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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-09-20 · 38 (20.9.1901) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
38 (20.9.1901)
Date
1901-09-20
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 38 Vr. VInch'k MoriienschrU^ Seite 639 Ein Haufen Teller fiel prafielnd herunter, dann flog ein blankgiputzter Samovar aufleuchtend durch die Luft. Die Leute unten sprangen zur Seite, hielten ihre Hände schützend vor ihre Köpfe und lachten aus vollem Halse. Ein dicker, rothhaariger Bursch hob den Samovar auf, schwang ihn hoch über seinem Kopf, warf ihn wieder auf die Erde und begann ihn mit Füßen zu treten. Auf dem Dach erscholl ein fürchterlicher Schrei. . . . Alle blickten empor. Das Dachblech dröhnte. . . . Wurde ein Mensch an den Dachrand gezerrt? Einige Secunden hing er zitternd in der Luft, dann riß er sich los und stürzte aufkreischend nach unten. Man hörte einen widerwärtigen, weichen, klatschenden Laut. ... Ich stürzte zum Hof hinaus, und hinter mir drein tönte wildes Triumphgeheul: „Ah — ah — ah! . . ." „Aha . . . ah! . . . da hätten wir ihn!" Auf der Straße zerbrachen die Leute Tische und Stühle, zertrümmerten Truhen, rissen lachend Kleider in Fetzen. Federn wirbelten umher, aus den Fenstern zweier Häuser flogen Kissen. Körbe, Möbel zu den Füßen der untenstehenden Menschen, und die von Zerstörungswuth ergriffene Menge haschte nach diesen Sachen, zerriß sie, zerbrach sie, schlug sie entzwei. . . . Zwei verwühlte, schweißüberströmte puterrothe Frauenzimmer hatten sich an einen Kasten stestgekrallt und zerrten ihn in verschiedene Richtungen. Federn und Daunen flogen ihnen um die Köpfe. Die Beiden schrieen einander etwas zu, doch ihre Stimmen wurden erstickt von dem Krachen des Holzes, dem Heulen und Johlen der Menge und dem kreischenden, von Entsetzen erfüllten Geschrei, das aus den Fenstern des Hauses herübertönte. Ein riesengroßer Kerl ging an mir vorbei, in zerfetztem Hemde, ohne Mütze. Seine Haare waren zerzaust, -über das schmutzige Gesicht floß ihm dickes, beinahe schwarzes Blut. Er schlenkerte mit den Armen und lächelte stumpf vor sich hin. Nun trat er an einen Laternenpfahl heran — er umfaßte ihn, stemmte sich mit seiner breiten Brust dagegen und rüttelte ihn hin und her. Die Laterne gerieth ins Schwanken und fiel auf die Erde. „Herunter damit!" rief, herzulaufend, ein anderer Kerl; und den Pfahl packend, rüttelte er ächzend, aus voller Kraft daran. Plötzlich stürzte, wie eine Taube in eine Rauchwolke ein Mädchen in zerrissenen Kleidern mit wehenden Haaren in die Menge. Sie lief mit zurückgebeugtem Kopf, die Augen in ihrem blassen Gesicht waren weit geöffnet. „Erschlagt die Jüdin!" gröhlte eine Stimme. Und das Mädchen verschwand in der dichten Menschenmaffe, . wie ein Zuckerkrümmchen unter einem Schwarm von Fliegen. Ueber ihr schlug es wie ein dunkler Brei von Menschenkörpern zusammen, man sah erhobene Fäuste, hörte wollüstiges Krächzen, klatschende Schläge, cynische Witze, Schimpfworte. G-zisch — Alles das vermischte sich zu einem einzigen boshaften, schadenfrohen Laut. „Platz da! — Sellmann kommt gefahren!" Das wurde von einem Volkshaufen gerufen, der etwas die Straße entlang schleifte. Es war ein Mensch, oder die Leiche zines Menschen, ein halbnackter, magerer Körper, zerquetscht, eerrissen, über und über bedeckt mit Blut und Schmutz. Die Leute hatten einen Strick um Sellmann's Bein geschlungen und zogen ihn daran übers Straßenpflaster und ein breiter Streifen Blut bezeichnete den Weg. Es rieselte über die langen, mageren Arme, und zwischen den Schultern baumelte ein unförmlicher, zerfetzter, blutüberströmter Klumpen und schlug gegen die Steine. Ein halbwüchsiger Bengel kam herzugelaufen und sprang auf den Körper, seine Füße versanken darin, der Junge verlor das Gleichgewicht und fiel um, und Alle lachten dazu. Sellmann war ein reicher Lieferant gewesen. Ich hatte ihn bei seinen Lebzeiten oft gesehen, doch das, was ich nun vor mir sah, hatte keine Aehnlichkeit weder mit ihm, noch mit einem Menschen überhaupt. Ganz abgestumpft durch das um mich her Vorgehende, im Staub fast erstickend, trieb ich willenlos mit der Menge dahin, wie ein Holzspahn auf einem Bach, und Alles, was ich sah, kam mir vor wie ein schrecklicher Traum. Da, an einer niederen Dachrinne ist ein weißer Unterrock hängen geblieben, er schwebt hoch über der Erde, und ein altes Weib erhebt sich auf den Fußspitzen und streckt seine knochige, braune Hand aus, um danach zu fassen.