endlich im ungarischen Landesarchive auf Kazinczy's Schulinspectorats- Berichte stieß, auf Grund deren es möglich ward, seinen Namen aus dem Dunkel der staubbedeckten Acten ans Tageslicht zu ziehen und der Bergeffenheit zu entreißen. Unter diesen Acten befindet sich nämlich auch ein Ausweis jener 28 Lehrer und Lehramtscandidaten, welche im Sommersemester 1787 an der Kaschauer Präparandie Befähigungsprüfung ablegten?) Unter diesen war nebst anderen drei Juden der in Teschen geborene Leon Hirschl, in deffen Rubrik die Anmerümg stcht: Verwendet worden in Szäntä. Dieser Lehrer nahm im folgenden Jahre — offenbar in .Folg», der inzwischen erlassenen, bekannten kaiserlichen Verordnung ddo. 23. Juli 1787* 2 3 4) — den Vornamen „Leopold" und den Familiennamen „Singer" an und in dem von Kazinczy zu Ende des Sommersemesters 1788 eingesendeten Berichte kommt dieser Abauj-Szüutüer Lehrer schon unter seinem neuen Namen Leopold Singer vor. Zu demselben schrieb diesmal Kazinczy in die -entsprechende Rubrik: „Hat schöne Kenntnisse und ist genug fleißig." Unter den oben erwähnten anderen drei jüdischen Lehrern war auch ein in Potsdam geborener und in Abauj- Szina augestellter Lehrer Namens Moses Benjamin, allein diesen gelang es nicht, die Aufmerksamkeit und Anerkennung Kazinczy's in dem Grade auf sich zu lenken, wie dem Leon Hirschl recte Leopold Singer, dessen Andenken uns Kazinczy in seiner Autobiographie wohl nur anonym übermachte. Jndeffen erwies dieser vorurtheilslose und edelherzige Mann nicht blos den bereits in Wirkung stehenden Mischen Lehrern gebührende Aufmerksamkeit und Anerkennung, seine Fürsorge und sein Wohlwollen erstreckte sich auch auf die das Lehramt erst anstrebenden Mischen Jünglinge. Davon legt ein vom 7. September 1787 datirtes Decret der Wiener Hofkanzlei Zeugniß ab, tvorm unter Berufung auf einen Punkt des vorhergehenden ') P&ly&m eml6kezete S. 98. 2) Einüczy, A magyarorsz. közokt. törtenete Märia Terezia koräban. (Geschichte des ungarländischeu Unterrichtswesens unter Maria Theresia) S. 253 und Ungar. Landesarchiv. Statthalterei- Abch. Lad. Fasc. 125. Relig. 3) Schol. nat. 1787, 28971/1986. *) Laut dieser Verordnung mußte vom 1. Januar 1788 angefüngen leder Jude einen bestimmten deutschen Familien- und Vornamen fiihren. Semestralberichtes des Kaschauer Studien- und Literardistrictes angeordnet wird, daß die dem Lehrerstande sich widmenden armen jüdischen Candidaten ebenso wie die Candidaten anderer Confessionen monatlicher Geldunterstützungen theilhaftig werden sollen. Wie sehr dem edlen Kazinczy — der als eifrigster und wirksamster Schulinspector im Lande die Seele seines Districtes war — neben der Beförderung des Schulwesens im Allgemeinen, auch die Bildung der Juden, hauptsächlich aber die Vermehrung ihrer Schulen am Herzen lag, beweist nichts beredter, als seine fleißigen, pünktlichen und mustergiltigen amtlichen Berichte. Wo in seinem Unterrichtsdistricte irgend eine größere Mische Gemeinde war, dort setzte er alle Hebel in Bewegung, eine dem Gesetze entsprechende jüdische Schule zu errichten. Vor Allem reiste er zu dem Behufe in den betreffenden Ort, um mit der jüdischen Gemeindevorstehung in Angelegenheit der Schulerrichtung persönlich Rücksprache zu pflegen. War diese von Erfolg, so concipirte und schrieb er sofort eigenhändig den Schulcontract, laut welchem die jüdische Gemeinde sich verpflichtete, die Schule mit allen Mitteln zü versehen und zu erhalten. Wir glauben dem Interesse vieler Leser zu begegnen, wenn wir einen solchen Schulcontract hier in getreuer Eopie mittheilen. Aus der Thätigkeit Kazinczy's für das jüdische Schulwesen bietet derselbe einen gewiß interessanten, nicht alltäglichen Anblick: Ungar. Landesarchiv 1788 28.500 2382 Unterzeichnete Vorsteher der jüdischen Gemeinde des Mäder Districtes im Zempliner Comitate beurkunden hiermit, daß, nachdem der hochedelgeborene Herr Franz v. Kazinczy, königlicher National-Schulen-Jnspector des Kaschauer Literar-Bezirkes auf unsere demselben eingereichte Bittschrift die Uebersetzung der Bodrog-Kereszturer Mischen Nationalschule nach Mäd genehmigt hat, wir uns in Ansehung der allerhöchst vorgeschrieben Dotation dieser zu Mad errichtenden Schule in Folgenden verbunden haben. 1. Bestimmen wir den jährlichen Gehalt des dabei anzustellenden Lehrers in Hundertfünfzig Rheinisch Fl., wozu wir ihm noch ein freies, bequemes Quartier und 12 Klafter Brennholz geben wollen. 2. Wollen wir für die Schule ein geräumiges, bequemes und lichtes Zimmer ausmiethen und dasselbe mit Bänken und Tafeln, sowie auch mit allen andern Schulnothwendigkeiten versehen, die der Unterricht unserer Kinder erfordern wird. So geschehen zu Ma-d d. 19. May 1788. Franz v. Kazinczy m. p. (Im Nachfolgenden die Unterkönigl. National Schulen schriften der jüdischen Bevoll- Oberaufseher mächtigten in jüdischer Cursiv- L. S. schrift; die unleserlichen Namen sind mit Punkten bezeichnet:) In signum authentiae Ladislaus v. Pechy m. p. des Löbl. Zempl. Comitats Stuhlrichter JL. S. Bezalel Deutsch aus Mäd m. p. Hirsch Gares aus Mihälyi m. p. David Rusz aus Mono! m. p. Samuel Mautner aus Szerencs m, p. Ahron Zinnober aus Szerencs Vorsteher und Bevollmächtigter des Orths selbst m. p. Bevollmächtigter von der Stadt Mäd NUVNN1 rD2 ich Eliezer London m. p. Eliezer Ahron Morgenstern, Regirer von Gagy m. p. Szimche Schönhauser?. ,m. p. Moses ben Arje Leb Kvhnrn p. Nicht minder interessirte sich Kazinczy auch für die bereits bestehenden Mischen Schulen. Er besuchte dieselben in S.-A.-Ujhely, Miskolcz, Szanta u. s. w.. hielt überall Prüfungen ab und das dort Gesehene und Gehörte prägte sich ihm zuweilen so tief in die Seele ein, daß diese Momente seiner amtlichen Thätigkeit in seiner Erinnerung nicht den letzten Platz einnahmen. So sehen wir, daß Kazinczy in einem an den reformirten Superintendenten Samuel Szilagyi gerichteten Brief? 15. August 1787. worin er von ihm.die auf die Errichtung der Schule bezügliche und ihm noch im Juli in Miskolcz versprochene Declaration verlangte, unter diesem auch Folgendes schrieb: „Ich berufe mich