Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 37 (13.9.1901)
- Date
- 1901-09-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 616 Dr. Bloches WochrafchrM Nr. 37 die gänzliche Unschuld des Aron Friedmann fest! Was geschah aber darauf mit dem Wachmann e, der diesen unschuldigen Mann einer sechstägigen Untersuchungshaft preisgab?? — — Da liegt ein Stück Karlsbader antisemitischer Culturg e s ch i ch t e vor, welches näherer localer Beleuchtung bedarf! Die städtischen Polizisten sind vermöge ihrer Bezahlung keine studirten Männer, ihre verwandtschaftlichen und gesellschaftlichen Beziehungen zum Karlsbader Local-Antisemitismus erklären das Weitere, hiedurch sind also Mißgriffe aus ju d e n f e i n d l i ch e m Uebereifer „von selbst" gegeben. Aber in einem Weltcurorte erheischt der Polizeidienst wenigstens so intelligente Ueberwachungso r g a n e, daß scandalöseVorfälle von antisemitischer Willkür der Wachmannschaft ausgeschlossen sein müssen. In P o l n a und H o l l e s ch a u kann man sich ähnliche Vorkommnisse allenfalls noch mit der notorischen culturellen Rückständigkeit der länd lichen Bevölkerung erklären. Dort sind es armselige Erwerbsverhältnisse, der Pauperismus und in seinem Gefolge Dämon Alkohol, welche die vernachlässigte Volksbildung bedingen. Will man vielleicht den Karlsbader Weltcurort durch Husarenstückchen der Sicherheitswache nach dem Muster von P o l n a auf dasselbe geistige Niveau herunterbringen? Nichts Leichteres als das! Man überlasse nur die städtische S i ch e r h e it s w a ch e den Einflüssen der „Wacht an der Eger" und ihrer dunkeln Hintermänner! Oder übersieht man die freundschaftliche Fühlung des Helden der neuesten Karlsbader Juden-Affaire, des „Herr n I. M e i n l". wie ihn das deutschnationale Blatt liebevoll nennt, .mit dem radical-alldeutschen Agitationsherdc? Principiis obsta!! Wir wollen rechtzeitig und energisch gewarnt haben! Der Zusammenhang des Friedmann-- Falles mit der deutsch nationalenLandtagscandidatur des Lehrers I. Hoffmann ist nämlich für Jedermann, der hinter die Coulissen sieht, unwiderlegbar erwiesen! Die Deutschnationalen in Karlsbad wollen nämlich im S t a d t h a u s e, .im Landtag e und im Reich srathe ihre Mandate ergattern. Zur positiven Arbeit für Stadt und Be irk haben sic vorläufig keine Lust, solange sie durch bloßeErawalle, durch pöbelhafte Einschüchterung mittelst g e m e i n st e r Straßent u m u»l t e, welche aus ihren Bierstuben heraus dirigirt werden, billiger, ohne jede productive Leistung auch zum Ziele gelangen können. N u r z u diesem Zwecke arrangirten die sauberen Patrone der „Wacht an 'der Eger" Ende Juli die bekannte Ezechenhetze, welche aber den vor'S Loch vorgeschobenen Angeführten sehr übel bekam, denn der iu tiagiäuti arretirte Winabora sitzt noch jetzt im Gefängnis; und auch der alldeutschen Eierkanonade von Karlsbad folgte prompt nach der Uhr das c z e ch i s ch e S t e i n b o in b a r d c in e n t von Pilsen. Werters aber schlugen alle c z e ch i s ch e n B l ä t t e r im selben Augenblicke einen derartigen ausgiebigen Lärm, daß cs gleich darauf von Alarmnachrichtcu über die Karlsbader Eierschützen in allen r u s fischen, französischen, polnischen, ja sogar dänischen und amerikanischen Zeitungen ivimmelt. Sofort war das „Karlsbader T a g b l a t t" mit dem dringenden Anträge zur Stelle, die Regierung müsse um Hilfe gegen „diese Schädigung n n s e r e s C u r o r t e s" angegangen werden! Freilich besitzen die E z c cb c n in ihrer Presse ein