Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 37 (13.9.1901)
- Date
- 1901-09-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 614 Dr» Bloch's WochrnfchrW Nr. 87 einen Hort des Fortschrittes und der Aufklärung. Diesen allein gehört die Zukunft. Diese Erkenntniß muß früher oder später die allgemeine werden. Wir Juden sind nun einmal unverbesserliche Optimisten. Den Glauben an eine glückliche Zukunft der Menschheit haben wir uns durch die Leiden und Drangsale des Mittelalters hindurch in die Gegenwart hinübergerettet und auch der wüste Lärm der tollwüthigen Feinde von heute vermag unsere Ueberzeuguug nicht zu erschüttern, daß die Zukunft nicht dem Rückschritt und der Fiusterniß, sondern dem Lichte und dem Fortschritte gehört. Vom Jahrmarkt des Lebens. Schwer verwundet liegt das freigewählte Haupt der Vereinigten Staaten von Nordamerika im Hause eines Freundes in Buffalo, der Panamerikanischen Ausstellungsstadt, wo ihn während der Ausübung seiner repräsentativen Pflichten die Kugeln eines Anarchisten nur zu gut getroffen haben. Heimtückisch näherte sich der Verbrecher seinem ahnungslosen Opfer; zum freundlichen Gruß reichte er ihm die eine Hand — jeder amerikanische Bürger hat das Recht, dem Präsidenten die Hand zu drücken — und in der anderen hielt er die Mordwaffe, welche, wie der Wahnsinnige ausrief, die Welt von einem Herrscher befreien solle, welchen die nordamerikanische Nation abgöttisch verehrt, als den Schöpfer und Begründer der industriellen und wirthschaftlichen Großmachtstellung ihres Freistaates. Wie mächtig die Gefühle der Anhänglichkeit und Verehrung für Mac Kinley in der Siebzigmillionen-Bevölkerung der Union pulsiren, dafür zeigen die herzbewegenden, nervenerschüttern-- den Sceuen, welche sich unter dem Ausstellungspublicum in Buffalo bei Bekanntwerden des Attentates abgespielt haben und von welchen die letzten Depeschen ein herzergreifendes Bild entwerfen. Kein angestammter Souverän, der sich durch sein Leben und Wirken den Ehrennamen eines Landesvaters verdient hat, kann mehr verehrt, stärker geliebt werden, als Mac Kinley, der seit kaum fünf Jahren an der Spitze der Union die obersten Staatsgeschäste leitet. Wir Juden widmen der nordamerikanischen Nation aufrichtige Theilnahme und aus den jüdischen Gotteshäusern steigen Gebete empor für das Leben des schwerverwundeten Präsidenten. Denn die nordamerikanische Nation war gegen die Söhne des Judenthums stets gereckt und großmüthig, unseren verfolgten Brüdern wurde dieser Freistaat eine zweite Heimat und ein zweites Vaterland. Möge eine gütige Vorsehung diese großherzige nordamerikanische Nation in ihrem neuen ungeahnten Aufschwung beschützen, ihr Glück dauernd erhalten als Hort der Freiheit und Zuflucht der Verfolgten. Treu und Glaube» bei jüdischen Geschäftsleuten. Im Jahre 1878 sah sich die Tuch - Engrosfirma Brüder Wolf in Brünn nach einem langjährigen ehrenvollen Bestände in Folge der damaligen krisenhaften Zustände im Tuchgroßhandel genöthigt, die Zahlungen einzustellen und zu liquidiren, nachdem ein vierzigpercentiger Ausgleich mit ihren Gläubigern perfect geworden war. Nunmehr haben die Kinder der damaligen Inhaber der genannten Firma aus eigenem Antriebe, ohne die geringste Verpflichtung dazu zu haben, den seinerzeitigen Gläubigern deren Forderungen auf volle hundert Percent ausbezahlt, ein seltener Fall, der gewiß verdient, mit Anerkennung notificirt zu werden. Es ist wohl schon vorgekommen, daß Kaufleute, die bemüßigt waren, an die Nachsicht ihrer Gläubiger appelliren zu müssen, nachträglich die restlichen Schulden beglichen haben, es dürfte aber wohl ein vereinzelter Fall sein, daß Kinder eines Kaufmannes sich gedrängt gefühlt haben, die quasi Ehrenschulden ihres Vaters zu berichtigen.'Es ist dies ein schönes Beispiel von Treu und Glauben ' unter der jüdischen Kaufmannschaft und gilt wohl als Beweis, welch' hohen Werth man bei den Juden auf kaufmännische Ehre legt und daß kein materielles Opfer noch so groß ist, wenn es gilt, sich zu rehabilitiren. Die hochherzige That gibt aber auch Zeugniß, wie eingewurzelt beim Juden die Liebe, Hingebung und Aufopferung für Eltern ist. „Ehre Vater und Mutter"' — ist ein Gebot des Judenthums, das ausnahmslos und unverbrüchlich hochgehalten wird, um dessen Befolgung allein schon wir stolz das Haupt erheben können. Eine DrehfuS-Affaire vor 300 