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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-09-13 · 37 (13.9.1901) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
37 (13.9.1901)
Date
1901-09-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 37 Seite 617 VL° Vlmr^s WochrnMrift» flachen Deckelmütze und — das muß eigens hervorgehoben werden — ohne die verhaßten Stirnlocken, das ergraute Haar glatt gekämmt, das ganze Aeußere von gewohnter, etwas pedantischer Sorgfalt und wohlhabender Ausstattung zeugend. Die Rechte zum Gruße darreichend, forderte mrch Fried mann auf, den Segensspruch bei Begegnung mit einem glücklich Geretteten zu beten Da ich diesen leider nicht mehr konnte, wünschte ich dem schwergeprüften Manne, er möge das Geschehene ohne Schaden an seiner Gesundheit glücklich überstanden haben und fortan, von allem Ungemach verschont, in verdienter Ruhe noch viele Jahre zufrieden genießen. Friedmann spricht selbst den russisch-polnischen Jargon, versteht aber ziemlich alles deutsch Gesprochene. Seine Rechte zitterte merklich in meiner Hand bei diesem Wunsche, in seine lebhaftem klugen Augen traten Thränen, auch ich war von seiner Rührung ergriffen'. Nun erst konnte ich ihm länger ins Antlitz sehen. Sein Aussehen trug noch die Spuren der ausgestandenen seelischen Pein, sein Gesichtsausdruck war noch etwas leidend, verstört, aber während er ruhig, doch rasch und fließend erzählte, hatte nian den Eindruck eines dem Verderben glücklich Entronnenen vor sich. Sein ganzes Wesen ist gesetzt, er gibt sich, wie ein selbstgewordener, erfahrener Mann, dessen eigene tüchtige Schaffenskraft ihn in die Lage versetzte, seine alten Tage ohne Erwerbsthätigkeit von Ersparnissen zu verleben. Gelassen, friedfertig und versöhnlich spricht er über sein'heuriges Unglück hier und dabei wird seine Stimme weich, aber kein hartes Wort kommt über seine Lippen, geschweige denn ein Fluch, oder eine Verwünschung gegen die Hasser seines Glaubens, welche die Juden treffen wollten, und ihn, den gänzlich Schuldlosen, als den nächstbesten Juden meuchlings überfielen. Er ist so fromm und gläubig, daß er sein unverschuldetes Unglück als eine ihm auferlegte Prüfung des Himmels hinnimmt. Er denkt so groß und edel menschlich, daß er Niemandem etwas Nachträgen wird. „Gelobt sei's Gott, daß meine Unschuld bald und mit Hilfe braver Menschen erwiesen wurde!" — so lautet sein schlichter, treuherziger Dank. Nein! S o sieht k e i n alter Wüstling aus! Dazu ist sein Blick zu klar, zu sicher und ruhig, jeder Prüfung standbaltend, seine Stirne und Gesichtszüge zu rein und von jenem milden, weichen, Gemüth verrathenden Ausdrucke, der den Kenner selten trügt, der einen biederen, recht lich denkenden Mann erkennen läßt. Unter dieser Stirn haben keine unlauteren Gedanken Platz. Diesen Greis für einen alten Sünder zu halten, der Kinder ins Verderben zu stürzen vermöchte, das könnte selbst ein gemüthsroher Anrisemit nicht, der dem «''reise mit dem offenen, sympathischen Ausdrucke frei ins Gesicht blickte .... In diesem Gesichte liest man die Geschichte eines zeitlebens arbeitssamen, wahrheitsliebenden, frommen Menschen, der Niemandem übel wollte und keinem ruhigen Nachbar ein Wasser trüben konnte. Jeder erfahrene Criniinalist mußte das auf den e.sten Blick herausfinden und zum Glücke für den alten