Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 38 (20.9.1901)
- Date
- 1901-09-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 Br. Vloch's Wochrnschrifr Seite 638 unter ihrer Leitung stehenden Mittelschulen unter keinen Umständen 10% übersteige. Nun ist aber aus dem officiellen Berichte des Schulinspectors des Wilnaer Lehrbezirkes pro 1899/1900 zu ersehen, daß in diesen beiden Jahren die Zahl der jüdischen Schüler in sämmtlichen Mittelschulen des genannten Bezirkes überall zwischen 10'7—15% geschwankt hat. Infolge dessen muß die Aufnahme neuer jüdischer Schüler überall bis auf Weiteres völlig sistirt werden. Der Grund für die Ueberschreitung der 10%igen Norm ist in den an die bei der Aufnahme von neuen Schülern in den Gymnasien maßgebenden Beamten gezahlten hohen Bakschischen zu suchen, welche in den letzten Jahren die fabelhafte Höhe von 500 bis 5000 Rubel erreicht haben. Solche Beträge haben viele mäßig wohlhabende Juden geopfert, damit ihre Kinder in der untersten Claffe einer Mittelschule Unterkunft finden könnten. Kischinew. (Das jüdische Genossenschaftswesen) ist in Südrußland im raschen Wachsen begriffen. Zu den in Kischinew bereits bestehenden Productivgenoffenschasten der Bäcker, der Maler und der Tabakarbeiter ist Anfangs August eine solche der Schneider hinzugetreten. Gegenwärtig sind Verhandlungen über die Gründung einer Maschinenfabrik auf genossenschaftlicher Grundlage im Gange, deren Besitzer jüdische Schlosser, Schmiede, Tischler und andere gelernte Arbeiter sein sollen, deren Handwerk in das Fach des Maschinenbaues einschlägt. Die Mitglieder der geplanten Genoffenschaft müssen jedoch als Eintrittsgeld je 200 Rubel einzahlen, eine Summe, an deren Höhe bei der Armuth der jüdischen .Handwerker in Rußland vielleicht das ganze Project scheitern dürfte. Immerhin haben sich bereits 20 Handwerker gefunden, welche diesen Betrag eingezahlt haben, ein Beweis, welch tiefe Wurzeln der Gedanke an Selbsthilfe bei unseren russischen Glaubensgenossen bereits geschlagen hat. Bloemfontain. (Jüdische Gemeinde.) Die hiesige jüdische Gemeinde umfaßt ungefähr 150 Seelen. Für den Sabbathgottesdienst ist ein Saal gemiethet und für die hohen Festtage wird die Stadthalle hergegeben und in einen Gebetsaal verwandelt. Am vorigen Jom-Kippur hatten sich hier 100 Andächtige zusammengefunden. Die Absicht, eine eigene Synagoge zu bauen, hat wegen des Krieges noch nicht ausgeführt werden können. Ein Platz für die Synagoge war von der Stadtverwaltung bereits zur Verfügung gestellt und 500 L. Sr. schon für den Bau gesammelt worden. Die Gesammtkosten sind auf 1200 L. St. veranschlagt, die ohne Schwierigkeiten innerhalb der Gemeinde aufgebracht werden können; die 500 L. St. sind in der Bank deponirt und nach dem Friedensschluß soll mit dem Bau begonnen werden. Die Wohlfahrtsinstitute der hiesigen Juden beschränken sich auf die Chewra-Kadischa oder Beerdigungsgesellschaft und den Frauenhilfsverein, der glücklicherweise innerhalb der Gemeinde kein Unterstützungsgebier findet. Es gibt hier weder Arbeitslose noch Hilfsbedürftige. Die privaten und Vereinsunterstützungen werden von Durchreisenden in Anspruch genommen und von Kranken, die Bloemfontain als Curort besuchen. Die jüdische Gemeinde zahlt dem städtischen Krankenhaus 5 Schilling täglich für jeden jüdischen Patienten, der nicht selbst für sich bezahlen kann. Die Beerdigung jedes hier verstorbenen fremden Juden kostet der Gemeinde 8 L. St. Während des Krieges ist jeder in der Nachbarschaft Bloemfontain« gefallene jüdische Soldat von der hiesigen jüdischen Gemeinde begraben worden, und die Nachbarschaft ist ein ziemlich weit begrenzter Bezirk, denn die nächsten jüdischen Gemeinden sind nach der einen Richtung Johannesburg in 400 und Kimberley in 600 Kilometer Entfernung. Am vorigen Neujahrs- und Bersöhnungsfeste und an zwei Peffachfesten ist eine Anzahl von ihren Generalen beurlaubter englischer Soldaten Gäste der hiesigen Gemeinde gewesen, deren einzelne Mitglieder in der Bewirthung der Fremden wetteiferten. Die Zahl der im englischen Kriegsheer kämpfenden jüdischen Soldaten beträgt 1500—1600. Die in Bloemfontain lebenden Juden find meist Kaufleute, unter denen sich kein einziger Geldverleiher befindet. Bloemfontain ist der Mittelpunkt der Oranjefluß-Colonie; alle Landesproducte werden hier auf den Markt gebracht; Eisenbahnbauten geben den Arbeitern Beschäftigung, so daß man hier vorwärts kommen kann. Die Beziehungen zwischen Juden und Buren sind hier immer die besten gewesen und werden wohl auch durch den Krieg keine Aenderung erfahren. ' " Wittebsk. (Feuer im Ghetto.) Die Saison der Brände, welche im Mai mit der Einäscherung von Gura-Calvari eingeleitet worden ist, hat im August mit der Vernichtung von Wittebsk und Jgumen ihren Höhepunkt erreicht. Am 