Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 38 (20.9.1901)
- Date
- 1901-09-20
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021424--11174-3035696- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 638 Vr. BLEs Wochenfttzrlft. Nr. 36 den Bielen, die lauschend unter den Fenstern draußen standen, als wäre es wirklich ein Engelsgesang, der da vor chnen rauschte, als vermöchte dieser Gesang Erhörung des Gebetes, Vergebung aller Sünden und Erlösung dem bedrängten Volke zu bringen. Das Gebet, dessen Reeitation zweimal so einschneidend in das Leben David's eingriff — das erstemal, als er dadurch in Verbindung mit Polansky getreten, das zweitemal. daß er dadurch von seiner abschüssigen Bahn abgelenkt und in die Arme des Judenthums geleitet wurde, dieses Gebet war und blieb es, in welchem sich sein ganzes Können concentrirte und darin zur vollendeten Geltung kam. Mit seiner Wirksamkeit auf der Bühne hatte er für immer abgeschlossen. Ende. Schrecke« der Uerwüstung.*) Eine Geschichte von der Wolga. Won. Maxim. Gorki. Deutsch von H. v. Harff. ES ist vielleicht fünfzehn Jahre her, ich lebte damals in einer Stadt an der Wolga. ES war ein heißer Junitag, ich arbeitete vom Morgen an drunten am Fluß. Ich hatte ein Flachboot zu ihceren und es war schon beinahe Mittagszeit, als irgendwo in der Vorstadt, hinter mir, sich ein dumpfer, wüthender Lärm erhob, es klang wie das Brüllen hungriger Stiere. Ich war auch hungrig, wollte rasch meine Arbeit beenden, und achtete anfangs nicht auf das ferne Getöse, doch es wuchs mit jeder Secunde und breitete sich auS, wie der Rauch beim Beginn einer Feuersbrunst. In der heißen Lust über der Vorstadt stand eine Staubwolke; ich blickte da hinein und mir schien, als könne ich wahr- »?bmen, wie vielstimmige Töne, zusammen mit dem Staub von d->- Erde sich erhebend, die Luft erfüllten. Der Staub wurde in«!» r dichter, die Töne lauter und mannigfaltiger, die Luft o'j me, und zugleich bebte mein Herz von einem schlimmen Vorgefühl. . . Ich ließ meine Arbeit liegen, kletterte das sandige Ufer hinan und blickte gradaus: aus den Hofthoren der Häuser sprangen Menschen heraus, liefen die Straße entlang, irgendwo ins Innere der Vorstadt hinein, Hunde und Kinder liefen hinterdrein, aufgestörte Tauben flatterten über ihren Köpfen, Hühner rannten ihnen unter die Füße. Der allgemeine Aufruhr bemächtigte sich auch meiner und ich lief mit. „Keilerei auf der Elisabethstraße!" rief irgend Jemand. Der laufenden Menge entgegen jagte ein Lastfuhrmann, sein Pferd voll Grimm mit der Leine peitschend, die ungepflasterte Straße hinunter und brüllte aus vollem Halse: „Unsere kriegen Haue! . . . Heda, Lastträger! . . ." „ Ich bog in eine schmale Seitengasse ein und blieb stehen. Die Seitengasse war so gedrängt voll Menschen, daß sie einem mit Korn gefüllten Sack glich. Vor uns, irgendwo in der Ferne, erscholl das Heulen und Kreischen von Menschenstimmen; man hörte Glasgeklirr, schwere Schläge dröhnten durch die Luft, irgend etwas krachte und stürzte zusammen, die einzelnen Töne flössen wie Wolken ineinander. „Die Juden werden gehauen!" sagte ein anständig und sauber gekleidetes altes Männchen mit zufriedener Stimme. Es rieb seine kleinen runzlichen Händchen fest aneinander und fügte hinzu: „Geschieht ihnen auch recht!" Ich drängte mich durch, dem Lärur entgegen, seiner nervenerregenden Anziehungskraft unwillkürlich folgend. Und nicht nur mich allein zog er an, dieser furchtbare Lärm, sondern Alle ohne Ausnahme; er zog sie in sich hinein, wie ein Moor. Die vor mir auftauchenden Gesichter waren alle von heftigem, verständnißlosen Haß belebt; gierig funkelten Aller Augen, die ganze Schaar bewegte sich als dichte, schwere Masse vorwärts, vereit, die sie beengenden Wände und Zäune zu zerstören; jeder Einzelne bereit, seinen Vordermann