Friedman waren alle wiedersprechenden Aussagen der Schneide r'schen und R o h l i n g'schen Schule aus dem „unschuldigen" Kindesmunde der Hermine Schotncr nicht im Stande, die gegenrheilige maßgebende Ansicht des Kreisgerichtes in Eger gegen den unschuldig angezeigten Juden zu beeinflussen! Wenn es nun dem einflußreichen Eintrercn des Petersburger A n w a l t e s Herrn Dr. Josef V i e n st o ck. wie wir hoffen wollen, in Warschau gelingt, den Widerruf der Herrn F r i e d m a n n in seiner Ehre kränkenden Nachrichten in den dortigen Äntisemitcn-Blättern zu erlangen, so beruhigt uns auch in diesem bösen Falle die lehrreiche Erfahrung, daß die rnssisch-polnischen Juden an den Repräsentanten ihrer hohen Intelligenz vornehm und stets hilfsbereite Vertheidiger ihres bedrohten Glaubens finden. Darin müssen uns Notabilitäten vom Range der Herren W i l n e r und Dr. B i e nst o ck zum leuchtenden Muster dienen! Correspondenzen. E. B. Wien. (Zum siebzigsten Wiegenfeste Dr. Alfred Stern's.) Man schreibt uns: Dem derzeit in Aussee weilenden Jubilar kommen noch immer Gratulationen zu von Corporationen, Honoratioren und weiteren Bevölkerungskreisen. Die Zahl der eingelangten schriftlichen und telegraphischen Beglückwünschungen beträgt weit mehr als 500. Von. den nachträglich eingelangten Adressen sind zu erwähnen: die der türkischisraelitischenGemeinde und des Seelsorgers derselben, ferner des „Politischen Volksvereines" durch Dr. Fia lla, sowie des „JüdischenVolksvereines". Es gratulirten weiters schriftlich Hofrath Dr. Erwin P l a c z e k vom Cultus- und Unterrichtsministerium, Professor Lazarus, derzeit in Meran weilend, der Wiener Professor Dr. Pollitzer aus Brunneu in der Schweiz und Rabbiner Dr. Goldberger in Marienbad; ferner Herrenhausmitglied Professor G r ü u h u t. Philipp T h o r s ch, Director Fischer und die C u r c o m mi i s i on Aus fee. Die Wiener Handels- und Gewerb'eka mmer sandte folgende Adresse: „Euer Hochwohlgeboren! Vor wenigen Tagen feierten Euer Hochwohlgeboren das Fest Ihres siebzigsten Geburtstages. Die langjährigen Beziehungen zwischen Euer Hochwohlgeboren und der Niederösterreichischen Handels- und Gewerbekammer, die ihre außerordentlichen Verdienste schon vor mehr als 25 Jahren durch öie Ernennung zum correspondirenden Mitgliede anerkannte und ehrte, geben dem Unterzeichneten Präsidium die angenehme Veranlassung, Euer Hochwohlgeboren im eigenen und im Namen der Wiener Kammer auf das Herzlichste zu beglückwünschen. Ihr in verschiedenen öffentlichen Ehrenstellen belyäligles erfolgreiches Wirken sichert Ihnen in allen Kreisen die ehrenvollste Anerkennung und das Präsidium gibt der Hoffnung Ausdruck, daß es Euer Hochwohlgeboren noch recht viele Jahre gegönnt fein möge, in vollster geistiger und körperlicher Rüstigkeit zum Wohle der Allgemeinheit zu wirken. Empfangen Euer Hochwohlgeboren bei diesem Anlaffe die wiederholte Versicherung der vorzüglichen Hochachtung. Das Präsidium der Handels- und Gewerbekammer für Niederösterreich. Der Secretär: Der Bice-Präfident: M a r e s ch m. p. Kitschelt va. p. Zum Beginne des neuen Schuljahres. In welche Schule soll ich mein schulpflichtiges Kind schicken, oder besser, — da die überwiegende Mehrzahl der Kinder die öffentliche Schule besucht — welcher Schule wird mein Kind zugewiesen? Diese Frage beschäftigt jetzt zu Beginn