Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-09-27 · 39 (27.9.1901) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
39 (27.9.1901)
Date
1901-09-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021385-3021425--11182-3035705
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 39 mit Juden jedoch wurde bisher von Niemandem behandelt. Und eben diese Lücke auszufüllen, ist der Vorwurf unseres Themas, denn wir können und dürfen in unserer erbärmlichen vorurtheilsvollen Zeit nicht gleichgiltig sein hinsichtlich des edlen Denkens und Betragens dieses in seinem Lande so hervorragenden Mannes, der sich schon in einer solchen Zeit unseren Glaubensgenossen mit vorurtheilslosem, aufrichtigem und warmen Wohlwollen näherte, in der bei strenger Absonderung der Gesellschaftsschichten ein Adeliger, selbst wenn er noch so gebildet war, sich um Juden — von Geschäften abgesehen — kaum kümmerte und sie gewöhnlich ganz unbeachtet ließ. Kazinczh ragte auch in dieser Hinsicht weit über seine Zeit- und Standesgenossen hinaus. Seine Borurtheilslosigkeit gegen die Juden, sein persönlicher, oft freundschaftlicher Verkehr mit ihnen wird von ihm in seinen „Erinnerung an meine Laufbahn" betitelten Memoiren') mit unverkennbarer Befriedigung erwähnt. Er war ein wahrer und würdiger Sohn seines von Aufklärung saturirten Zeitalters, und als er sich im Jahre 1786 zwischen der bureaukratischen Comitatsobernotar-Stelle oder dem Amte eines Kreisschulinspectors zu entscheiden hatte, da zögerte Kazinczy nicht lange. Er nahm die letztere Stelle an, denn wie er in dem erwähnten Werke S. 71 selbst sagt: „Die Aussicht, aufdieErziehung vonPatrioten verschiedener Religion einwirken zu können, war für mich so schön, so verlockend, daß ich mir nichts Schöneres erträumen konnte." Er wollte Mittel sein zur Beförderung eines schöneren Zeitalters, um mitschaffen zu können an der Erziehung der Landeskinder ohne Unterschied der Religion. Daß Kazinczy bei diesem seinen edelherzigen Streben auch der Juden weltliche Bildung im Auge hatte, dürfen wir mit Recht nach jener Aeußerung annehmen, die er in der Einleitung seiner Zeitschrift „Orpheus" gethan: „In gewisser Hinsicht achte ich auch die Religion der jetz gen Juden und der Mohammedaner." Dieser Ausspruch war nia,t blos eine hohlklingende Phrase, sondern festes Princip, das er im praktischen Leben auch anwendete. Thatsächlich hatte Kazinczy in jener Zeit zwei solche Freunde, von denen der eine der islamitischen, der andere der jüdischen Religion angehörte. Jener war Angela S o l i m a n, der in Wien lebende gebildete Sohn eines Negerfürsten, den Kazinczy in einem seiner Brieses „Lieber Bruder" titulirt; dieser aber ein italienischer Jude, Namens Luzzato, der eine Zeit lang in Wien lebte. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß Kazinczy mit diesen beiden Männern auf dem Wege der Freimaurerei bekannt wurde, da er gerade damals Mitglied der Miskolczer Loge „Zum tugendhaften Kosmopolit" geworden. Luzzato suchte er einmal auch in seiner Wohnung auf. Dies erwähnt er in dem 'bereits früher erwähnten Werke: „Erinnerung an meine Laufbahn", S. 86. Ausführlicher jedoch erzählt er von diesem Besuche in einem Briefe, den er im Jahre 1793 an einen — uns unbekannten Freund richtete* 2 3): _ „Als ich im Jahre 1786 in Wien war, führten mich meine Freunde zu einem sehr reichen und sehr gelehrten Juden Namens Luzzato. Auf seinem Tische lag ein Band Voltaire aufgeschlagen. Seine Wohnung war im ersten Stock, auf die Gaffe gehend, zwischen dem Graben und Stock-im-Eisen. Die Wände waren mit Atlas überzogen, der Fußboden gewichst. Einmal kam ich schon — ich weiß aber nicht mehr wo — mit diesem humanen Manne zusammen. ... j „Waren Sie gestern im Theater?"'fragte er mich. „Ja", antwortete ich, „es war ein mittelmäßiges Stück, sehr mittelmäßig gegeben." Luzzato: „Wie das?" Ich: „Alle Acteurs haben ihre Rollen schlecht gespielt, ich versichere Sie, so einen Falken, wie der Kammerdiener war, finden Sie auf jedem Theater in Ungarn." Luzzato entsetzt: „Ich bitte Sie, erzählen Sie das nicht weiter. Der Kammerdiener, von dem Sie sprechen, war ja Brockmann." Als ich das hörte, sank ich vor Schande beinahe in die Erde, Der arme Jude schaute mich so an, wie einen bedauerns- ') Pälyäm emWkezete, Budapest, Aigner Lajos. *) VLczy Janos, Kazinczy levelezese (Kazinczy's Briefwechsel II. B., S. 382. ’) Jbid. II. B. 316. Seite 645 werthen Stonrcki, oder wie einen Gascon, der Alles, was in Ungarn ist, für