Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 39 (27.9.1901)
- Date
- 1901-09-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021425--11181-3035704- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 644 *>r* Bloch's WoäxenschrtfL Nr. 39 Die Laudtagsmahlen. In Böhmen tobt der Sturm. Die Czechen fließen Compromiffe und die Deutschen befehden sich untereinander. Es gab eme Zeck, in der solche Wahlkämpfe auch unsere Glaubensgenossen nach verschiedenen politischen und nationalen Gesichtspunkten schieden. Die Einen begeisterten sich für die fortschrittliche, die Anderen für die radical-nationale Richtung, die Einen fühlten sich als Deutsche, die Anderen .als Czechen. Wer weiter zurückdenkt, erinnert sich noch der Dhatfache, daß die Forchheimer und Klar in der Prager Easiuoleitung, daß jüdische Advocaten in der Leitung der oeutscheu Narioualvereiue saßen und daß ein jüdischer Anwalt in Kolm der Bannerträger des czechischen Staatsrechres war. All' oas ist heute vorüber. Ob die Czechen sich vertragen, die Deutscheii aufeinanderschlagen, die Kriegswie die Friedeuskosteu zahlt der Jude. 'Man kennt das Wort des Valentin m „Faust" von der Schande, die anfangs im Dunkeln schleich! — „wächst sie aber und wird sw groß, so gehr sie auch bei Tage bloß." Die deutsche Forrschrlltsparrel hat sich lauge geschämt, ihre Conniveuz gegenuoer der antisemitischen Strömung offen zutage treten zu lassen. Run har auch sie das Feigenblatt abgeftreift. Es ist bezeichnend, daß in dem diesmaligen Wahlaufruf der Partei die gewohnte Betonung der „Gleichberechtigung aller Consessioueu und der „Stelluuguayme gegen den Antisemitismus" fehlt. Wie verlautet, wurde die Aufnahme dieser Grundsätze bei der Berathuug der Vertrauensmänner mit allen Stimmen gegen jene der beiden Vertreter des Prager Casinos verworfen. Diese Verwerfung ist allerdings nur der programmatische Ausdruck für Erscheinungen, die ln den rüelheu der Fortschrittspartei sich längst bemerkbar machten und eme Schwenkung autüudiglen. Hat doch der Schriftleiter eines angeseyetieu liberalen Brattes m Nordböymen jüngst den beifällig aufgenonlmeneu Vorschlag gemacht, in Böhmen den galizischen Asemitismus zu impvrureu. Wenn solche Dinge am grünen Holze der Fortschrittspartei, dieser Ervm der arten Verfassungsparter, geschehen, taun man sich nicht verwundern, wenn oie deutsche Volkspartei in ihrer Augst vvr der Fuchtel Schönerer's sehr laut ihren Antisemitismus bekennt. Au die Spitze ihres Wahlaufrufes hat sie die Erklärung gestellt, daß sie eine antisemitische Parier sei. Hie Wolf-Schönerer, hre Prade-Schücker — nun mögen sich oie Mischen Wähler aussuchen, nach welcher Richtung hm sie sich neigen wollen. Aber auch das Compromiß der czechischen Parteien har unsere Glaubensgeuvffeiz in keine bessere Luge gebracht. Der jungczechische Vertrag mit den Herren B a x a und Genossen muß den ohnehin schon fadenscheinigen Freisinn der Jungczechen vollständig zunichte machen. Da Herr Baxa als Retter und rllothbelfer gegen üre dosen Agrarier angerufeu wurde, wird er feine Beomgungen machen, und was das für die Juden bedeutet, mag sich Jeder selvst äusrechnen. Unter solchen Verhältnissen glauben wir, daß unsere Glaubensgenossen in Böhmen kerne bessere Taktik befolgen köuuen, als die Arena ausschließlich den Deutschen und Czechen zu überlassen und ruhig zuzusehen, wie die Einen sich untereinander raufen, dre Anderen sich untereinander vergleichen. Die politischen Grundsätze des Fortschritts, der Aufklärung, der Gleichberechtigung und oer Toleranz sind weder im Bunde mit Diesen, noch un Bunde mit Jenen zu verwirklichen. Anderen Idealen aber streben wir Juden nicht nach. Uns lockt weder der alldeutsche noch der czechischstaatsrechtliche Gedanke, und wenn geprügelt werden muß, so mögen die Söhne Teuts und die Söhne Libuffas dazu ausnahmsweise einmal ihre eigenen Buckel benützen. * * * Auch der eben beendete Wahlkampf in Galizien regt vom jüdischen Standpunkte aus zum Nachdenken an. Dort