des Schuljahres fast sämmtliche Eltern schulpflichtiger Kinder. Man sollte glauben, daß diese Frage in der denkbar einfachsten Weise sich dahin beantwortet: Mein Kind kommt in jene Schule, welche dem Elternhause am nächsten gelegen ist. Nun liegt aber diese Sache durchaus nicht so einfach, wenigstens nicht für uns Juden. Bekanntlich protegirt das jetzige Stadtrerstme nur Anhänger seiner Partei. Schönerianer und Soci werden nicht angettellt und können, falls solche bereits in definitiver Wirksamkeit find, nicht avanciren, äußerte der Herr Bürqermeister bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit des Oefteren. Bon Juden gar nicht zu reden. Deren Nichtanstellung, beziehungsweise Präterirung findet der Herr Bürgermeister selbstverständlich. Diesbezüglich gehen die Herren der Gemeinderaths-Majorität systematisch und rücksichtslos vor. Um ja nur Parteiangehörige in Amt und Würden zu bringen, wurde unter Fürsorge der Parteihäupter der „Verein der Lehrer und Schulfreunde" ins Leben gerufen. Wer nicht Mitglied dieses Vereines ist, ist Schönerianer oder Soci und kann daher nicht avanciren. Noch mehr. Dieser mit Recht von der erdrückenden Mehrheit der Lehrer Oesterreichs, namentlich Niederösterreichs, mit dem Epitheton belegte „Verein der Streber und Schulfeinde" verfligt auch über ein eigenes Organ „Deutsche Schulzeitung". In jeder Nummer dieser Zeitschrift werden die Juden beschimpft und verhöhnt in einer Weife, man sollte dies nicht für möglich halten, die selbst das „Deutsche Volks blcut" in den Schatten stellt, und das will viel besagen. E'n Beispiel für Viele: Im dritten Jahrgange Nr. 8. mit Datum 15. März 1901, Seite 120. läßt sich ein Redacteur dieser pädagogischen!!! Zeitschrift mit auffallend großen Lettern folgendermaßen aus: Wir sagen aber: „Unsere Schule wird er st dann wieder gesund sein, wenn wir Lehrer unserenSchülern wieder sagen dürfen:Kinder. hütet Euch vor den Juden." 'Aus diesem Vereine, desien bezsichnetes Organ vom Judenhaffe trieft, werden nun die Lehrer, Oberlehrer und Directoren, sogar in jüngster Zeit ein k. k. Bezirke schulinspector (Bürgerschul-Director Albert Kundi) entnommen. Wird noch erwogen, daß im kommenden Schuljahre infolge des neuen Pensionsgesetzes 50 bis 60 Oberlehrer- und Directorstellen und eine beträchtliche Anzahl von Lehrerstellen zur Erleb gung gelangen und daß diese Stellen ausschließlich nur den christlich-socialen Lehrern zugute kommen werden, denn nur aus diesem Grunde hat die christlich-sociale Landlagsmajorität diesem Gesetze zugestimmt, so muß jeden jüdischen Vater ein grauenvolles Gefühl beschleichen. Sein Theuerstes soll er einer Schule anvertrauen. an welcher Lehrer und Schulleiter bezeichueter Qualität wirken! Wenn nun der Herr Bürgermeister mit dem ihm eigenen Brusttöne der Ueberzeugung wieder bei jeder paffenden und unpassenden Gelegenheit vernehmlich und laut verkündet: Die Wiener Schulen erziele»! keine entsprechende»! Unterrichtsresultate, so stimmen wir hierin dem Herrn Bürgermeister bei. Denn wenn bei Lehrerbesetzungen nicht das Urtheil des Schulleiters, nicht das Urtheil des Jnspectors, sondern einzig und allein die Parteiangehörigkeit maßgebend ist, wahrlich bei einer solchen Güustlingswirthschoft ist es ein wahres Wunder, daß Gott sei Dai.k ei"

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