Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 39 (27.9.1901)
- Date
- 1901-09-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021425--11180-3035703- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 39 Dx. Vmor'^ Wochenschrift, Seite 64a Bexathungen einfach verboten werden. Hoffentlich macht der Stadtrath jetzt kurzen Proceb" — so entspricht das vollständig der eigenthümlichen Natur des verächtlichen Renegatenthums Männer hingegen, welche mit chrem Christemhum sich brüsten und den Namen Christi im Munde führen, wollen wir erinnern an die Stellen Apostelgeschichte Cap. 15, 20 und namentlich Cap. 21 und 29. „Denn den Gläubigen aus den Heiden haben wir geschrieben und beschlossen, daß sie ... . nur sich bewahren sollen vor dem Götzenopfer, vor Blut, vor Ersticktem (d. h. nicht nach jüdischer Weise Geschlachtetem)" rc. Es wäre eine Anmaßung, wenn ein Jude sich herausnehmen wollte, die Kirche zu fragen, warum sie nicht bei dem Aposteldecret, welches den Genuß „des Blutes und des Erstickten" verbietet, stehen geblieben sei. Aber ungescheut dürfm wir die Meinung aussprechen, daß es sich für einen Christen nicht schickt, das als Barbarei zu bezeichnen, was den Ilposteln heilig gewesen. So paradox es auch klingt, so würde doch von dem Zeitpunkte an, wo hierzulande das Schächtverbot in Kraft trete, nicht geleugnet werden können, daß die Apostel, wenn sie gegenwärtig lebten, für die Ausübung einer ihnen heiligen Vorschrift eine schwere Strafe zu gewärtigen Hütten. * * Wie wir erfahren, hat der Vorstand der Wiener israelitischen Cultusgemeinde in einer am 25. d. M. vom Präsidium einberufenen außerordentlichen Sitzung sich mit den in der „Wiener Zeitung" und in anderen Blättern erschienenen Communique der Rathhaus-Correspondenz beschäftigt, demzufolge das Magistrats-Gremium gewisse Grundsätze, betretend das Schlachten der Thiere, aufgestellt hat, von welchen einer, wenn er zur Ausführung käme, das jüdisch rituelle Schächten unmöglich machen würde. „Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit." Dem Munde der mächtigsten und maßgebendsten Politiker der Welt sind diese schönen Worte entströmt. Der Präsident der französischen Republik und der Czar von Rußland haben feierlicher Weise der Welt mit diesen Worten ihre Allianz verkündet und sich als Apostel einer Lehre bekannt, die das europäische Staats- und Völkerrecht beherrschen soll. Blicken wir aber angesichts solcher hohen Botschaft hinein in das'innere Getriebe vor Allem der Staaten, deren Lenker oder Alleinherrscher diese erhabene Kunde der Welt mitgetheilt haben, die „Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit" auf ihre Fahne schreiben, die sich verbünden, um das Unrecht auszurotten, die Unmenschlichkeit zu verbannen und Unbarmherzigkeit hintanzuhalten. Wenn ihre Worte auf Wahrheit beruhen, wenn ihre Absichten thatsächlich aus so hohe Ziele gerichtet sind, wenn sie diesen idealen Zustand verwirklichen wollen — dann müssen sich diese Grundsätze doch nicht blos im Verkehr von Staat zu Staat, von Volk zu Volk geltend machen, dann müssen sie in den eigenen Landen die herrschenden sein, dann müssen sie die Leitsterne sein, nach denen in jedem Reiche sich die Verwaltung richtet, dann muß doch auch wohl das eigene Volk eines jeden dieser „Apostel" an seinem eigenen Leibe zuerst die Wahrheit ihrer Lehre empfinden. Blicken wir nach Frankreich. Von den willkürlichen Eroberungszügen in Afrika und Asien zu schweigen, wie ist die Lage in Algier beschaffen? Waltet dort Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Barmherzigkeit? Und ist es vielleicht in Frankreich selber besser bestellt? Hat im „Centrum der Civilisation" die Gerechtigkeit ihren Sitz aufgeschlagen? Ist nicht dort „Begnadigung." an die Stelle der Gerechtigkeit getreten? Haben dort nicht Scheusale einen Unschuldigen gemartert, wie noch nie einen Gefangenen. Hat das Treiben der Drumont und Guerin, der Mercier und Boisdeffre, der Rochefort und der Coppee etwas mit Menschlichkeit und Gerechtigkeit gemein? Hat sich die französische Justiz auf der Höhe menschlicher Mission erwiesen? Sobald man den Namen „Rußland" ausspricht, erinnern wir uns sofort an das tragische Geschick der Finnen, der Polen und der Juden und fragen uns, wo war in dieser Regierungspolitik: Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit? Dostojewskis Geschichte „Aus dem todten Hause" und Kennan's „Schilderungen aus Sibirien" haben der Welt Schauderdinge von den Martern erzählt, welche die „Unglücklichen" in Sibirien zu ertragen haben, und es ist gewiß bezeichnend genug, daß der Volksmund die nach Sibirien Wandernden nicht „Verbrecher" sondern „Unglückliche" nennt. Es sind auch nicht einmal blos Verbrecher, welche diesen Leidensweg betreten mußten. Wohl ist in neuester Zeit verfügt worden, daß Sibirien aufhören soll, ein Berbaunungsort zu sein. Die Unglücklichen werden statt nach Sibirien verschickt, in russische Kerker eingesperrt. Die Mauern von Schlüsselburg und der Peter-Paulsfestung sind zwar sehr schweigsam, von Zeit zu Zeit aber gelangt doch auch durch diese Mauern ein Schrei hervor, der den Hörenden Entsetzen verursacht! Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit. Weiß es derjenige, dessen Mund von edlen Worten trieft, wie in Rußland Alle behandelt werden, welche nicht der orthodoxen Kirche angehören? Gelangt bis an sein Ohr der Schmerzensschrei der Verfolgten? Erfährt er jemals von den Gewissensqualen und von den physischen Verfolgungen, denen die „Andersgläubigen" — Christen — ausgesetzt werden? Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit! Betrachten wir aber erst die Lage der Juden in Rußland, — welche Fülle von Unrecht, Unmenschlichkeit, Härte, Willkür! Nicht genug, daß der „Swod Zakonnow“, der russische „Code civil et peaal“, eine Unsumme von Ausnahmsgesetzen zu Ungunsten der Juden statuirt, hat eine von Versolgungssucht durchtränkte Regierungsperiode neue nicht blos noch mehr beschränkende, sondern geradezu existenzvernichtende Verordnungen ersonnen, um die Juden zu quälen, zu peinigen, sie der Willkür der bestechlichen Beamten auszuliefern. Religiöser und nationaler Fanatismus haben sich gegenseitig im Ersinnen von Verfolgungsmaßregeln überboten, die gegen die Juden gerichtet waren, — ohne daß diese armen Märtyrer auch nur den geringsten Grund und Anlaß geboten hätten, der auch nur im Entferntesten eine solche unerhörte Mißhandlung gerechtfertigt hätte. Nun treten wir in eine Periode der Menschlichkeit Gerechtigkeit, Barmherzigkeit ein. So wird international der-, kündet. Aber vom Wort zur That scheint ein sehr weiter Weg zu sein. Wir harren sehnsüchtig der Wahrnehmung daß die Prediger des neuen internationalen Glaubens augefangen hätten, die neue Lehre innerhalb ihres gewaltigen Machtbereiches ins Werk zu setzen. Solche Stunde würden alle Völker segnen! __