Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 38 (20.9.1901)
- Date
- 1901-09-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 Br« Bloch's Wochenschrift. Seite 637 thum und der Pracht, die sich hier vor seinen Augen entfaltete. Er kam sich nicht anders, als wie der verzauberte Prinz in den schönen Erzählungen von Tausend und einer Nacht vor, und tastete an seinen Gliedmaßen herum, ob er auch wirklich wach sei und nicht träume, daß er in einem so wunderschönen Gemache, das von so angenehmer Wärme durchstrahlt ist, sitze und jetzt Gelegenheit haben werde, mit einer schönen, vornehmen Dame von ihrem verlorenen Sohne zu sprechen. Er batte sich wochenlang im Geiste Alles so schön.zurechtgelegt, was er der fremden Frau sagen werde, und eine phrasenhafte Ansprache an sie einstudirt. Aber mit einem Male war Alles wie weggewischt aus seinem Gedächtnisse. Eine große Verlegenheit hatte sich seiner bemächtigt. Die ihn umgebende Eleganz hatte ihn verwirrt. Zum Glücke dauerte es ziemlich lange, bevor sich Sarah von einem Damenbesuche, den sie eben hatte, losmachen konnte, um den ihrer harrenden Schneider aufzusuchen. Da blieb diesen doch Zeit, sich etwas zu fassen. Die bezaubernde Liebenswürdigkeit und herzgewinnende Güte Sarahs thaten das Uebrige dazu, daß Heller ruhig und sachlich von seiner durch Zufall herbeigeführten Begegnung mit David und von den Briefen, die er ihm vorgelese», erzählen konnte. Die Erzählungsweise Heller's, sowie der Umstand, daß sich Sarah jenes Briefes an Blimele erinnerte, den geschrieben zu haben sie bereut hatte, noch bevor sie wußte, welch'verhängnißvolle Wirkung er auf ihr und ihres Sohnes Schicksal ausüden werde, das Alles veranlaßt?, daß sie den Worten David's volles Vertrauen schenkte. Sarah ließ dem jungen Manne eine Erfrischung bringen und während sich derselbe mit Speise und Trank stärkte, begab sie sich in das Comptoir ihres Mannes, ihm den Fall vorzutragen. Dieser war etwas bedächtiger und beschloß, die Glaubwürdigkeit des Fremden erst zu prüfen, ehe er irgend welche Schritte unternehme. Zu diesem Zwecke oder eigentlich um Zeit zu Nachforschungen zu gewinnen, wurde dem Schneidergesellen der Vorschlag gemacht, in das Koreff'sche Geschäft einzutreten, wo man eine seiner Individualität und seinen Fähigkeiten angemessene Stellung für ihn ausfindig machen werde. Freudig schlug Heller ein. Das war der Anfang zur Carriöre, die ihm während der ganzen Zeit vorgeschwebt hatte. Während er sich in dem Geschäfte umsah und sich, so gut es ging, verwendbar zu machen suchte, schrieb Braun an die Intendanz der Wiener Hofoper einen Brief, worin er die Bitte aussprach, ihm die genaue Adresse des Sängers David Polansky zukommen zu lassen. Er erhielt postwendend den Bescheid, daß besagter David Polansky wohl bis vor Kurzem Mitglied des genannten Institutes gewesen, daß er aber auf eigenes Begehren seine Entlassung aus dem Verbände der Oper angenommen und jetzt auf Reisen unbekannten Aufenthaltes sei. Diese Auskunft hatte zwar die Glaubwürdigkeit Heller's klar dargelegt, der Auffindung David's war man aber nur sehr wenig nahe gerückt. Nach öfterem Berathen, wobei die abenteuerlichsten, oft ganz unsinnigen Vorschläge zu Tage traten, erinnerte sich Heller, daß in dem böhmischen Städtchen Neufeld, in dessen Nähe er damals die Bekanntschaft des Gesuchten machte, eine Schwester desselben lebte. Vielleicht werde diese Auskunft über den jetzigen Aufenthalt Desjenigen geben, der sich als ihr Bruder betrachtete. Nachdem aber das damalige Benehmen David's und sein konsequentes Fernbleiben die Möglichkeit nicht ausschließe, daß er sich absichtlich verbergen werde, wenn er erfährt, daß man nach ihm fahndet, so wäre mit einem Briefe dahin auch nicht viel ausgerichtet. Da thue es noth, selber hinzukommen. Bei milderer Jahreszeit hätte Sarah es sich nicht nehmen lassen, selber nach Böhmen zu reisen, um ihr verlorenes Kind aufzüsuchen. Der Winter hatte aber inzwischen mit aller Strenge seine Herrschaft angetreten und der besorgte Gatte wollte in Anbetracht von Sarah's schwankender Gesundheit selbe nicht den Unbilden der rauhen Witterung aussetzen, vielmehr machte sich der edle Braun selber auf, in Begleitung Heller's nach Böhmen zu reisen. So befand sich Simon Heller alsbald wieder auf dem Wege, den er vor Kurzem zurückgelegt hatte. Es war aber doch anders. Er saß im bequemen Coups der Eisenbahn, anständig, ja fein gekleidet, mit warmem Pelz und Fußsack versehen und rauchte ein gute Cigarre nach der andern, deren Wohlgeschmack allein ihn an die günstige Veränderung seiner Lage erinnert hätte, wenn