^ Ein bärtiger Lastträger stülpt eine sauuntene Mütze auf seinen verrüffelten Kopf. Straßenjungen laufen den Erwachsenen in den Weg und sammeln Spiegelscherben auf, und einer von ihnen haschte springend nach einer in der Luft herumflatternden Feder. Ein Polizist kommt gelaufen und schwingt den Säbel in der Scheide, man lacht über ihn, ruft hinter ihm drein: „Haltet ihn!" „Laßt ihn nicht durch!" Einer wirft dem Laufenden eine zerbrochene Kiste unter die Füße, und der Polizist fliegt kopfüber auf die Erde. Lautes Gelächter schallt durch die Luft. Ich blicke zu Boden, dicht vor meinen Füßen liegt ein Stück blutiger Haut mit einem Büschel Haaren daran. . . . „Hierher! Hierher, ihr Leute!" Der Schrei kommt aus dem Hof, und die Menge drängt sich und wogt hinein durch die Pforte. Ein Grunzen, Brüllen, Heulen durchtost die Luft. „Haut sie! H-aut sie!" wird geschrieen. Im Innern des Hauses, im zweiten Stock, hantirt Einer mit einer Brechstange, die Mauern zwischen zwei Fenstern zerstörend. Kalkstücke und Ziegelsteine bröckeln sich los und fallen herunter, eine weiße Staubwolke nach sich ziehend. Ein Präsentirteller fliegt aus dem Fenster, dreht sich im Kreise und fällt einem dicken Frauenzimmer auf den Kopf. Aufkreischend knickt das Frauenzimmer zusammen. „Die Kosaken!" „Lauft, ihr Leute!" „Die Kosaken kommen!" In der Mündung der Gaffe tauchen Pferdeköpfe auf, blaue Kosakenmützen, Kosakenpeitschen, und eine laute singende Stimme commanoirt: „Drei in einer Reihe, Trab — Marsch!" Ein Haufen Ziegelsteine fällt aufs Trottoir. Die Zwischenwand ist herausgebrochen und sofort schiebt sich durch das unförmliche Loch in der Mauer des Hauses langsam und schwerfällig ein ungeheurer Schrank; er schwankt, gleitet gleichsam widerwillig die Mauer entlang, hält bei einem Gesims an, dreht sich um und stürzt polternd und krachend aufs Steinpflaster herunter. Ein ununterbrochenes Getöse erfüllt die Lust, wie das Rauschen eines unsichtbaren, den Erdboden aufwühlenden reißenden Flusses, der, schäumend vor Wuth, in wildem Zorn dahiujagt. Die Menge flieht unter den Peitschenhieben und den Tritten der Pferdehufe, sie flieht wie eine Schafherde, dumm, blind. Man kann sich in den Höfen verstecken, man kann über Zäune springen, doch sie lausen Alle die Gaffe entlang, ihre Köpfe, Rücken und Schultern den scharfen Hieben preisgebend. Ein kräftiger, krausköpfiger Lastträger wendet sich plötzlich um, versetzt einem Pferde einen gewaltigen Faustschlag auf die Schnauze und verschwindet in der dichten Schaar von Kosaken. Und an der Stelle, wo er verschwunden ist, sausen noch lange die Kosakenpeilschen durch die Luft. Die Kosaken reiten weiter, Steigbügel an Steigbügel, als feste Mauer und die Leute vor ihnen laufen hierhin und dorthin, sich stoßend und drängend.. . „Schmeißt Ziegelsteine auf die Kosaken!" Vor die Hufe der Pferde wirft sich eine Frau, halb nackt, blutüberströmt. Sie ist ganz plötzlich aufgetaucht, als käme sie aus dem Erdboden heraus, sie klammert sich heulend an das Bein des vordersten Kosaken. . . . „Lau-auft!" „Halt!" „Haut die Kosaken!" Dre Menge heult es und — flieht unaufhaltsam, wie ein Gebirgsbach. Die Luft ist erfüllt von dumpfem Getrappel. Hell klingen dagegen die Hufeisen gegen das Steinpflaster. Die Pferde haben es schwer, sich in dem Wüste von Möbeltrümmern und Kleiderfetzen vorwärts zu bewegen. Die Pferde bäumen sich. Die Menge bleibt stehen, den Kosaken zugewandt. „Fünfzig Mann absitzen!" Die Menge brüllt und wartet. Aber auch hinter ihr, am Ende der Straße erscheinen Polizisten und Kosaken zu Fuß. Nun beginnen die Leute über Zäune zu springen, laufen in die Höfe hinein, die Kosaken stürmen nach und machen Gefangene. Ebrr noch war dieser Volkshaufe eine Bestie, die ohne Mitleid, ohne Verstand Unglückliche mordete und mißhandelte, und jetzt find diese Bestien nichts als Feiglinge. Kosaken und Polizisten schlagen auf die Fliehenden ebenso unfinnig als mitleidslos ein. Schimpflich und feige rennen die Verfolgten durch die Gaffen. Am Abend dieses Tages, als ich auf dem Marktplatz an einem Kosakenpiquet vorüberging, hörte ich wie einer der Kosaken zu einem Anderen sagte: „Vierzehn Juden sollen sie zerriffen haben!" Der Andere rauchte stillschweigend seine Pfeife.

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