6. August brach gegen 1 Uhr Nachmittags in der Papierfabrik von Kümmel Feuer aus, das, von einem Sturm begünstigt, bald größere Dimensionen annahm und unter den in diesem Stadtviertel dicht beisammenstehenden Häusern eine große Verheerung anrichtete. Eine halbe Stunde später brach einige Straßen weiter eine zweite Feuersbrunst aus und zwang die schwache Feuerwehr der Stadt, sich in zwei Lager zu theilen. An den Ufern der Dwina brannten große Holzlager, von denen aus mächtige Brandfackeln über den Strom flogen und die jenseits des Wassers gelegenen Stadttheile in Brand setzten. Plötzlich verbreitete sich in der Stadt das Gerücht, daß der Smolenskrbazar gleichfalls in Flammen steht. Die Nachricht, welche sich bald als gar zu wahr erwies, raubte den Einwohnern den letzten Rest von Besonnenheit und steigerte die Verwirrung zum vollständigen Chaos. Wie wahnsinnig liefen die Leute durch die krummen, brennenden Straßen und ließen selbst die aus den Häusern bereits auf die Straße geretteten Gegenstände im Stich, um nur das nackte Leben zu retten. An einen planvollen Widerstand gegen das immer weiter um sich greifende Element dachte Niemand mehr, und erst die Ankunft von 50 geschulten Feuerwshrmännern, welche mit zwei Dampfspritzen per Extrazug aus Smolensk ankamen, brachte mehr Ordnung in die heillose Verwirrung. Der inzwischen angerichtete Schaden ist aber ganz enorm. Nebst dem Stadttheil Peskowatik mit 10.000 Einwohnern, der gänzlich zerstört wurde, sind andere ganze Straßenzüge vernichtet worden, und man schätzt die Zahl der verbrannten Häuser auf mindestens 800. Der überwiegende Theil von ihnen gehörte armen Leuten, welche natürlich nicht versichert waren. Da die verbrannten Häuser auf herrschaftlichem Boden gestanden haben, so sind die armen Abgebrannten durch das Feuer selbst um die Bauplätze gekommen. Zur Unterstützung der Nothleidenden hat sich ein Hilfscomite gebildet, welches 500 obdachlose Familien in öffentlichen Gebäuden untergebracht hat, wo dieselben 3 Monate lang auch mit Nahrungsmitteln versehen werden sollten. Das Feuer soll zum Zwecke der Plünderung von Brandstiftern angelegt worden sein, von denen über 60 Personen auf frischer That ertappt worden find. Ein Tag vor der Katastrophe in Wittebsk brach Feuer in dem im Gouvernement Minsk gelegenen Städtchen Jgumen aus, wo es innerhalb weniger Stunden 300 Häuser in Asche legte. Jgumen ist ein viel geprüfter Ort, in dem das Feuer schon im Jahre 1898 400 Häuser zerstört hat. Ein großer Theil der jüdischen Gemeindemitglieder des Städtchens hat sich nach jener Feuersbrunst über den ganzen Ansiedlnngsrayon zerstreut, um überall als „Nisrofim" die jüdische Mildthätigkeit in Anspruch zu nehmen. Die jetzige Katastrophe dürfte der Gemeinde völlig den Rest geben. Kischinew. (Erschwerung des Grenzverkehrs.) Nachdem die an der Grenze wohnenden Juden Beffarabiens vier Monate lang keine Halbpäffe erhalten konnten, hat der Gouverneur diese neue ungesetzliche Belästigung der Juden wieder aufgehoben und die Grenzbehörden vermittelst Circular angewiesen, den Juden nach wie vor auf 4 Wochen lautende Halbpäffe zu verabfolgen. Die Verordnung des Gouverneurs paßte jedoch dem Chef der Grenzgendarmerie von Nowoselitze sehr wenig in den Kram. Er hat während der viermonatlichen Restriction sich blutwenig um das Verbot gekümmert und zahllose Juden, natürlich gegen guten Bakschisch, über die Grenze gelassen. Die plötzliche Aufhebung des Verbots hat ihm eine reichlich fließende Einnahmequelle verstopft und der Chef der Gendarmerie von Nowoselitze sann auf Mittel und Wege, wie er diese Quelle wieder »sprudeln lassen könne. Als routinirter ruffischer Tschinownik war er den Juden gegenüber um eine Interpretation der Gesetze aber nicht in Verlegenheit, und so deutete er die Verordnung des Gouverneurs ^dahin, daß die 28 Tage geltenden Halbpäffe nur zu einer einmaligen Grenzüberschreitung berechtigen. Selbstverständlich wandte er diese ingeniöse Auslegung nur auf die jüdischen Grenzbewohner an, welche aus guten, auf langjährige Erfahrung beruhenden Gründen vor jedem Tschinownik zusammenknixen und rasch bei der Hand sind, deffen gute Laune mit baarem Gelde zu erkaufen. Die christlichen Grenzbewohner ließ er ungezählte Male mit einem und demselben Halbpaffe hin und her über die Grenze gehen, da er wußte, daß die Christen keinen Bakschisch zahlen, sondern ihren Bedränger verklagen. . . Diesesmal hat sich der bakschischlüsterne Beamte in den Juden jedoch getäuscht, denn auch sie haben sich mit einer Beschwerde an den Gouverneur gewendet, der bei aller Abneigung gegen die Juden dennoch nicht umhin konnte, den erfinderischen Chef der Grenzgendarmerie dahin zu belehren, daß ein Halbpaß kein Retourbillet ist, welches mit dem einmaligen Gebrauch seine Giltigkeit verliert.