er nicht durch alles Andere daran erinnert worden wäre. So langten die Reisenden in Neufeld an. Bon einem Opernsänger wußte man im Gasthofe, woselbst sie Wohnung genommen Md Nachfrage gehalten halten, nichts zu sagen, wohl aber von einem jungen Manne, welcher bei dem einheimischen Chasen wohnte, um sich zum Cantor heranzubilden. Dieser sei ein so vorzüglicher Sänger, daß man in dem S'äotcheu sein Lebtag etwas Aehnliches nicht gehört habe. Wenn derselbe in der Cantorenwohnung zu singen anfange, dann sammle sich die Bewohnerschaft nicht nur der Kille, sondern des ganzen Städtchens vor dem Fenster des Chasen und höre diesem wunderbaren Gesänge andächtig zu. Es seien schon viele Anfragen von großen Gemeinden des Landes gekommen, ob der Herr Polansky bei ihnen die Cantorenstelle annehmen wolle, aber er gab immer zur Antwort, daß er noch zu wenig des Hebräischen mächtig sei, um eine so wichtige, verantwortungsvolle Stelle zu bekleiden. Bis er alles bisher Versäumte nachgeholt haben werde, dann erst könne er sich entscheiden. Aus dem Gehörten erkannte Braun, daß er sein Ziel erreicht, daß er in nächster Nähe des Gesuchten sich befinde. Nun galt es, sich dem scheuen Vogel erst vorsichtig zu nähern, um ihn nicht zu verscheuchen. Diese Aufgabe übernahm Heller, gestützt auf sein Vorrecht als alter Bekannter und ehemaliger Vorleser. Doch hatte der gute Simon entschieden Malheur mit seinen gut einstudirten diplomatischen Reden, hier, wie dort in Polen. Heide blieben ihm im Hals. Bei David bedurfte es nur der Erwähnung seiner Mutter, als er mit ungeheucheltem Entzücken seine beiden Hände ergriff und herzlich schüttelte. Nun hatte Polansky Alles erreicht, was er im Leben gewünscht hatte. Denn auch fei» Verhältniß zur schönen Flora hatte sich geklärt. Der zärtliche Bruder hatte sich in den feurigen Liebhaber verwandelt. Und Flora? Nun Flora war mit dem Tausche zufrieden. XV. Schluß. Wir üb rspringen wieder einen Zeitraum von zwei Jahren. Im Koreff'scheu Hause finden wir im glücklichen Familienleben fast alle Personen vereint, für welche wir uns im Laufe unserer Erzählung interessirt hatten, soweit sie nicht schon ihre irdische Laufbahn beendet hatten, als Feibisch und Blimele, Koreff und Golde. Auch Cheile fehlte. Die alte gute Person hatte sich nicht entschließen können, ihre Heimat und gewohnte Lebensweise zu verlassen. „Laßt mich hier", antwortete sie auf das Drängen David's und Flora's, ich tauge nirgends anders wohin. Und wie lang', wird es noch mit mir währen? Bald werde ich auf den- Beschajim') draußen liegen bei meinen alten Freunden Feibisü; und Blimele! Und Kinder, das sag ich Euch, wenn Ihr einma wieder nach Böhmen kommt, so vergeht an uns drei an dem guten Orte nicht. Und David, das sag ich Dir noch zu alle', letzt, daß Du für uns pünktlich Kadisch-) sagst, hörst Du?" Vorläufig hatte David Vorsorge getroffen, daß alle irdischen Bedürfnisse der guten Greisin, welche so mütterlich an ihm und seiner theueren Flora gehandelt hatte, vollauf befriedigt Werder. Als dies erledigt war, hatten die beiden jungen Leute nichts mehr in der alten Heimat zu suchen. In Begleitung des edlen Braun, der sich ihnen gleich als Vater vorstellte, und des überglücklichen Heller reisten sie nach Polen in die Arme der ihrer sehnsüchtig harrenden Mutter — Sarah. Bald nach ihrer Ankunft daselbst wurden sie ein glückliches Ehepaar und Sarah wurde geradezu verjüngt durch das Glück ihrer Kinder. Alle Treue, welche die arme Blimele ihr und ihrem Kinde David erwiesen hatte, suchte sie an deren Waise, der anmuthigen Flora, zu vergelten. Für Heller fand sich eine passende Stelle im ausgedehnten Koreff'ichen Geschäfte, und da er praktischer und geschäftstüchtiger zu werden versprach, als der ideal angelegte David, so ging das Braun'sche Ehepaar mit dem Gedanken um, ihn an ihr Unternehme» dadurch zu fesseln, daß es ihm ihre einzige Tochter Golde zur Frau geben werde, bis selbe das heiratsfähige Alter erreich! haben werde. Die Eltern hatten mit durch Liebe geschärftem Blicke erkannt, daß dies reizende Kind einen großen Eindruck auf den ehemaligen Schneider ausgeübt hatte und der schöne, gewandte junge Mann dem Kinde auch nicht gleichgiltig geblieben sei. David ist zwar kein berufsmäßiger Chasen geworden, er hatte dies auch nicht nöthig, aber wenn er in dem uns bekannten, im Hause eingerichteten Betzimmer vorbetete, da wußten seine Zuhörer erst, was Gebet, was Andacht, was Gesang sei. Wenn er namentlich an den hohen Festtagen den llnesaue tokef anstimmte, so schien es allen Zuhörern d'cinnen im Betlocale sowie 1) Friedhof. 2) Sterbegebet.