beneidenswerlhes Mittel von Organisation und das Echo der „N a r o d n i L i st y" und der „N a r o d u i Politik a" und der deutschgeschriebeneu „P o I i t i f", welche sofort ein s ü.d s labil ch e s Karlsbad in Bulgarien für die Russen entdeckt hatten, tönte schon iu wenige n Tagen von Moskau, Paris. Petersburg, Posen und Kopenhagen zurück. Daraufhin mußten die alldeutschen Eierhelden natürlich bald ihr Feuer einftellen und dafür entschädigten sie ihr Publicum mit einem jüdischen Zugstücke: Dieses und nichts Anderes ist die notorische E n t st c h u n g s g e s ch i ch t e des Falles F r i e d m a n n! Mit der C z e ch e n b e tz e durfte man nicht spaßen, da wai die brninende Lunte vor's Pulverfaß im eigenen Haufe g e k o m m e n, man milßte sie raschest ablöschen — also gieng's d a f ü r.g c g c u d i e Juden! Die sind ein billiger Blitzableiter! Da kann ja Niemandem was geschehen, wenn's auch fehl geht! — Und dieses Mal ging es fehl! . . . Während aber den C z e ch e n — einige Eierflecke an ihren Toiletten ausgenommen — eigentlich gar nichts geschehen war, so daß die c z e ch i s ch e n Jonrnalarttkel ihre greifbare Wirkung zur Abwehr für die Zukunft voraus haben, traf bei Aron F r i e d m a n n die p o l i t i s ch e W a h l t a c t i k des deutschnationalen A n t i s e ni i t i s m u s einen schuldlosen Fremden, der diesen empörenden Anschlag verruchter Bestialität leicht mit seiner Gesundheit und .mit seinem Leben büßen . konnte! Der Schrecken einer wie ein Blitz aus heiterem Himmel niederschmetternden Verhaftung in der F r e m d e und der Eindruck dieses gräßlichen Verdachtes eines S i t t l i ch k e i t s- Attentatcs können einen 60 jährige n, körperlich leidend c u Mann leicht erdrücken. Bei dieser Gelegenheit empfehlen wir den löblichen Eultusgemeinden von Lemberg, Krakau und Warschau dringend die Errichtung je eines Rechtschutz-Bureaus für ihre Glaubensgenossen aus Galizien und Russisch-Polen zur Eurzeit in Karlsbad und Marienbad. Die zusehends überhandnehmende Verrohung infolge der antisemitischen Hetzereien machen die s ch l e u n i g st e Inangriffnahme dieser Institution hier zur unabweislichen Nothwendigkeit! Man komme uns nicht mit dem Einwande, daß die „polnischen an V i e l e m s e l b st schuld" seien. Den armen Juden schimpft man freilich gleich und haut und schlägt ihn früher, aber: es gilt ja i m m e r n u r dem — Juden! Wir sind fürwahr die Allerletzten, welche für Kaftan und Pajes schwärmen könnten. Wir wünschten im Gegentheile Ähnlichst, unsere orthodoxen Glaubensgenossen aus Galizien wären lieber c u l t u r e l l schon so weit, um durch abstoßende, abgeschmackte culturwidrige Atavitäten in ihrem Aeußern iticht noch den Haß gegen das Judenthum zu nähren, während sie durch ihre Anstoß erregenden, nichtssagenden A e üß erlich k e i t e n ihren Glauben zu erhalten vermeinen! — Zu.einer Civilisirung nach unseren westeuropäischen Begriffen bedarf es jedoch intensiver cultureller Arbeit für und unter den g a l i z i s ch e ii Juden, und diese wieder erfordert längere Zeit. Bevor also eine w i r k s a m e R e f o r m t h ä t i g k e i t hier platzgreift, sollen kranke Leute in unseren Heilbädern nicht ähnlich bedroht werden dürfen, wie es dem armen Friedmann hier zustieß! Man schütze sie aber gleich und durch eine gründlich organisirte Abwehrkanzlei, denn sonst ist.es dann lcrcht — zu spät!! — Die raffinirte antisemitische „Affairen" - F a b r i* f fl t i o » förderte im Karlsbader Falle Friedmann einige hier noch nicht