Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 38 (20.9.1901)
- Date
- 1901-09-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 628 Nr. 38 Dr. Vloch's WochrnfchrM bewußt ist. Die Fische des Meeres erbeben, wenn der Schaufor ertönt! Der Schaufor ist gleichsam das Wahrzeichen eines Messias und sein Ruf bedeutet ein Aufrütteln und Erwachen und dennoch erbebt man, wenn dieser Ruf erschallt! Wie kommt es, daß Menschen, deren ganzes Leben nichts ist als em Traum vom Messias, ein ewiges Sehnen nach Erwachen, mit Angst erfüllt werden, wenn sie den Schaufor vernehmen? Aber es gibt Erfahrungen, die sich nicht so leicht verwischen lassen, Erfahrungen, welche Blut und Leben gekostet haben und ble'e Erfahrungen sind für immer mit den Tönen des Schaufors verknüpft. Kein Volk der Welt besaß so viele Schauforbläser als die Juden, weil kein Volk der Welt so viele Messiasse besaß als die Juden. Wer nur immer ein muthiges Herz und kräftige Lungen besaß, griff nach dem Schaufor und ließ in der jüdischen Welt seinen Ruf nach Erlösung erschallen, ein jeder unter uns. ob berufen oder unberufen, verstand sich auf das Schauwrblasen und blies aus allen Kräften, um die Tobten aus den Gräbern zu erwecken. Kein Volk besaß so viele Schauforbläser als die Juden, aber keines auch hat so viele traurige Erfahrungen mit ihnen gemacht, stets kehrte es verzweifelt und bis zu Tode betrübt in seine finsteren Behausungen zurück. Wir alle gedenken sitzt jener nbm rurpn, welche die Luft des ganzen jüdischen Ghettos erzittern machte, jener ny'pn, deren Echo noch jetzt in unseren Herzen lebt, mit welcher Wucht begann sie Plötzlich zu erschallen und verkündete unsere nahende geistige und körperliche Erlösung! Mit welcher Macht rüttelte sie an unseren Gräbern! So voll war unser Herz von ihr, daß wir Alle glaubten, wir stünden jetzt endgiltig in der Epoche eines allgemeinen Auferstehens, daß nebst unseren eigenen Todten auch die Todten der ganzen Welt jetzt erwachen würden, und wie begeistert waren diese Bläser selbst und mit welchem Pathos - verkündete» sie aller Welt, daß die Erlösung im Anzuge sei... . Aber welcher Katzenjammer ist uns zurückgeblieben, körperlich und geistig gebrochen und geknickt blieben nicht nur die Bläser, sondern Alle, welche mit solcher Begeisterung gelauscht und gehofft .... Wohl sind die Todten erwacht, aber nicht zum Leben, sondern zum düsteren Todten tanz. Jawohl, die Todten sind erwacht! Aber im Leben wie in unserer Literatur sehen mit jetzt Scenen voll grotesker und widerlicher Tragik, wie sie die ausschweifendste Phantasie nicht kühner hätte elfinden können. Ein grauenhafter Aufmarsch von Skeletten mit hohlen Schädeln und finsteren Löchern an Stelle der Augen, das ist unser Erwachen^ ein grausiger Zug morscher Gebeine, die sich verg-büch bemühen, den Rhythmus lebendiger Leiber vorzutäuschen, das ist unsere Erlösung, und kein Hahn erwacht, um mit seinem energischen Kikeriki diesem Spuk ein Ende zu machen und aus cllen Kräften diesen Schatten zuzurufen: „Zurück in eure Gräber, ihr Todte'n, verschwindet und nehmt nicht den Platz ein, der den Lebendigen gebührt!" Der Schaufor aber bläst noch immer ohne aufzuhören, erschüttert noch immer die Luft des jüdischen Ghettos mit Tönen, die „Auferstehung", diese glänzende Phrase, die ei .st die größten Hoffnungen in mir erweckt hat, die „Renaissance unserer Literatur", solche und ähnliche Phrasen, die einst mein H-rz bis zur hellsten Begeisterung schwellen machten, haben längst ihre Wirkung bei mir eingebüßt, seit sie von jedem unappetitlichen Gesellen in den Mund genommen werden. Ihr Glanz ist erloschen und ihr Zauber schwindet von Tag zu Tag. seitdem ich sehe, welch ein wüster Mißbrauch damit getrieben wird. Hajitoka schaufor boir w’haom lau jechrad? Das ist unmöglich. Ein Volk, das mit dem Leben so innig verknüpft ist und das Leben so genau kennt, ein solches Volk muß erbeben, wen» es den Schaufor vernimmt, denn sein Lebensinstinct kann ihn über den wahren Werth dieser Töne nicht hinwegtäuschen. Er weiß, die Herren Posaunenbläser sind unfähig zu großen Thaten und die Herren Todten-Erwecker können eher die tufiiigen, die noch am Leben sind, in den Tod blasen. Es gab unter uns solche, welche die neuen Weisen, die sie vernahmei«, für echte, messianische hielten, sie glaubten die Posaune des Messias zu vernehmen, der gekommen, die Todten zu erwecken und ein neue§ Sehen zu