umzuwerfen, unter die Füße zu treten, zu erdrücken. Ich stürzte in den Hof eines der Häuser dieser Gaffe binein, sprang über den Zaun in einen anderen Hof, noch einmal und noch einmal und — da war ich wieder in einem dichten *) AuS der „Franks. Ztg." Haufen von Menschen. Sie erfüllten den engen, verbauten Hof eines großen Steinhauses und wimmelten umher, und die Erde schien unter ihnen zu zittern. Wie besessen brüllten sie etwas mit erhobenen Köpfen, ihre Gesichter wären roth, zwischen den geöffneten Lippen blitzten ihre Zähne, sie fuchtelten mit ihren Armen durch die Luft, stießen sich und drängten sich, kletterten auf die Dächer der Wirthschaftsgebäude, fielen herunter und kletterten von Neuem hinauf. Und ungeachtet der Verschiedenheit der Bewegungen der einzelnen Menschen, hatten sie doch alle etwas Gemeinsames; der Mensch war zum Gliede eines einzigen ungeheueren, von ein und derselben gewaltigen Kraft beseelten Körpers geworden. Hoch über dieser dichten, durch den Haß zusammengelötheten Menschenmaffe, auf dem Dach des Hauses, beim Schornstein, stand ein langer, hagerer Jude. Er riß mit seinen Fingern die Ziegel aus dem Schornstein, und, sie nach unten schleudernd, schrie er' unverständliche Worte, mit scharferdem Schrei der Möve gleichender Stimme. Sein großer grauer Bart bewegte sich zitternd, seine weißen Hosen waren mitrothen Flecken bedeckt. WüthendeS Gebrüll scholl zu ihm hinauf: „Schießt ihn 'runter!" „Holt eine Flinte! Werst mit Steinen nach ihm!" „Klettert zu ihm hinauf!" In den Fensteröffnungen tauchten dunkle Silhouetten auf; es waren Menschen, welche die Fensterrahmen zertrümmerten und allerlei Sachen in den Hof hinunterwarfen. Da — eiwrkrausköpfiger, breitmäuliger Bursch schleppte einen Spiegel znm Fenster heran, hob ihn hinaus und rief: „Heda, Achtung!“ Und aufblitzend im Sonnenlicht flog der Spiegel zur Erde, Der Bursche beugte sich zum Fenster hinaus und sah ihm nach. Sein breites Gesicht sah ernsthaft, fast geschäftsmäßig, aber nicht erbost aus. An einem anderen Fenster erschien ein schwarzbärtiger Kerl mit einem Kiffen in den Händen. Ein Riß — und eine dichte, weiße Wolke von Federn wirbelte durch die Luft. „Es schneit, Jungens, seht zu, daß ihr eure Nasen nicht erfriert!" rief der Kerl, als die weißen Flocken sich den Leuten auf die Köpfe setzten. Auf dem Hof aber wurde gebrüllt: „Hierher! Einer hat die Judenkinder in einer Tonne gefunden!" „Haut sie!" „Mit den Schädeln gegen die Wand!" „Heda, alter Jud'! Komm' mal runter, Deine Enkel sind gefunden!" ... „Kriech' herunter vom Dach, sonst schlagen wir die Brut todt!" ... Gellendes Kindergeschrei erfüllte die Luft — es war ein furchtbarer Laut, der das dumpfe Gebrüll der Menge durchschallt, wie ein Blitz die Wolken durchschneidet. Und der Lärm schien sich etwas zu dämpfen. „Rührt sie nicht an!" brüllte Jemand. „Laßt die Kinder in Ruh!" , „Die Alten soll man prügeln!" Da erscholl von Neuem der Schrei eines Kindes, fein und scharf, und schnitt ins Herz, und betäubte mehr, als alle anderen Laute zusammengenommen. „Ach, du Teufel!" schrie eine rasende, Alles übertönende Stimme. „Auf den Schädel gehauen?" „Nein die Füße zerschmettert!" „Wacker alter Satan!" „Antiv! Komm 'hinauf, den Juden 'runterzuschmeißen!" Zwei riesenhafte Lastträger drängten sich durch die Menge zum- Anbau hin und kletterten auf's Dach hinauf. In einem Fenster des Hauses aber. zeigte sich wieder der ernsthafte rothbäckige Bursch. Er strengte sich an, einen Schrank oder eine Kiste durch's Fenster zu schieben, und schrie den Untenstehenden zu: „Kinder, fangt auf, es ist Geschirr!" Der Kasten war nicht durchs Fenster zu zwängen, da zerrte ihn der Bursch wieder zurück, verschwand auf einen Augenblick, kam dann wieder ans Fenster und heulte in langgezogenen Tönen wie ein Wolf: „Auf-ge-pa-a-aßt!"