schön findet." Wir müssen hier bemerken, daß Brockmann, damals der berühmteste Schauspieler des Wiener Hoftheaters, später 1789 bis 1792 dessen Director, gerade um diese Zeit (1786) als bester Hamletdarsteller seine größten Triumphe feierte, so daß sich auch Moses Mendelssohn, der sonst nie das Theater besuchte, veranlaßt fühlte, diesen großen Tragöden gelegentlich seines Berliner Gastspieles zu sehen und zu hören') und der berühmte preußische Medailleur und Stempelschneider Abraham Abrahamsohn (1754 bis 1811) ihm zu Ehren eine Gedenkmedaille anfertigte. Wer war aber jener Luzzato, der in einer Zeit, in der Juden sich außer den theologischen Studien und dem Handel mit nichts anderen befaßten, mit seiner dramaturgischen Erfahrung einen Kazinczy übertraf? Ludwig Aigner, der Herausgeber und Commentator der Autobiographie Kazinczy's, knüpft an diesen Namen — offenbar auf Grundlage des Biographischen Lexikons v. Wurzbuch sS. sub Luzzato) folgende kurze Anmerkung): „Marco Luzzato, ein gelehrter Talmudist." Jedoch Johann Bäczy, der Herausgeber von Kazinczy's Briefwechsel, reproducirt in seinen zum ll. Band angefügten Notizen die Anmerkung Aigner's schon mit gehöriger Vorsicht unter Fragezeichen in dieser Form : „Luzzato (Marco?)3) Dieser Zweifel ist thatsächlich begründet, denn Kazinczy's Luzzato kann nicht Marco Luzzato, der Uebersetzer des „Fortalezza del Judaismo" benannten Werkes von Abraham Gher, gewesen sein, da jener im Jahre 1786 Lehrer an der Triester israelitischen Normalschule war. Auf ihn paßt auch nicht das von Kazinczy angegebene Adjectivum: „sehr reich". Biel wahrscheinlicher ist es, daß der fragliche Luzzato Josef Moses Luzzato, der Onkel des berühmten Samuel David Luzzato 6“T®) war. Dieser war ein reicher gebildeter Görzer Jude, der auch französisch sp ach und als Bekannter und Verehrer Mendelssohn's erwähnt wird.3) Als dieser Luzzato sich einige Jahre vorher in Berlin aufhielt, verkehrte er oft mit dem berühmten jüdischen Philosopie:'. I. M. Luzzato war auch ein guter Freund Herz Homberg's. der 1782—1783. vor Antritt seiner Lehrerstelle an der Triester israelitischen Schule zufolge Mendelssohn's Empfehlung, sein Gast in Göcz war. Um jene Zeit, im Herbste 1786, weilte auch Homberg in Wien, wo er von der Regierung zum Oberillspector der jüdischen Schulen in Galizien ernannt wurde, gerade um die Zeit, als auch Kazinczy in Angelegenheit seiner Ernennung zum Oberinfpcctor der Nationalschulen des Kaschauer Studiendistricts in der Karftrstadt sich aushielt. Während seines längeren Aufenthaltes daselbst trachtete Kazinczy, die dortigen geistigen Notabilitäten kennen zu lernen. Unter diesen mar auch der österreichische Dichter A l x i n g e r, der zwei Jahre vorher, als er in Berlin war. Mendelssohn besuchte und mit ihm später auch in schriftlichem Verkehr stand. Wir irren also kaum, wenn wir nun annehmen, daß zu den Bekannten Alxinger's durch Mendelssohn's Vermittlung auch Herz Homberg und I. M. Luzzato gehörten und gewiß Alxinger einer jener Freunde war, die Kazinczy zu Luzzato führten. Luzzato wohnte damals, ebenso wie sechs Jahre vorher sein Brudex Dr. Jsak Luzzato, bei seinem guten Wiener Freunde Regierüngsrath Moses H ö n i g, dem Bruder des Regierungsrathes und Tabakgefäll-Directors Israel H ö n i g, der auch in den Adelsstand erhoben wurde. Mit diesem Umstande stimmen auch die von Kazinczy angegebenen topographischen Daten überein: „Seine Wohnung war im ersten Stock auf die Gaffe gehend, zwischen dem Graben und „Stock-im-Eisen". Aus dem Hof- und Staatsschematismus vom Jahre 1785, S. 213 und aus meinen nach dieser Richtung hin im Wiener Stadtarchiv gemachten Forschungen ergibt sich unzweifelhaft, daß die hochangesehenen Brüder Hönig in der That in der am Graben beginnenden und in der Nähe des Stock-im- Eisen sich hinziehenden Breunerstraße wohnten, und zwar in den Häusern Nr. 1157 und 1154, welche heute die Nummer 5, bezw. 10 führen. Kazinczy wurde am 11. November 1786 in sein Schulaufseheramt installirt. Während seiner Thätigkeit als Schulinspector steigerte sich noch seine Borurtheilslosigkeit und sein Wohlwollen den Juden gegenüber. Im August 1787 erstattete ') Ersch und Gruber, Encyklopädie MI. B., S. 67. 2) Pälyäm emlekezete S. 359. 3) Kazinczy levelezese n. 316, betreffende Note. ') Busch, Jahrbuch 5608 S. 100; Kayserling. Moses Mendelssohn 311, Grünwald Autobiographie S. D. Luzzato's 139. Dr. Oloch's WochrnfchrifL

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.