Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 38 (20.9.1901)
- Date
- 1901-09-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 ’ä Wourrnzrtzrl-L' Seite 627 ganz genau, was der amerikanischen Polizei zu erfahren bis jetzt nicht gelungen ist, daß der arme Czolgosz nur das blinde Werkzeug einer Verschwörung war, deren Seele Emma Goldmann bildete. Die Agitation des Fürsten Krapotkin, des B a k u n i n, die Propaganda eines N e t s ch a j e w, die Blutpredigten eines Johann Most verschweigt man; nur Emma Goldmann wird zur Hauptträgeriu des anarchistischen Gedankens erhoben. Es ist merkwürdig, während man auf der einen Seite die Juden anklagt, Vertreter des Capitalismus zu sein, werden sie gleichzeitig aus der anderen Seite als die ausschließlichen Träger des Anarchismus denuncirt. Sie, die Juden, beuten die bestehende Gesellschaftsform im Interesse des Capitalismus aus und sie besolden gleichzeitig die Verbrecherbande, welche die Grundlagen der heutigen Gesellschaft zu zerstören trachtet. Dem antisemitischen Pöbel kann man jede Tollheit glaubwürdig machen. Es wäre ein Wunder, wenn die russische Judenpolitik nicht die Krankheit des Anarchismus in einzelnen Judenköpfen erzeugen würde. Allein der den russischen Juden gemachte Vorwurf, daß dieselben an den Dynamitverschwörungen betheiügt waren, findet seine gründlichste Widerlegung in folgenden statistischen Angaben, welche wir einem längeren Artikel aus Nr. 2 des in London erscheinenden „Darkest Russia" entnehmen: „Bei der Ermordung des Kaisers Alexander II. waren 12 namhaft angeführte Personen betheiligt, von denen 10 der griechisch-orthodoxen und eine der katholischen Kirche angehörten. 9 von diesen waren männlichen und 2 weiblichen Geschlechts; außerdem zählte zu denselben eine Jüdin, welche nur das Werkzeug ihres Liebhabers — eines orthodoxen Geistlichen — gewesen. Während der 26 Regierungsjahre Alcxander II. wurden 6 Attentate auf sein Leben unternommen. Bon den Attentätern gehörten 12 zur griechisch-orthodoxen und 1 zur katholischen Kirche. Unter den Verschwörern gegen das Leben des verstordeuen Kaisers und seines Vaters war auch nicht ein Jude, sondern nur eine Jüdin, welche ihr Schicksal einem Mitgliede der orthodoxen Kirche anvertraute und deshalb kaum mehr als Jüdin betrachtet werden konnte. Im Czarenreiche ist nahezu jeder Gebildete, jeder human denkende Mensch ein Revolutionär. Wie bekannt, ist Großfürst Coustantin C o n st a n t i n owitsch wegen eines von ihm verfaßten revolutionären Gedichtes verhaftet worden. Der Großsürst war ein Vetter des Czaren, Präsident der Petersburger Akademie der Wissenschaften. Sollten wir die Bekenntnisse der Sofia P e r o w sk a j a wiederholen, die freimüthig gestanden hat, daß sie, eine Gouverneurstochter und mit den vornehmsten Familien verwandt, nur durch die entsetzlichen Ungerechtfertigkeiten, die sie gesehen, ins nihilistische Lager und bis zu dem scheußlichsten Verbrechen, dem Kaisermorde, getrieben wurde? Oder sollen wir auf die Geständnisse höchster russischer Verwaltungsorgane Hinweisen, die es offen bekannten, daß „die Gesellschaft" bei der Verfolgung der nihilistischen Anschläge nicht mitwirke, weil sie Mitleid mit den Unglücklichen empfinde, deren Schicksal ja auch im ruffischen Volke ein reges Mitgcsühl herovrrnfe — ein Mitgefühl, das so stark ist, daß man fast die Verbrechen vergißt und in den Verbrechern nur Unglückliche sieht — derjenigen Verbannten nicht zu gedenken, die ja nicht um einer Thal willen, sondern ohne etwas gethan zu haben, heimatlos geworden sind. Es wäre geradezu ein Wunder, wenn in solcher Atmosphäre nicht auch einzelne jüdische Individuen derKrankheit des Anarchismus erliegen würden. Die vereinzelten semitischen Vertreter in den anarchistischen Cirkeln stamuien aus Rußland, von wo sie mit dem Krankheitskeim im Herzen ausgewandert sind, nachdem sie der väterlichen Religion längst den Rücken gekehrt hatten. Das weibliche Element ist im Anarchismus sehr stark vertreten. Wir erinnern an Louise M i ch e l, die mit wahnsinniger Beredsamkeit das Verbrecherthum predigte. Einen noch höheren Einfluß erlangte die .K ö n i g i n der Anarchisten, Theresa M a l at e st a, sonst „1a della Theresa" genannt. S i e war es, die iiu vorigen Jahre mit Bresci, L a n a, S a s s i und Quintavalle aus Amerika nach Paris kam, um Enropa durch eine Reihe von Morden