so offen bekannte Specialitäten zu Tage, wie sie eben aus den „Schulen" Ro h l i n g's und S ch n e i d e r's von Tisza-Eszlar bis Polna in Varianten aus Gerichtssaal und Literatur zum Muster dienen. Ein „jüdischer Kronzeuge" von » Jahren: siehe MorizScharf! — Das angeblich . nt t ßbrauchte" Mädchen kannte ihre Aussage so gut, daß sie dem Richter im G e r r ch t s z i m m e r an seiner Thüre die Vorschiebung ausdrücklich eines Thürriegels zeigte, ganz so. wie es Frie dm a n n mit dem Riegel in seinem Zimmer gemacht hätte und siehe da : — in Fried m a n n's Zimmer war überhaupt gar kein Riegel an der Thüre vorhanden!! . . . Selbstverständlich bezeichnete die „Tante" des Kindes „dasselbe dennoch als wahrheitsliebend!" Ja, die Wahrheit» die solche „Tanten" meinen! ... In vielen anderen diskreten Einzelheiten auch klappten die Aussagen der 4'/,jährigen Hermine ganz und gar nicht. Der b e st e Drill versagt ja mitunter, wenn z u v i e l des Guten eingepaukt wird. Vielleicht wächst diese Pflegetochter bn ihrer „Tante" später doch zu einem Prima antisemitischen „M e d i u in" heran. Die Schule hat sie gewiß schon jetzt! Ein wichtiger U m st a n d dürfte noch die Vorgesetzten des Sicherheitswachmannes und erklärten Lieblings der deutschnationalen Berichterstattung, „des Herrn I. Meinl", beschäftigen, die bedingungslose Feststellung nämlich, o b und w i e dieser Polizist jene „Tante" des „wahrheitsliebenden" Kindes schon vor dem Falle F r i e d m a n n g e k a u n t? Welcher Art die Bekan n ts ch a f t M c i n l's mit dieser Frau gewesen? D.arüber m u ß G e w i ß h e i t v o r l i e g e n! E r st dann kann man Alles erfahren! Zu diesen Fragen drängr nämlich hier die vox populi. Ein christlicher Bürger, der durch Erziehung und Geburt und seiner offen bekannten Gesinnung nach Alles eher ist. als ein Judenfreund, äußerte sich gleich bei der Nachricht über Friedm a n n's Verhaftung ganz unumwunden : Jedem anderen Wachmann, der es wäre, könnte man es e h e r glauben, aber w e i l - es dieserMeinl ist, wird ganz sicher nichts Wahres an der' Sache sein!" Und dieser ehrliche Antisemit hat ganz richtig geurtheilt! Die Staatsanwaltschaft selbst hat sein Urtbeil bestätigt! Ueber die Persönlichkeit des unschuldig Verhafteten sagt unser Karlsbader Gewährsmann: „Nach seiner Enthaftung hatte ich Gelegenheit, den Herrn Aron Friedmann kennen zu lernen. In der Wohnung seines selbstgefundenen hochherzigen Beschützers Samuel W i l n e r trafen wir einander Herr Sam. W i l n e r ist ein hoch angesehener Kaufherr aus E h e r s o n, der schon seit mehr als zwanzig Jahren nach Karlsbad kommt, ein edler, überzeugungstreuer Jude und ein Mann von gediegener, modernster Bildung. Schon von früher her mit Herrn W i l n e r hier bekannt gewogen, sah ich bei ihm das gewählte Oberhaupt seiner Vaterstadt Cherson (bekanntlich eine der großen südrussischen Handelsstädte mit weit über '00 Einwohnern), den christlichen Bürgermeister Herrn Gorlowsky derart freundschaftlich aus- und eingehen, daß ich auch daraus schließen konnte,. welcher Werthschätzung sich Herr W i l n e r daheim selbst in der exclusiv-it russischen Gesellschaft erfreut. Herr Wilner empfing also während meiner Anwesenheit den glücklichen Unglücklichen, der uns bisher nicht bekannt gewesen war. In Gesellschaft zweier Landsleute aus Russisch-Polen trat der alte Herr ein, eine etwas übermittelgroße Gestalt, äußerst rein und sorgfältig gekleidet, in einem bei den Warschauer Juden üblichen langen dunkeln Ueberzieher und der