verkünden. Ich jedoch hatte von Anfang au ein Mißtrauen gegen eine Erlösung, deren Hauptthätigkeit darin bestand, daß sie die Posaunen nicht zur Ruhe kommen ließ. Denn es gibt nichts Bedenklicheres für eine wahrhaftige Erlösung, als ein solch unaufhörliches Blasen. Gleich zu Anfang fühlte ich, daß unsere Ohnmacht von dem allzuvielen Blasen und Rufen herrührt, daß die ganze Thätigkeit dieser Erlösung sich darin erschöpfen wird, unsere Lungen und unsere Ohren zu ermüden. Es ist nichts als ein unaufhörliches Geschrei und Getute, und wer deutlicher zusieht, merkt bald, daß hinter all diesem Lärm nichts, rein gar nichts los ist. . . . Und sollte ich als Todter tief begraben liegen und sollle ich plötzlich den bis zum Ueberdruß bekannten Ruf der Posaune vernehmen mit der Aufforderung, nur ja rasch aufzustehen, ich würde mich mit Verachtung auf die andere Seite legen und mich nicht im Mindesten durch solches Getute von meiner Ruhe aufscheuche i lassen, denn ein Messias, dessen Erlösungskraft nur darin besteht, seine Lungen an en.er Posaune zu erproben, und der nur dazu gekommen ist, um Tobte zu erwecken, einen solchen Messias müßte ich ablehnen, denn es kann kein wahrer Messias sein. Ein wahrer Messias bedient sich nicht der Posaune und hat auch nicht den Ehrgeiz. Todte lebendig zu machen, ein wahrer Messias würde sich zuerst daran machen, die Todten zu begraben. * * * Und immer mächtiger schallen die Posaunen und immer heftiger erzittert die Luft und das Volk erbebt und denkt an das Erwachen der Todten und merkt nicht, wie inzwischen die Lebendigen sterben, unaufhörlich bläst es fort, bläst und tutet nach einem einzigen Motiv, nach einem „Dause macabre“. A. Loubetzky. Vom Jahrmarkt des Lebens. Der arme jüdische Hausirer. Der in der Judengass' 6 wohnhafte Hausbesorger Karl K o st a s ch i tz machte sich kürzlich den Spaß, einen alten Hausirer, der auf der Brust mehrere Tapferkeitsmedaillen und die Jubiläumsmedaille trug, eben wegen dieser Auszeichnungen zu frozzeln. Ec fragte den Hausirer, ob er sich die Medaillen bei der Sanität durch Verrichtung gewisser erniedrigender/ näher nicht zu bezeichnender Dienstverrichtungen erworben habe. Der Hausirer, Saul Brodmann mit Namen, erblickte in der Frozzelei eine Ebrenbeleidigung und klagte den Hausbesorger beim Bezirksgerichte Josefstadt. Die gestern über diese Klage vor dem Strafrichter Genchtssecretär Dr. F r öh * ich stattgehabte' -Verhandlung nahm einen für den Angeklagten sehr unangenehmen Ausgang. Nach Verlesung der Klage beschloß der Richter, den Act der Staatsanwaltschaft abzutreten zur Beurtheilung, ob nicht in dem Vorgehen des Karl Kostaschitz das Verbrechen der Majestätsbcleidigung gelegen sei. Ein antisemitischer Ehrenmann. Der antisemitische Bezirks- und Armenrath der Landstraße, Georg Legat, war heute vor einem Eckenntnißsenate unter Vorsitz des Landesgerichtsrathes C z e r n i der Verführung eines dreizehnjährigen Mädchens, das sein Mündel war, nach § 128 und 132 St.-G. angeklagt. Auf seiner Visitkarte bezeichnet er sich auch als pensionirtec Husaren-Lieutenant, Schätzneffter in der Pferdebranche, Pilger von Rom und Jerusalem. Legal war drei Jahre im Jrrenhause, wurde aber gegenwärtig von den Gerichtsärzten als zurechnungsfähig erklärt. Als sein Vertheidiger fungirte Dr. Ehrentheil. Der Angeklagte leugnete; das als Zeugin vernommene Mädchen sagte belastend gegen ihn aus. Als Entlastungszeugen hatten sich eingefunden der Landtags-Abgeordnete Paul Spitaler, der Gemeinderath und Obmann des Ortsschulrathes, Dr. Moriz Haas der Magistrats- Commiffär Joseph F o r m a n e k, der Bezirks-Schulinspector und Bürgerschul-Director Franz H o m o l a t s ch. Sie wurden jedoch nicht vernommen, weil der Gerichtshof auf Antrag des Staatsanwalts-Substituten Dr. Schulz beschloß, die Verhandlung zu vertagen, um noch andere Zeugen vorzuladen; auch sollen bei der nächsten Verhandlung die psychiatrischen Sachverständigen, welche das schriftliche Gutachten abgegeben hatten, persönlich erscheinen. Eine Vernrtheilung wegen des Blutmärchens. Berlin, 17. September. Der hiesige Verleger Dewald wurde heute vor dem Landgerichte I wegen Beschimpfung der Einrichtungen der jüdischen Religionsgenossenschaft angeklagt. Er hatte im Anschlüsse an den Konitzer Proceß S ch ä ch t-, Winter- und Polna-Karten vertrieben. Als Sachverständige waren Professor S t rack und Rabbiner Dr. Weiße zugezogen.