in Schrecken zu setzen. Hier wurde dann der Plan zum Morde des Königs von Italien entworfen und Bresci, der früher ein ruhiges Leben als Familienvater geführt hatte, durch dieses schöne Weib zu dem Verbrechen bewogen. Früher hatte sie schon wacker zur Zeit der Brodaufstände in Italien mitgehetzt und, von dort aus gewiesen, sich nach Amerika gewendet, um an dem Wheatcorner des jungen Leitner dem Publicum die Gefahren des Capitalismus klar zu machen. Bresci ging nach Monza, um den König zu ermorden' L a n a nach Jvrea, um der Königin nachzustellen, und „La bella Theresa“ begab sich nach London, wo sie bis vor Kurzem verweilte. Am Abend ihrer Abreise nach Amerika schied sie mit folgenden Worten von ihren Brüdern: „Nihilisten, Fenier und Anarchisten! Zwar nennt Ihr Euch verschieden, aber Euer Bestreben ist dasselbe. Ihr könnt nur durch Mord Furcht und Schrecken verbreiten; deshalb geht gegen das Leben aller Herrscher vor, seien es Könige, Kaiser oder Präsidenten. Eine Entwicklung der Freiheit aus dem heutigen Staatssystem dauert zu lange, und im Verzüge liegt Gefahr." Die Menge jubelte ihr zu, bestrickt durch ihre große Schönheit, ihr wirksamstes Werbemittel für die Reihen der Anarchie. Als sie fort war. athmete die Polizei auf, denn so lange sie da war, war es unberechenbar, wozu diese verführerische Person die halbgebildeten Köpfe ihrer Zuhörer bewegen konnte. Die intimen Beziehungen aber zwischen dem internationalen Antisemitismus und der a n a rchistischen Mord bau de hat seinerzeit die preußische Polizei bei dem Anarchistenproceß zu Posen im Jahre 1888 amtlich bloßgelegt. In demselben wurde unter Ausschluß der Oeffentlichkeit das Protokoll des Anarchisten-Congresses von Chur aus dem Jahre 1882, welches die Berliner Polizeibehörde zu erwerben gewußt hatte, zur Verlesung gebracht. Bemerkenswerth war vor Älleul folgender Passus: Ein Anarchist, der zugleich in der antisemitischen Bewegung stand, erstattete über dieselbe Bericht mit dem Hmzufügen, der Fortgang dieser Agitation bezwecke, das kleine Beamtenthum wie die kleinen Handwerker für die Ideen des Anarchismus zu gewinnen. Seine Ausführungen wurden von der Versammlung mit großem Beifall ausgenommen und der Präsident des Congresses knüpfte daran unter allgemeiner Zustlmmung die Bemerkung, daß am Tage des Losschlagens doch kein Unterschied gemacht werden würde zwischen christlichem und jüdischem Capital. üeder die Beziehungen der französischen Antisemiten zu den Anarchisten liegen Documente vor in dem Buche von Charles Malato: „Oe 1a commune ä 1’Anarchie“. Ernst Schneid er's Verbindungen mit den Anarchisten hat im österreichischen Parlamente der ehemalige Abgeordnete Dr. Bloch durch eigenhändige Briefe Schnerder's der Oeffentlichkeit vorgelegt. In einem zu Rakonitz durchgeführteu Proceß gegen die „Brüder der Finsterruß" Adolf Natali und Genossen, welche dem jüdischen Kaufmann Ferdinand Kohn ein beträchtliches Quantum Dynamit gestohlen haben, um ein Attentat gegen, den Juden Leopold Popper und den vermeintlich jüdischen, rhatfächlich aber arischen Advocalen Dr. Karl Wolf zu verüben, sagte der Staatsanwalt in seinem Schlußplaidoyer: „Das Motiv der verbrecherischen Handlungen, welche diesem Processe zu Grunde liegen, wurzelt in den leider heute weit verbreiteten Schlagworten, welche insbesondere die jüngere Generation beherrschen; Schlagworte, welche jedes ethischen und humanistischen Hintergrundes entbehren und lediglich auf einer schlechten Erzieyung und Irreführung beruhen. Diese Schlagworte heißen: Anarchismus und Antisemitismus." Freilich wird solcherart der Anarchismus von der hohen Obrigkeit selber nicht nur geduldet, sondern auch gefördert. Hajitoka schauior boir w’haom lau jechrad? Etwas liegt in dem Wesen des Schauforblasens oder der Schauforbläser, das wie mit einem Schauer die Zuhörer überfällt, gleichviel ob es der Ton des Neujahrstages ist, der dje Leute an den nahenden „Tag des Gerichtes" erinnert, oder der scharfe Ruf des Meffias, und das Volk erbebt und seine Angst wächst, denn es weiß, daß nach diesem Ton die „gebrochene Töne" folgen und „gebrochene Töne" erinnern an gebrochene Herzen, an Seelen, welche bluten und ersterben. * * * Wenn der Schaufor sich vernehmen läßt, erbeben selbst die Fische in den Tiefen, lautet ein jüdisches Sprichwort, und dieses Sprichwort zeigt, daß der Jude sich der Gewalt des Schaufors