sind bei den Landtagswahlen die jüdischen Candidaten Dr. Byk in Lemberg und Dr. H o r o w i tz in Krakau durchgefallen. Die Niederlage der beiden jüdischen Vertreter ist nicht ausschließlich auf die Agitation der gegnerischen Parteien zurückzuführen. Mehr noch als diese hat dabei vielleicht die Tatsache mitgewirkt, daß ein großer Theil der jüdischen Wähler selbst für die Gegencandidaten stimmte. In Lemberg stand der bäuerliche Demokrat Bojko, in Krakau der bürgerliche Demokrat Dr. Rotter gegenüber. Die jüdischen Kleinbürger begeisterten sich nun für die demokratische Partei und demonstrirten gegen die Stanczykenherrschüft, die sich ihnen in der Person des Dr. Byk und des Dr. H o row i tz verkörperte. Aber sie haben dabei nicht bedacht, daß die demokratischen Parteien in aller Welt und in Galizien mehr noch als anderswo von antisemitischem Geiste durchsetzt sind. Die bäuerliche Masse und die bürgerliche Intelligenz sind in Galizien die eigentlichen Träger dieses Geistes. Wieder einmal haben die Juden bewiesen, daß sie die schlechtesten Politiker sind. Während alle christlichen Parteien in Böhmen wie in Galizien, mögen sie auch sonst durch noch, so heftige Gegensätze von einander getrennt sein, sich in der Bekämpfung der Juden zusammenfinden, befehden die Juden ihre eigenen Glaubensgenossen zu Gunsten ihrer schonungslosesten Feinde, weil sie nicht begreiftN wollen, daß Disciplin und Unterordnung die wichtigsten Erfordernisse im Politischen Kampfe bilden. Wir werden nun sehen, welchen Dank die Herren Bojko und Dr. Rotter den Juden für ihre Unterstützung zollen werden, daß jüdische Wähler ihretwegen hervorragende jüdische Candidaten un Stiche ließen. Sie haben im Reichsrathe wiederholt ihre Intervention zu Gunsten ungerecht verfolgter Juden abgelehnt, und wir haben, alle Ursache, zu glauben, daß sie un galizischen Landtage keine andere Haltung einuehmen werden. Franz v. Kazinozy und die Inden. Lon Bürgerschullehrer Bernhard M a n d l-Budapest. In unsceer Zen, in der die antisemitische Seuche so viele Gemüthec inficuie uno jo viele Geister bethörte, versuchen es die Volksverdummer, alle großen Männer vergangener Zecken für ihr Wahnsystem auszuschroien. Aus je einer zufällig gethanen Äeußerung oder mit einem aus dem Zusammenhänge gerissenen Satze trachten sie Geistesheroen, wie Fichte, Goeihe, Schiller, Deak, Bismarck u. s. w. zu ihren Gesinnungsgenossen zu stempeln. Kann man es da uns Juden verdenken, wenn wir in besserer Würdigung solch' großer unsterblicher Männer dahin streben, dieselben in unoerfälichter Beleuchtung als würdige Männer ihrer Zeit der Mitwelt vorzuführen? Diesem Zwecke dienen theilweise auch folgende Zeilen, welche die Leser dieser Zeitschrift mit dem hervorragenden ungarischen Schriftsteller Franz v. Kazinczy (1759—1831) bekannt machen, der von Vielen der ungarische Goethe genannt wird und der mit Hinsicht auf das langjährige Martyrium, welches er in der Kufsieiner Festungshaft wegen seiner freiheitlichen und humanen Gesinnung erlitten, als Prototyp eines charakterfesten, liberalen Magyaren hingestellt werden kann. Die Studie, welche in ungarischer Sprache bereits im Jahrbuch der israelitischen ungarischen Literaturgesellschaft erschien, wird in deutscher Bearbeitung zum ersten Male ut diesen Lpallen mitgetheilt. Sie darf umso eher auf Interesse Anspruch rnachen, als jo manches Moment darin sich aus österreichischem Boden bewegt. * * * Franz v. Kazinczy, der große Reformator der ungarischen Literatur und Führer oer Sprachverfeinerer, dessen Leben und Wirken unzertrennlich mit der Renaissance der magyarischen Nation verwachsen ist, war schon in zahllosen Artikeln und Studien pietätsvoller Gegenstand der dankbaren Nachwelt. Man pries 'eine erhabene Denkungsart und jene schöne Seelenharmonie, dw sich zwischen seiner Religiosität und europäischer Bildung so oft kundgab; man beleuchtete seine Borurtheilslosigkeit und seine freundschaftlichen Beziehungen zu Andersgläubigen; sein Verkehr