Jahren. Im Jahre 1594 wurde der portugiesische Jude oder Judenstämmling Rodrigo Lopez (Lusitanus sed judaicae originis nennt ihn Hugo Grotius) wegen eines angeblichen Bergiftungsversuches auf Königin Elisabeth in London hingerichtet. Ein englischer Kritiker hat in diesem Lopez das Vorbild von Shakespeare's Shylok finden wollen, und noch weiter geht Graetz in seiner Geschichte der Juden, da er auch Marlowe's „Jude von Malta" für ein durch den Proeeß Lopez hervorgerufenes judenfeindliches Drama erklärt. Der Barabas in Marlowe's Drama ist ihm „eine förmliche Copie" des Lopez. Der Historiker der Juden hätte dies wohl nicht gesagt, wenn er gewußt hätte» daß Marlowe schon am 1. Juni 1593 gestorben ist und daß sein Drama schon im Februar 1592, also zwei Jabre vor dem Proceß Lopez, aufgeführt wurde. Aber auch der Einfluß auf Shakespeare's Drama ist sehr unwahrscheinlich, denn dieses wurde schon im August 1594, zwei Monate nach der Hinrichtung des Lopez, aufgeführt. Ein Stück wie der „Kaufmann von Venedig" ist kein Gelegenh/its- oder Sensationsstück und wird nicht in zwei Monaten geschrieben und einstudirt. All dieses und noch vieles Andere in Bezug auf Shakespeare's angeblichen Judenhaß habe ich bereits vor einigen Jahren (2. December 1892) in diesen Blättern dargelegt. Zu einer Vertheidigung des getauften Juden Lopez hatte ich damals weder Veranlassung noch Material und mußte ihn daher für schuldig halten. Indessen hatte schon Graetz bemerkt, daß Graf, Essex, der Günstling der Königin, sein Feind war. Aber erst ein neuerer Forscher hat nachgewiesen, daß Lopez ganz unschuldig und das Opfer des Grafen war. A. S. Huwe sagt in seinem vor Kurzem erschienenen Werke Treason and Plot, Struggles for catholic supremacy in the last years of Queen Elisabeth, „daß es eines der niederträchtigsten Complotte war, das den unglücklichen Lopez auf das Blutgerüst brachte. Man kann kaum daran zweifeln, daß der bedauernswerthe Mann das Opfer des Grafen Essex war, d-ffen giftigen Haß er sich zugezogen hatte. Er hatte keine Freunde und viele Feinde und scheint geopfert worden zu sein, weil seine Feinde und Ankläger schon so weit gegangen waren, daß sie nicht zurücktreten und den Verfolgten am Leben lassen konnten." Der Fall Lopez ist also in seinen Motiven und in der ganzen Schändlichkeit der Verfolger der Affaire Dreyfus sehr ähnlich. Freilich, den jüdischen Officier auf's Schaffott zu bringen, ist den französischen Fälschern nicht gelungen; dafür sind sie aber auch straflos ausgegangen. Dagegen ist Graf Essex am 25. Februar 1601 als Hochverräther auf Befehl der Königin Elisabeth hingerichtet worden. Er hat den Tod, wenn vielleicht nicht als Hochverräther, doch als Mörder des Lopez verdient. M. L. Eugene Jeltel» dem in Triest verstorbenen Wiener Maler, widmet die „Nation" (31. August) einen Nachruf, dem wir folgende Stellen entnehmen: „Mancher wird sich wundern, den Mann einen Wiener Maler nennen zu hören; denn thatsächlich galt Eugöne Zettel in Deutschland für einen älteren französischen Meister. Man empfand sein Werk, so oft es in angenehmer Auswahl bei Schulte, und zwar noch in den Jahren 1895, 1896 und 1899, ausgestellt war, durchaus als französische Kunst, so wie sie sein soll und muß, zumal Zettel fast immer in Gesellschaft von Häuptern französischer Schulen erschien, einmal sogar mit dem wahlverwandten Cazin. Schon damals hatte man Anlaß, das Publicum darüber zu belehren, daß dieser Eugöne ein Eugen sei, zwar Parisien, doch nicht Parisien de Paris, sondern nichts mehr und nichts weniger als künstlerischer Mittler zwischen Frankreichund Deutschland und der Doyen deutscher Maler an der Seine. Er hat freilich nahezu 25 Jahre auf Montmartre gelebt, und zwei Generationen französischer Künstler waren ihm innig befreundet. . . . Das ist das Rührende an diesem entschiedenen Franzosenfreund gewesen, daß er mit treuerSentimentalität ein deutscher Parteigänger geblieben ist und für seine Landsleute sich im gegebenen Falle aufopfern konnte. Im künstlerischen Wechselverkehr der Nationen war er durch die Verhältnisse eine maßgebende Persönlichkeit geworden, ohne daß er je den Ehrgeiz gehabt hätte, es zu sein, ohne daß er je sozusagen amtlich hervorgetreten wäre. Unendlich viele Fäden liefen in seiner Hand zusammen, aber er gehörte zu den schamhaften Naturen, die gern hinter ihre Leistung zurücktreten.