Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 38 (20.9.1901)
- Date
- 1901-09-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 630 Dr. Blvch K Wr-rj)LtlfchrifL, Nr. 38 sollen. Wäre ich ein Atheist von der anderen Sorte, die da glaubt oder zu glauben vorgibt, Alles geschehe durch Zufall, dann würde ich glauben» daß der Zufall es einmal gewollt habe, daß die Juden der Menschheit die Lehre von einem höchsten, weisen allmächtigen Herrscher des Weltalls, die ich als das große und wesentliche Princip ansehe aller Moral und folglich aller Civilisation, bewahren und verbreiten sollen." Daß John Adams aber, der einer amerikanischen Puritanerfamilie entstammt, nicht etwa ein blindes Vorurtheil für die Juden hatte, das bezeugt er selbst. Zu Georg IU. von England sagte er einmal: „Ich habe nur ein Vorurtheil, das für mein — Vaterland." Die Juden als Landwirthe. Ueber das Schicksal der nach Canada ausgewanderten rumänischen Juden berichtet Herr B. Reinhorn, gewesener Pächter des Gutes Budesti in Baslui, der vor einiger Zeit eine Reise nach Canada unternommen hatte, um die ausgewanderten Juden zu besuchen, Folgendes: „Die in den neuetablirten Colonien abgetretenen Gebiete liegen in der Nähe der Stadt „Qu' Apelle", im Districte Sanibora, welches an Manitoba grenzt, d. h. also im Centrum von Canada. Die jüdischen Colonisten befinden sich alle an einem Orte, und jeder arbeitet auf seiner Farm. Der Chef und Aufseher derselben ist ein junger Banquier aus „Fort Qu' Apelle". Derselbe ist sehr reich und als Mitglied des Parlaments tritt er sehr oft zu Gunsten der jüdischen Eingewanderten ein. Der Director des Ministeriums des Innern von Canada, Herr Jas. A. Smart, besucht sehr oft die Colonisten, forscht nach den Wünschen derselben und trachtet nach Möglichkeit denselben gerecht zu werden. Jeder Eingewanderte (vom 18. Lebensjahr angefangen) bekommt 160 Acker Erde, und wenn darauf noch kein Wohnhaus vorhanden ist, so wird ihm eins gebaut. Es wurden für den Bedarf der Colonisten 10 Acker Kartoffeln und zwei Acker Gemüse. Zwiebel, Rettig rc. angebaut. Jeder Einzelne hat eine Kuh und ein Kalb bekommen und ist im Besitze von 4 Ackern, welche im Frühjahre bebaut werden, da der Weizen im Frühjahr gesäet wird. Die Colonisten besitzen auch Maschinen, Rechen rc. rc. Die Maschinen werden von vier Mechanikern besorgt, welche die Regierung bezahlt; zwei von ihnen sprechen deutsch, um sich mit den Einwanderern verständigen zu können. Ihrem Unterhalt fehlt dort nichts; sie bekommen Weizenmehl, um sich Brot zu backen, ' Kukuruzmehl, Kaffee, Zucker, Butter. Kartoffeln, Thee, Tabak, Zündhölzchen, Briefmarken. Auf dem den rumänischen Einwanderern gewährten Terrain wird in Kürze eine Eisenbahn gebaut werden, welche den Preis der Grundstücke bedeutend erhöhen wird. Mit einem Worte, die Auswanderer fühlen sich glücklich!" In der Moldau herrscht in Folge dieser günstigen Nachrichten eine gehobenere Stimmung unter den dortigen Juden. Nur ein Punkt bleibt noch unerledigt: was mit den älteren Juden anzufangen wäre, welche nicht auswandern können und im Lande keine Existenz finden. Die philanthropische Gesellschaft „B. Brith" ist nun auf die Idee gekommen, Milchkühe an die Alten und Witwen zu vertheilen, welche sich selbst nicht mehr ernähren können. Herr Oberwager in Jassy ist mit dem Austheilen derselben betraut worden und so hofft man, auch nach dieser Richtung das Menschenmöglichste zur Linderung der Noth erfüllen zu können." „Die geistige Cultur der semitischen Volker" war das Thema eines längeren wissenschaftlichen Vortrages, den der Erlanger Privrtdocent und Repetent der Theologie, Lic. Justus Köberle jetzt im Druck veröffentlicht. (Leipzig, A. Reichardt'sche Verlagsbuchhandlung.) Zu den semitischen Völkern rechnet man die Hebräer, Phönizier, Aramäer und Syrer. Der Berfaffer gibt eine eingehende Darstellung der Cultur dieser Völker als zusammenhängender Nationen, ohne auf culturelle Leistungen einzelner Individuen semitischer Abstammung näher einzugehen, und resumirt zum Schluffe wie folgt: „Alles in Allem genommen läßt sich nicht bestreiten, daß an bleibenden geistigen Gütern die Menschheit dem kleinen israelitisch-jüdischen Volk weit mehr verdankt, als der so glänzenden, aber rasch entschwundenen Cultur der Araber. Ohne daß wir uns dessen bewußt sind, und trotzdem daß Biele.es nicht zugestehen wollen, sind wir mit tausend und abertausend Fäden an die Geistesarbeit auch der semitischen Völker» vor Allem aber an die jenes erstgenannten Volkes gebunden. . . ." Eine jüdische Königin von Bulgarien. Der verdienstliche Leiter der hiesigen Alliance-Knabenschulen, Herr M. Cohn, hat in einer Schrift die Nachrichten über die jüdische Frau gesammelt, die im 14. Jahrhundert Gemalin des Königs von Bulgarien war. Zu jener Zeit war Bulgarien ein mächtiges Reich. Juden, von Byzanz und Salonich kommend, wohnten dort seit Beginn des 9. Jahrhunderts. Die nachmalige Königin hieß Sarah und war von strahlender Schönheit. König Iwan Alexander verliebte sich in sie, als sie in einer nicht bekannt gewordenen Angelegenheit ihn aufgesucht hatte. Der König verstieß um ihretwillen seine Gemalin Theodora. sie gab um seinetwegen die Religion der Vät:r auf und nahm als gekrönte Königin und Christin den Namen ihrer Vorgängerin an. Die Juden hatten keinen Grund, sich der Rangerhöhung ihrer vormaligen Religionsgenossin zu freuen, die sich gegen sie ganz anders benahm als weiland Königin Esther in Persien. Sie war fanatische Christin geworden und that nichts, Judenverfolgungen zu verhüten. Im Jahre 1352 beschloß ein angeblich zur Vertheidigung des Glaubens abgehaltenes Nationalconcil die Austreibung der Ketzer und Juden. Diese hatten in Tirnowo seit 1295 ein eigenes Viertel bewohnt. Man klagte sie der Verachtung des orthodoxen Glaubens an, drei Juden wurden wegen Blasphemie zum Tode verurtheilt, kamen aber auf Intervention der Königin durch des Königs Gnade mit geringeren Strafen davon. Die jüdische Gemeinde von Tirnowo, von deren Friedhof noch Reste vorhanden sind, löste sich auf, ihre Mitglieder zerstreuten sich, und bis zur Stunde haben sich die Juden nicht wieder in Tirnowo niedergelassen. Ein Prediger in seinen Predigten. Literaturbrief einer Dame. Es ist Herbst. Nicht die Zeit der wundervollen, stillen, klaren Tage mit den leuchtenden Septemberhimmeln und den reifsten und süßesten Früchten, sondern die Zeit der trüben und düsteren Tage, wo der Regen leise und unaufhaltsam herniedcrrieselt und ein plötzliches Frösteln und eine unerklärliche Bangigkeit uns müde und traurig machen. Müde und traurig und sehr hoffnungslos. Niemals ist es so schwer, sich mit dem Leben und seinen mystischen Begleitern, dem Schicksal und dem Tode, abzufinden, als in einem solchen Herbst; niemals glaubt man von der Erkenntniß weiter entfernt zu sein, niemals ist alles Seltsame und Geheimnißvolle düsterer und drohender als in diesen Tagen. Aller Muth und alle Tapferkeit unseres Herzens scheinen verschwunden, und wie geängstigte Kinder blicken wir in eine leere Ferne, die voll kalter und grauer Nebel ist. In solchen Stunden, in denen man in sich selbst sehr wenig Trost und Beruhigung findet, ist man mehr als je bereit, in den Werken derer, die uns Führer und Lehrer sein sollen, nach einem Wort der Aufklärung zu suchen, nach einer Lösung und Antwort der Geheimnisse, die uns bedrohen, der Fragen, die uns quälen. Je nach unserer Erziehung und unserem Temperament sind die Tröster, zu denen wir flüchten, verschieden; unter Dreien steht uns die Wahl frei. Der Dichter, der Weltweife und der Gottes gelehrte, Jeder von ihnen erhebt seine Stimme, um uns einige von seinen mühsam gefundenen Wahrheiten und Gewißheiten zu verkünden und zuletzt findet auch Jeder seine Gemeinde. Aber merkwürdigerweise haben zwei von ihnen es leichter, Einfluß zu gewinnen, als der Dritte; die Träume des Poeten, die Hypothesen des Philosophen werden lieber gehört und besser geglaubt, als die Ermahnungen und Belehrungen des Theologen, dem wir immer mit einem leisen Mißtrauen, mit einer instinctiven innerlichen Abwehr entgegentreten. Wir wollen ihn schließlich auch hören, aber bekehren lassen wollen wir uns nicht und ihm gar keine Zugeständnisse machen, und besonders gegen eine Überrumpelung verwahren wir uns entschieden. Wir sind freidenkend und aufgeklärt, nur im Augenblick ein wenig unsicher und trostsuchend und sehr, sehr müde. Und nun fällt einem ein Band Predigten in die Hand, die ein Rabbiner durch mehr als 25 Jahre in einer einzigen Gemeinde gehalten hat und die jetzt nach seinem Tode von seiner Frau und einem seiner Freunde veröffentlicht würden.*) Wenn man in dem Buch ein wenig gelesen, wird man ruhig und vergnügt. als ob man mit einem guten Freunde behaglich plauderte. Der Verfasser ist gar nicht bekehrungssüchtig und gar nicht rechthaberisch und dünkelvoll. Wir haben uns ganz umsonst gerüstet *) Predigten, Betrachtungen rc. von Dr. Benjamin Rippner s. A., herausgegeben von Dr. B. Jacob, Berlin 1901.